Einfach das Klo runter…

Martin fährt mit dem Fahrrad die Straße entlang. Plötzlich entdeckt er am Straßenrand eine kleine Katze und bleibt stehen.

Verdutzt blickt er sich um, ob sie denn keinem gehört, doch es ist niemand zu sehen.

Die Kleine tut ihm leid, deshalb beschließt er, sie seiner kleinen Schwester mitzunehmen, die sich schon lange eine Katze wünscht. Allerdings hat der Vater es immer verboten und die Mutter kann sich nicht durchsetzen, denn sie hat Angst vor dem großen Mann.

Vorsichtig ergreift Martin das Katzenbaby und setzt es in seinen Rucksack, bevor er sich auf den Heimweg macht.

Zuhause schließt er das Fahrrad in den Keller und geht leise nach oben. Hoffentlich ist der Vater noch nicht da!

Doch Martin hat Glück, sein Erzeuger ist noch mit seinen Kumpanen unterwegs. Vermutlich betrinkt er sich wieder.

Schnell huscht er in das Zimmer, das er mit Sophia, seiner sechsjährigen Schwester, teilt.

Als er die Katze auspackt, beginnen ihre Augen zu strahlen. „Wie niedlich", freut sie sich und umarmt ihren Bruder, bevor sie zärtlich das Tier in die Arme schließt. „Danke!"

„Aber sei vorsichtig und versteck sie gut!", ermahnt er sie. „Sonst wird der Papa wieder böse." Eilig verspricht sie es, denn sie will die süße kleine Katze auf jeden Fall behalten.

Vorsichtig setzt sie das Fellknäuel auf den Boden, wo es erstmal das Zimmer in Augenschein nimmt. Es ist sehr aufgeweckt, denn ehe Sophia sich versieht, ist es auch schon durch den Türspalt ins Wohnzimmer entwischt.

Schnell läuft sie ihm nach und nimmt es auf den Arm, als sie hört, wie sich der Schlüssel im Schloss dreht. Einen Moment lang ist sie wie erstarrt, dann versucht sie so schnell sie ihre kurzen Beine tragen, in ihr Zimmer zu flüchten. Doch sie ist zu langsam.

„Komm sofort her!", grölt der Vater – wie vermutet betrunken.

Zitternd dreht sie sich um, das Tier noch immer in den Armen, als könnte es ihr Halt geben. „Was ist das?", zischt er. Doch sie ist verstummt.

Mit wenigen schnellen Schritten ist er bei ihr und reißt ihr das empört aufmaunzende Kätzchen aus den Händen. „Eine Katze?", fragt er gefährlich leise.

Ohne dem Tier noch einen weiteren Blick zu widmen marschiert er auf die Toilette und wirft das zappelnde Bündel hinein, bevor er gemein grinsend die Spülung drückt.

Da klammert sich Sophia an seinen Arm. „Nein!", schreit sie.

Der Vater gibt ihr eine Ohrfeige, die sie mehrere Schritte zurücktaumeln lässt. Verzweifelt und verängstigt beginnt sie zu weinen.

„Und nun zu dir, du wertloses kleines Balg", faucht der Vater und holt wieder aus.

Doch da steht plötzlich Martin zwischen den beiden. Er hat das Geschrei in seinem Zimmer gehört und ist seiner Schwester sofort zu Hilfe geeilt.

Sie ist doch noch so klein, er muss sie beschützen! Schließlich ist er schon groß, schon zehn Jahre alt.

Mutig sagt er: „Ich habe die Katze mitgebracht", und sieht dem Vater in die Augen.

„Wie kannst du es wagen, du dreckige Missgeburt!", schäumt der. Noch während er spricht, beginnt er, auf den Jungen einzuschlagen. Sophia steht zitternd daneben.

Es dauert nicht lange, bis das Kind zu Boden geht, woraufhin der Mann auch Tritte einsetzt. Anfangs schweigt Martin noch, doch nach kurzer Zeit schreit er vor Schmerzen. Tränen laufen über seine Wangen. Sein Gesicht ist blutverschmiert.

Am Rande seiner Wahrnehmung hört er, dass der Nachbar laute Musik anmacht. Er will es nicht hören, die Wunden und blauen Flecken nicht sehen.

Irgendwann wehrt sich das Kind nicht mehr. Es liegt nur noch schlaff zusammengekrümmt auf dem Boden. Doch der Vater hört nicht auf.

Seinen ganzen Hass auf die Welt und sein Leben prügelt er aus seinem Jungen heraus.

Irgendwann lässt er ab und sieht sein Opfer an.

„Martin?", wispert er. „Hey, Junge, es tut mir leid!" Doch Martin reagiert nicht. Sophia laufen Tränen über das Gesicht.

Erschrocken fühlt der Vater den Puls, sucht nach dem Atem, doch nichts regt sich mehr.

„Nein", flüstert er. „Neiiiiin!"

„Du Papa", fragt Sophia leise.

„Spülst du ihn jetzt auch das Klo runter?"

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