1. Der große Schlaf

„Der Sänger erzählt uns eine Geschichte!", rief die Wirtin den Gästen zu, die im Kaminzimmer auf das Ende des Regens warteten, der nun schon seit zwei Tagen mit unverminderter Heftigkeit auf das Land fiel.

Jeder war dankbar für eine Unterbrechung der monotonen Warterei und so versammelten sie sich um den alten Mann, der eine Stunde zuvor Zuflucht im Gasthaus gesucht hatte. Mit seinem langem Bart und seiner Harfe ähnelte er einem keltischen Barden.

„Warum singst du nicht für uns?", wollte ein dicker Mann in brauner Kleidung wissen, der sich am Kamin wärmte.

„Weil ich ihn gebeten habe, uns eine Geschichte zu erzählen" wies ihn die Gastgeberin zurecht. Unmut lag in ihrer Stimme.

Der Sänger räusperte sich und man brachte ihm ein Glas Wasser.

„Bier ölt meine Kehle noch besser", protestierte er und sein Wusch wurde sogleich erfüllt.

Dann begann er zu erzählen: „Schon seit vielen Jahren reise ich als fahrender Sänger durch das Land. Wenn ich in eine fremde Stadt komme, frage ich mich zum Marktplatz durch. Dort singe ich ein Lied und begleite mich dabei auf meinem Seiteninstrument. Schnell scharen sich dann die Städter um mich und bald lauschen Alte und Junge, Arme und Reiche, Männer und Frauen wie gebannt meinem Gesang."

„Das glaube ich nicht, so abgerissen wie er aussieht", flüsterte jemand.

Die anderen lachten, aber der Sänger ließ sich nicht aus der Fassung bringen.

„Trotzdem reicht das Geld, das man mir in meinen Hut wirft meist für die tägliche Nahrung und ein Dach über dem Kopf, aber ich war immer zufrieden mit meinem Leben. So gingen viele Jahre ins Land und ich dachte, so würde es immer weitergehen, aber eines Tages geschah etwas Ungewöhnliches.

Es war ein heißer Sommertag und ich folgte einer schlecht gepflasterten Landstraße, auf der keinerlei Wegweiser dem Wanderer halfen seinen Weg zu finden. Die mittägliche Sonne brannte gnadenlos vom wolkenlosen Himmel herab und so freute ich mich, als sich endlich am Horizont die Silhouette einer Stadt abzeichnete. Dieser Anblick gab mir neue Kraft und ich beschleunigte meine Schritte. Als ich endlich das Stadttor erreicht hatte, sah ich mit Befremden, dass der Wächter eingeschlafen war.

Ich schüttelte den verantwortungslosen Posten, aber es gelang mir nur mit äußerster Mühe ihn wenigstens halb ins Leben zurückzurufen.

„Wie heißt diese Stadt", fragte ich den Wächter, der mit halb geöffneten Augen zu mir hochblinzelte.

„Schlafhausen", murmelte er mit schwerer Zunge und döste sofort wieder ein. Der Name passt ja gut zu dir, dachte ich und betrachtete amüsiert die Schlafmütze. Das war wohl gestern eine sehr lange Nacht."

Der Sänger trank einen großen Schluck Bier um sich die Kehle zu befeuchten und erzählte er weiter:

„Schlafhausen war eine Stadt, die keiner glich, die ich jemals gesehen hatte, und ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass ich schon sehr viele gesehen habe. Die große, altertümliche Kirche im Zentrum des Ortes und die kleinen, schiefen Fachwerkhäuser, die sich an das Gotteshaus anschmiegten, waren sehr alt. Auch in den Gassen, die ich durchstreifte, sah ich kein einziges modernes Haus. Das Seltsamste aber war, dass ich keinem Menschen begegnete. Ohne eigentlich zu wissen, wonach ich suchte, ließ ich meinen Blick schweifen. Er blieb am Ladenschild einer Apotheke haften. Es war ein kunstvoll bemaltes Holzschild, das in kräftigen Farben eine Murmeltierfamilie in ihrer Höhle zeigte. Durch das Schaufenster sah ich keinen Apotheker. Wo steckten nur die Einwohner dieser Stadt?

Ich setzte meinen Weg fort und schließlich erreichte ich den Marktplatz. Der Anblick, den der Platz bot ließ mich an meinem Verstand zweifeln. Überall lagen Menschen, deren Kleidung dem Stil der Häuser entsprach. Derartige altmodisch geschnittene Gewänder, Röcke, Wämse, Mützen und Hüte hatte ich bisher nur auf den Reliefs der Königsgräber in unserer Hauptstadt gesehen.

Sie sind alle tot! Sie sind wahrscheinlich von einer Seuche hinweg gerafft worden und ich habe mich bestimmt bereits angesteckt!, dachte ich und wurde von Panik ergriffen. Dann drang ein leises Schnarchen an mein Ohr. Ich schaute genauer hin und stellte fest, dass sich die Brustkörbe der Liegenden hoben und senkten. Trotzdem graute es mir noch immer und ich beschloss, die Stadt so schnell wie möglich wieder zu verlassen.

Aber es gab auf dem Platz etwas, das mich magisch anzog: Die Schlafenden lagen um eine leere Fläche, auf der ein kleiner Gegenstand lag. Ich beschloss, dieses Objekt näher zu begutachten, aber dies war einfacher gesagt als getan, denn um die Platzmitte zu erreichen, musste ich über die Körper der Schlafenden steigen, die den größten Teil des Platzes bedeckten, der nicht von den Marktständen eingenommen wurde. Sie waren derart ineinander verschlungen, dass ich es nicht vermeiden konnte, ab und zu auf eine Hand oder einen Fuß zu treten. Trotzdem erwachte keiner der Schläfer. Ich sah Mütter mit ihren Kindern, Hausfrauen mit Einkaufsnetzen, einen Schornsteinfeger und einen Taschendieb, der im Begriff gewesen war einer Fischverkäuferin ihren Geldbeutel zu stehlen, als Täter und Opfer vom Schlaf übermannt wurden. Einige alte Frauen in dunklen Gewändern wirkten als seien sie zum Kirchgang gekleidet.

Endlich hatte ich das Zentrum des Marktplatzes erreicht. Dort lag schlafend ein Sänger, der eine Art Hackbrett in der Hand hielt, jedenfalls war es ein altmodisches Musikinstrument. Vor ihm stand ein kleiner Metallkasten auf dem Boden. Dies war der Gegenstand, der meine Aufmerksamkeit geweckt hatte.

Die Kiste enthielt eine Schriftrolle, auf der Musiknoten und einige Zeilen Text in einer Sprache, die ich nicht verstand notiert waren, von der ich aber vermutete, dass es sich um Latein handelte. Wenn ich den Kommentar hätte lesen können, dann hätte dies mir viel Mühe und Anderen großen Kummer erspart.

Leider konnte ich der Versuchung, das Dokument an mich zu nehmen nicht widerstehen. Kurz entschlossen steckte ich es ein und machte mich auf den Rückweg, denn ich wollte auf keinen Fall die Nacht in dieser Geisterstadt verbringen. Unterwegs passierte ich das Gasthaus „Zum gezählten Schaf" und ich beschleunigte meine Schritte.

Endlich hatte ich die Stadt hinter mich gelassen und ich fühlte mich als sei ich nur knapp einer tödlichen Gefahr entkommen. Noch immer standen seltsamerweise weder Meilensteine noch Hinweisschilder am Wegrand, aber die Vögel sangen in den Bäumen und im Straßengraben blühten Blumen in vielen, leuchtenden Farben. So verblasste die Erinnerung an die zurückliegende Episode und mein Sinn wurde wieder leicht und frei. Wie immer, wenn ich glücklich bin, summte ich leise vor mich hin.

Plötzlich fiel mir die Pergamentrolle ein. Ich ließ mich nieder im Schatten eines Baums und studierte die Noten des Liedes. Bald war ich imstande, die Melodie zu summen. Sie war wunderschön, wenn auch ziemlich traurig. Dann versuchte ich, den lateinischen Text zu dieser Melodie zu singen. Zwar verstand ich kein Wort, aber das Lied sagte mir immer mehr zu, bis ich überzeugt war, dass es das schönste war, das ich jemals gehört hatte. Selbst die Vögel lauschten andächtig.

Ich setzte meinen Weg fort und folgte der geraden Landstraße, bis ich die Kuppe eines Hügels erreichte. Von oben sah ich eine mauerumgürtete Stadt im Tal liegen, in deren Zentrum eine imposante Kirche stand, aber die Ansiedlung selbst war merklich kleiner als Schlafhausen. Ich wunderte mich, denn nur selten befinden sie zwei Städte in derart unmittelbarer Nachbarschaft zueinander, aber andererseits war zumindest Schlafhausen alles andere als eine normale Stadt.

Bald hatte ich das Stadttor erreicht und die Wache ließ mich ohne weiteres passieren. Als ich durch die Straßen des Städtchens schlenderte, von dem ich mittlerweile erfahren hatte, dass es Neustadt hieß stellte ich zu meiner großen Erleichterung fest, dass es sich um eine ganz normale Stadt handelte, deren Einwohner weder altertümliche Kleidung trugen noch schlafend auf den Straßen lagerten.

Der Tag war mittlerweile recht fortgeschritten, höchste Zeit etwas Geld zu verdienen! Obwohl mir inzwischen vor Hunger der Magen knurrte musste ich also an Bäckereien und Obstständen vorbeigehen ohne mir einen Imbiss zu gönnen. Auf den Marktplatz angekommen begann ich sogleich mit meiner Darbietung. Schnell hatte ich eine große Zuhörerschaft angelockt. Die Menschen schauten zu mir auf und lauschten meinem Gesang als hätten sie noch einem so guten Sänger gehört. Ich war mit mir zufrieden.

Dies änderte sich aber leider bald, denn einer spontanen Eingebung folgend, spielte das neue Lied auf meiner Laute. Ich begann die lateinischen Worte zu singen und augenblicklich begannen meine Zuhörer zu gähnen. Einige räkelten sich, andere rieben sich die Augen. Schließlich hatten alle Mühe, sich aufrecht halten. Einer nach dem anderen schliefen sie ein."

„Vielleicht ist es doch ganz gut, dass er nicht singt", bemerkte einer der Gäste und schaute gelangweilt aus dem Fenster. Draußen regnete es noch immer mit unverminderter Heftigkeit.

Der Sänger warf dem Spaßvogel einen missbilligenden Blick zu, trank einen Schluck und setzte seinen Bericht fort: „Zuerst versuchte ich mir einzureden, dass die Müdigkeit meiner Zuhörer auf die sengende Hitze zurückzuführen sei, die auf der Stadt lastete, aber tief in meinem Inneren war mir klar, dass es mein Gesang war, der die Menschen hatte einschlafen lassen.

Verzweifelt hielt ich mich an dem letzten Strohhalm der Hoffnung fest, der mir noch blieb und ich stimmte ein schnelles Tanzlied an, aber es war vergeblich! Keiner der Zuhörer wachte auf.

Ich fluchte laut vor mich hin. Mir fielen in dieser Situation nämlich nur noch Worte ein, die ich hier lieber nicht wiederholen möchte, vor allem da sich Kinder im Kaminzimmer befinden."

„Ich bin kein Kind!", protestierte der Sohn der Wirtin und die anderen Gäste lachten.

„Es wäre ein Leichtes gewesen, die Schläfer um ihre Beutel zu erleichtern. Ich gebe zu, dass ich einen Augenblick lang mit diesem Gedanken spielte, es aber dann doch nicht über mich brachte. Das Einzige, was ich vom Marktplatz von Neustadt mitnahm, war ein Laib Brot und etwas Obst, denn mir knurrte der Magen und meine Börse war leer.

Trotzdem würde ich nicht umhinkommen in der Stadt zu übernachten. Ich konnte unmöglich am selben Tag zu einer weiteren Stadt wandern. Vielleicht konnte ich ja für das Logis Holz hacken oder eine andere Arbeit verrichten. Noch immer völlig erschüttert von dem schrecklichen Geschehen auf dem Marktplatz schlenderte ich durch eine krumme Gasse und gelangte zu einem heruntergekommenen Gasthaus, auf dessen Schild der hochtrabende Name „Alte Post" stand.

Mit gemischten Gefühlen öffnete ich die Tür. Das Gespräch im Schankraum verstummte und alle Gäste starrten mich an, als wären sie bei etwas Verbotenem ertappt worden. Wenn ich jemals eine miese Spelunke gesehen hatte, so war es die Alte Post in Neustadt, aber ich konnte es mir in meiner Lage nicht leisten, wählerisch zu sein. Die im Raum versammelten Zecher waren offensichtlich weder wegen der Gemütlichkeit der Einrichtung gekommen, noch wegen der Freundlichkeit des dicken Wirtes, der sich mit beiden Ellbogen auf die Theke stützte und mich feindselig anstarrte.

Ich räusperte ich mich und trug ihm mit gewählter Höflichkeit mein Anliegen vor.

Lachsalven gingen durch den Raum.

„Ich nehme doch keine Landstreicher bei mir auf", fuhr mich der Wirt an, „Aber ich sehe, dass du eine Laute bei dir trägst. Sing uns etwas vor und vielleicht lasse ich dich dann auf der Bank schlafen."

Diese Grobheit brachte mich auf eine Idee, wie ich den groben Wirt überlisten konnte. Ich sang seinen Gästen das seltsame lateinische Lied vor und es verfehlte auch diesmal nicht seine Wirkung: kaum hatte ich die erste Strophe beendet, bot sich im Gasthaus das gleiche Bild wie auf dem Marktplatz. Der Wirt und seine Gäste lagen vom Schlaf überwältigt schnarchend unter den Tischen und auf dem Tresen.

Bei ihrem Anblick schauderte es mich und ich bereute augenblicklich meine Tat. Ich hätte mich nicht so von meinem Ärger über den unfreundlichen Empfang hinreißen lassen dürfen, aber was sollte ich jetzt tun? Ich kannte kein Mittel um die Schlafenden wieder aufzuwecken.

Vielleicht verlor der Zauber von selbst seine Wirkung? Ich beschloss mich bis zum nächsten Morgen zu gedulden, aber zuerst musste ich ein Quartier für die Nacht finden. Es wird doch in diesem Gasthof hoffentlich noch ein freies Zimmer zu finden sein, dachte ich. Der schlafende Wirt konnte mich nun nicht mehr davon abhalten mich in seinem Haus umzuschauen.

Also inspizierte ich das Schlüsselbrett, welches neben der Theke schief an die Wand genagelt war und holte mir ich den einzigen Schlüssel, der daran befestigt war. Er trug die Nummer eins. Ich stieg die Treppe hoch und fand den dazugehörigen Raum im ersten Stockwerk des Hauses. Als ich die Tür geöffnet hatte blieb ich verblüfft stehen, denn das Gästezimmer war größer als ich erwartet hatte und überraschend gut eingerichtet. Es handelte sich offenbar um das beste Zimmer des Gasthofes, das wahrscheinlich so teuer war, dass es sich keiner der abgerissenen Gäste leisten konnte, die in einer derartig vergammelten Spelunke abstiegen.

Trotz des weichen Bettes mit seinen weißen Leinenbezügen konnte ich lange keinen Schlaf finden, denn ganz plötzlich war mir ein beunruhigender Gedanke gekommen: Konnte es sein, dass der Zauber um Mitternacht seine Wirkung verlor? Mit pochendem Herzen lag ich wach bis die Uhr des nahen Kirchturms zwölf Mal schlug. Die Geisterstunde war gekommen! Mein Puls raste. Jeden Augenblick erwartete ich, dass der empörte Wirt das Zimmer stürmen würde, aber nichts dergleichen geschah. Dann schlug es halb eins und mein Atem wurde ruhiger.

Irgendwann muss ich eingeschlafen sein, denn ich erwachte um drei Uhr auf dem Höhepunkt eines Alptraums, in dem der Wirt der Spelunke eine prominente Rolle spielte.

Was sollte ich tun? In Schlafhausen hatte ich gedacht, meine Ratlosigkeit könne nicht größer werden, aber ich hatte mich geirrt. Mittlerweile begriff ich gar nichts mehr. Nur eins stand fest, nämlich dass ich einen Weg finden musste, den Schaden wieder gutzumachen, den ich unabsichtlich angerichtet hatte. Um den Wirt und seine Kumpanen mochte es nicht schade sein, aber ich musste die Menschen auf dem Marktplatz wieder aufwecken, aber ich wusste nicht wie.

Kurz nach der Morgendämmerung verließ ich den Gasthof und die schlafende Stadt. Ich war froh, dass ich den Marktplatz nicht überqueren musste um auf schnellstem Weg das Stadttor zu erreichen, aber trotzdem schaute ich mich permanent um, jeden Augenblick erwartend, die Hand des Wirtes oder eines Gendarmen auf der Schulter zu spüren, aber nichts dergleichen geschah.

Mir gelang die Flucht aus der Stadt, aber noch immer war ich ratlos. Meine Gedanken rasten. Verzweifelt überlegte ich, was ich nun tun sollte. Ich musste den Schaden wieder gut machen, den ich angerichtet hatte. Denk logisch, sagte ich zu mir. Wenn das Lied aus Schlafhausen alle einschlafen lässt, die es hören, so musst du herausfinden, was sein Text bedeutet.

Es traf sich also gut, dass ich kurze Zeit später zufällig eine Klause im Tal liegen sah. Vielleicht war der Klausner des Lateinischen mächtig? Es war jedenfalls einen Versuch wert. Ich stapfte durch das hohe Gras der Wiese bis ich die Klause erreichte.

Einen Augenblick lang blieb ich unentschlossen vor der morschen Tür des kleinen Steinbaus stehen. Dann gab ich mir einen Ruck und ich klopfte mit dem neben der Klinke befestigtem Schlagring an die Eichentür.

„Herein", hörte ich eine tiefe Stimme aus dem Inneren der Klause rufen.

Sie gehörte einem langbärtigen Mann in einer braunen, mehrfach geflickten Kutte, der für sein fortgeschrittenes Alter noch recht rüstig wirkte.

Nachdem wir die üblichen Höflichkeiten ausgetauscht hatten, sagte ich: „Ehrwürdiger Bruder, dieses Dokument habe ich gefunden, aber ich verstehe leider kein Latein. Könnt Ihr mir vielleicht sagen, was in diesen Zeilen steht und wovon das Lied handelt?"

Ich überreichte dem frommen Mann das Dokument und hätte fast hinzugefügt, dass ich das Lied vorgetragen hatte, aber ich besann mich eines Besseren. Es war unklug, den Zorn des Eremiten zu erregen bevor er meine Frage beantwortet hatte.

Die Augen des alten Manns wanderten über das Schriftstück und sein Gesicht verdüsterte sich mit jeder Zeile. Mit gerunzelter Stirn und sorgenvoller Mine schaute er zu mir empor.

„Woher hast du diese Rolle?", wollte er wissen.

„Ich habe sie in Schlafhausen gefunden", antwortete ich. Dann fasste ich mir ein Herz und fügte hinzu: „Ich habe das Lied in Neustadt vorgetragen und es hat die Zuhörer in Schlaf versetzt."

„Da hast du dir ja etwas Schönes eingebrockt", erwiderte der Eremit. Seine Stimme klang eher mitleidig als wütend. „Der Verfasser dieser Zeilen ist, oder besser gesagt war Ernst von Soergenloch, ein Wanderprediger des Flagellantenordens. Vor vielen Jahren ist er zufällig am Karfreitag in Schlafhausen vorbei gekommen, das damals noch Reichental hieß. Schon der bloße Anblick der Bürger in ihren farbenprächtigen Samt- und Seidengewändern versetzte ihn in hellen Zorn. Als er dann noch bemerkte, dass am höchsten christlichen Feiertag auf dem Marktplatz gelacht und gescherzt wurde bestieg er wutentbrannt die Freitreppe, die dem Rathaus vorgelagert ist. In einer glühenden Bußpredigt forderte er die Reichentaler auf, umzukehren und ihr Leben zu ändern. Nachdem er seine Tiraden beendet hatte, musste er feststellen, dass die Hälfte seiner wenigen Zuhörer eingeschlafen war, während sich in der Zwischenzeit in der Mitte des Platzes ein fahrender Sänger niedergelassen hatte, um den zahlreiche Menschen geschart waren. Der Wanderprediger, der ein Meister der Schwarzen Magie war, verfluchte daraufhin die Einwohner Reichenbachs. Sie sollten solange schlafen, bis ihnen jemand das Lied auf der Schriftrolle vorsingen würde. Dies ist offensichtlich bis heute nicht geschehen."

„Warum nicht?", fragte ich verblüfft, „in all den Jahrhunderten werden doch sicherlich zahlreiche gelehrte Scholaren oder Mitglieder des geistlichen Standes Schlafhausen einen Besuch abgestattet haben."

Der Eremit sah mich traurig an.

„Ich vergaß zu erwähnen, dass die verfluchte Stadt nur alle hundert Jahre sichtbar ist, und dann auch nur für fahrende Sänger. Entweder ist seit dem Besuch des Bußpredigers kein Sänger vorbeigekommen oder er hat – wie du – den lateinischen Text nicht verstanden. So eine perfide Strafe konnte sich nur dieser finstere Ernst von Soergenloch einfallen lassen."

Woher wusste der Eremit ob der Bußprediger finster war?

„Ihr sprecht von ihm in einer Art und Weise, die vermuten lässt, dass Ihr ihn kanntet?" entfuhr es mir daher. „Sagtet Ihr nicht, dass er vor Jahrhunderten gelebt hat?"

„Ich kenne ihn natürlich nur vom Hörensagen", antwortete der Eremit mit einem rätselhaften Lächeln.

Er wurde schnell wieder ernst und schüttelte nachdenklich den Kopf.

„Was ich mich aber fragte ist: warum konnte dieses Lied in Neustadt die entgegengesetzte Wirkung haben?"

„Ihr habt mir noch immer nicht gesagt, wovon das Lied handelt", wandte ich schüchtern ein.

Der Eremit deutete auf die Rolle.

„Die beiden Strophen bestehen aus Bibelzitaten, eines aus dem Alten und das andere aus dem Neuen Testament. Die erste Strophe zitiert das erste Buch Mose, 15.12 und lautet: „Als nun die Sonne untergegangen war, fiel ein tiefer Schlaf auf Abraham und siehe, Schrecken und große Finsternis überfielen ihn." Die zweite Strophe zitiert die Apostelgeschichte 20,9: „Es saß aber ein junger Mann mit Namen Eutyches in einem Fenster und sank in tiefen Schlaf, weil Paulus so lange redete. Und vom Schlaf überwältigt fiel er herunter vom dritten Stock und wurde tot aufgefunden."

„Und das habe ich gesungen?" entfuhr es mir und ich nahm mir vor nie wieder ein Lied vorzutragen, dessen Text ich nicht kannte.

Der fromme Mann schaute einen Augenblick lang auf den Boden. Es war unübersehbar, dass er sich zu den nächsten Worten mühsam durchringen musste.

„Ich kenne nur einen Menschen, der dir vielleicht weiterhelfen kann", begann er dann endlich, „und das ist die schöne Gundula. Manche behaupten, sie sei eine gefährliche Hexe, aber das stimmt nicht. Dies ist jedenfalls meine feste Überzeugung, denn ich kannte sie einst sehr gut."

Ich fragte mich erstaunt, woher dieser weltfremde Mönch eine derartige Frau kannte. Etwas vom meinem Befremden musste in meinen Augen sichtbar gewesen sein, denn der Eremit fügte mit einem geheimnisvollen Lächeln hinzu: „das war früher, in einem anderen Leben."

Dann nahm er einen Zettel zeichnete eine Art einfache Landkarte darauf, die er sorgfältig beschriftete.

„Dort wohnt sie", sagte er auf das Wort Wolfshöhle deutend.

Ich nickte und der fromme Mann sah mich an. Einen Augenblick lang zögerte er, bevor er zu sprechen begann.

„Grüße die schöne Gundula von mir", sagte er dann so leise, dass ich ihn nur mit Mühe verstand. „Richte ihr aus, dass der alte Eremit sie nicht vergessen hat."

Ich bedankte mich überschwänglich, denn der Eremit hatte mir neue Hoffnung gegeben.

Dann begab ich mich auf eine lange und einsame Reise, die viele Wochen lang dauerte, denn mein Geldbeutel war natürlich immer noch leer, da es mir zweimal hintereinander nicht gelungen war mein Publikum zur Kasse zu bitten.

Meist wanderte ich nachts, während ich mich tagsüber in Wäldern, Höhlen und Erdköchern versteckte, denn ich besaß überhaupt kein Geld mehr. Wenn ich Glück hatte, fand ich ein Kaninchen oder ein anderes kleines Tier, das in eine Falle geraten war. Anderenfalls ernährte ich mich von Pilzen und Beeren, weshalb ich von Tag zu Tag magerer und blasser wurde, bis die Menschen vor mir auswichen, weil die befürchteten, ich könnte mit einer ansteckenden Seuche behaftet sein. Mein Weg führte mich durch dunkle Täler und einsame Steppenlandschaften, über geheime Gebirgspässe und an volkreichen Städten vorbei.

Endlich, an einem trüben Herbsttag, hatte ich die schaurige Wolfshöhle erreicht. Dichte Nebelschwaden waberten vor deren Eingang, obwohl im nahen Tal eine matte Novembersonne das Herbstlaub zum Leuchten brachte. Krähen krächzten von den Ulmen, die vor der Höhle wuchsen und ich konnte mich des Verdachtes nicht erwehren, dass sie über mich sprachen.

Einen Augenblick lang blieb ich unschlüssig vor einem finsteren Loch stehen, das mich an das Tor zur Unterwelt gemahnte. Dann gab ich mir einen Ruck und ging mit langsamen Schritten, immer auf ein Geräusch lauschend auf den Eingang der Höhle zu.

Bevor ich in das Dunkel eintauchen konnte trat eine schwarz gekleidete, hochgewachsene Frau unbestimmbaren Alters heraus und verstellte mir mit einer gebieterischen Geste den Weg.

„Wer wagt es meine Ruhe zu stören?" fragte sie mich mit einer Stimme, die seltsam metallisch klang, als käme sie aus dem Inneren eines großen Gefäßes.

„Der Eremit, der in einer Klause bei Neustadt lebt hat mich zu Euch geschickt", erklärte ich. „Ihr seid meine letzte Rettung. Wenn Ihr mir nicht helfen könnt so bin ich verloren!"

Die schöne Gundula, die einige Zentimeter größer war als ich schaute mit strenger Miene auf mich hinab, aber ich vermeinte in Ihren Augen eine gewisse Neugier zu erkennen.

„Wie kommt er auf diese Idee?", wollte sie wissen.

Ob sie sich wohl noch an den frommen Mann erinnerte? Ihr Gesichtsausdruck gab mir wenig Hoffnung.

„Der Eremit lässt Euch grüßen", fügte ich trotzdem hinzu. „Ich soll Euch ausrichten, dass er die schöne Gundula nicht vergessen hat."

Einen Augenblick lang sah sie mich schweigend an und ich versuchte mir die unheimliche, schwarz gekleidete Frau, die ich eher bedrohlich als schön fand zusammen mit dem sanften Eremiten vorzustellen, aber meine Phantasie versagte.

„So hat er mich doch nicht vergessen", murmelte Gundula mit träumerischer Stimme, in der aber unüberhörbar ein Vorwurf mitschwang.

Wieder musterte sie mich von Kopf bis Fuß und ich wurde von einem unbeschreiblichen Grauen ergriffen. Was war, wenn Gundula wirklich eine gefährliche Zauberin sein sollte?

„Üblicherweise empfange ich keine Gäste in meiner Behausung", sagte sie und ich fragte mich, ob sich häufig Menschen in diese Einöde verirrten, „aber diesmal will ich Gnade vor Recht walten lassen. Wo Ihr einen so langen Weg zu mir zurückgelegt habt, will ich Euch fünf Minuten meiner Zeit schenken."

Sie machte eine einladende Geste und ich folgte ihr in das Innere ihrer Höhle, wenn auch mit einem flauen Gefühl im Magen. Drinnen war es heller als ich vermutet hatte, aber trotzdem sah ich weder Fackeln noch Kerzen. Dies konnte nicht mit rechten Dingen zugehen, aber ich versuchte mich mit dem Gedanken zu trösten, dass ich nur fünf Minuten lang an diesem unheimlichen Ort verharren musste. Wieder dachte ich an den Eremiten und ich fragte mich, in was für einer Beziehung er zur Herrin der Höhle gestanden hatte.

Wir setzten uns auf zwei wackligen Stühlen, die um einen Steintisch standen. Die unheimliche Frau stellte eine Sanduhr auf den Tisch, deren Sandkörner gnadenlos vom oberen Teil des Glases in den inneren rannen.

„Was kann ich für Euch tun?", fragte sie und im gleichen Augenblick tauchte eine schwarze Katze aus dem hinteren Teil der Höhle auf, die behände auf den Schoß Gundulas sprang.

Ich schilderte mein Unglück in kurzen, knappen Worten und meine Gastgeberin hörte schweigend zu. Als ich geendet hatte, dachte einen Augenblick lang nach, wobei sie von Zeit zu Zeit mit ihren schlanken Fingern der Katze auf ihrem Schoß durch das schwarze, dichte Fell fuhr.

„Warum habt Ihr den Bewohnern von Neustadt das Lied nicht ein zweites Mal vorgesungen?" wollte sie dann wissen. „Vielleicht hätte dies die Schlafenden wieder aufgeweckt."

Ich ärgerte mich, dass mir dies nicht in den Sinn gekommen war. Der Anblick der von mir in den Schlaf gesungenen Menschen hatte mich in eine derartige Panik versetzt, dass ich zu keinem klaren Gedanken fähig gewesen war. Außerdem kannte ich damals nicht den Sinn der lateinischen Worte.

„Diese Idee ist mir nicht gekommen", gab ich zu und ärgerte mich, wie kleinlaut meine Stimme klang. „Hätte dies den Zauber gebrochen?"

„Möglich", erwiderte Gundula mit einem undefinierbaren Lächeln, „geschadet hätte es jedenfalls bestimmt nicht. Ich vermute, dass der Bußprediger die Einwohner von Reichental mit diesem Lied verflucht hat und du hast unwissentlich das Gleiche mit den Neustädtern getan."

Plötzlich fiel mir auf, dass sie „Reichental" gesagt hatte, obwohl ich selbst nur von „Schlafhausen" gesprochen hatte. Offensichtlich wusste Gundula mehr als sie zugab, aber der gesamte Sand war mittlerweile in den unteren Teil der Uhr gerieselt.

„Deine Frist ist abgelaufen", erklärte Gundula …"

„Wie sah sie denn aus, die schöne Gundula?" mischte sich der fünfzehnjährige Sohn der Wirtin ein, der vorhin darauf bestanden hatte, dass er kein Kind sei. „Gerade, wo es interessant war, hat Ihr mit Einheiten gegeizt!"

„Dafür bist du noch zu jung", tadelte ihn seine Mutter. „Was hast du überhaupt in der Schankstube zu tun? Geh auf deine Stube und mach deine Hausaufgaben."

„Damit bin ich fertig", beteuerte der Junge und sah den Sänger bittend an. „Ich würde gern mehr über Gundula wissen."

Der alte Mann lachte kurz. Dann sagte er: „Es war etwas Unheimliches an ihr, ohne, dass ich genau sagen könnte, was es war."

Mit großen Augen, in denen sich seine Neugier spiegelte sah der Junge zu dem Sänger auf, aber er fragte nicht nach.

„Ich weiß, du warst an ihrem Äußeren interessiert", sagte er mit einem gedankenverlorenen Lächeln. „Wie ich vorhin schon sagte: Sie war eine hochgewachsene Frau unbestimmten Alters. Ihr Haar war lang, glänzend und schwarz wie die Schwingen eines Raben, ihre Augen tiefgrün und leicht schräg gestellt. Sie erinnerte mich an die Katze, mit der sie spielte als sie mich empfing. Wenn sie mir in die Augen blickte, fühlte ich mich im wahrsten Sinne des Wortes durchschaut. Es war, als könne sie meine Gedanken lesen, wie ein Buch. So kam es mir jedenfalls vor und ich habe sie daher so schnell ich konnte verlassen. Das Seltsamste war jedoch, dass sie nicht wie eine Einsiedlerin gekleidet war, sondern eine lange schwarze Robe trug, die mit schwarzer Spitze besetzt war. Sie erweckte den Eindruck, als ob sie einen Besucher erwarten würde, aber ich war offenbar nicht der ersehnte Gast, denn warum hätte sie sonst nur Minuten mit mir gesprochen?"

„Und was hat sie noch gesagt?" fragte die Wirtin. „Der närrische Junge hat die Geschichte im spannendsten Moment unterbrochen."

Der Sänger trank einen großen Schluck Bier und erzählte weiter: „Die schöne, geheimnisvolle Gundula komplimentierte mich aus ihrer Höhe hinaus. Draußen angelangt sagte sie zum Abschied: „Wenn Ihr ganz sicher sein wollt, dann besorgt Euch etwas Wachmohn. Das ist aber ein sehr gefährliches Unterfangen, denn dieses Kraut gedeiht nur an einem Ort der Welt, im Tal des Vergessens, wo es von dem gierigen Drachens Grünwurm bewacht wird."

Fast erwartete ich, dass ich vorher einen bösen Zauberer besiegen musste, der der Einzige sei, der die Lieblingssuppe des Drachen zubereiten konnte, aber Gundula erwähnte keine weiteren Herausforderungen auf dem Weg zur Höhle des Drachens.

Sie zeichnete mir den Weg auf die Rückseite der Karte des Eremiten auf und ich brach auf. ich durchquerte fremde Länder, deren Gebräuche ich nicht kannte. Unterwegs sah ich die mannigfaltigsten Landschaften, passierte Felsenklippen, wasserreiche Auen, fruchtbare Täler, schroffe Berghöhen und eisige Gletscher. Ich musste zahlreiche Abenteurer bestehen, aber das ist eine andere Geschichte", ergänzte der Sänger, der die Neugier in den Gesichtern seiner Zuhörer sah.

Er dachte sich, dass er ökonomisch mit meinen Geschichten umgehen musste, denn er wusste schließlich nicht, wie lange er noch bei diesem schrecklichen Wetter im Gasthof festsaß. Die Wirtin füllte seinen Bierkrug nach, der Sänger machte einen großen Schluck und setzte dann seine Erzählung fort:

„So vergingen viele Tage, bis ich endlich in einem abgelegenen Tal die Höhle erreichte, in der der Drache hauste, den die Menschen Grünwurm nannten. Schon von weitem hörte ich den zischenden Atem des schlafenden Drachen, der wie ein fernes Donnergrollen klang und die Grashalme der Wiesen zum vibrieren brachte.

Als ich vernahm, dass der Drache schlief, fiel mir ein Stein vom Herzen, denn dies erleichterte meine Aufgabe. Mir wurde ganz schwindlig, aber ich sagte mir, dass dies die Angst vor dem Ungeheuer sei. Ich gab mir einen Ruck und schlich auf Zehenspitzen zum Eingang der Höhle, wobei ich versuchte auf keinen knackenden Zweig zu treten, denn ich hoffte das Kraut stehlen zu können. Leider musste ich feststellen, dass der riesige Körper des Drachen den Zugang fast völlig versperrte. In der Höhle sah ich Truhen und eine Tisch …"

„Was kümmert mich, wie es in der Höhle des Drachens aussah", protestierte der Sohn der Wirtin. „Wie war die Höhle der schönen Gundula eingerichtet? Du hast uns dies nicht geschildert!"

Der Sänger lachte und schüttelte dabei nachsichtig den Kopf.

„Da gab es auch nicht viel zu beschreiben, denn die Höhle Gundulas war kahl, glitschig und bis auf den Steintisch und die beiden Stühle unmöbliert", erwiderte er. „Zumindest betraf dies den Bereich, den ich gesehen habe.

Der Sänger schaute einen Augenblick sinnierend in die Luft. Dann trank einen Schluck und nahm seinen Bericht wieder auf:

„Obwohl es mir ziemlich schwer fiel mich zu konzentrieren, hatte ich weiterhin vor, mich an dem schlafenden Ungeheuer vorbei zu schleichen. Ganz vorsichtig schob ich mich an der Wand entlang. Dabei riss ich die rechte Schulter an einem Vorsprung auf. Der Schmerz machte mich einen Augenblick lang unaufmerksam und ich stolperte über einen Goldpokal. Das scheppernde Geräusch des auf den harten Stein aufschlagenden Metalls wurde von einem Echo zurückgeworfen.

Mir wurde ganz plötzlich benommen und ich fragte mich: „Was habe ich hier eigentlich verloren? Warum bin ich nicht einfach zu Hause geblieben?" Aber hatte ich überhaupt ein zu Hause? Ich konnte mich zumindest nicht daran erinnern. Ganz tief aus dem letzten Winkel meines benebelten Bewusstseins hörte ich eine Stimme sagen: „Dies ist das Tal des Vergessens!"

Ganz schemenhaft, wie ein Ereignis, das Jahrzehnte zurück lag, kam mir eine vage Erinnerung an das Anliegen, das mich an diese ungastliche Stätte geführt hatte. Dann verebbte der Gedanke so schnell wieder, wie er in meinen Sinn gekommen war.

In der Höhle herrschte völlige Stille, denn der Drache hatte aufgehört zu schnarchen. Er hob seine trägen Lider halb empor und ein Paar giftgrüne Augen starrten mich an.

„Sofort wegsehen", ermahnte ich mich. Vor Schreck erinnerte ich mich ganz plötzlich an das Wachkraut. „Vielleicht ist dies ein Basilisk und sein Blick hat bannende Wirkung."

So schnell mich meine Füße trugen, rannte ich aus der Höhle hinaus.

Glücklicherweise war ich damals noch jung, denn der Drache verfolgte mich mit einer Geschwindigkeit, die ich dem riesigen Ungetüm niemals zugetraut hätte. Trotzdem gelang es mir im letzten Augenblick, eine der alten Eichen zu erklimmen, die vor der Höhle wuchsen.

Nun saß ich also auf einem hohen Ast und schaute ängstlich auf einen schlecht gelaunten Drachen hinab, der sich zu seiner vollen Höhe aufrichtete und aus seinen roten Nüstern Feuer zu speien begann. Er kam mir so nah, dass ich seinen feurigen Atem riechen konnte.

Um mich nicht in meinen Gedanken zu verlieren murmelte ich ständig: „du suchst das Wachkraut vor mich hin."

Der Drache blieb ruhig stehen und schaute zu mir hoch. Dachte er nach? War diese Kreatur überhaupt imstande zu denken? Würde er sich endlich in seine Höhle zurückziehen? Leider geschah nichts dergleichen. Stattdessen begann der Drache mit den scharfen Krallen seiner riesigen Füße die Wurzeln der Eiche auszugraben.

Ich wurde von Panik durchflutet. Was sollte ich nur tun um mich zuretten? Worauf hatte ich mich da nur eingelassen?

Ganz plötzlich kam mir eine Idee, die so einfach war, dass ich mich ärgerte, dass sie mir nicht zuvor in den Sinn gekommen war, nämlich mich des Liedes des wahnsinnigen Flagellanten zu bedienen. Dies konnte nur an diesem seltsamen Tal des Vergessens liegen!

Mit lauter Stimme sang ich die erste Strophe. Selbst bei dieser stummen Kreatur verfehlte das lateinische Lied nicht seine Wirkung. Grünwurm gähnte bald herzhaft und riss dabei den Rachen so weit auf, dass er eine Hundehütte hätte verschlingen können. Er reckte sich, räkelte sich und rieb sich die Augen. Dann schleppte er sich in seine kalte, glitschige Höhle zurück, ringelte sich zusammen und kuschelte sich gegen eine Schatztruhe. Einige Augenblicke später ließ sein friedlicher Gesichtsausdruck darauf schließen, dass Grünwurm einen angenehmen Traum hatte, vielleicht von einem schönen Drachenfräulein.

Ich kletterte von der Eiche herunter und betrat mit angehaltenem Atem das Innere der Höhle des Drachens. Ich schaute mich um kam ich aus dem Staunen nicht heraus. Es musste Jahrhunderte gedauert haben, all diese immensen Reichtümer anzuhäufen, die sich auf dem harten Seinboden stapelten. Ich erblickte goldene Gefäße, Schmuck, Juwelen, Kronen, Schwerter, Tafelsilber und sogar versiegelte Truhen, die der Drache offensichtlich niemals geöffnet hatte.

Wieder wurde mir so schwindlig, dass ich fast ohnmächtig wurde. Hatte mich mein eigenes Lied betäubt. Ich versuchte mich zu konzentrieren, aber es dauerte ein paar Augenblicke bis ich mich des Wachmohns besann. Mein Blick schweifte durch die Höhle und endlich sah ich, dass direkt über mir von der Decke Bündel getrockneter Kräuter herabhingen. Ihr Anblick löste undeutlich etwas in mir aus, aber es gelang mir zuerst nicht, den Gedanken zu präzisieren.

Der Drache niste im Schlaf und ich wäre vor Schreck fast gestorben, aber wenigsten löste dies die Assoziationskette „Schlaf-Schlafhausen-Schlafmohn-Wachmohn" in mir aus und ich stellte mich auf die Zehenspitzen, reckte mich nach der Decke und riss eines der Bündel herunter. Da mir meine benebelten Sinne sagten, dass die vergessenmachende Wirkung des Tals in der Höhle am stärksten war, verließ ich sie ohne mich weiter nach den Schätzen umzublicken.

Draußen atmete ich tief durch, so gut bekam mir die frische Luft. Aus dem dunklen Loch des Höhlenausgangs drang ein derart ohrenbetäubendes Schnarchen, dass es selbst den Vögeln die Freude am Gesang verdorben hatte. Einen Augenblick lang grübelte ich über meinen Namen nach, dann sagte mir eine innere Stimme: „verlasse das Tal und du wirst dich daran besinnen!"

Ich machte mich also auf den Weg und mit jedem Schritt, den ich mich von der Höhle entfernte wurde das Schnarchen leiser und meine Gedanken klarer, bis ich wieder ganz der Alte war.

Nach einer langen, beschwerlichen Rückreise, gelangte ich endlich nach Neustadt zurück. Als ich das Stadttor hinter mir gelassen und die engen Gassen der Altstadt durchschritten hatte sah ich, dass sich in der Zwischenzeit nichts verändert hatte: Der Marktplatz, war noch immer mit schlafenden Menschen bedeckt.

Ich sang ihnen also beide Strophen des lateinischen Liedes vor. Die Schläfer räkelten sich, blinzelten und blickten sich erstaunt um. Dann sprangen sie auf und begannen hektisch herumzulaufen. Schon wenige Stunden später gingen sie ihren täglichen Geschäften nach, als wäre nichts geschehen.

Niemand schenkte mir mehr Beachtung. Einige Zeit lang stand ich auf dem Platz wie bestellt und nicht abgeholt, dann fiel mir meine beklagenswerte finanzielle Situation ein. Also knüpfte ich dort an, wo ich bei meinem letzten Besuch von Neustadt aufgehört hatte: Ich gab ein Konzert. Leider erwiesen sich die Neustädter als ausgesprochen geizig. Ich fand, dass bei den Strapazen, die ich auf mich genommen hatte etwas mehr Dankbarkeit doch wohl angebracht gewesen wäre, aber offenbar erinnerte sich niemand an das, was vorgefallen war.

Mit der Welt hadernd begab ich mich als es dämmerte in die miese Spelunke, in der ich schon einmal übernachtet hatte. Auch hier weckte ich meine Opfer, denn Wirt und Gäste lagen noch genauso da, wie an dem Tag, den dem ich sie verlassen hatte.

Die wenigen Münzen, die man mir zugeworfen hatte reichten nicht für einen eigenen Raum. Ich musste mir also eine verlauste Kammer mit zwei Fremden teilen.

Verärgert stieg ich die morsche Treppe hinauf. Dann kam mir schlagartig eine schreckliche Erkenntnis: Das Lied hatte die Schläfer geweckt! Ich hätte nicht ins Tal des Vergessens reisen müssen, sondern hätte von Gundula auf direkten Weg zurückkommen können."

„Und du hättest dann auch mehr Zeit gehabt, um uns von der schönen Gundula zu erzählen", meldete sich der Junge. Alle lachten.

„Was habt Ihr dann mit dem Wach-Kraut gemacht?", wollte der Kaufmann im braunen Anzug wissen.

„Ich habe es später einem Apotheker verkauft", antwortete der der Sänger. „ich bezweifelte nämlich mittlerweile dessen Wirksamkeit. Hätte der Drache sonst unter ganzen Bündeln von Wachmohn schlafen können?"

Er trank einen Schluck und sagte: „So grübelte ich vor mich hin, und grübelte und grübelte. Meine beiden Zimmergenossen, zwei Gesellen auf Wanderschaft waren längst eingeschlummert. Nur ich wälzte mich weiterhin auf meiner Matratze.

Ich konnte es nicht fassen, dass ich eine ganze Stadt in Tiefschlaf versetzt und wieder aufgeweckt hatte und nun selbst nicht schlafen konnte. Ich beschloss, diese Gegend nie wieder aufzusuchen."

Die Zuhörer schwiegen lange. Hatte der Sänger ihnen einen Bären aufgebunden? Die Geschichte war zu unglaublich um wahr zu sein.

„Du darfst nur unter einer Bedingung eine weitere Nacht in meiner Herberge bleiben", sagte die Wirtin.

„Und die wäre?", fragte der Sänger mit angespanntem Gesicht.

„Du musst schwören, dass du niemals in diesem Hause singen wirst."

„Das hatte ich auch nicht vor", erwiderte der Barde und genehmigte sich einen weitern Schluck Bier.

„Und er muss von Gundula erzählen", krähte der Junge.