Carl Sagan Center for Study of Life in The Universe – Mountain View, Kalifornien

„Paul, da draußen sind Menschen!" Monica Selinsky war keine Kommunikationsspezialistin. In dem Moment, als sie den Satz ausgesprochen hatte, um ihrem Chef die beiden Besucher aus den NASA Headquarters anzukündigen, wusste sie, dass sie sich auf eine ironische Antwort gefasst machen musste. Menschen? Mein Gott Monica, rufen Sie die Kammerjäger! Nur natürlich noch witziger und origineller.

Doch dann schrie McFadden, sodass es die Herren in den Nadelstreifenanzügen, die auf dem Flur standen, ebenfalls hörten: „Schon wieder so Klingonen? Ich will nicht gestört werden!" Menschliches Verhalten vorherzusagen, war für Monica definitiv schwieriger als die Anzahl außerirdischer Zivilisationen in unserer Galaxis. Für das Letztere gab es schließlich die Formel. Hatte sie nicht sogar betont, es seien Menschen, da draußen? Was genau ein Klingone war, wusste sie zwar nicht, aber sie nahm an, McFadden bezog sich auf die Leute, die sich spitze Ohren anklebten und vorzugsweise im hellblauen Schlafanzug hier vorbeischauten, um sich mit Dr. McFadden über außerdische Zivilisationen zu unterhalten. Sie schlüpfte durch den Spalt in der Tür und ließ sie hinter sich ins Schloss fallen. McFadden saß über einer Computersimulation, die die Entstehung der Mars-Deltas zu rekonstruieren versuchte.

„Nein, es sind zwei Herren von der NASA." meinte Monica und schaute auf den Bildschirm. Die Formen, die auf der simulierten Marsoberfläche entstanden, stimmten nicht mit den realen überein.

„Sehen Sie das? Es funktioniert! Sie sehen die Entstehung des Nephentes Mensae. Die Parameter sind also endlich stimmig!" Monica lächelte und nickte. Zumindest das hatte sie in den drei Jahren als McFaddens Assistentin gelernt: Lächeln und nicken war immer angebracht, wenn etwas so offensichtlich Unzutreffendes von ihm als „stimmig" bezeichnet wurde. „Was ist jetzt mit diesen Menschen von der NASA?"

McFadden drehte sich zu ihr. „NASA? Wahrscheinlich geht es wieder um die Kürzung finanzieller Mittel. Tja, Monica, ich schätze, Sie sind nicht mehr lange bei uns. Ein Jammer, Sie waren die beste Assistentin, die ich je hatte."

„Paul, ..."

McFadden drehte sich mit Schwung wieder zum Monitor. „Ich meine es Ernst. Sie wissen genau, wann Sie mich auf einen Fehler hinweisen müssen und wann nicht!" er hob die Computertastatur einige Zentimeter an und warf sie mit Macht wieder auf den Schreibtisch. „Ich verstehe diese Scheiße nicht. Diese Schlammkuhle hat nicht die geringste Ähnlichkeit mit dem Nephentes Mensae oder sonst irgendeinem bescheuerten Flussdelta auf dem Mars. Dieses Programm ist absoluter Mist! Man sollte Brian feuern!"

Monica war sich nicht sicher, wie ernst McFadden das jetzt wieder meinte. Brian, der für die Entwicklung dieser Simulation mitverantwortlich gewesen war, war ihr recht sympathisch, er war durchaus fähig, hatte Frau und 2-4 Kinder, aber dennoch musste sie gestehen, dass sie lieber ihn gehen sehen würde, als selbst gehen zu müssen. Sie starrte McFadden in den Nacken und versuchte zu rekonstruieren, ob es ironische Untertöne in seiner Sprache gegeben hatte und wenn ja, was es bedeutete.

Paul drehte sich wieder um. Er lächelte. „Na dann, holen Sie sie rein, Monica!"

Schweigend drehte sie sich um und bedeutete den beiden Männern, die vor der Tür warteten, einzutreten. Einige Sekunden starrten sich McFadden, der sich nicht von seinem Drehstuhl erhob, und die NASA Herren gegenseitig an. Vielleicht sollte sie sie einander vorstellen, allerdings hatte sie keine Ahnung wer sie eigentlich waren, nur Menschen von der NASA.

„Mr. Burton, Dr. Park! Was führt Sie hierher?" McFadden war offensichtlich überrascht diese Männer hier zu sehen. Falls dieser Mr. Burton derjenige war, für den Monica ihn nun hielt, war auch sie überrascht. Der Afro-Amerikaner mochte so um die 54 Jahre alt sein. Damit passte er genau zu dem Steckbrief, den Monica über den neuen Administrator der NASA vor drei Wochen gelesen hatte. Sie hatte auch ein Bild gesehen, konnte sich jedoch nicht mehr genau daran erinnern. Der andere Mann, könnte vielleicht der Leiter des Mars Reconnaissance Orbiter Projekts sein, von dem Sie eigentlich nur wusste, dass er Asiate und mittleren Alters war, immerhin zwei Übereinstimmungen.

McFadden war aufgestanden und deutete auf Monica. „Das ist Monica Selinsky, meine ... Praktikantin." Er lachte. Die Herren lachten ebenfalls. Monica fand das gar nicht witzig. Zunächst hatte sie einen völlig anderen Nachnamen als die berühmteste Praktikantin der Erdgeschichte und dann hatte sie auch überhaupt nichts mit ihr gemeinsam, außer vielleicht die Frisur, aber die hatte sie immer schon gehabt, seit sie 13 war, und da kannte man die Praktikantin noch nicht. „Ich bin Dr. McFaddens Assistentin, Doktor der Astrophysik und Planetologie, Master der Biologie."

„Natürlich, Ms. Lewinsky."

„Ich bin seit 3 Jahren Dr. McFaddens Assistentin."

„Und eine verdammt gute." McFadden fühlte sich schuldig. Er hatte seine überaus qualifizierte und hochintelligente Assistentin als Praktikantin bezeichnet. Er wollte doch nur einen Witz machen. Aber warum der neue NASA-Administrator und der Leiter des MRO Projekts persönlich und unangemeldet erschienen, darauf konnte er sich keinen Reim machen. Das konnte nur etwas Schlechtes bedeuten. Vielleicht ging es wirklich um die Kürzung oder gar Streichung der finanziellen Unterstützung? Dr. Park holte eine Aktenmappe aus seiner schwarzen Ledertasche und reichte sie ihm schweigend.

McFadden war genervt. Jetzt soll ich mir Statistiken über Staatsverschuldung ansehen und dann am Ende selbst darum betteln, doch die Zahlungen an das SETI Institut einzustellen, damit die Regierung unseren Jungs, die in der Wüste unsere Freiheit verteidigen, nicht die Sonnencreme streichen muss. Immer mehr Ärger stieg in ihm hoch. Sollten die in Zukunft doch Länder angreifen, in denen die Sonne nicht scheint. Lappland, im Winter. In ein paar Wochen ist das zu schaffen.

„Was meinen Sie?" unterbrach Burton den Gedankenfluss des Doktors.

„In Lappland scheint den Winter über gar keine Sonne. Das nennt man Polarnacht."

Park und Burton warfen sich einen verwirrten Blick zu, während Monica ein paar Schritte näher auf den Doktor zuging, um die Fotos zu betrachten, die er nun ohne aufzuschauen aus der Mappe nahm.

Es waren Fotografien, die er schon häufiger gesehen hatte. Aufnahmen von Bildern, die in die Erde gescharrt waren, Geoglyphen, welche eine uralte Hochkultur in Südamerika einst geschaffen hatte. Zu sehen waren verschiedene stilisierte Figuren, unter anderem ein Kolibri, ein Affe, etwas das aussah wie ein Hund und dann der sogenannte Astronaut, die Abbildung eines Menschen mit merkwürdig rundem Kopf und großen Augen. Er erinnerte McFadden mehr an einen Eskimo, als an einen Astronauten, wobei es natürlich weder das eine noch das andere sein konnte. Doch gerade dieser Astronaut, wie auch die vielen verschiedenen weiteren Linien und trapezförmigen Flächen, die in der peruanischen Wüste gefunden worden waren, regten seit ihrer Entdeckung die Fantasie der verschiedensten Verschwörungstheoretiker und Pseudowissenschaftler an. Waren es Landebahnen und Verkehrszeichen für Außerirdische? McFadden hatte durchaus Spaß daran, sich diese Theorien anzuhören und sogar weiterzuspinnen, daher empfing er auch hin und wieder Ufologen und andere nerdige Freaks, um sich mit ihnen über Wurmlöcher, Alienentführungen und Roswell zu unterhalten, jedoch war er in erster Linie Wissenschaftler.

„Die Nazca-Linien! Gibt es da neue Erkenntnisse?" McFadden blickte mit mäßiger Neugier auf Dr. Park. Er war schließlich kein Archäologe oder ging es hier um neue Techniken der Fotografie und Oberflächenkartografie? Dies könnte sich möglicherweise als hilfreich erweisen, um die Erosionsstrukturen auf dem Mars besser erforschen zu können und sie zu finden, die Einzeller, die McFadden versuchte auf dem Mars nachzuweisen.

„Was wissen Sie über die Nazca-Kultur, Dr. McFadden?" fragte Burton, der sich nun das Bild des Astronauten von dem Schreibtisch des Doktors nahm und nachdenklich darauf schaute.

„Naja, ich bin kein Archäologe. Wie jeder normale Mensch bin ich an solchen Rätseln interessiert, jedoch finde ich bei soetwas meistens die Fiktion unterhaltsamer als die Wirklichkeit." McFadden betrachtete Burton, der über das Eskimobild sinnierte. Ein sympathischer Mann, dachte McFadden, er hatte irgendeinen militärischen Hintergrund, Navy, soweit er sich erinnern konnte. Jedoch wirkte er weniger kühl und wissenschaftlich distanziert als Dr. Park, der seiner Assistentin, die ohne eine Miene zu verziehen und mit großer Ernsthaftigkeit die anderen Fotos studierte, ähnelte.

„Soviel ich weiß, sind die Nazca eine Hochkultur in Peru gewesen, die relativ lange existiert haben, bis sie, bedingt durch eine Klimaveränderung und die damit einhergehende Verwüstung der Nazca- Ebene verschwunden sind", fuhr McFadden fort, „die Idee, Außerirdische hätten sie entführt und an einen anderen Ort gebracht, finde ich jedoch wesentlich aufregender. Daraus sollte jemand eine Fernsehserie machen, meinen Sie nicht?"

Burton blickte auf. „Sie mögen Science Fiction?"

„Wie gesagt, ich finde es unterhaltsam. Manchmal inspirierend."

Burton nickte Park zu, der aus seiner Tasche einen weiteren Ordner herauskramte. „Wie steht es mit Ihnen Ms. Lewinsky?"

„Diese Fotos zeigen nicht die Nazca-Linien." Monica war es gewohnt, dass man ihre Doktortitel ignorierte. Sie sah nicht aus wie jemand mit zwei Doktortiteln. Sie war zu jung. Dass man sie mit falschem Namen ansprach, kam ebenfalls häufiger vor. Was sie verwirrte waren diese Bilder.

„Die Geoglyphen der Nazca-Ebene sind teilweise überdeckt von Linien und Trapezen, die Generationen später geschaffen wurden. Man kann die Figuren nur vollständig aus der Luft erkennen, was erklärt, weshalb sie erst um 1920 wiederentdeckt wurden, als die ersten Linienflüge über der Ebene etabliert waren. Auch die Nazca selbst wussten wahrscheinlich irgendwann nicht mehr, wo sie schon Bilder gescharrt hatten und so überdeckten sie alte Figuren mit neuen." Monica zeigte McFadden das Bild eines in die Erde gescharrten Vogels. „Das Kolibri-Bild in der Nazca-Ebene liegt nicht so frei wie dieses hier. Dort kreuzt eine Linie seinen Schnabel, eine weitere die Schwanzfedern. Die Struktur, die an die Schnabelspitze grenzt, ist auf diesem Bild ebenfalls nicht vorhanden."

McFadden krazte sich am Kopf. Seine Assistentin hatte recht. Jedoch nahm sie das alles zu ernst. Diese Bilder waren vermutlich manipuliert worden, damit man die eigentlichen Figuren besser erkennen konnte. Er erinnerte sich an eine sternenklare Nacht vor drei Jahren, als er mit seiner neuen, blutjungen Assistentin Dr. Dr. Monica Selinski Sternenbilder diskutierte. Sie äußerte Unverständnis über die Namen. Sie konnte weder einen Wagen, noch Fische, noch einen Jäger mit Pfeil und Bogen erkennen. Sogar das Kreuz des Südens sei eine Fehlbezeichnung, da es sich in keinster Weise um ein gerades Kreuz handeln würde. Es fehlte ihr an Fantasie, beschloss McFadden damals und sah sich in den Jahren darauf immer wieder bestätigt.

„Was Sie in der Hand halten, sind Originalaufnahmen, die einer unserer NASA Satelliten gemacht hat. Sie wurden in keinster Weise manipuliert." Dr. Park hatte zwei Formulare aus seinem Ordner geholt. „Unterschreiben Sie bitte diese Geheimhaltungserklärung, damit wir weitersprechen können."

Dr. McFadden warf Burton einen erstaunten Blick zu. Geheimhaltung? Wegen Geoglyphen, die ein Satellit fotografiert hatte? Möglicherweise würden sie als nächstes Kornkreise besprechen wollen. Und wieso sollten sie darüber schweigen? Er nahm das Formular entgegen und unterschrieb, ohne es zu lesen. Seine Assistentin, hatte ebenfalls unterschrieben und blickte Dr. Park erwartungsvoll an.

„Wie gesagt, einer unserer Satelliten machte vor 26 Tagen diese Bilder. Wir dachten zunächst, jemand habe sich einen Scherz erlaubt und eine Untersuchung eingeleitet." Dr. Park blickte Burton hilfesuchend an.

„Ohne Ergebnis. Diese Bilder sind echt."

Die Feststellung, dass die Bilder echt sind, ist doch ein Ergebnis, dachte Monica und fragte: „Wo wurden sie denn nun aufgenommen, wenn nicht über der Nazca-Ebene?"

Dr. Park schien sich auf diesen Moment vor dem Spiegel vorbereitet zu haben, dachte McFadden. Er riss die Augen auf, reckte die Nase in die Höhe, blähte seinen Brustkorb auf und sagte triumphierend: „Die Bilder hat Mars Reconnaissance Orbiter aufgenommen. Nördliche Hemisphere. Elysium Planitia."

„Auf dem Mars", warf Burton ein, da die beiden Wissenschaftler, die seit Jahren daran arbeiteten, ausgestorbene primitive Einzeller auf dem Mars nachzuweisen, Dr. Park mit offensichtlichem Unverständnis anstarrten.