Der Kapitän und ich

"Tag, Mädchen," sagt mein Großvater und, obwohl wir uns vier Jahre lang nicht gesehen haben, gibt er mir auf seine militärische Art die Hand. Es fehlt nicht viel, und er würde die Hacken zusammenschlagen.

"Guten Tag," sage ich und mustere seinen dunkelblauen Mantel mit den Goldknöpfen, die Schiffermütze und die stechend blauen Augen im faltigen Gesicht. Er sieht genauso aus wie die Photographien bei uns zu Hause, vielleicht noch ein bisschen älter. Bevor ich meinen Rollkoffer in Bewegung setzen kann, kommt er mir zuvor und marschiert in erstaunlich schnellem Tempo den Bahnsteig entlang.

"Wie geht's denn deinen Eltern?" fragt er über die Schulter.

"Ganz gut, danke," antworte ich pflichtschuldigst.

Wir laufen an einem Werbeplakat für die Deutsche Telekom vorbei. Die schwarzen Schuhe des Kapitäns und meine hellblauen Turnschuhe hallen laut auf dem Linoleum. Der Hauptbahnhof Rostock stinkt zum Himmel – daran muss ich mich jedesmal wieder gewöhnen. In Montreal, der Großstadt in Kanada, wo ich mit meinen Eltern wohne, ist Rauchen auf Bahnhöfen verboten.

Langsam kommt mir die Erinnerung zurück. Der Kapitän hatte damals ein Arbeitszimmer voller vergilbter Papiere, das nach Pfeifenqualm roch. Eine Tafel Milka-Schokolade hat er mir geschenkt, mit dieser lila-weiß gefleckten Kuh drauf, die man in Montreal nur in einem bestimmten Laden findet. Schon damals hat er mich "Mädchen" genannt. Ich weiß selbst nicht genau, warum mir das gefällt.

Wir halten vor der Treppe an. Mein Großvater schickt sich an, den Koffer anzuheben und die Treppe herunterzuschleppen. "Nein, nein, das mache ich schon," sage ich schnell und nehme ihm das Ding ab. Ich weiß von meinem Vater, dass der Kapitän seit einem Jahr einen Herzschrittmacher benutzt und will nicht verantwortlich sein, falls ihm meine vier dicken Twilight-Bände (zu deutsch Bis(s)) den Rest geben.

Allerdings habe ich nicht mit meiner eigenen Unfähigkeit im Gewichtheben gerechnet. Als der Koffer und ich endlich unten sind, wartet der Kapitän schon mit schiefem Grinsen auf mich, die Hände in den Manteltaschen. Ich bin außer Atem und habe bestimmt einen roten Kopf.

"Nur keine Panik, Mädchen," sagt er. "Was steckt denn da alles drin, Mühlsteine?"

"Bücher."

"Aha. Na, denn viel Vergnügen."

Draußen regnet es in Strömen. Warum nicht, schliesslich sind wir in einer Ostseestadt. Ich ziehe die Kapuze meines College-Pullovers hoch. Der Kapitän holt einen Schirm aus der Manteltasche (so einen, der sich auf halbe Länge verkleinern lässt) und spannt ihn über uns beiden auf. Wir plantschen durch die Pfützen und ich schaue mich um: die silbergrau blitzenden Hochhäuser sehen nicht viel anders aus als in Montreal.

Der Kapitän fährt einen schwarzen Volkswagen Golf, in dem ich mich gleich zuhause fühle; der Firmenwagen meines Vaters ist auch ein Golf, wenn auch ein neuer. Dieser hier sieht etwas eckiger aus. Der Kapitän schaltet das Radio an und fährt los; eine Zeitlang sagt keiner von uns beiden ein Wort.

Wie unterhält man sich denn mit einem Menschen, der zwei Generationen älter ist und mit dem man überdies nichts gemeinsam hat, außer dass man zufällig verwandt ist? Soll ich dem alten Herrn etwa von Twilight erzählen, von Vampiren und Werwölfen? Die Stille brodelt wie Wasser im Topf, wirft Blasen und dampft langsam vor sich hin.

Bis heute Abend war es vorgesehen, dass ich bei ihm bleibe. Dann gibt er mich bei meiner Großmutter ab, seiner Exfrau: ein Plan, den die beiden mit meinem Vater als Unterhändler ausgemacht haben, ohne ein Wort zu wechseln. Geschiedene Ehen gehören in meiner Familie zur Norm; die Ausnahme bilden meine Eltern, die nach fünfundzwanzig Jahren immer noch zusammen sind.

Bis heute Abend. Wenn irgendwer jetzt nicht bald etwas sagt, kann das ja lange dauern.

"Also," beginnt mein Großvater und räuspert sich. "Im wievielten Studienjahr bist du denn nun?"

"Im zweiten."

"Und es macht dir Freude, ja? Dein Literaturstudium?"

Ich denke an Dr. Barnes mit dem lila Lippenstift, die uns ihre eigenen "Spoken Word Pieces" zum Lesen verschreibt. Was der Unterschied zwischen "Spoken Word" und einem ganz normalen Gedicht sein soll, habe ich noch immer nicht begriffen. Ich denke an April Lynne, die mir ins Gesicht gesagt hat, meine Gedichte zeugen von unreifem Charakter. Ich denke an die roten Ziegelgebäude und weiten Rasenflächen des Campus, und an die Bank unter dem Ahornbaum, wo ich meinen täglichen Tortilla Wrap zu mir nehme: das billigste und schnellste, was die Mensa zu bieten hat. Ob es mir Freude macht?

"Mja."

"Das klingt aber nicht besonders froh," meint mein Großvater.

Ich zucke mit den Schultern.

Das Lied im Radio verklingt langsam und geht in das nächte Stück über. Ich atme auf: dieses Lied kenne ich wenigstens. Es ist Der Weg von Herbert Grönemeyer und ich

summe erleichtert die Melodie vor mich hin.

"Kennst du das?"

Der Kapitän verzieht das Gesicht. "Du, frag mich nicht, Mädchen," brummelt er. "Weißt du, nach den Abbas habe ich die Musikszene so ziemlich aus den Augen verloren."

Es dauert mehrere Sekunden, bis mir klar wird, das die Band ABBA gemeint ist. 1970. Damals war mein Vater noch jünger als ich jetzt.

"Ich bin eher an Klassikern interessiert."

Klassiker? Da muss ich unwillkürlich an Edward Cullen denken, dessen Vampirgedächtnis beinahe hundert Jahre zurückreicht und der seiner Bella Debussys Clair de Lune auf dem Klavier vorspielt und mit ihr über Romeo und Julia diskutiert.

Mein Vater hat behauptet, der Kapitän würde für sein Leben gern erzählen – von historischen Ereignissen bis zu seinem Leben als Offizier an Bord der Völkerfreundschaft. "Das geht wie auf Knopfdruck," hat mein Vater gesagt. "Sobald du ihm eine Frage stellst, legt er los."

Aber wie komme ich auf die richtige Frage?

"Neulich in meinem Seminar für Literaturgeschichte … " Wie schrecklich gelehrt sich das anhört! "Haben wir ziemlich viel über Shakespeare diskutiert. Du kennst doch Romeo und Julia?"

"Aber klar doch."

"Findest du es richtig, dass dieses Stück so berühmt ist? Ich meine, eigentlich waren die beiden doch ziemlich albern, oder?"

"Tja, hm … Weißt du, mit Shakespeare ist das so 'ne Sache. Die Leute feiern ihn als Genie und nehmen alles, was er geschrieben hat, so todernst, dass man manchmal vergisst: Er war auch nur ein mensch. Und was diese ganze Selbstmordgeschichte angeht, nun ja … "

Und der Kapitän legt los. Er redet wie ein Wasserfall – von Romeo und Julia springt er zum Sturm, und von dort aus in sein Spezialgebiet: die Geschichte der Seefahrt, insbesondere der deutschen. Er hebt den Zeigefinger, pocht mit der hand auf das Lenkrad und seine Augen leuchten. Ich lehne mich in meinem Beifahrersitz zurück und lasse die Wellen seiner Gesprächigkeit über mir zusammenschlagen. Und sobald ich merke, dass mir die Konzentration schwerfällt, warte ich bis zur nächsten Atempause des Kapitäns und, weil es nicht anders geht, unterbreche ich:

"Du, Opa, kennst du Twilight?"

Ich habe ihm zugehört. Jetzt bin ich mit Erzählen an der Reihe.