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2. Der tiefe Brunnen

Die Wirtin schaute aus dem Fenster des Kaminzimmers. Noch immer regnete es in Strömen. Dieses Wetter war bares Geld für sie, denn keiner ihrer Gäste würde bei diesem schlechten Wetter den Schankraum verlassen, besonders, falls die Geschichte des Sängers so spannend sein sollte, wie die des Vortages.

„Hast du die schöne Gundula noch einmal wieder gesehen?", fragte der Sohn der Wirtin.

„Nein", antwortete der Sänger, „aber den Eremiten und die zweite Begegnung war noch seltsamer als die erste."

„Ich verstehe gar nicht, warum du nicht zur Höhle zurückgekehrt bist, in der die schöne Gundula lebte. Du kanntest doch den Weg", unterbracht ihn der Junge.

Seine Mutter verdrehte die Augen, aber der Sänger lächelte nachsichtig.

„Wie ich gestern schon sagte: Sie hatte etwas Gefährliches an sich, das sich nur sehr schwer in Worte fassen lässt. Ich war froh, ihre Höhle heil an Leib und Seele verlassen zu haben."

Der Sänger genehmigte sich einen großen Schluck des Bieres, das die Wirtin ihm ausgegeben hatte.

„Dann erzähl uns doch von dem Eremiten", schlug die Wirtin vor.

„Darüber können wir reden", erwiderte der Sänger, „aber nur unter der Bedingung, dass ihr mich nicht ständig unterbrecht.

„Abgemacht", antwortete der dicke Mann im braunen Anzug und warf dem Sohn der Wirtin einen bösen Blick zu.

Der Junge seufzte, versprach aber den Mund zu halten.

„Als ich mich von dem Eremiten verabschiedete, erwartete ich nicht, dass sich unsere Wege jemals wieder kreuzen würden. Aber als ich wenige Tage nach meiner Rückkehr müde und enttäuscht die Herberge betrat, in der ich mir ein Zimmer mit zwei schurkisch aussehenden Gesellen teilte, erzählte mir der Wirt, dass ich einen Besucher hätte. Dies erstaunte mich sehr, denn ich kannte in Neustadt keine Menschenseele.

„Wo ist er?" fragte ich daher, mich erstaunt in der Schankstube umblickend, aber mein Auge traf kein bekanntes Gesicht.

Wortlos deutete der Wirt auf einen kleinen Jungen, der in einer Ecke des Schankraumes auf dem Boden saß und mit sichtbarem Vergnügen einen Keks nach dem anderen in sich hineinstopfte. Ich schlenderte durch den Raum und ging vor dem Kleinen in die Hocke.

„Der komische alte Mann aus dem Wald hat mir Geld dafür gegeben, dass ich Euch bitte, ihn zu besuchen", sprudelte der Junge los, bevor ich auch nur dazugekommen war, mich vorzustellen.

„Der Eremit?", entfuhr es mir.

Der Junge nickte und schob sich einen weiteren Keks in den Mund.

„Warum?" wollte ich wissen, aber meine Neugier war geweckt.

„Keine Ahnung." Der Junge zuckte mit den Schultern. „Er hat gesagt: Ich habe Heinrich, dem fahrenden Sänger einen Gefallen erwiesen und jetzt bin ich es, der seine Hilfe benötigt."

Ich war wie elektrisiert und, obwohl der Junge nicht die Worte „eilig" oder „sofort" in den Mund genommen hatte, schnürte ich augenblicklich mein Bündel, zumal sich die Neustädter weiterhin als geradezu pathologisch geizig erwiesen. Diese Knauserigkeit passte gut zum überteuerten Preis des verlausten Bettes in meiner Herberge. Kein Wunder, dass diese Stadt und ihre Bewohner so herausgeputzt waren.

Ohne Bedauern verließ ich also noch am selben Tag den Ort und wanderte durch blühende Auen bis zur Behausung des Eremiten.

Als ich seine Klause erreichte, ging der Eremit bereits ungeduldig unter einem Baum hin und her.

„Endlich!", rief er mir schon von weitem zu. „Ich dachte schon, du würdest gar nicht kommen!"

Ich beteuerte, dass ich mich unverzüglich auf den Weg gemacht hatte.

„Dieser Junge", fluchte der Eremit vor sich hin, „Wo mag er sich nur wieder herumgetrieben haben?"

Die Kekse, die er im Schankraum vertilgt hatte, ließen darauf schließen, dass er in einer Bäckerei aufgehalten worden war. Ich wandte also vorsichtig ein, dass es vielleicht ein Fehler gewesen war, ihm das Geld im Voraus gegeben zu haben.

„So sind Kinder nun einmal", erwiderte der Eremit nachsichtig mit den Schultern zuckend. „Es geht um wichtigere Dinge als um einen säumigen Boten."

Er sah mich ernst an.

„Gestern habe ich auf dem Brunnenrand gesessen und die Sterne betrachtet. Ich betreibe nämlich astronomische Studien und die letzte Nacht war ungewöhnlich klar. Plötzlich musste ich heftig niesen und das Fernglas ist mir in den Brunnen gefallen. Du musst mir nun helfen, es wieder herauszuholen!"

Diese Bitte erschien mir ziemlich absurd. Ich versuchte meine Bedenken so höflich wie möglich zu formulieren.

„Das stelle ich mir ziemlich schwierig vor. Das Fernglas liegt mittlerweile tief unten im Wasser. Ich fürchte, Ihr müsst Euch ein neues kaufen."

Der Eremit sah mich mit einem durchdringenden Blick an, aus dem ich nicht recht klug wurde.

„Ich werde dich mit einem Seil herablassen", sagte er in einem Tonfall, der keinen Widerspruch zuließ. „Ich würde mich selbst hinabbegeben, wenn ich jünger wäre!"

Ich fand noch immer, dass dies ein unverhältnismäßig großer Aufwand für ein völlig aussichtloses Unterfangen war, sagte aber nichts, denn ich schuldete dem Eremiten ja tatsächlich einen Gefallen.

Ich wollte mich sofort an die Arbeit machen, aber der alte Mann hielt mich zurück.

„Du solltest vorher einen Imbiss zu dir nehmen. Außerdem gibt es noch einige Dinge, die du wissen musst", meinte er und führte mich in seine Klause.

„Das ist kein gewöhnlicher Brunnen", sagte er mit großer Eindringlichkeit, während er eine Scheibe Brot abschnitt und mit Schmalz beschmierte. "Ich hoffe inständig, dass du unten nur Wasser vorfindest! Ansonsten ruf sofort um Hilfe. Dann ziehe ich dich wieder hoch. Sprich mit Niemandem und vor allem, pass auf, dass du nichts verlierst! Es ist schlimm genug, dass mir das Missgeschick mit dem Fernglas passiert ist, aber mach es nicht noch schlimmer, indem die einen weiteren Gegenstand unten zurücklässt!"

Natürlich bestürmte ich den Eremiten mit Fragen, aber antwortete nicht. Schweigend ging er zu einer wurmstichigen Truhe und kramte etwas heraus.

„Diese Münze musst du um jeden Preis bei dir behalten", sagte er und hängte mir ein Lederband um den Hals an dem eine große Silbermünze befestigt war."

„Wie kann man eine Münze an einem Band befestigen?" fragte der Mann im braunen Anzug.

„Aber ich soll den Mund halten", protestierte der Sohn der Wirtin.

Der Sänger lachte.

„Der Junge hat völlig Recht!"

Anklagend hielt er der Wirtin sein halb leeres Glas entgegen.

„Die Münze hatte ein Loch in der Mitte, aber dies ist die letzte Unterbrechung oder ich erzähle nicht weiter."

Alle Blick waren auf den Mann im brauen Anzug gerichtet.

„Schon gut! Das ist mir so spontan herausgerutscht."

Der Sänger trank einen großen Schluck und setzte seine Geschichte fort: „Ich überlegte augenblicklich, was man wohl für diese Münze beim Goldschmied erhalten mochte.

„Ich gebe dir eine Belohnung, wenn du mir das Fernglas wiederbringst", sagte der Eremit, der meine Gedanken gelesen haben musste, „aber rühre bitte die Münze nicht an. Denk an dein Missgeschick mit dem Lied, das alle eingeschläfert hat. Es ist nicht gut für Laien, magische Gegenstände zu besitzen!"

Als ich das Brot gegessen hatte gingen wir zum Brunnen. Dort wickelte der Eremit mir einen dicken Strick den Körper. Es war offensichtlich nicht das erste Mal, dass er dergleichen tat. Hatte er in seiner Jugend, steile Berghänge erklommen? Ich traute ihm im Guten wie im Schlechten alles fast zu. Das andere Ende des Seiles verknotete er mit der Kurbelwinde des Brunnens, mithilfe derer sonst der Eimer heruntergelassen wurde.

Auf den Brunnenrand kletternd bemerkte ich, dass in die Wand des Schachtes eiserne Krampen eingelassen waren, auf denen man hinuntersteigen konnte, aber diese Mühe bleib mir vorerst erspart.

„Bereit?", fragte der Eremit und ich nickte.

Als mich er mit der Kurbelwinde in den Schacht herabließ, war mir etwas mulmig zumute. Zwar bezweifelte ich, dass sich da unten jemand befand, mit dem man hätte sprechen können, aber die eindringliche Warnung des Eremiten gefiel mir gar nicht.

Tiefer und tiefer sank ich hinab. Von oben hörte ich das Knarren der Kurbel, aber auch von unten drangen Geräusche zu mir empor, die ich aber leider nicht deuten konnte. Auch wunderte ich mich, dass die Temperatur kaum abnahm.

Dann wurde es allmählich wieder heller. Unter mir sah ich festen Boden. Das Fernglas musste in Tausend Stücke zersprungen sein.

Einen Augenblick lang erwog ich: „Hier ist kein Wasser. Zieht mich sofort wieder hoch!" zu rufen, aber dann obsiegte die Neugier über die Vernunft.

Bald war ich unten angelangt. Staunend blickte ich mich um. Ich befand mich in einer niedrigen Höhle, die sich vor mir ins Freie öffnete. Eine liebliche Landschaft mit blühenden Bäumen leuchtete mir entgegen und ich beschloss, mich draußen umzusehen.

Ich band den Strick los und sofort hörte ich die Stimme des Eremiten von oben durch den Schacht schallen, aber ich schenkte ihr keine Beachtung. Die Landschaft jenseits der Höhle zog mich magisch an.

Über dem Höhlenausgang waren seltsamen Zeichen angebracht, die in der Dunkelheit leuchteten. Die gleiche Inschrift verzierte das Portal auch auf der Außenseite. Mir wäre dies Detail sicher nicht aufgefallen, wenn ich nicht bestrebt gewesen wäre, mir den Rückweg gut einzuprägen, denn der Anblick, der sich mir draußen bot, zog mich völlig in seinen Bann.

Ich befand mich auf einer Insel inmitten eines breiten Stroms, auf der eine Stadt aus Holz- und Zeltbauten errichtet war. Den Mittelpunkt bildete ein altertümlicher Palast mit Kirche, umgeben von weiteren Holzgebäuden, die Herbergen sein mochten. Auf dem Rest der Insel breitete sich ein Lager aus farbigen Zelten aus. Einige übertrafen die anderen an Größe und Pracht. Sie gehörten wohl Fürsten, die offensichtlich versuchten, einander mit ihren Prunkzelten auszustechen. In der Ebene wogte ein Meer von Fahnen und Standarten.

Die Kleidung der Männer war noch weit altertümlicher als die der Einwohner von Schlafhausen. Sie trugen lange, farbige Gewänder über Kettenhemden. So hatte ich mir immer mittelalterliche Ritter vorgestellt. Sie sprachen einen Dialekt, den ich nur mit Mühe verstand, aber ich hätte sowieso nicht gewusst, was ich sagen sollte.

Völlig überwältigt, schaute ich mich um. In der Ferne sah ich große Stadt mit turmbewehrter Mauer und Kathedrale, die mit der Insel durch eine Brücke aus Schiffen verbunden war. Auf dieser Schiffsbrücke bewegte sich eine Prozession auf das Lager zu. Sie wurde angeführt von einem Herrscher im Purpurmantel, dem ein großes Schwert voran getragen wurde. Sein Gefolge bestand aus hohen weltlichen und geistlichen Würdenträgern, die jeweils einen Hofstaat von Rittern besaßen, gekleidet in den Farben ihrer Lehensherren. Ich ging der Prozession entgegen.

Aus einem kleinen Hain klang mir Waffengeklirr. Plötzlich durchfuhr mich ein stechender Schmerz. Ein Schlag auf den Kopf ließ mich das Bewusstsein verlieren. Ich weiß bis heute nicht, was mir passiert war. War es ein Unfall oder wollte mich ein Ritter gefangen nehmen, der es dann mit der Angst zu tun bekommen hat, als er sah, dass ich unbewaffnet war?

Als ich wieder zu mir kam, befand ich mich jedenfalls inmitten eines wilden Kampfgetümmels. Schlagartig war ich hellwach. Um mich herum bekriegten sich zwei Gruppen von Rittern. War in der Zwischenzeit ein Krieg ausgebrochen?

Ein Ritter galoppierte mit gesenkter Lanze auf mich zu. Ich hob die Hände zur Kapitulation, wäre aber trotzdem fast von der Lanze erfasst worden, da der Ritter erst im letzten Augenblick ablenkte. Ich warf mich zu Boden, denn ich hatte einmal gehört, dass Pferde nicht auf liegende Menschen treten. Am ganzen Körper zitternd ließ ich meinen Blick schweifend.

Wahrscheinlich säße ich jetzt nicht in diesem Wirtshaus, wenn ich nicht einen Bereich gesehen hätte, der mit Seilen umgrenzt war. Ein völlig erschöpfter Knappe von etwa vierzehn Jahren saß dort schwer atmend an einen Baumstamm gelehnt. Seine Waffen hatte er ablegen. Offensichtlich waren die Strapazen der Schlacht zu groß für den Jungen gewesen.

Ich sammelte meinen gesamten Mut und erhob mich vom Boden. Mit erhobenen Armen rannte ich durch die Gruppen von Kämpfenden hindurch, bis zu dem abgezäunten Bezirk. Völlig außer Atem und vor Angst zitternd ließ ich mich unter einen Baum fallen. Der Knappe starrte mich an, als wäre ich ein fremdländisches Tier.

Ihr könnt euch vorstellen, wie schwierig sich die Kommunikation mit dem Jungen gestaltete und ich möchte eure Geduld nicht mit der Schilderung des mühsamen Dialoges strapazieren, aber schließlich erfuhr ich, dass ich mich im sogenannten Refugium befand, in dem niemand angegriffen werden durfte, und dass sich vor meinen Augen keine Schlacht, sondern ein Turnier abwickelte. Dies erstaunte mich sehr, denn ich hatte eine ganz andere Vorstellung von der edlen Kunst des Turnierens gehabt.

„Ich dachte, man kämpft Mann gegen Mann und nicht in wilden Haufen?" fragte ich verblüfft.

„So beginnt es", informierte mich der Junge. „Zuerst finden die Tjosts statt und dann werden die Teilnehmer in zwei Scharen unterteilt, die einander bekriegen."

Der Knappe musterte mich von Kopf bis Fuß.

„Aber woher kommt Ihr Herr, dass ihr Turniere nur vom Hörensagen kennt?"

„Aus dem Tal des Vergessens, wo Turniere völlig unbekannt sind."

Etwas Besseres fiel mir nicht ein, aber natürlich steigert diese Antwort die Neugier des Jungen. Das hätte ich vorhersehen müssen.

„Und dort trägt man diese hochmerkwürdige Gewandung?"

Ich nickte, sagte aber nichts, um den Knappen nicht zu weiteren Fragen zu animieren. Stattdessen studierte ich das blutige Geschehen auf der Wiese. Die Schlacht – denn das war es für meinen Geschmack – war noch immer im Gange. Lanzen brachen. Schilde zerbarsten, Helme gingen in Stücke. Die Pferde waren bereits in Schweiß und Schaum. Nicht wenige Reiter wurden abgeworfen und stürzen.

Der Knappe versuchte weiterhin, mich auszufragen, aber ich gab mich schweigsam. Trotzdem ließ der Junge sich nicht einschüchtern, sondern plauderte munter auf mich ein.

Dann hörte ich mit halbem Ohr etwas, das mich interessierte.

„Was hast du da gesagt?" fragte ich.

„Heute Morgen hat man dem Kaiser ein seltsames Ding gebracht."

„Was für ein Ding?" fuhr ich den Jungen an.

Er schaute mich mit großen, melancholischen Augen an.

„Das weiß ich nicht. Ich hörte nur, wie mein Herrn dies zu einem anderen Ritter sagte."

„Und sonst sagte er nichts?"

„Nur, dass am heutigen Abend Lustbarkeiten stattfinden sollen."

Meine Gedanken rasten. Wie konnte ich nur zum Kaiser vordringen? War das seltsame Ding wirklich das Fernglas des Eremiten?

Dann kam mir eine Idee.

„Wer ist eigentlich dein Herr?" fragte ich den Knappen.

„Graf Diether von Katzenellenbogen."

Der Junge strahlte vor Stolz.

„Und wie heißt du?"

„Kuno!"

So sah er auch aus.

„Kuno, wenn hier wieder Frieden herrscht, kannst du dann deinen Herrn bitten, mir eine Gunst zu gewähren? Ich würde nämlich gern heute Abend für die hohen Herren singen."

„Ihr wollt was, Herr?" fragte der Knappe und starrte mich fassungslos an.

„Durch die Zufälligkeiten dieses Daseins bin ich ein fahrender Sänger, der viele fremde Länder bereits hat und dem manch seltsame Mär zu Gehör gekommen ist."

Ich drückte mich absichtlich so geschwollen aus, um mich der Sprechweise der Menschen anzupassen, zu denen es mich verschlagen hatte.

Kuno schüttelte erstaunt den Kopf.

„Herr, ihr habt seltsame Ideen. Alle großen Sänger des Reiches sind heute hier versammelt. Seit Tagen streiten sie um die Ehre, vor dem Kaiser zu singen", wandte er ein.

Ich rede dem Jungen gut zu und geizte nicht mit Eigenlob. Schließlich erklärte er sich bereit, Graf Diether von Katzenellenbogen um seine Hilfe zu bitten.

Wir warteten im Refugium bis das Turnier endlich zu Ende war. Dann begleitete ich Kuno zum Zelt seines Herrn.

Kuno verschwand im Eingang des Zeltes und jemand begann zu brüllen, wie ich vermutete Graf Diether von Katzenellenbogen. Offensichtlich hörte er dem Jungen nicht einmal zu.

Wenige Minuten später kam Kuno mit hängendem Kopf und unglücklichem Gesichtsausdruck zurück.

„Er war so wütend darüber, dass ich mich in das Refugium zurückgezogen habe, dass er mich zu meinem Vater zurückgeschickt hat", sagte er kleinlaut. „Und ich kann es dem Grafen nicht einmal verdanken."

Als der Junge mir sein Leid klagte, tat er dies mit einer ungewöhnlich schönen, melodischen Stimme.

„Vielleicht solltest du dich als Sänger ausbilden lassen", schlug ich ihm daher vor. „Wahrscheinlich hast du dafür mehr Talent als zum Kämpfen."

Sein Gesicht hellte sich auf.

„Habt ihr dies tatsächlich bemerkt, mein Herr? Meine Mutter sagte immer: Kuno singt wie ein Engel"."

Er sah mich mit großen Augen an.

„Könnt Ihr mich nicht unterrichten, Herr?"

Vor Schreck verschluckte ich mich fast an einem Bissen des Apfels, den ich als Proviant mitgenommen hatte.

„Leider bin ich nur auf der Durchreise", sagte ich und verfluchte meine Hilfsbereitschaft. „Außerdem wirft mein Gewerbe nicht genug ab, um einen Lehrling zu ernähren."

Es gelang mir nur großer mit Mühe, den Jungen abzuschütteln. Mittlerweile hatte ich nämlich einen anderen Plan gefasst, wie ich es schaffen könnte, mit dem Kaiser zu sprechen. Dabei war der Junge nur hinderlich.

Nach mehreren unschönen Wortwechseln mit Leibwächtern und anderen Wichtigtuern, gelang es mir am Abend bis zum Haushofmeister des Kaisers vorzudringen. Er war ein kräftiger Mann mittleren Alters, der wirkte, als könnte er das Ende der Festivitäten kaum erwarten.

„Ich bin ein Wahrsager aus der Fremde", log ich. „Ich habe einen weiten Weg zurückgelegt, nur um dem Kaiser die Zukunft vorherzusagen."

„Ich werde sehen, was sich machen lässt", erwiderte der Haushofmeister. „Wartet hier draußen."

Dies hörte sich nach einer Absage an, aber ich betrachtete es schon als Erfolg, dass mich der behäbige Mann nicht auslachte.

„Das war mein letzte Versuch", dachte ich, „wenn es nicht klappt, kehre ich um.

Der Haushofmeister kam einige Minuten später zurück und ihr könnt euch vorstellen, wie groß meine Überraschung war, als er mir mitteilte: „Der Kaiser möchte Euch sehen. Folgt mir!"

Ich wurde zum prächtigste der Weinzelte am Ufer geführt. Vor dem Eingang warteten zwei Bewaffnete. Auch im Inneren des Zeltes standen mehrere furchterregende Wachposten, sowie farbig gekleidete Kammerdiener.

Etwas unvermittelt sah ich mich einem graubärtigen Mann mit goldener Krone gegenüber, der mich neugierig musterte. Der Kaiser war ganz anders als ich ihn mir vorgestellt hatte. Er wirkte heiter und ungezwungen.

„Majestät", stotterte ich.

Meine Gedanken rasten. Was hatte ich mir da bloß schon wieder eingebrockt?

„Worauf wartet Ihr", sagte der Kaiser nicht unfreundlich, „Was sagen die Sterne?"

Ich sagte mir, dass jeder gern gute Nachrichten hört, und in einer spontanen Eingebung hielt ich meine Taschenuhr in die Luft. Dann begann ich zu improvisieren.

"In meinem orientalischen Zukunftsanzeiger sehe ich, dass Euer Sohn das Reich vergrößern wird."

„Was seht Ihr noch?" fragte der Kaiser und betrachtete neugierig meine Uhr.

„Euer Enkel wird Euch an Glanz übertreffen", ergänzte ich, aber ein eisiger Schreck durchfuhr mich. Ich hätte die Uhr niemandem zeigen dürfen, am allerwenigsten dem Kaiser! Um den Schaden einzugrenzen, beschloss ich, die angebliche Macht der Uhr herunterzuspielen.

„Sonst sehe ich nichts", beteuerte ich. „Mein Gerät gibt nur sehr allgemeine Auskünfte, und dass nur alle fünf Jahre."

Ich hatte das ungute Gefühl, dass der Kaiser mich durchschaute und wusste, dass ich ein Hochstapler war, aber er behandelte mich weiterhin huldvoll.

„Fragt nach einer Gunst, die ich euch gewähren kann", forderte er mich auf, „Zumal ihr fünf lange Jahre gewartet habt, um mir die Zukunft vorherzusagen."

Ich musste meinen ganzen Mut aufbringen, um meine Bitte vorzubringen.

„Ich würde gern das seltsame Objekt sehen, dass man Euch heute Morgen gebracht hat."

Der Kaiser lächelte.

„Die Gunst sei Euch gewährt. Ich werde Euch zu dem Drachenschädel bringen lassen."

Ich traute meinen Ohren nicht. Wie konnte ich mich nur so getäuscht haben? Wegen eines alten Knochens hatte ich derartige Anstrengungen unternommen. Ich fühlte mich, als habe ich erneut einen Schlag auf den Kopf erhalten. Meine Enttäuschung musste sich in meinem Gesicht widergespiegelt haben, denn der Kaiser rief einem Diener zu: „Besorg dem jungen Mann neue Kleider. In dieser fremdländischen Gewandung wird er sicher von den Kindern ausgelacht."

Ich bedankte mich so höflich ich konnte und nahm die neuen Kleidungsstücke in Empfang. Zuerst wollte ich, wie ein getretener Hund zum Eremiten zurückkehren, aber die Neugier brachte mich dann dazu, tatsächlich den Drachenschädel anzusehen. Ich sage euch, er war so riesig, dass ich den Menschen jenes Landes wünschte, dass der tote Drache keine lebenden Verwandten mehr hatte. Der Kopf allein hatte die Größe eines Pferdes. Im Vergleich mit ihm war der Drache im Tal des Vergessens ein Zwerg.

Dann sagte ich mir, dass man die Feste feiern müsse, wie sie fallen. Also legte ich die neuen Gewänder an und aß ich mich satt an der Tafel des Kaisers.

Niemand bemerkte im Festtagstrubel, dass ich das Weinzelt bald wieder verließ, um mich auf dem Weg zur Höhle zu machen.

Obwohl sich das Tor, das in den Felsen führte nah bei den Zelten befand, schenkte ihm niemand Beachtung. Ich schaute mich vorsichtig um. Als ich sicher war, dass man mich nicht beobachtete, schlich ich hindurch. Schon wollte ich die Krampen hinaufsteigen, als ich bemerkte, dass ein weiterer Schacht hinabführte. Dies erregte natürlich meine Neugier. Nie wieder würde mir der Stoff für meine Lieder ausgehen, wenn ich mich weiter unten umsah.

„Wohnt ihr hier?" fragte eine wohltönende Stimme, die mich fast zu Tode erschreckte.

Ich fuhr herum. Ich hätte es mir eigentlich denken können! Der Junge war mir gefolgt.

„Kuno! Wer hat dir geheißen…"

„Ich wollte Euch nicht ärgern", unterbrach mich Kuno und sah mich mit seinen großen, hellen Augen an. „Aber ich dachte, vielleicht überlegt Ihr es Euch ja noch einmal. Ich würde so gern Euer Lehrling werde! Dann kann ich auch die Kunst erlernen, in die Zukunft zu sehen."

Ich hätte den Jungen umbringen können!

„Verlasse sofort die Höhle!"

Der Blick des Jungen hätte einen Steuereintreiber erweicht.

„Wenn ich zu meinem Vater zurückgehe, steckt er mich bestimmt ins Kloster! Eher bringe ich mich um! Meine Stiefmutter wollte sowieso, dass ich Mönch werde! Dann ist sie mich endgültig los."

„Und dein Vater?" fragte ich, denn mir erschien Kunos Reaktion etwas übertrieben. „Er wird doch auch ein Wörtchen mitzureden haben. Du bist doch schließlich sein Erbe!"

Kunos sah mich unglückliche an.

„Ich wollte, es wäre so, aber ich habe drei ältere Brüder und zwei jüngere Halbbrüder!"

Was blieb mir also anderes übrig?

„Du hast keine Ahnung, worauf du dich einlässt", sagte ich in einem letzten Versuch, den hartnäckigen Knaben abzuschütteln. „Ich stamme nicht aus eurer Welt, sondern komme von da oben."

Ich zeigte auf den Brunnenschacht.

„Seid Ihr ein Engel?" fragte der Junge mit weit aufgerissenen Augen.

„Nein, so habe ich das nicht gemeint! Ich weiß nicht, wie ich es dir erklären soll, aber bei uns ist alles ganz anders."

Der Junge schien dies nicht ungern zu hören.

„Das macht nichts. Hier gefällt es mir sowieso nicht."

Langsam gingen mir die Argumente aus. Wie sollte ich Kuno nur begreiflich machen, worauf er sich einließ?

„Du gehörst dort nicht hin", sagte ich schließlich.

„Hier gehöre ich auch nicht hin."

Der Junge sah aus, als ob er gleich weinen würde und ich war ratlos. Sollte der Eremit die Suppe auslöffeln, die er mir einbebrockt hatte!

„In Gottes Namen", sagte ich, „aber vorher steige ich den anderen Schacht hinunter und ich habe keine Ahnung, was ich dort vorfinde. Vielleicht wohnen dort Drachen. Warte also lieber hier auf mich!"

Der Jungen schüttelte den Kopf.

„Ich komme mit Euch, Herr!"

Ich kapitulierte vor soviel Hartnäckigkeit.

Wir stiegen also zusammen Stufe für Stufe den Schacht hinab. Dies war ein mühseliges Geschäft, denn dieser Schacht war noch tiefer als der, durch den ich auf die Insel gelangt war. Endlich erreichten wir eine zweite Höhle. Wieder führte ein Gang ins Freie. Vorsichtig lugte ich durch die Felsenöffnung und sah den letzen Menschen, den ich hier unten anzutreffen erwartet hatte.

„Also hier treibst du dich herum", fuhr mich der Eremit an. Dann sah er den Jungen, der mir gefolgt war. Er starrte ihn an, als ob er ein Gespenst vor sich sähe.

„Das ist Kuno", sagte ich. „Er ließ sich nicht abschütteln, aber er ist ganz harmlos."

Wieder durchlöcherte der Eremit den armen Jungen mit Blicken.

„Ich habe dir gesagt, dass du mit niemandem sprechen sollst, aber das übersteigt alles, was ich mir hätte vorstellen können!"

„Er stand plötzlich hinter mir in der Höhle. Was hätte ich tun sollen, ihn umbringen?"

Der Blick des Eremiten verriet, dass er genau daran gedacht hatte. Ich legte Kuno den Arm um die Schulter, um ihm zu signalisieren, dass er nichts zu befürchten hatte.

„Wir können ihn ja auf dem Rückweg wieder bei seinen Leuten abliefern", schlug ich vor.

„Das können wir auf keinen Fall tun. Wir müssen ihn in unsere Zeit mitnehmen, denn wir dürfen die Vergangenheit nicht verändern."

Erst jetzt begriff ich völlig, was geschehen war.

„Ich bin in die Vergangenheit herabgestiegen?" fragte ich völlig perplex. „Ich glaube, Ihr schuldet mir eine Erklärung."

Der alte Mann schüttelte den Kopf.

„Auch ich kenne nicht alle Geheimnisse des Zauberbrunnens."

„Zumindest wisst Ihr, das es ein Zauberbrunnen ist", unterbrach ich ihn verärgert, „und Eure Klause befindet sich wohl auch nicht zufällig direkt neben diesem Brunnen! Wart Ihr schon oft da unten?"

Der Eremit schaute mich sorgenvoll an.

„Nur einmal, aber daran möchte ich lieber nicht zurückdenken!"

Ich war wütend.

„Und dann schickt Ihr mich hinab! Und alles wegen eines einfachen Fernglases!"

Der Eremit ging auf und ab.

„Ich kann deinen Zorn verstehen, aber du tust mir unrecht. Die meiste Zeit ist der Brunnen ganz normal. Daher konnte ich es mit meinem Gewissen vereinbaren, dich mit dieser Mission zu betrauen. Und was das Fernglas betrifft…"

„So handelt es sich wahrscheinlich um kein gewöhnliches Fernglas, sondern um ein Zauberfernglas."

Der Eremit lächelte maliziös.

„Nur ein wenig, aber vor allem durfte es niemandem aus der Vergangenheit in die Hände fallen. Ich habe es dir vorhin schon gesagt: wir dürfen nicht in die Vergangenheit eingreifen! Selbst die kleinste Veränderung könnte katastrophale Wirkung haben."

Mir wurde es ganz schwindlig bei diesem Gedanken, aber ich sah noch einige Unstimmigkeit.

„Wenn wir Kuno mitnehmen, so haben wir auch die Vergangenheit verändert", wandte ich ein. „Vielleicht wäre er sonst König geworden oder er hätte der mittelalterlichen Literatur seinen Stempel aufgeprägt. Er hätte ein einflussreicher Prediger werden können oder ein berüchtigter Räuber."

Der Eremit seufzte.

„Das ist es ja! Aber, wenn er von uns erzählt gibt es eine Katastrophe."

Dies brachte mich direkt zu der zweiten Frage, die sich mir gestellt hatte.

„Und warum kommen nicht Menschen aller Zeiten in Scharen aus deinem Brunnen gestiegen?"

Der Eremit nickte, als ob er erst jetzt bemerkte, dass er nicht der einzige Mensch war, der sich seines Verstandes bediente.

„Nur wer eine Zaubermünze besitzt, sieht den Ausgang."

Er sah Kuno an.

„Hast du das Tor gesehen?"

„Nein, der Meister ist in den Stein gelaufen und ich bin ihm gefolgt."

Der Eremit sah mich amüsiert an.

„Du hast es mittlerweile zum Meister gebracht?"

Mir war diese Anrede eher peinlich, aber zugleich ärgerte mich die Überheblichkeit des Eremiten.

„In der Tat! Ich habe ihn als Lehrling der Gesangskunst angenommen", sagte ich daher.

Noch immer hatte ich das Gefühl, dass mir der Eremit wichtige Dinge verschwieg.

„Und woher habt Ihr diese Münzen? Ihr wisst weit mehr als Ihr mir gesagt habe." fragte ich.

Die Miene des Eremiten verfinsterte sich.

„Genug der Fragen für heute. Wir sollten besser unsere Suche nach dem Fernglas fortsetzen. Eigentlich bin ich dir ja nur gefolgt um dich zurückzuholen, aber jetzt wo ich einmal hier unten bin…"

Er runzelte die Stirn und sah er an mir herab.

„Warum läufst du eigentlich im Nachthemd herum?"

Ich fand diese Bemerkung nicht komisch.

„Das tragen alle in der Welt, aus der ich gerade komme", sagte ich und zeigte auf Kuno, der ähnlich gewandet war. „Meine alten Kleidungsstücke trage ich zu einem Bündel verschnürt auf dem Rücken."

Wir näherten uns der Landschaft, die uns durch das Höhlentor entgegenstrahlte. Es war eine felsige Gegend mit einem kleinen Hain und einem Berg, der von einem heidnischen Steintempel bekrönt wurde.

„Ist er ein Zauberer?" flüsterte Kuno mir zu.

Ich schüttelte den Kopf, denn ich wollte den Jungen nicht beunruhigen.

„Wir suchen da draußen ein Fernrohr. Das ist ein Metallrohr mit einem Glasstück an jeder Seite. Wenn man hindurchschaut, wird die Welt vergrößert."

„Meister, seid Ihr am Ende ein Zauberer?" fragte Kuno. Sein Blick wanderte zwischen dem Eremiten und mir hin und her.

„Nur ein wenig", antwortete der Eremit und drehte sich um. Es war schwierig, die unbeweglichen Züge des alten Mannes einzuschätzen.

„Ich bleibe mit Kuno am Ausgang der Höhle", sagte er, „während du die Umgebung erkundest, aber keine Unvorsichtigkeiten und vor allem: bring diesmal niemanden mit! Mehr als einen Lehrling kannst du nicht ernähren."

Als ich ins Freie trat, bemerkte ich, dass sich nicht nur die Landschaft geändert hatte, sondern auch das Klima. Noch nie hatte ich eine derartige Hitze erlebt. Die staubige Luft verschlug mir für einen Augenblick den Atem. Trockene Zweige trieben im Wind an mir vorbei. Aus der Ferne hörte ich die Brandung des Meeres und in der Luft lag ein salziger Geruch.

Vor mir lag eine kahle Ebene und ich überlegte, dass es wenig wahrscheinlich war, dass das Fernglas einen Sturz auf die Steine unbeschadet überstanden haben könnte. Ich ging einige Schritte auf den Hain zu, unsicher, ob ich ihn betreten sollte, aber diese Entscheidung wurde mir abgenommen durch vier leicht bekleidete, aber schwer bewaffnete Männer, die mir entgegenkamen und deren Minen nichts Gutes verhießen. Ehe ich auch nur über eine mögliche Flucht nachgedacht hatte, war ich gefesselt und abgeführt. Meine Proteste verhallten ungehört im heißen Wind.

Dies war auch nicht erstaunlich, denn ich verstand die Sprache nicht, in der meine Feinde sich unterhielten. Ich verfluchte innerlich den Eremiten und meine eigene Gutwilligkeit.

Man schleppte mich durch den Hain, zu einem älteren Mann, der in ein weißes Tuch gehüllt war. Mein Anblick erfüllte ihn mit unübersehbarer Zufriedenheit. Ich bin sicher, dass er die Männer, die mich gefangen genommen hatte, lobte.

Dann stellte er mir Fragen, die ich aber nicht verstand.

Man führte mich zu einem weiß getünchten Haus und warf mich dort in ein Verlies. Ich kann es nicht sagen, wielange ich dort dumpf brütend auf einer Holzpritsche gesessen habe, bis mich eine bekannte Stimme aus der Lethargie riss.

Mein Herz raste, als ich feststellte, dass es der Eremit war, der offensichtlich die Sprache des Landes beherrschte. Dies half ihm allerdings nicht viel, denn kurze Zeit später warf man ihn in meine Zelle.

„Wenigstens habt Ihr Kuno nicht mitgebracht", konnte ich es mir nicht verkneifen zu sagen. „In welcher Sprache habt Ihr eigentlich mit diesen Wilden gesprochen?"

„Griechisch", erwiderte der Eremit leicht amüsiert. Dann wirkte er plötzlich alt und hinfällig. „Es sind keine Wilden, sondern Griechen."

„Und warum sperren sie uns dann ein, wenn es keine Wilden sind?"

„Weil sie der heidnischen Göttin Artemis geschworen haben, jeden Fremden zu opfern, der bei ihnen landet."

Ein eisiger Schrecken durchfuhr mich. Bis zu diesem Augenblick hatte ich gehofft, Opfer eines Missverständnis zu sein, das sich irgendwann aufklären würde, aber anscheinend war meine Lage noch viel schlimmer, als ich vermutet hatte.

„Warum?" war alles, was ich noch herausbekam.

„Bei diesen Menschen gab es eine schlimme Seuche und der Priester hat Artemis dieses barbarische Opfer als Gegengabe für ihre Hilfe gelobt. Kurze Zeit später hörte das große Sterben auf und seitdem opfert man der Göttin alle gestrandeten Fremden."

Ich war empört.

„Und das hat man Euch alles erzählt?"

Der Eremit seufzte.

„Das sind Heiden. Sie wissen es nicht besser."

Mir war dies alles zu hoch, aber ich verstand, dass es zwecklos war, den Eremiten zu beschimpfen, denn er teilte mein Schicksal.

Eine Weile saß ich dumpf brütend auf dem Boden, aber dann fiel mir plötzlich etwas ein.

„Von dem Fernglas fehlt noch immer jede Spur?" wollte ich wissen.

„Verdammt", entfuhr es dem Eremiten. Dann erst realisierte er, dass er geflucht hatte und er begann laut, den Rosenkranz zu beten.

„Meint Ihr, uns kann nur noch ein Wunder helfen?" fragte ich, zwischen Ärger und Angst hin und her gerissen.

„Darauf sollte man sich lieber nicht verlassen", erwiderte der Eremit und rief dem Wärter etwas zu.

In ohnmächtiger Ungeduld verfolgte ich den Wortwechsel in der fremden Sprache. Der Wächter nickte und sprach mit einem Kollegen.

„Ich habe ihm das Fernglas beschrieben", klärte mich der Eremit auf, „und ihm eine Belohnung versprochen, fall er mir das gesuchte Objekt wieder beschafft."

„Aber wir haben nichts", protestierte ich, „und außerdem: welchen Sinn soll es machen, sich das Fernglas ins Gefängnis bringen zu lassen?"

„Wir haben zum Beispiel deine alten Gewänder", sagte der Eremit und deutet auf mein Bündel, das auf dem Zellenboden lag. Ehe ich mich beschweren konnte, fuhr er fort: „Wenn man mir das Fernglas bringe sollte, werde ich es sofort zerstören. Dann kann es die Vergangenheit nicht mehr verändern."

Ich sah den Eremiten missmutig an und dachte an den armen Kuno, der im Tunnel auf uns wartet. Hoffentlich kam er nicht auf die Idee, uns zu suchen.

„Außerdem glaube ich nicht, dass es uns beschieden ist, bei diesen Heiden unser Leben zu lassen", unterbrach der Eremit mein Gedanken und begann, weiter, unzählige Rosenkränze zu beten.

Ein knirschendes Geräusch ließ mich aufschrecken. Die Zellentür wurde geöffnet und ein junges Mädchen stellte ein Tablett mit hellem Brot, Oliven und einem Tonkrug mit Wein auf den Boden. Sie warf uns einen traurigen Blick zu und ging wortlos wieder hinaus. Sofort schloss der Wärter die Zellentür hinter ihr zu.

Nachdem wir die kleine Mahlzeit zu uns genommen hatten, begann es bereits zu dämmern. Es war mir unter diesen Umständen unmöglich, einzuschlafen, ganz im Gegensatz zum Eremiten, dessen Scharchen kurze Zeit später den Raum erfüllte.

Der Morgen kam und wieder brachte das Mädchen uns einen Imbiss. Es folgte ein grimmig aussehender Krieger, der uns aufforderte, ihm zu folgen. Der Eremit musste mir diesmal die Worte nicht übersetzen. Ich verstand auch so.

Man schleppte uns vor die Priesterin, eine weiß gewandete, strenge Frau von etwa vierzig Jahren. Mit Schaudern sah ich den Opferaltar, der bereits mit Girlanden und Stierköpfen geschmückt war. Um den Altar standen junge Mädchen, die Opferschalen mit Getreide, Oliven, Pinienzapfen und Wein in den Händen hielten.

Die Mädchen betrachteten uns mit mitleidigen Blicken und dies machte mich wütend. Die Tatsache, dass sie uns bemitleideten zeigte, dass ihnen bewusst war, dass sie Unrecht taten. Noch nie in meinem Leben war ich mir so hilflos vorgekommen. Als ob es nicht genug war, gefesselt vor der mordlüsternen Priesterin zu stehen, war ich auch noch damit gestraft, der Landessprache nicht mächtig zu sein!

Die Priesterin musterte mich, ohne ein Wort zu sagen. Es war der gleiche Blick, mit dem ich als Kind im Frühjahr die Osterlämmer ansah, aber trotz aller Gefahren, kam ich nicht umhin zu bemerken, dass ich ihr gefiel."

Der Sänger sah sich herausfordernd um in der Runde.

„Dies ist alles sehr lang her und ich war damals noch jung!"

Als er bemerkte, dass niemand seine Worte anzweifelte, setzte er seinen Bericht fort: „Der Eremit sagte etwas zu der strengen Frau und sie studierte mich eingehend und nicht ohne Wohlwollen.

„Kennst du noch die Worte des Liedes, das du in Schlafhausen gelernt hast?" fragte mich der Eremit in einem beiläufigen Tonfall.

Ich nickte und fühlte neue Hoffnung in mir aufsteigen. Schon öffnete ich die Lippen, aber der Eremit bedeutete mir mit einer Handbewegung zu schweigen.

Erneut richtete die Priesterin das Wort an den Eremiten und es war mir klar, dass sie über mich sprachen. Der Eremit antwortete und ich kam mir vor wie eine Sache, über die man verschenkt.

„Ich habe der Priesterin von deinem großen Gesangstalent berichtet", sagte er, „und nun erwägt sie, dich als Tempelsänger bei sich zu behalten."

„Das kommt überhaupt nicht in Frage!" protestierte ich. „Ich bleibe nicht hier! Eher bringe ich sie alle zum Schlafen."

„Selbstverständlich, aber denk dran, mich danach außer Hörweite zu tragen und mir das Lied ein zweites Mal vorzusingen!"

Ich wollte „selbstverständlich" antworten, als mich ein allgemeiner Tumult ablenkte. Verursacher waren zwei Bewaffnete, die Kuno heranschleiften.

„Dieser Unglücksrabe hat uns gerade noch gefehlt", fluchte der Eremit in seinen Bart, „Ich habe es doch geahnt, dass der Junge nur Ärger bringt! Und zu allem Überfluss hat er auch noch mein Fernglas gefunden, denn einer der Männer erzählt gerade den anderen, Kuno habe am Strand gesessen und in ein Rohr geschaut."

„Vielleicht sollten wir das nächste Mal gemeinsam aufbrechen und uns nicht einzeln gefangen nehmen lassen", schlug ich vor.

„Es wird kein nächstes Mal geben, nun, da wir das Fernglas gefunden haben!"

Kuno stand mit hängendem Kopf vor uns.

„Es tut mir so leid", jammerte er. „Aber, als ihr solange nicht zurückgekommen seid, hatte ich Angst, ihr würdet mich allein zurücklassen. Außerdem hatte ich schrecklichen Hunger. Als ich ins Freie getreten bin, habe ich Euer Rohr der Ferne unter einem Grasbüschel gesehen."

Wieder bewunderte ich die melodische Stimme des Knappen.

„Leider kann ich nicht mit den Barbaren kommunizieren", flüsterte ich dem Eremiten zu, „aber ich wäre dankbar, wenn Ihr ihnen sagen würdet, dass Kuno noch viel schöner singt als ich."

Der Eremit sah mich zweifelnd an.

„Vielleicht könnten wir ihn ja hier lassen. Dann haben wir eine Sorge weniger!" sagte ich so leise, dass Kuno es nicht verstehen konnte.

„Bei dir möchte ich nicht Lehrling sein", erwiderte der Eremit trocken, „aber es ist einen Versuch wert."

Also übersetzte der Eremit meine Bemerkung. Dann bat er Kuno, irgendetwas zu singen. Dies musste er dem Knappen nicht zweimal sagen. Mit glockenheller Stimme sang er mit einer solchen Inbrunst ein trauriges Liebeslied, dass den Mädchen die Tränen in die Augen stiegen. Nur die Priesterin war ungerührt.

Ich sah den Jungen an.

„Ich glaube, sie würden dich gern als Tempeldiener behalten."

Kuno starrte mich an. Blankes Entsetzen lag in seinen Augen.

„Aber Meister! Ich möchte nicht bei diesen Heiden bleiben", protestierte er. „Ich bin ein guter Christ. Außerdem habt Ihr mir versprochen, mich als Lehrling mitzunehmen!"

Jetzt war es Kuno, der wirkte, als ob er bald weinen würde.

Die Priesterin sagte etwas und, nach dem Klang ihrer Stimme zu schließen, war sie unzufrieden.

„Die Priesterin besteht darauf, auch dich singen zu hören", übersetzte der Eremit.

„Kuno ist ihr wohl zu jung, aber von mir aus!"

Der Eremit lächelte.

„Ich verlasse mich ganz auf dich!"

Also sang ich das Lied des Wanderpredigers Ernst von Soergenloch: „Als nun die Sonne untergegangen war, fiel ein tiefer Schlaf auf Abraham und siehe, Schrecken und große Finsternis überfielen ihn."

Priesterin und Mädchen, Kerkermeister und Schaulustige, alle begannen bald zu gähnen. Sie hielten in dem inne, was sie gerade taten und schlummerten einer nach dem anderen ein.

Vorsichtshalber sang ich auch die zweite Strophe: „Es saß aber ein junger Mann mit Namen Eutyches in einem Fenster und sank in tiefen Schlaf, weil Paulus so lange redete. Und vom Schlaf überwältigt fiel er herunter vom dritten Stock und wurde tot aufgefunden."

Nur die Tiere blieben wach und so konnte ich den Eremiten und Kuno auf einem Eselskarren schleppen und sie damit an den Eingang der Höhle transportieren. Kuno hielt noch im Schlaf das Fernrohr fest umklammert, als sei es eine Trophäe, die er beim Turnier erbeutet hatte.

Ich schaute mich um, um mich zu vergewissern, dass mich niemand hören konnte. Dann sang ich meinen Reisegefährten das Lied des Bußpredigers vor. Beide erwachten sofort.

„Das war ja grauenhaft", sagte Kuno und schüttelte sich. „Ich habe von der Hölle geträumt."

Er wirkte noch immer ganz verstört.

„Ich auch", stimmte der Eremit ihm bei. „Das ist bestimmt das Werk des wahnsinnigen Predigers."

Wir schritten durch die Pforte und stiegen Stufe um Stufe hinauf, bis wir an der ersten Abzweigung angelangt waren.

„Kuno", sagte er Eremit", ich habe es mir anders überlegt: vielleicht verändern wir doch die Vergangenheit stärker, wenn wir dich mitnehmen als wenn wir dich in deine Zeit zurückschicken."

Kuno schüttelte den Kopf. Noch immer umklammerte er das Fernglas.

„Willst du denn nicht zu deinen Leuten zurückkehren?"

„Mich wird keiner vermissen. Ihr seid jetzt meine Familie!"

Also blieb uns nichts anderes übrig als den Jungen in die Gegenwart mitzunehmen."

„Was ist aus ihm geworden?" wollte die Wirtin wissen.

Der Sänger machte eine wegwerfende Handbewegung.

„Er ist bei dem Eremiten geblieben. Das Fernglas hat ihn derart fasziniert, dass er unbedingt in der Astronomie unterrichten werden wollte. Später ist er ein berühmter Gelehrter geworden."

Der Sänger ließ sich seinen Krug nachfüllen.

„Was für ein Jammer um seine schöne Stimme!"