Marisol Zauner 20.10.2010

Die Geschichte einer erwachsen gewordenen Elfe

Einst war sie ein Kind und konnte noch sehen.

Ihre klaren Augen erblickten Engel, Elfen, Feen. Sie konnte mit ihnen sprechen, ja, sie war eine von ihnen.

Durchscheinend blauviolette Flügel trugen sie leicht durch ihr junges Leben, unsichtbar für die Älteren. Zarte Kleidchen aus türkisen Schleiern umhüllten ihren Körper, wenn sie mit den Wesenheiten tanzte.

Einst waren ihr Körper und ihr Astralleib eins.

Sie sang mit jeder Bewegung ein Loblied auf die Schöpfung, glitt zart auf den Träumen dahin, an den Ort, an dem die Grenze zwischen Traum und Realität verschwimmt. Ihr Leben war berührt durch einen Hauch von Unendlichkeit.

Sie liebte es zu lernen und zu entdecken.

Dann kam sie in die Schule.

Dort lernte sie, still zu sitzen und Befehle zu befolgen.

Vormittags saß sie im Unterreicht, nachmittags versuchte sie sich an Hausaufgaben – oder saß stundenlang davor und verweigerte sie. Sie verlor die Freude am Lernen.

Doch da sie ein Geschöpf der Harmonie war, fügte sie sich irgendwann.

Sie hatte keine Zeit mehr, mit ihren Freunden zu singen und zu tanzen.

Manchmal sang sie noch, für sich allein, doch die Chöre der Elfen waren für ihre Ohren verstummt.

Nur ihre Flügel begleiteten sie noch, anders als die anderen Kinder, die sie schon früher verloren hatten. Diese wurden von ihr und ihrer Heilheit angezogen, doch von ihrer Andersheit abgestoßen.

Ein nie gekanntes Gefühl machte sich in ihr breit: Einsamkeit.

Und als sie in ihrer Not nach Erlösung von der Schule flehte, benutzten die bösen Mächte, die schon lange danach trachteten, ihre Reinheit zu zerstören, diese Einladung, um ihre Flügel zu zerfetzen.

Sie übergossen ihren halben Leib mit kochendem Zucker, der sich tief in ihren Leib und ihre Seele brannte.

Danach war sie nie mehr wie zuvor.

Der entsetzliche Schmerz hatte ihre Unschuld zerstört und die anderen Kinder fühlten das. Die wilde Verletztheit der gefallenen Elfe erschreckte sie und sie hielten Abstand.

Nun war sie einsamer als je zuvor.

Jeder Schritt war mühsam, jeder Atemzug eine Qual, nun, da keine Flügel sie mehr trugen.

Aber noch hatte sie nicht aufgegeben. Sie schuf sich Flügel aus Phantasie. Sie vergrub sich in Geschichten und floh vor der harten Realität, die man ihr beigebracht hatte zu sehen.

Doch es waren Geschichten, von Menschen geschrieben, und genauso grausam und gnadenlos, mit den Idealen der Menschen voll gestopft, waren sie ein Hohn auf das Lied des Lebens, das Lied der Liebe.

Und nach und nach verlernte sie das Singen.

Sie begann zu grübeln und zu diskutieren, schwere, traurige Gedanken zu wälzen. Über Religionen und Kriege und den Sinn des Lebens, ohne sich zu erinnern, dass sie ihn bereits gekannt hatte.

Sie sprach mit Erwachsenen, die sie tief beeindruckte, denn zwischen ihr und den anderen Kindern wuchs die Distanz.

So wurde sie viel zu früh erwachsen, viel zu reif in ihren Gedanken und sie verlernte das Fühlen.

Jahre später gelang es einigen wenigen Menschen, zu ihr durchzudringen und ihr beizubringen, dass man auch mit Menschen Spaß haben konnte.

Doch da, als es schien, als würden manche ihrer Wunden endlich heilen, schlugen die Mächte der Dunkelheit erneut zu.

Ihre Mutter, eine starke Kriegerin, hatte in dem selben Kampf, den sie focht, all ihre Kraft aufgebraucht und brach zusammen.

Ihre Eltern, die sie trotz Unverständnis geliebt hatten, stürzten sich in einen Krieg gegeneinander und hörten auf, sie zu sehen, egal, was sie versuchte.

Also ging sie in ihrer Verzweiflung bei der ersten sich bietenden Gelegenheit weit fort. Wieder in eine Schule.

Denn sie hatte vergessen, dass die Schule der Anfang ihres Leidens gewesen war und ihr kein Glück bringen konnte, so sehr war sie bereits dem Denken der Erwachsenen anheim gefallen.

Wieder kämpfte sie, doch irgendwann war auch ihre Kraft aufgebraucht und sie brach zusammen.

Sie konnte keine Leistung mehr erbringen und war damit dem Denken der Erwachsenen nach wertlos. Sie begann sich zu hassen und zu verachten, sie, die einst mit den Elfen das unendliche Lied der Liebe gesungen hatte.

Sie begann zu rauchen und Alkohol zu trinken, Dinge, die die Freiheit ihrer Seele weiter einschränkten.

Und sie schnitt sich die Arme auf, ganz zart nur, um ihrem Schmerz irgendwie Ausdruck zu verleihen.

Doch wieder sah sie niemand. Ihr Schmerz verhallte ungehört.

In diesem Jahr brach sie mit ihrem Vater und zog, als es vorüber war, zu ihrer Mutter, der gefallenen Kriegerin.

Sie begann gegen die Welt zu rebellieren, färbte sich die Haare bunt und trug nur noch schwarz um zu zeigen, dass sie nicht wie SIE war, wie der Rest der Welt. Der Welt, die ihre Träume zerstört hatte.

Wieder versuchte sie eine Schule, doch das Böse hatte bereits zu viel Macht über sie gewonnen, so dass sie schlussendlich sich selbst aufgab.

Der Schmerz in ihr wurde unerträglich, so dass sie nach innen flüchtete, die Realität der Erwachsenen verweigerte.

Die Wunden ihres Körpers wurden tiefer und tiefer. Sie beobachtete das Blut in Strömen den Abfluss hinunterfließen.

Und sie hörte auf zu essen. Wenn sie aß, um ihren unendlichen Hunger nach Liebe, nach Freiheit zu stillen, erbrach sie sich. Sie wusste nicht, dass es der Hunger nach dem verlorenen Lied des Lebens war, der sie in die Abwärtsspirale trieb.

Sie fühlte nur Schmerz und Einsamkeit.

Irgendwann, nachdem sie die letzten Erinnerungen an das Lied vergessen hatte, gab sie völlig auf. Sie versuchte, dem Leben zu entfliehen, doch stattdessen wurde sie in eine Anstalt geschickt, in der sie langsam lernte, den Schmerz als ihren ständigen Begleiter zu akzeptieren, ebenso den Hass auf sich selbst.

Statt gegen das Böse zu kämpfen, nahm sie es als ihres an und vergaß, dass es je anders gewesen war. Sie, die einst Elfenflügel gehabt hatte.

Nach langer Zeit verließ sie den Ort der Resignation und ging in ein Haus, wo andere verletzte Elfen lebten.

Langsam lernte sie wieder zu fühlen. Doch die Gefühle machten ihr Angst, so nahm sie Drogen, um sie wieder zu betäuben. Im letzten Moment schaffte sie es, zu entkommen.

Dann musste sie das Haus auch schon wieder verlassen, denn ihr Körper war erwachsen geworden. Ihre Seele aber blieb das einsame, verstörte Kind.

Sie kam in ein neues Haus, mit Menschen, die nur im Geiste tanzen konnten, denn ihre Körper waren gelähmt.

Unter ihrer Liebe begann sie, schöne Gefühle kennen zu lernen.

Dann traf sie eine weise Frau, die die Mächte des Bösen von ihr nahm. Langsam, ganz langsam, begann sie zu heilen.

Doch sie hatte die Mächte des Bösen so verinnerlicht, dass sie immer wieder, wenn sie schwach war, diese einlud und zuließ, dass sie ihr schadeten.

Ging es ihr aber gut, versuchte sie, das Lied des Lebens und der Liebe wieder zu lernen. Versuchte, die Elfen, ihre alten Kameraden, wieder zu finden. Sie bekam Hilfe von ihnen und manchmal konnte sie sie fühlen. Sehen allerdings würde sie sie nie mehr, höchstens als Schemen in den Augenwinkeln.

Und noch immer konnten ihre Augen keine Tränen weinen, so weinte sie rote Tränen, ließ ihre Arme weinen.

Denn mit ihren durchscheinenden blauvioletten Flügeln waren auch die kristallklaren Tränen eines unschuldigen Kindes verschwunden.

Ihre Unschuld war auf immer verloren.

Und tief in ihr weinte das Kind herzzerreißend.

Doch dann, als sie die Hoffnung bereits fast aufgegeben hatte, ward ihr Hilfe zugesandt, von Engeln in Menschengestalt. Sie halfen ihr, ihre Angst zu besiegen und zu beschließen, mit dem Weinen von roten Tränen und dem Quälen ihres Körpers durch Hungern aufzuhören.

Von da an ging es bergauf. Plötzlich konnte sie wieder mehr sehen.

Schemen, Auren, Lichterscheinungen, Engel. Langsam würde es mehr werden. Sie fühlte wieder das Lied von Mutter Erde in sich und sie tanzte.

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