Marisol Zauner 20.10.2010

Hölle

Die Dunkelheit brach über sie herein, es wurde Nacht. Und in ihr machte sich unendliche Verzweiflung breit.

Niemand wollte sie, sie hatte keinen Platz auf dieser Welt.

Ihre Freunde wollte sie nicht noch mehr belasten als sie es ohnehin schon tat, denn auch sie verzweifelten an ihrer Hoffnungslosigkeit.

Wieder saß sie in der Tagesgruppe, konnte keine Leistung mehr erbringen, nur noch über ihre Probleme reden – und sich gleichzeitig für ihren Egoismus hassen.

Wieder wies sie ihren geliebten Freund ab, weil sie seine Nähe nicht ertrug und litt unter seinen Verletzungen, die doch sie ihm zufügte.

Wieder kam sie nach Hause, wo keiner Zeit hatte, alle nur hin und her hetzten. Auch ihre Mutter konnte ihr nicht mehr die unendliche Menge an Liebe geben, die sie benötigt hätte.

Wieder kniete sie vor der Toilette und erbrach alles was sie an diesem Tag zu sich genommen hatte: Getränke.

Wieder stand sie in der Küche, stopfte sich mit allem voll, was sie in die Finger bekam, um den unendlichen Hunger nach Nähe, die sie nicht zuließ, zu stillen – und danach alles wieder zu erbrechen.

Wieder saß sie vor ihrem Schreibtisch, die Rasierklinge in der Hand und führte Schnitt um Schnitt gegen sich selber aus. Schnitt in Wunden ein zweites und drittes Mal, um sie tiefer klaffen zu lassen.

Wieder spielte sie an ihrem Handgelenk herum, wartete nur auf den Tag, an dem die letzte Barriere fallen würde.

Wieder beobachtete sie das leuchtend rote Blut, wie es ihre Arme, ihre Beine hinabsickerte, ihrer Welt das einzige bisschen Farbe verlieh, das sie noch kannte.

Wieder saß sie im Warteraum des Krankenhauses, wartete darauf, dass jemand Zeit für sie hätte und ihre Wunden verarzten würde.

Wieder schickte das Krankenhaus sie auf die Psychiatrie, wo sie wieder keinen Platz und Willen hatten, um sie aufzunehmen.

Wieder kam sie spätnachts nach Hause, legte sich schlafen und versuchte, ihrem Schmerz einfach nur zu entfliehen.

Wieder stand sie auf, tat als wäre nichts gewesen und ging in die Tagesgruppe.

Wieder saß sie in der Tagesgruppe, konnte keine Leistung mehr erbringen, nur noch über ihre Probleme reden – und sich gleichzeitig für ihren Egoismus hassen.

Ein weiterer ganz normaler Tag. Ein Tag wie jeder andere.

Willkommen in ihrer persönlichen Hölle.