Marisol Zauner

25.1.10

Verlassen

Sie hatte ihn verlassen.

Es war einfach nicht mehr anders gegangen. Er hatte nur genommen und nichts gegeben. Sie hatte sich für ihn aufgeopfert, ihre ganze Energie in sein Wohlbefinden gesteckt. Und er hatte es für selbstverständlich hingenommen, ja nicht einmal bemerkt.

Sie hätte alles getan, ja hatte sogar auf seinen Wunsch ihren einzigen Halt aufgegeben. Sie hätte es hingenommen, wenn er sie verlassen hätte, weil sie zu anstrengend war. So sehr hatte sie ihn geliebt.

Irgendwann war sie ausgebrannt. Und so sehr es ihr auch weh tat, sie musste einen Schlussstrich ziehen, damals.

Damals, vor gar nicht langer Zeit.

Und nun saß sie hier und kotzte sich die Seele aus dem Leib, das Einzige, das ihr noch geblieben war.

Sie konnte nicht heulen, in ihr flackerte noch immer das Verbot, sich zu schneiden. Alles in ihr schrie. Doch das alles was sie tun konnte, war leise zu kotzen.

Niemand bemerkte ihre stummen Schreie.

Sie hatte all das so lange ertragen, zu lange. Sie war gestorben vor seinen Augen, und er, er hatte es nicht einmal bemerkt.

Und nun war sie irgend etwas zwischen lebendig und tot.

Jeden Tag ging sie mit einem fröhlichen Lächeln in die Arbeit, wo sie ihn traf. Jeden Tag wollte sie ihm so vieles sagen, und jeden Tag konnte sie nur seine Hiebe, sein Selbstmitleid einstecken, alles schlucken, wenn er sich bei ihr auskotze.

Doch Abends, Abends zahlte sie es ihnen allen heim. Allen, die sie tagsüber nicht beachteten in ihrer Qual, allen die sie ausnutzten, allen die ihrem Lächeln Glauben schenkten.

Abends kotzte sie sich leer, kotze bis nichts mehr da war, das ihr noch weh tun könnte. Bis alles raus war.

Speichelfäden zogen sich durch die Luft, tropften langsam in die Kloschüssel, in der sich längst nur noch Galle befand, doch sie würgte weiter. Konnte einfach nicht aufhören. Die geschminkten Augen tränenverschmiert, das Gesicht heiß, die Finger umklammerten weiß den Rand der Toilette.

Blut tropfte ihr in dicken Perlen aus der Nase, es war ihr egal. Sie würgte weiter. Irgendwann würde der Würgreiz schon aufhören, irgendwann würde das Blut aufhören zu fließen….vielleicht.

Und irgendwann würde es auch nicht mehr weh tun….vielleicht.