Marisol Zauner

19.10.05

Deutschschularbeit

Thema: Das hat mir keiner zugetraut

Wir waren gerade aus Malta zurückgekommen, wo wir eine Woche Urlaub gemacht hatten. Fröhlich und braungebrannt konnten wir es kaum erwarten, nach diesem Extraurlaub vor unseren Freunden zu prahlen. Dass sowohl ich als auch meine Schwester eine Schularbeit nachzuholen hatten, tat der Freude keinen Abbruch.

Als aber dann der graue Montag wirklich gekommen war und die Deutschstunde immer näher rückte, fühlte ich langsam aber sicher Panik in mir aufsteigen.

Für gewöhnlich fürchtete ich Schularbeiten in diesem Fach nicht, aber dies war eine Grammatikschularbeit und mit der Grammatik hatte ich es nun mal nicht so. Außerdem war die Familiensituation gerade so angespannt, dass sich eine Vier oder gar Fünf wahrscheinlich mehr als nur negativ auswirken würden.

Alle meine Versuche, die Zeit anzuhalten, blieben fruchtlos und so sehr ich mich auch mühte, in den Pausen noch etwas zu lernen: Am Ende schien ich noch weniger zu wissen als zuvor.

Als nun die sechste Stunde heran war, packte ich aus Gewohnheit meine Deutschbücher und –hefte ein. Während ich langsam meinen Freunden hinterher trottete, schien mein Magen eine Revolte anzetteln zu wollen.

Unsere Lehrerin verbrachte die Stunde mit ihrer Leistungsgruppe in der Bibliothek, während sie mich in ein leeres Klassenzimmer setzte.

Nachdem ich alle Beispiele, bei denen ich sicher war sie zu können, gelöst hatte, blickte ich mich verstohlen um. Der dunkle Gang war verlassen, nur von fern klang leise das Gemurmel einer Klasse an mein Ohr. Ich war alleine.

Langsam tastete sich meine Hand in Richtung Schultasche vor, ohne die offene Tür einen Moment aus den Augen zu lassen.

Endlich hatten meine Finger den Reißverschluss geöffnet. Ich hielt den Atem an. Da, das Deutschbuch! In einer blitzschnellen Bewegung zog ich es mir auf den Schoß. Fieberhaft begann ich, nach der richtigen Seite zu suchen.

Plötzlich durchbrach der Klang von Schritten die Stille. Die Lehrerin! Gerade noch rechtzeitig konnte ich das Buch von meinem Schoß in die Banklade schieben, da steckte sie auch schon den Kopf herein, um zu überprüfen, ob ich auch brav arbeitete. Zufrieden trippelte sie wieder von dannen.

Mit dieser „Unterstützung" gelang mir natürlich ein „Sehr Gut". Mein Vater war so verblüfft, dass er sogar vergaß, mir seinen Lieblingsvortrag mit dem Inhalt „dass Lernen sich doch auszahle" zu halten.

Keiner hätte mir eine Eins zugetraut: Meine Eltern nicht, meine Lehrerin nicht – und ich am allerwenigsten!