Countdown Titel: Countdown
Autor: [email protected]
Rating: R, sicherheitshalber
Feedback: Aber immer doch, ich liebe das!
Warnung: Angst. Mehr verrat ich nicht.

Countdown

Es war genau 12 Uhr mittags als Harold Laceys Telefon klingelte. Er war gerade dabei, seine
Wohnung zu verlassen und dachte einen Augenblick darüber nach, einfach nicht dranzugehen. Wozu
hatte man schließlich einen Anrufbeantworter? Dann ging er aber doch ans Telefon und meldete sich:
"Ja, hier Lacey."
Aus dem Hörer erklang eine absolut ausdruckslose Stimme. "Zehn."
Harold war irritiert. "Wie bitte, zehn? Hallo? Wer spricht denn da überhaupt?"
Aber in der Leitung herrschte völlige Stille. Verärgert legte er wieder auf. Wegen so eines
Witzboldes war er noch einmal umgekehrt! Dann verließ er die Wohnung und hatte kurze Zeit
später den merkwürdigen Anruf völlig vergessen.

Am nächsten Tag las Lacey gerade Zeitung als das Telefon zu läuten begann. Er legte die Zeitung
beiseite, nahm ab und meldete sich. Der Anrufer sagte nur ein einziges Wort.
"Neun." Dann legte er auf.
Harold starrte sein Telefon an und erinnerte sich an den gestrigen Anruf. Da hielt sich wohl irgend
jemand für besonders witzig! Erst zehn, dann neun! Morgen wäre dann wohl die Acht an der Reihe.
Er schüttelte den Kopf und widmete sich dann wieder dem Sportteil.

Es war bereits acht Uhr abends als Harold Lacey am folgenden Tag von der Arbeit nach Hause kam.
Nachdem er seinen Mantel aufgehängt hatte sah er nach, ob irgendwelche Anrufe für ihn gekommen
waren. Die Anzeige des Anrufbeantworters zeigte eine Nachricht an und Harold drückte auf
Wiedergabe.
Mit monotoner Stimme sagte der Anrufer "Acht" und dann war die Nachricht zuende.
Lacey runzelte die Stirn und sah nach, wann das hinterlassen worden war. Zwölf Uhr mittag. Waren
um diese Uhrzeit nicht auch die beiden anderen Anrufe gekommen? Das Ganze wurde jetzt doch
etwas seltsam. Wer kam denn auf so eine merkwürdige Idee? Außerdem erinnerte ihn das an etwas,
aber an was bloß? Angestrengt überlegte er und dann fiel es ihm ein. Ein Countdown! Es klang
genauso wie ein Countdown! Das Rückwärtszählen und der gleiche Zeitabstand, wie ein Countdown
für Tage anstatt für Sekunden. Was wohl passieren würde, wenn dieser Countdown abgeschlossen
sein würde? Nun ja, wahrscheinlich würde der Kerl dann "Buh!" oder etwas ähnliches sagen. Harold
schüttelte den Kopf und beschloß dann, nicht weiter darüber nachzudenken, sondern lieber seinen
Feierabend zu genießen.

Dennoch fiel, als er am nächsten Tag nach Hause kam, sein erster Blick auf den Anrufbeantworter.
Und tatsächlich zeigte das Gerät einen Anruf von zwölf Uhr mittags an. Als er das Band einschaltete
kam auch genau das Wort, das er erwartet hatte.
"Sieben."
Er hatte zwar damit gerechnet, aber jetzt irritierte es ihn trotzdem. Ob das am Ende doch mehr war
als irgendein Streich? Aber gleich darauf korrigierte er sich schon wieder. Was für ein Blödsinn!
Natürlich war das nur ein Streich, wenn auch ein sehr ungewöhnlicher und, das mußte er zugeben,
sehr raffinierter. Wer, den er kannte, könnte so eine Idee haben? Im Geiste ging er alle seine
Bekannten durch, aber es fiel ihm niemand ein, zu dem soetwas gepasst hätte. Schlußendlich zuckte
er mit den Schultern und griff zum Fernsehprogramm.

Als am folgenden Tag aber dann "Sechs" auf dem Band zu hören war, wurde Harold Lacey
schließlich doch etwas nervös. War das womöglich eine Warnung oder eine Drohung und am Ende
des Countdowns würde etwas passieren, das gravierender als nur ein "Buh" am Telefon war? Sicher,
diese Überlegung war bestimmt unbegründet, aber er mußte zugeben, daß er sich in letzter Zeit nicht
nur Freunde gemacht hatte. Da war Carol, die er mit Cindy betrogen hatte, und Cindy, die er
kurzdarauf sitzengelassen hatte. Er traute zwar beiden im Prinzip nichts Böses zu, und die Stimme
am Telefon klang auch eher wie die eines Mannes, aber genau wußte man das ja nie. Und in der
Firma hatte er vor zwei Wochen Tom Carlisle ziemlich ausgebootet. Natürlich, die Projektidee war
von Tom, aber der hätte das dem Chef nie so gut verkaufen können wie er, Harold Lacey persönlich!
Und er hatte ja auch nicht behauptet, daß es seine alleinige Idee gewesen sei, nein, er hatte Tom
durchaus erwähnt. Aber der war trotzdem ganz schön wütend gewesen. Allerdings, für solch eine
Rache wäre Tom mit Sicherheit nicht kaltblütig genug. Der hätte wahrscheinlich schon bei Neun
oder Acht aufgehört. Infolgedessen mußte es irgend jemand anderes sein. Aber wer?

Am nächsten Tag sagte die Stimme "Fünf" und Harold wurde mit der Zeit etwas ängstlich. Er
überlegte, was um alles in der Welt am Ende passieren würde. Würde irgend jemand auf ihn schießen
oder eine Bombe legen? Würde er einen Stromschlag bekommen sobald er zum Telefon griff oder
den Anrufbeantworter anstellte? Oder würde überhaupt nichts geschehen und der Kerl auf der
anderen Seite würde sich nur über Harolds Schrecken amüsieren? Das letztere hielt er für das
wahrscheinlichste, und so befahl er sich selber, Ruhe zu bewahren.

Das Wort des folgenden Tages war "Vier". Zur Abwechslung war Harold heute nicht ängstlich oder
nervös, sondern nur noch wütend. Was fiel diesem Mistkerl überhaupt ein, hier so eine Show
abzuziehen! Wenn ihm jemand etwas heimzahlen wollte, dann sollte er das gefälligst anders machen.
Das hier war die Methode eines Feiglings und soetwas konnte ihm keine Angst einjagen!

Einen Tag später sagte die Stimme "Drei" und Harold war sich nicht mehr so sicher, ob ihm das
nicht doch Angst machte. Der andere war ganz schön hartnäckig, schien das wirklich ernst zu
meinen. Aber dann beschloß er, genauso hartnäckig zu sein und die Sache durchzustehen, ohne
durchzudrehen.

Dasselbe beschloß er auch am Tag darauf nach der "Zwei", war sich seiner Sache aber nicht mehr
ganz so sicher,

Am Tag der "Eins", die wie alle anderen Zahlen davor pünktlich um zwölf Uhr mittags gekommen
war, kam er auf den Gedanken, das Ganze könnte ja auch eine Verwechslung sein und ihm würde
überhaupt nichts passieren. Oder wenn es eine Verwechslung war und ihm geschah doch etwas?
Wenn der Anrufer nun nicht nur die Telefonnummern vertauscht hatte, sondern auch die Personen?
Oder wenn das womöglich so eine Art letzter Warnung vor einem Atomkrieg war, und er hätte das
stoppen können, beziehungsweise der eigentlich Gemeinte dieser Anrufe? Kurz darauf merkte er,
was das für ein Blödsinn war. Ein Atomkrieg, lächerlich! Er ließ sich davon ja schon richtig
irremachen! Allerdings war es irgendwie auch unwahrscheinlich, daß er verwechselt worden war.
Jemand, der soetwas derartig kaltblütig durchhielt, würde bestimmt nicht die falsche Telefonnummer
wählen. Nein, nein, das galt bestimmt ihm. Aber was um Himmels Willen würde geschehen?

Am nächsten Tag meldete sich Harold Lacey krank. Den ganzen Vormittag saß er vor dem Telefon
und starrte es an. Und je mehr sich der Stundenzeiger seiner Uhr der Zwölf näherte, desto nervöser
wurde er. Was würde wohl geschehen? Fünf Minuten vor zwölf Uhr ging er zum Fenster und öffnete
es. Er holte tief Luft und starrte hinunter. Der siebte Stock war ganz schön hoch oben. Irgendwie
war ihm das bisher noch nie so stark aufgefallen. Er starrte so ein paar Minuten in die Tiefe und
drehte sich dann wieder zum Telefon um. Es war vollkommen still. Womöglich hatte der Anrufer es
sich anders überlegt. Gerade wollte er erleichtert aufatmen, als sein Blick auf die Uhr an der Wand
fiel. In dem Augenblick sprang der Minutenzeiger auf die Zwölf und das Telefon begann zu klingeln.
Harold schrie.

Kurz darauf betraten zwei Polizeibeamte seine Wohnung. Sie sahen sich seine Behausung genau an
und unterhielten sich dabei.
"Kannst du dir vorstellen, warum der gesprungen ist? Seine Wohnung sieht doch ganz anständig aus
und soweit die Nachbarn das wissen, ging es ihm auch ansonsten ganz gut."
Der andere schüttelte den Kopf. "Nein, keine Ahnung, aber vielleicht hatte er ja Liebeskummer."
In dem Moment entdeckte er den Anrufbeantworter.
"Hey, für den ist sogar noch eine Nachricht gekommen. Von wann ist die denn? Mal sehen...ah, hier
steht es, von zwölf Uhr." Sie sahen sich erstaunt an.
"War das nicht der Zeitpunkt zu dem der arme Kerl gesprungen ist? Schalt das Band doch mal an,
vielleicht ist das ja des Rätsels Lösung."
Aus dem Gerät ertönte mit absolut teilnahmsloser Stimme nur ein einziges Wort.
"Null."
Die beiden Polizisten starrten die Maschine fassungslos an. "Wie bitte?"

Zwei Wochen später wollte Rosalyn Harris gerade eine Freundin anrufen als ihr Telefon klingelte.
Erstaunt hob sie ab.
"Hallo?" Aus dem Telefon kam nur ein einziges Wort.
"Zehn"...