„Schaltet Sie die Maschinen ab!", befahl der Arzt ruhig und vergrub seine Hände in den Taschen seines blütenweißen Kittels. Aus müden Augen betrachtete er seine Patientin. Es gab keine Hoffnung mehr für sie. Er hatte den Kampf gegen ihre lange Krankheit schließlich doch noch verloren, sie würde nie wieder aufwachen. Bitter presste er die Lippen aufeinander und zwang sich, obwohl er sich abwenden wollte, zu bleiben und zu zusehen. Der Tod und das Leben gehörten zusammen, waren in einem ewigen Kreislauf miteinander verbunden. Routiniert stellte die Schwester scheinbar vollkommen teilnahmslos die Monitore ab. Das Piepsen des EKG-Messgerätes verstummte, genauso wie das gleichmäßige Schnaufen der Beatmungsmaschine.

Fühlte es sich so an zu sterben? Ihre Augen standen weit offen und so wartete sie. Vor ihr lagen vermutlich die letzten Minuten ihres Lebens, wenn der Arzt recht behielt. Er dachte sie liege im Wachkoma und könnte ihn weder sehen noch hören, aber er hatte sich geirrt. In ihren Lungen war noch ausreichend Sauerstoff und auch ihr Herz schlug, wenn auch langsam, dennoch kräftig. Ihr Körper war nicht bereit aufzugeben und wollte nicht sterben. In den letzten Wochen, oder waren es bereits Monate, die sie hier verbrachte, war sie nicht nur nach außen eine Gefangene gewesen. Ihr Geist war in einen Körper eingesperrt, der ihr nur erlaubte Stunde um Stunde auf die weiße Decke über sich zu starren. Mit nichts konnte sie ihrem Umfeld kundtun, dass sie alles um sich sehr wohl wahrnahm.

„Ich kriege dich!", lachend lief Editha hinter ihrem Bruder her. Über ihr strahlte die Sonne von einem blauen Himmel herab und unter ihren Füßen spürte sie weiches Gras. In ihren Händen hielt sie eine dünne, blaue Schnur und weit über ihr tanzte ein Papierdrache im Wind. Bienen summten um sie herum und die Vögel zwitscherten um die Wette. Die Luft war erfüllt vom Duft frischen Grases. Sie war so glücklich und wünschte sich innerlich dieser Tag würde niemals enden, aber das tat er natürlich.

Für einen Augenblick spielte die Erinnerung ihr einen Streich, denn sie glaubte den Duft der Blumen und den des Grases zu riechen. Selbst hier in diesem sterilen Krankenzimmer. Ihr Bruder und sie waren an jenem Tag gerade mal neun bzw. zehn Jahre alt gewesen. Ihr Bruder, Konrad, hatte da noch gelebt. Zwei Jahre später war er tot. Krebs.
Neben ihr pumpte das Beatmungsgerät ein letztes Mal Luft in ihre Lungen, dann war es still. Leises, unterdrücktes Schluchzen drang zu ihr. Es war also doch jemand gekommen um sich zu verabschieden. Sie wünschte, sie könnte sehen, wer es war. Viele aus ihrer Familie gab es nicht mehr. Der Vater hatte, kurz nach ihrer Geburt, einen schweren Unfall, an dessen Folgen er verstarb und die Mutter lebte schon seit Jahren in einem Altersheim in ihrer eigenen Welt. Keiner konnte so genau sagen, was sie dachte und wie sie die Menschen um sich wahrnahm. Aber irgendjemand war gekommen um sie zu beweinen. Vielleicht ihre Tochter?

Unter Schmerzen rang sie nach Atem. Immer wieder überrollte sie eine neue Welle, und wenn sie nicht schon liegen würde, hätte diese es bestimmt geschafft sie in die Knie zu zwingen. Anton stand neben ihr und hielt ihre Hand. Mit der anderen betupfte er immer wieder umständlich ihre Stirn. In ihr keimte dabei schön langsam der Verdacht auf er habe vielleicht doch zu viele Krankenhausserien gesehen. Jedenfalls war sie davon genervt und hätte ihn am liebsten angeschrien diesen Blödsinn zu lassen. Nur leider wusste sie tief in ihrem Herzen er bemühte sich nur das Richtige zu tun und ihr zu helfen. Die Schmerzen wurden immer unerträglicher und sie glaubte es würde sie zerreißen. Anton lief aufgeregt hin und her und suchte nach einer nützlichen Aufgabe. Aber außer Warten gab es nichts zu tun. Und dann war alles vorbei. Eine andere Stimme erhob lauten Protest und schrie vor Kälte. Die Schwester drückte ihr das kleine Bündel Mensch, ihre Tochter, in die Arme. Schutz suchend schmiegte sie sich an sie und blinzelte sie überrascht aus dunklen Augen an. Es war wohl der schönste Moment in ihrem Leben. Trotz der Tränen, die über ihr Gesicht liefen und nicht aufhören wollten, war sie glücklich.

Paula, ihre Tochter. Sie war bereits erwachsen, hatte auch schon eigene Kinder. Zwei. Philipp und Valentina. Vielleicht wachten Paula und Anton über sie? Das Denken fiel ihr zunehmend schwer. Ihr war schwindlig und bleierne Müdigkeit legte sich über sie. Zugleich ergriff panische Angst Besitz von ihr. Das Weiß der Decke bekam Schattierungen. Grau, dunkelgrau und am Rande wurde es schwarz. Auch die Stimmen verschwammen zu einem einheitlichen Rauschen und rückten in die Ferne. Sie hätte so gerne noch einmal den Sonnenaufgang von ihrer Terrasse aus gesehen. Anton hatte das Grundstück entdeckt.

„Was sagst du dazu?" Seine Stimme überschlug sich beinahe vor Begeisterung. Anton riss einen langen Grashalm ab und steckte ihn sich in den Mund. Heftiger Wind wehte an diesem Tag und trieb dunkle Wolken vor sich her. Schon bald würde es wie aus Kübeln gießen, aber das war ihnen egal. Anton schritt gerade in wie er glaubte Meterschritten die Wiese ab. „Da kommt die Küche her und dort drüben …" Er lief ein paar Schritte nach rechts. „… ist das Bad." Sie hatte gelacht, ihn umarmt und geküsst. Das war ein so schöner Moment gewesen. Aber es gab nicht nur solche Erinnerungen in ihrem Leben.

Dunkelheit. Selbst der letzte Lichtfleck war erloschen. Sie schwebte in einem Vakuum. Ganz alleine. Nur ein dumpfes Dröhnen, das gelegentlich zu hören war, begleitete sie, bis auch das verstummte. Alles war still und friedlich. Etwas zog an ihr und dann war sie frei. Editha schwebte an der Decke und sah sich selbst. Leblos lag sie im Krankenhausbett. Der Arzt beugte sich über sie, sah auf die Uhr und erklärte sie für tot. Zu ihren Füßen standen Anton und Paula. Sie hielten sich in den Armen und weinten. Es tat ihr weh sie so traurig zu sehen.

Sie weinte und fühlte sich verloren und einsam. „Es tut mir leid Ihnen diese traurige Mitteilung machen zu müssen, aber sie werden nie wieder Kinder haben können." Wie niederschmetternd war diese Nachricht gewesen. Keiner um sie konnte wirklich verstehen, was das für sie bedeutete. Editha hätte sich gerne mehrere Kinder gewünscht. Vielleicht zwei oder drei. Anton entfernte sich von ihr. Jedenfalls hatte sie das Gefühl er war ihr nicht mehr nahe. Wie sonst sollte sie sich erklären, warum er sich so schnell mit dem Gedanken nur ein Kind haben zu können, abgefunden? Für sie war an diesem Tag eine Welt zusammengebrochen. Zuerst verlor sie ihr ungeborenes Kind … Warum zur Hölle war sie nur an dieser Kreuzung gewesen? Sie hätte doch genauso gut einen anderen Weg nehmen können. Eigentlich machte sie das sonst auch. Der Lastwagen kam so aus dem Nichts und sie konnte nur schreien. Dann war alles dunkel und sie nicht mehr schwanger. Sie hatte gedacht nie mehr aufhören zu können zu weinen. Ganz erholt hatte sie sich davon nicht mehr.

„Du kannst nicht immer nur arbeiten!" Paula war so wütend auf sie. „Das mach ich doch gar nicht", bestritt Editha. Es gab halt immer so viel zu tun. Wer einen ordentlichen Haushalt haben will, der muss sich eben ranhalten. Sie hasste sich manchmal dafür, weil ihr keine Zeit mehr für anderes blieb. Nicht einmal für ihre Tochter. Sie ging ins Bad und öffnete den Medizinschrank. Sie musste noch ihre Medikamente nehmen. Nur damit war es ihr möglich den Tag durchzustehen und den Nächsten und den Nächsten. Am Abend ließen ihre Gedanken sie nicht mehr zur Ruhe kommen, aber auch dafür gab es eine Lösung in Tablettenform. Paula war ihr gefolgt. Heftig schlug sie ihr die Pillenschachtel aus den Händen. „Du kannst dich nicht für den Rest deines Lebens hinter den Pillen verstecken!" Panisch ging sie in die Knie und suchte mit den zitternden Händen ihre Tabletten. „Du verstehst das nicht, sie helfen mir nur über eine schwierige Zeit hinweg", stieß sie gepresst hervor. Ihre Atmung wurde immer hektischer. Sie bekam keine der kleinen Pillen zu fassen, sie schaffte es einfach nicht. Immer wieder entglitten sie ihren ungeschickten Händen. Endlich gelang es ihr eine festzuhalten. Schnell wollte sie sich in den Mund stecken, aber Paula war neben ihr in die Hocke gegangen und hielt ihre Hände fest. „Bitte, Mama, du brauchst das nicht!", beschwor Paula sie. Der Schweiß brach ihr aus und verzweifelt wollte sie sich losreißen. Sie brauchte ihre Tablette und sie musste zurück zur Arbeit, sonst würde sie es heute nicht mehr schaffen. „Nur diese eine. Ich verspreche, dann höre ich auf", flehte Editha. Aber dazu kam es nicht mehr. Das nächste woran sie sich erinnern konnte, war ihr erwachen im Krankenhaus.

„Schlaganfall" Die Worte des Arztes brannten sich in ihr Hirn. Sie hätte so gern gefragt, was das für sie bedeutete, aber sie brachte keinen Ton über die Lippen. Editha wollte ihm mit der Hand ein Zeichen geben, doch ihr Körper gehorchte ihr nicht mehr. Hilflos musste sie mit anhören, wie der Arzt ihrer Tochter und ihrem Mann erklärte, dass ihr Gehirn irreparabel geschädigt sei. Sie würde nie wieder wach werden, nie wieder sprechen und sich nie wieder bewegen können. Eigentlich lag hier nichts weiter als eine leere Hülle. Aber sie war doch noch da und hörte jedes einzelne Wort. Sie verstand auch jedes einzelne Wort. Sie wollte weinen, aber auch das blieb ihr verwehrt. Von nun an war sie eine Gefangene ihres Körpers. Tag ein Tag aus, verklang in gleich bleibender Monotonie. Irgendwann hörte sie auf, sie zu zählen, die Tage. Editha wusste nicht, wie lange sie sich nun schon in diesem Zustand befand. Waren es Wochen, Monate oder vielleicht sogar schon Jahre? Sie konnte es nicht sagen. Alles blieb gleich. Hell und dunkel wechselten sich ab und nur daran erkannte sie wann Tag und wann Nacht war. Paula entschuldigte sich bei ihr für den letzten Streit. Sie machte sich große Vorwürfe und gab sich die Schuld am Zustand ihrer Mutter. Editha hätte sie so gerne getröstet. Wenn sie ihr nur zeigen könnte, dass sie alles sich selbst zu verdanken hatte. Es waren die Tabletten und ihr unermüdliches Schuften, um nicht nachdenken zu müssen. In Wahrheit war sie schon eine Gefangene von sich selbst, als ihr der Arzt offenbarte, das sie nie wieder Kinder haben würde können. Statt einer Therapie, die ihr vielleicht geholfen hätte, griff sie lieber zu Pillen. Die wirkten einfach schneller und nun war sie hier an dem Tag, an dem sie starb.

Plötzlich erschien ein heller Lichtpunkt in weiter Ferne und kam auf sie zu, dabei wurde er immer größer und größer. In der Mitte des Lichtes bewegte sich eine Lichtgestalt auf sie zu. „Konrad?" Ihr Bruder, den sie schon vor so langer Zeit verloren hatte, streckte ihr die Hand entgegen. Er war keinen Tag, seit seinem Tod, älter geworden und so sah er genauso aus, wie sie ihn in Erinnerung hatte. „Editha, komm mit mir. Ich bringe dich nach Hause", sagte er, ohne dabei seine Lippen zu bewegen. Sie hörte seine Stimme nur in ihrem Kopf. Editha wollte ihm schon widersprechen. Sie konnte nicht gehen, geschweige denn sich bewegen, aber das traf nur auf ihren irdischen Körper zu. Sie besaß nun einen anderen Körper, der so aussah, wie der den sie zurück gelassen hatte und doch war er ganz anders. Er zog sie mit sich und brachte sie an einen Ort voller Wärme, voller Frieden und Liebe. Die Liebe schien überall zu sein und durch sie hindurch zu dringen. Alle Last der Erde fiel von ihr ab und sie war wieder glücklich. Tränen standen ihr in den Augen, auch das konnte sie wieder – weinen. Konrad reichte ihr einen Drachen. Er sah fast so aus, wie jener den sie als Kind besaß. Dann lief er lachend fort. Fort über eine wunderschöne Wiese. Editha hob den Drachen weit über ihren Kopf, ließ die Schnur los und rannte hinter ihm her, dabei ließ sie den Drachen höher und höher steigen. Die Sonne schien und sie konnte die Vögel singen hören. Es roch nach frischem Gras und Bienen summten um sie. Sie war wieder ein Kind, unbeschwert und frei. „Ich kriege dich!", rief sie und lachte aus vollem Herzen.