Die Wendeltreppe

Endlos scheint sie sich vor meinen Füßen entlang zu winden. Unter mir, über mir, rechts von mir, links von mir sehe ich nichts als unregelmäßigen, rot-gelb-melierten Sandstein, während ich mich langsam vorantaste, um auf den engen, manchmal ausgetretenen Stufen nicht zu stolpern. Hier und da muss ich den Kopf einziehen, so niedrig wird die Decke. Die Wände fühlen sich kalt und rau an unter meinen Händen. Es ist nicht unangenehm, auch vom Aussehen her spricht mich der Stein eigentlich an, aber er ist ungewohnt für mich, noch fremd.

Wie komme ich hierher? Wohin führen diese Stufen? Wo bin ich? Wann bin ich? Und wer bin ich?

Langsam, wie im Traum, schaue ich an mir herab, bevor meine Finger vorsichtig meinen Augen folgen. Ich sehe und betaste violetten Samt, ein edles, besticktes Kleid, aus mehreren Bahnen und einer Kombination von Materialien kunstfertig geschneidert, das an meinem Körper sitzt wie angegossen und sich zu den Armen und Füßen hin öffnet wie eine Blüte. Nachdenklich streiche ich über den Stoff. Bin ich eine Prinzessin?

Seitlich hinter mir bewegt sich etwas. Schemenhaft sehe ich aus dem Augenwinkel menschliche Gestalten, die mir folgen. Rasch drehe ich mich um. Es sind drei Frauen, alle in weite, lange Gewänder gehüllt. Die erste ist ganz in pastellfarbenes Türkis gekleidet, die zweite trägt Altrosa, die dritte ein schlichtes Grau. Auch ihre Köpfe und Gesichter sind verschleiert. Sind dies meine Zofen?

Ich wende mich wieder der Treppe zu, die sich vor mir in die Tiefe erstreckt. An dieser Stelle ist der Stein dunkel, fast schwarz bis auf die hellen Maserungen. Stein, gemaserter Stein… Vage wie Nebelschleier driften Bilder durch meine Gedanken: Marmorne Säulen, weiß und rötlich, in einer hohen, weitläufigen Halle. Edle, geschnitzte Möbelstücke aus Ebenholz, schwarz und glänzend wie das Gefieder eines Raben. Goldene Teller, schimmernde goldene Gefäße und Becher, eingelegt mit roten und blauen Edelsteinen, die bei jeder Bewegung aufblitzen. Glitzernde Glaskrüge mit kristallklarem Wasser. Erlesene Speisen und Getränke. Unbeschwertes Lachen. Ich war dort oben, doch ich konnte nicht bleiben…

Sind das Erinnerungen, oder nur ein Traum?

Abrupt bleibe ich stehen. Vor mir ist blauer Himmel, besetzt mit ein paar kleinen weißen Wölkchen – ein haltloses Nichts, keine Mauer, kein Boden. Mir wird schwindelig, ich muss mich an der rauen Steinwand festklammern. Dann erst wage ich es, genauer hinzuschauen. Die Treppe macht hier einen scharfen Knick nach rechts, und keine zwei Schritte weiter öffnet sich ein riesiges Fenster mit Spitzbogen, das bis auf den Boden geht. Wenn es jemals eine Brüstung hatte, so muss sie längst verwittert und in die Tiefe gefallen sein. Sogar Teile der Treppe fehlen hier, sind mit abgebröckelt. Mit schweißnassen Fingern und zittrigen Knien taste ich mich an dem Sandstein entlang, halte mich so nahe rechts, wie es nur geht, und atme erleichtert auf, als ich an dem Fenster vorbei bin.

Der Gang vor mir, in den die Treppe nun mündet, ist dermaßen dunkel, dass ich nach der blendenden Helligkeit des freien Himmels zunächst gar nichts wahrnehme. Dann dämmert mir allmählich, wie niedrig die Decke hier wird. Wir scheinen den Turm nun verlassen zu haben, die Stufen steigen nur noch geringfügig ab und verlaufen, so weit ich es in dem schlechten Licht sehen kann, geradeaus, ins Innere der Burg hinein. Mit einem mulmigen Gefühl bücke ich mich ein wenig und taste mich den Felsentunnel entlang.

Ich werde immer langsamer und bleibe schließlich ganz stehen. Die Decke ist hier so niedrig, dass ich mich knien, wenn nicht gar auf den Bauch legen muss, um mich durch diese enge Öffnung hindurchzuzwängen. Mein Atem geht stoßweise, ich fange an zu keuchen, spüre, wie die Panik mich erfasst. Wenn es eine Angst gibt, die bei mir noch stärker ausgeprägt ist als die Höhenangst, dann ist es die Klaustrophobie. Aber was kann ich tun? Umkehren? Hier stehen bleiben? Wie lange? Auf was warten?

Wieder werfe ich einen Blick nach vorne, versuche die Höhe und Breite des Tunnels abzuschätzen, und zucke erneut gequält zurück. Entmutigt sinke ich auf den kalten Stein.

„Hinter dem Durchgang wird es heller," höre ich seitlich von mir eine ruhige Stimme. Es muss eine meiner Dienerinnen gewesen sein. Ich hatte sie ganz vergessen.

Ich schaue genauer hin. Heller – das heißt, es ist nur ein Tor, ein kleiner Engpass, danach muss wieder mehr Platz sein. Ich stehe auf und gehe langsam auf die gefürchtete Stelle zu, strecke meinen Kopf hinein und blicke hindurch. Ein, zwei Meter, mehr nicht, dann wird es wieder weit. Entschlossen zwänge ich mich hinein – und bleibe stecken. Keuchend kämpfe ich mit dem Stein, spüre, wie mein Kleid an mehreren Stellen zerreißt, wie der unebene Fels meine Arme aufschabt. Noch ein kleines Stück – mit letzter Kraft entkomme ich in die Freiheit, während hinter mir Steinbrocken herabrieseln, die meine Anstrengung gelöst hat. Hoffentlich treffen sie nicht eine der Damen.

Eng aneinander gedrückt und erleichtert setzen wir unseren Weg fort. Nun geht es wieder steiler abwärts, die Decke wird höher und höher, und dort unten mündet die Treppe in ein Plateau, eine große Halle, die sich in mehrere Richtungen erstreckt. Sie scheint in verschiedene Gebäudeteile zu führen – endlich haben wir den geräumigen Hauptkomplex der Festung erreicht. Dort unten sehe ich auch Menschen herumlaufen, hin und her auf der Ebene, manche kommen die Treppe herauf, die sich dunkel und unübersichtlich jenseits des Plateaus immer weiter in die Tiefe windet. Ich werde schneller und schneller – und halte plötzlich erneut an.

Direkt vor mir hört die Treppe auf. Die letzten Stufen sind abgebrochen, verschwunden, fehlen komplett. Was nun? Springen? Es ist zu weit, wir würden uns verletzen. Herabklettern? Ich sehe keinen Halt, keine Felsvorsprünge oder Vertiefungen. Nur die Menschen, die dort unten umherziehen. Vielleicht würde einer von ihnen uns helfen?

Ich studiere ihre Gestalten, ihre Gesichter, und erkenne einen Bekannten. Ich kenne ihn nicht gut, aber er kam mir immer hilfsbereit vor. Ich rufe ihn, und er dreht sich um. Wird er mich auffangen, wenn ich springe? Ich frage ihn, er bejaht es, wendet sich aber wieder ein wenig ab. Was soll ich tun? Vertrauen?

Langsam taste ich mich noch ein wenig weiter, so weit mich die kleinen Vorsprünge, die ich nun doch finde, tragen. Dann springe ich. Und er fängt mich auf.

Ich drehe mich um nach meinen Zofen. Sie sind schon unten. Ich schaue nach oben. Eigentlich war es gar nicht so weit. Eigentlich war der Aufprall gar nicht so stark. Vielleicht hätte ich es sogar ohne Hilfe geschafft.

Vor mir, auf der anderen Seite des breiten Flurs, geht die Treppe weiter. Sie windet sich wieder, ist verwittert, rauchgeschwärzt und schmutzig. Ich wende meine Augen nach links. Eine große Glaswand erstreckt sich von einer Seite des Flurs zur anderen, doch sie hat eine breite Tür. Sie gibt den Blick frei auf weite Gemächer, eines hinter dem anderen, alle durch weitere Glaswände voneinander abgetrennt. Wir müssen uns in dem Hauptflügel auf halber Höhe der Burg befinden. Die Räume sind stilvoll eingerichtet, mit gepolsterten Sofas, gedrechselten Tischchen, Schränken aller Art und goldgerahmten Stillleben. Sie erinnern mich an Salons der Biedermeierzeit, wie ich sie aus alten Gemälden kenne, und die Menschen, die diese Räume zahlreich bevölkern, in allen erdenklichen Posen auf und um die Möbelstücke drapiert scheinen, verstärken diesen Eindruck. Ich sehe eine Gruppe von Männern und Frauen, die sich über einem reichen Mahl angeregt unterhalten.

Gerade wendet sich eine der Frauen ein Stück von den anderen weg und lacht laut auf. Im ersten Moment will sich mein Mund ebenfalls zu einem Grinsen verziehen, doch etwas stört mich. Das Gesicht der Frau wird schlagartig wieder ernst, nun gestikuliert sie heftig, dann öffnet sich ihr Mund erneut zu einem Lachen. Es wirkt einstudiert, unecht, theatralisch. Nun bemerke ich die dicke Schicht von Schminke, die sich in den Falten ihrer Haut festgesetzt hat wie Schlamm in einem Flussbett, das knallrote Rouge, das ihre Wangen bedeckt, die schrillen Blau- und Grüntöne um ihre Augen. Bunte Steine an goldenen Ketten akzentuieren ihren Ausschnitt, ihre Arme, hängen schwer von ihren Ohrläppchen herab, doch selbst von hier aus kann ich sie als Glas und Plastik erkennen. Mein Blick wandert von einer Person zur nächsten. Niemand scheint ganz ohne künstlichen Schmuck auszukommen, selbst einige der Männer tragen Make-up, falsche Wimpern, aufgeklebte Fingernägel, Perücken.
„Sie spielen hier alle Theater," sagt eine der Zofen hinter mir leise.
Die Räume selbst erscheinen mir auf einmal steril, leblos, muffig. Kein Windhauch erreicht sie. Nun weiß ich auch, was mich die ganze Zeit schon verwirrt hat: Sie haben kein einziges Fenster.

Energisch wende ich mich ab, der schwarz verrußten Treppe zu.
„Du weißt nicht, was dort unten wartet," meldet sich wieder eine der Damen zu Wort.
Unschlüssig schaue ich zurück zu den Gemächern.
Direkt vor mir, nur durch eine Glaswand getrennt, posiert eine Frau auf einer Liege. Sie ist noch jung, ihr volles, dauergewelltes Haar umrahmt ein hübsches, recht dezent geschminktes Gesicht. Sie reckt ihren Kopf, wie um sich bewundern zu lassen, bemerkt mich dabei, und ich frage sie rasch: „Werden Sie von hier aus irgendwann weitergehen in die Räume weiter hinten?"
Sie starrt mich verständnislos an.
„Geht es dort weiter?" rufe ich laut. „Kommt dort noch mehr, das man von hier aus nicht sieht?"
Sie räkelt sich ein wenig.
Ich schreie: „Gibt es am Ende dieses Gebäudes irgendeinen Sinn?"
Die Glaswand ist zu dick. Sie kann mich nicht hören.
Ich gestikuliere mit Händen, Armen und Füßen. Ich zeige auf sie, deute dann nach hinten in die überfüllten Raumfluchten, mache die Geste des Laufens, sehe sie fragend an.
Sie legt sich zurück auf ihr reich verziertes Sofa, legt den Kopf auf die Kissen und schläft ein.

Abrupt drehe ich mich weg. Ich weiß nicht, was die Alternative ist, was mich weiter unten erwartet, doch ich weiß, dass ich dies hier nicht will.

Staub hängt sich an meine Finger, als ich das grob behauene Geländer anfasse, das die steil abfallenden, engen, geschwärzten Stufen begleitet. Rasch nehme ich meine Hand weg. Hier können wir nur noch hintereinander gehen. Eine enge Nadelkurve, in der mir die dunklen Schmutzablagerungen an der Wand besonders ins Auge fallen, und schon befinden wir uns im Keller. Bereits von hier aus sehe ich, dass die Treppe in einem schlichten, vernachlässigten Gewölbe endet, das sich über mehrere Gänge zu verschiedenen Türen erstreckt und durch schmucklose graue Säulen unterteilt ist. Sie sehen wie Beton aus, oder vielleicht Zement?
Müll stapelt sich an der Wand neben uns, alte Kartons, halb zerrissene Mülltüten. Was ist mit dem mittelalterlichen oder wenigstens vergangenen Jahrhunderten entstammenden Flair der Burg geschehen? Rasch gehe ich weiter, doch hinter der nächsten Säule strotzt mir nur noch mehr Müll entgegen: zerbeulte, halb umgeworfene Blechtonnen mit verschimmeltem Kompost, achtlos durcheinander geworfene Säcke mit gammeligen Verpackungen, an denen noch die sich zersetzenden Essensreste kleben.

Wir brauchen nicht mehr weiterzugehen. Wir haben den Boden der Treppe erreicht, und ein Blick zwischen das nächste Pfeilerpaar zeigt mir, dass es dort nicht besser wird. Direkt am Treppenabsatz steht ein alter, angerissener Pappkarton, aus dem verstaubte Werkzeuge hervorlugen. Besen, Schippen, Schwämme, Reinigungsmittel, verschiedene bunte Gummihandschuhe, an deren verbleichter, verwitterter Oberfläche Spinnweben haften.

Ich drehe mich um zu meinen Mägden, die hinter mir stehen geblieben sind.
„Ich denke, ich weiß, was hier getan wird."
Ich suche mir ein paar grüne Gummihandschuhe aus – Grün ist meine Lieblingsfarbe, Grün, die Farbe der Hoffnung – und mache mich an die Arbeit. Zögerlich folgt die Dame in Rosa meinem Beispiel.

Mir war nicht bewusst gewesen, dass es hier unten Wasser gibt, bis die Berge von schmutzigem Geschirr ankamen. Nun, während wir an der primitiven Spüle stehen, bemerke ich, dass es über mir sogar aus der Wand und von der Decke tropft. Ich halte einen mit Essenresten bedeckten Teller unter den altmodischen Wasserhahn, lasse ihn vollaufen und erkenne zu spät, dass ich eigentlich vorher den Müll darauf hätte trennen müssen. Ich schiele herüber zu der Dienerin neben mir, beobachte, wie sie zuerst den Teller säubert, bevor sie ihn nass macht. Sie hat dunklere, kräftige Hände, daran erkenne ich, dass es die Dame in Grau ist, noch bevor ich ihre hochgekrempelten grauen Ärmel wahrnehme. Die Dame in Rosa hat schmälere, zartere Finger, und die der Dame in Türkis sind ganz weiß. Seit wir hier unten alleine sind, widme ich meinen Begleiterinnen mehr Aufmerksamkeit, daher fallen mir solche Unterschiede nun auf.
Seufzend wühle ich in der Brühe auf meinem Teller herum, fische Hähnchenknochen und Bonbonpapiere zwischen den Gemüseresten heraus, bevor ich mit dem Schwämmchen darangehe.

Ein Aufschrei lässt mich zusammenzucken, der Teller entgleitet meinen Händen und zerbricht klirrend auf dem Boden. Die Dame in Rosa flüchtet sich zu uns, hält uns ihre Füße in den geschnürten Halbschuhen entgegen, die von einer schmutzigbraunen Brühe getränkt sind.
„Es stinkt," meldet sich die Dame in Türkis zu Wort.
„Da hinten ist ein ganzer Raum unter Wasser! Und es kommt unter der Tür heraus! Wenn das so weitergeht, ist bald der ganze Keller überflutet!"
Ein Blick in die angegebene Richtung zeigt mir, dass die Dame in Rosa Recht hat. Vorhin war hier noch das Steinpflaster zu sehen gewesen, das wir erst vor kurzem auf dem Boden herumrutschend geschrubbt haben. Nun ergießt sich eine schmutzigbraune Lache schon fast bis zu unserer Spüle. Ich kann den Gestank bis hierher riechen.
Auch die Dame in Türkis wird nun unruhig. „Es sind die Toiletten!" In ihrer Stimme schwingt Entsetzen mit. „Einer von den Theaterspielern muss weiter oben wieder irgendetwas hineingeworfen haben, was sie verstopft hat."

Ich erstarre. Das heißt, jemand muss hineingehen, irgendwie die Hindernisse in dem Abwassersystem finden und sie beseitigen. Die Rohre reinigen. Irgendwo habe ich vorhin einen dieser Abflussreiniger aus Gummi gesehen, aber ob das ausreicht? Vielleicht noch einen Besenstiel, um in die Rohre hineinzukommen? Hastig suche ich die beiden Gegenstände in dem Werkzeughaufen unter dem Treppenabsatz, sehe dabei aus dem Augenwinkel, wie die Dame in Türkis händeringend am Ufer der riesigen Pfütze steht, während die Dame in Grau anscheinend versucht, der Dame in Rosa mit einem Eimer und Spülschwamm die Kotbrühe von den Füßen zu waschen.
Ich erschaudere. Hier stehe ich nun mit dem kleinen Gummisauger in der einen Hand und dem ungelenken Besenstiel in der anderen, während Übelkeit in mir aufsteigt, ich mich zusammenreißen muss, um mich nicht zu übergeben. Jemand muss die Tür zu diesem Raum öffnen und versuchen, die Störung zu beheben. Jemand muss die Initiative ergreifen. Ich bin die Prinzessin. Wer soll es tun, wenn nicht ich?

Gehetzt blicke ich um mich, den Würgereiz kann ich kaum noch kontrollieren. Alles hat seine Grenzen. Was passiert mit einem hier unten, wenn man sich weigert? Was passiert mit uns, mit der Burg, wenn die Kloaken endlos überlaufen? Tränen steigen mir in die Augen.

Plötzlich sehe ich zwei Hände vor mir, die sich nach dem Gummisauger und dem Besenstiel ausstrecken.
Es ist die Dame in Grau. Fassungslos starre ich sie an, versuche ihren Schleier mit meinen Augen zu durchdringen.
„Gib mir das."
Die Stimme klingt so souverän, dass ich ohne nachzudenken reagiere. Langsam, wie im Traum, lasse ich die Gegenstände los und schaue zu, wie die Magd ihren Schleierumhang ablegt, dann ihr Obergewand. Ich keuche überrascht auf: Meine Dienerin ist ein Mann!

Schwarze Locken, glänzend wie das Gefieder eines Raben, umrahmen sein ebenmäßiges Gesicht, das in einem inneren Licht erstrahlt wie reines Feingold. Seine Augen, graublau und unergründlich wie die Kristallgitter eines Cyanits, sanft wie schimmernde Taubenfedern unter den zarten Wimpern, lebendig wie glitzernde Wasserbäche in der Sonne, halten mich für einen endlosen Moment gefangen in ihren Tiefen. Ich kann mich erst wieder bewegen, kann erst wegschauen, als er den Bann bricht, die Ärmel seines dünnen, weißen Untergewandes – des einzigen Kleidungsstückes, das er nun noch trägt – hochkrempelt. Seine Finger mit ihren gerundeten Nägeln sehen aus wie goldene Stäbchen besetzt mit Bernstein. Seine Arme, seine muskulösen Schultern sind perfekte Kunstwerke, geschnitzt aus Elfenbein. Gebannt sehe ich zu, wie er die losen Enden seines Unterkleides hochrafft und sie sich in den Gürtel steckt. Seine nackten Füße in den Sandalen sind Sockel aus Gold, seine Beine Säulen aus edlem, weißem Marmor. Ich kann die Venen erkennen, die seine Haut durchziehen wie Adern von Saphir und Lapislazuli. Wie blutrote Rubine leuchten mir große Narben an seinen Füßen, an seinen Handgelenken entgegen. Ich blicke zurück in sein Gesicht. Viele kleine Narben ziehen sich über die olivfarbene Haut seiner perfekten Stirn wie Gravuren auf einem goldenen Trinkgefäß.

Der Thronsaal ist hier. Noch nie, selbst dort nicht, habe ich solche Schönheit gesehen. Oder doch? Seine Augen kommen mir so bekannt vor…

„Ich verrichte immer die niedrigste Arbeit," sagt er leise und majestätisch. Dann watet er durch die Exkremente auf die geschlossene Tür zu.

März 2011

Anm.: Die Schilderung im drittletzten Paragraphen gründet sich bewusst auf Hohelied 5: 10-15.