Von Dingen die nicht sind

„Ich wusste es konnte nicht gut gehen", seufzte ich resigniert. Wie konnte sich etwas falsch und zugleich auch richtig anfühlen? Tränen brannten in meinen Augen und mühsam schlucke ich. Wird es jemals vorbei sein? Vielleicht eines Tages.

„Möchten Sie darüber sprechen?", fragte mich Dr. Bruckner, mein Therapeut.

Ich blickte ins Leere und sah nur ihn. Strahlend schön war er gewesen und ich hatte ihn so geliebt. Ich liebte ihn immer noch, so falsch es auch war. Ich lehnte mich zurück und sah Dr. Bruckner offen in die Augen.

„Was möchten Sie wissen?" Der Schmerz. Immerzu brannte er in mir.

„Was möchten Sie mir erzählen?" Diese ausweichenden Fragen, ich hasse sie.

„Regen. In Strömen hatte es geregnet an jenem Tag und ich hatte weder einen Schirm, noch eine Regenjacke mit."

Tief holte ich Luft. Die Erinnerung überwältigte mich beinahe. Das war jedes Mal so, wenn ich daran dachte. Ich war wieder dort. Stand unter dem kleinen Verschlag, ein Überbleibsel von Früher, als hier noch Schafe gehütet wurden, mitten im Wald.

„Ich fror. Der Regen kühlte die Luft rasch ab."

Ich senkte den Blick. Ich wollte nicht, dass er sah was ich fühlte. Noch immer schämte ich mich dafür.

„Dann kam er?"

Tränen liefen über meine Wangen. Ich konnte nur nicken.

„Wissen Sie manche Menschen sehen gut aus, wenn sie nass sind. Ich gehöre nicht dazu. Ich sehe einfach nur nass aus. Er suchte genau wie ich Schutz vor dem Unwetter."

Ich knetete nervös meine Finger. Wie sollte man etwas verbotenes, etwas das nicht sein durfte, erzählen? Dr. Bruckner sah mich aufmunternd an, wollte dass ich weiter sprach.

„Ich musste niesen. Er gab mir ein Taschentuch. Wir hatten noch kein Wort gesprochen." Er stand da. Groß schlank und unerreichbar.

„Was dachten Sie von ihm?" Dr. Bruckner unterbrach meine Gedanken. Was dachte ich von ihm?

„Nichts! Wir kannten uns. Flüchtig. Ohne jegliche Bedeutung. Wir unterhielten uns belanglos über das Wetter"

Er machte einen Scherz und ich lachte. Die Stimmung löste sich. Ich war verkrampft gewesen. Mit jemanden den ich kaum kannte in der Abgeschiedenheit festzusitzen, war für mich unangenehm. Man stand da und hatte sich nichts zu sagen und dieses Schweigen wurde, umso länger es dauerte, umso quälender.

„Er hat blaue Augen. Der Regen ließ nach. Wir verabschiedeten uns und gingen"

Ich wischte mir mit einem Taschentuch die Augen trocken. Der Tränenflut war vorerst versiegt.

„Was haben Sie gefühlt?"

Mein Herz schlug schneller. Damals tat es das noch nicht. Ich war nass, mir war kalt und ich wollte nach Hause. Das war alles was ich damals fühlte.

„Ein paar Wochen später begegneten wir uns wieder zufällig an der gleichen Stelle. Er lächelte mich freundlich an und fragte mich ob ich gut nach Hause gekommen war. Wir unterhielten uns und plötzlich war da was. Es war als würden wir uns schon ewig kennen und doch war alles neu."

Noch waren die Grenzen klar. Noch war nichts passiert. Genau da hätten wir es beenden sollen.

„Glauben Sie an das Schicksal?"

Wie verzweifelt ich klang. Der Therapeut kritzelte auf seinem Block herum und blickte mich dann emotionslos an.

„Glauben Sie an das Schicksal?" Ich hasse das wirklich. Jede Frage mit einer Gegenfrage zu beantworten machte mich aggressiv.

„Früher tat ich es nicht, aber jetzt denke ich anders darüber. Das Schicksal ist etwas teuflisches. Das Schicksal ist die Versuchung, der wir widerstehen sollten. Aber leider sind nicht alle so stark." Ich war es nicht. Leise seufzte ich.

„Soll ich ihnen vom ersten Kuss erzählen?"

Ich habe es nie jemanden anvertraut, aber ich wollte es so gerne. Ich wollte über das wir uns hätten schämen müssen, obwohl … ich wollte ihn. Oh Gott, ich wollte wissen wie es sich anfühlt ihn zu küssen. Seine Arme um meinen Körper zu spüren. Ein dummer Wunsch ich weiß"

Mein Blick wanderte wie immer ins Leere, wenn ich an ihn dachte. Er tastete zögernd nach meiner Hand. Kurz zucke ich zusammen, wollte sie ihm entziehen und sie ihm um keinen Preis überlassen, aber ich konnte nicht. Fest und warm hielt er meine Hand in seiner. Ich möchte dich küssen – Das waren seine Worte. Er sprach aus was ich kaum wagte zu denken. Erschrocken und hoffnungsvoll zugleich sah ich ihn an. Er sah zurück. Keiner bewegte sich. Wir waren wie zwei Kinder die verloren gegangen waren.

Ich lehnte mich nach vorne und legte die Unterarme auf meine Oberschenkel. Das Taschentuch lag zerknüllt in meinen Händen.

„Er beugte sich herab, langsam und dann küsste er mich. Sanft, zart, ohne Hast, so als wollte er mir die Gelegenheit geben fliehen zu können. Er war sich selbst nicht sicher bei dem was er tat" Ich umschloss das Taschentuch fester.

„Ich hätte nicht einmal dann fliehen können, wenn es um mein Leben gegangen wäre"

Schweigend saß ich da und erinnerte mich an den wohl schönsten Moment in meinem ganzen Leben.

„Sie hatten mit ihm eine Affäre?"

Ich runzelte die Stirn.

„Das ist nicht ganz das richtig Wort. Was wir hatten stand außerhalb allem was ich kannte. Es war nicht einfach nur Sex und es war auch keine Beziehung. Es war alles und nichts davon"

Von nun an lebte ich für den Moment wo ich ihn sehen würde. Nichts anderes zählte mehr. Wir trafen uns immer bei unserem kleinen Verschlag. Er lag abseits von den Wegen, die den Wald wie dünne Fäden durchzogen und wurde von Büschen gut verborgen. Es war unsere Insel, unsere Zuflucht.

„Gestohlene Zeit. So würde ich es nennen, wenn ich dem Ganzen einen Namen geben müsste, oder von Dingen die nicht sind." Ich spürte, wie ich wieder traurig wurde.

„Eine Zeitlang ging es gut. Wir sprachen nie über die Zukunft. Ich wusste schon damals, es gab keine. Wie er dachte, habe ich ihn nie gefragt. Wir küssten uns und wir liebten uns, wir genügten uns."

Mühsam schluckte ich den Klos, der sich in meiner Kehle zu bilden begann, hinunter.

„Was hat sie auseinander gerissen?" Zum ersten Mal zeigte Dr. Bruckner ernsthaftes Interesse.

„Der Hass" Ich schloss die Augen und wartete bis sie kam. Die Bitterkeit.

„Wir hatten uns getrennt. In einem verspäteten Anfall von Vernunft schickte ich ihn fort. Er flehte, beteuerte seine Liebe. Es zerriss mich förmlich, aber ich blieb hart. Niemals habe ich ihm gesagt, was ich fühlte" Ich holte tief Luft. Es tat so weh.

„Dann begann er sie zu hassen?"

Ein trauriges Grinsen legte sich auf meine Lippen.

„Er könnte mich niemals hassen"

„Fahren Sie fort!", forderte er mich auf, machte sein Buch zu und nahm die Brille von der Nase.

„Ich habe einen Fehler gemacht. Ich bin noch einmal zu unserem heimlichen Treffpunkt gelaufen. Das hätte ich nicht tun sollen."

„Warum nicht?"

„Es war an einem Nachmittag. Ich war guter Dinge und dachte ich hätte ihn überwunden. Redete mir ein, es wäre eben so eine Phase, wie sie jeder einmal im Leben hat, nicht mehr." Heißer lachte ich. Es war kein fröhliches Lachen.

„Ich sah ihn mit einer anderen Frau."

Für einen Moment schien die Zeit stillzustehen. Mir blieb die Luft weg.

„Wie von Sinnen lief ich davon." Den Mann den ich liebte in den Armen einer anderen zu sehen, war für mich einfach unerträglich.

„Bis zu ihrem Versteck?" Mutmaßte der Therapeut und hatte recht. Ich nickte.

„Er folgte mir" Klar und deutlich sah ich alles vor meinen Augen.

Wütend stürmte er auf mich zu, packte mich bei den Armen, schüttelte mich heftig und dann sah er mir in die Augen. In seinem Blick lag alles was auch ich fühlte. Wir hatten uns gegenseitig so verletzt. Heftig und stoßweise ging sein Atem. In uns tobte ein Kampf. Wir waren beide jenseits unserer Gefühle. Er war alles was ich brauchte.

„Wir fielen übereinander her, ohne darüber nachzudenken. Wir ließen jede Vorsicht außer acht"

Ihn wieder in den Armen zu halten, zu berühren, zu spüren. Tränen rannen über mein Gesicht. Nie würde ich diesen Augenblick vergessen und dann kam das Ende.

„Wir wussten es noch nicht, aber wir blieben an diesem Nachmittag nicht unentdeckt"

„Was war eigentlich das Problem ihrer Beziehung? Was stand zwischen ihnen?"

„18 Jahre"

„Wie meinen Sie?"

„Zwischen uns liegen 18 Jahre"

Ich schloss kurz die Augen. Es wurde Zeit die Wahrheit zu sagen.

„Ich bin 36… er ist 18… ich könnte praktisch seine Mutter sein."

„Seine Freundin hat uns gesehen. Seine Familie hasst mich, meine hasst mich und eigentlich hassen mich alle die uns kennen. Ich bin weggelaufen. Hab hier neu angefangen"

„Haben Sie ihn wiedergesehen?"

Ich schüttelte den Kopf.

„Nein"

Ich habe ihm keine Chance gelassen mich zu sehen. Mit mir zu reden. Ich wusste genau, hätte ich ihn noch einmal gesehen, wäre ich immer noch bei ihm. Ich hätte nicht mehr die Kraft dazu gehabt ihn zu verlassen. Dr. Bruckner wollte etwas sagen, einwenden, aber ich kam ihm zuvor. Ich erhob mich, ohne ein weiteres Wort, und ging.