Das Herbsttor

Meine Mutter war gestorben, und ich war ihnen wieder einmal weggelaufen. Nicht weit, bloß ein paar Straßen. Das letzte Mal, als ich abgehauen war, hatte ich dort am Rand des Parks ein Café entdeckt, das gemütlich aussah von außen. Ich setzte mich also hinein, bestellte einen heißen Kakao und schaute aus dem Fenster auf die Menschen, die im Nieselregen vorbei eilten. Zwar hatte ich natürlich kein Geld, aber mein Team würde mich zweifellos bald aufspüren und dann, ohne viel Aufsehen zu erregen, noch eben die Rechnung begleichen.

Kurz nach mir war eine junge Frau eingetreten, die einsam aussah. Ich lud sie spontan ein, sich an meinen Tisch zu setzen, und sie war einverstanden. Ich habe nicht besonders viel Erfahrung mit belanglosen Gesprächen, mit fremden Leuten, und deshalb nahm unsere Unterhaltung schnell einen vielleicht etwas eigenartigen Verlauf.

„Wie alt schätzen Sie mich?"

„Keine Ahnung." Sie runzelte die Stirn, fragte sich offensichtlich, was diese Frage sollte. „So sechsundzwanzig? Siebenundzwanzig?"

„Was wäre, wenn ich Ihnen sagen würde, dass ich fast auf den Tag genau siebenundfünfzig Jahre alt bin?"

Jetzt grinste sie, aber hinter der entspannten Fassade sah ich ihr die Skepsis an. „Dann würde ich mich fragen – wieso würde sich jemand wie Sie als so alt ausgeben wollen?"

„Hmm. Punkt für Sie." Sie musterte mich neugierig, nippte an ihrem Kaffee. Ihre Augen waren groß und braun wie die eines Rehs.

„Was ist das da?" Sie zeigte auf etwas in meiner rechten Armbeuge.

„Das ist ein arterieller Katheter."

Ich sah ihr an, dass ihr der Begriff etwas sagte, sie sich aber nicht sicher war. „Sind Sie ... krank?"

„Im Gegenteil." Ich seufzte. „Ich bin so gesund, dass andere was davon abhaben wollen."

Sie lachte leise. Ihr Lachen klang schön. „Was soll denn das heißen?"

„An meiner DNS ist etwas ... ungewöhnlich."

„Ich dachte immer, das heißt DNA."

„DNS ist die deutsche Bezeichnung. Das S steht für Säure, auf Englisch acid." Ich zuckte mit den Schultern. „Jedenfalls können sie irgendwie dieses ... Besondere ... aus meinem Blut rausholen. Was sie aber witzigerweise nicht können, ist, diesen Stoff zu synthetisieren. Also künstlich herzustellen. Und darum brauchen sie immer neues Blut von mir."

„Wer sind sie? Ärzte?"

„Wissenschaftler. Zukünftige Nobelpreisträger."

„Und was ist das Besondere an Ihnen?" Sie steckte ihre Stupsnase tief in ihre Kaffeetasse.

„Das habe ich Ihnen schon gesagt."

Sie starrte mich einen Moment lang an. Dann lächelte sie. „Sie meinen, dass Sie schon siebenundfünfzig sind und ... na ja ... aussehen, wie Sie aussehen?"

„Genau."

Ihr Lächeln wurde breiter. „Altern Sie vielleicht rückwärts? Wie in diesem Film mit Brad Pitt?"

„Nicht ganz. Nur sehr langsam."

„Aber das ist doch cool."

„Es ist anstrengend. Meine Mutter ist heute gestorben. Sie war fünfundachtzig."

Ich bedauerte, dass ihr hübsches Lächeln verschwand. Sie schluckte. „Oh. Das tut –"

„Ich muss gehen. Aber danke für Ihr Lächeln." Ich erhob mich. An der Glastür des Cafés waren zwei Mitglieder des Teams aufgetaucht. Sie nahmen mich sofort und wortlos in ihre Mitte. Niemand blickte auf. Wie jedes Mal.

oOo

In den Momenten, bevor ich einschlafe, sehe ich manchmal Herbstbäume vor mir. Ich mag die Farben – Dunkelrot, Braunrot, Orange und Gold. Zwischen den Bäumen liegt ein Pfad, und von den gebogenen Ästen rieseln bunte Blätter auf ihn hinab, wie verzauberte Schmetterlinge. Und von hinten, wo der Pfad zwischen den Stämmen verschwindet, leuchtet das neblige Licht einer sinkenden Sonne und überzieht das ganze Bild mit einem rotgoldenen Schimmer. Diese Öffnung zwischen den Bäumen, wo die Sonne scheint, sieht aus wie ein Tor.

Ich wünsche meiner Mutter auf ihrem letzten Weg, dass sie dieser Pfad durch das Sonnentor hinüber in ein warmes Jenseits führt. Die Vorstellung ist unwahrscheinlich tröstlich.

oOo

Mein Name ist Max. Ich bin der älteste Mensch in dieser Einrichtung. Mit einer Ausnahme, die jetzt gerade auf mich zu kommt. Dr. Wartsteffens. Er war schon hier, als sie vor einem halben Jahrhundert die ersten Versuche an mir durchführten. Er ist so etwas wie ein lieber Onkel für mich.

„Max", sagt er, als er sich neben mir auf die Stufen in der Eingangshalle des Labortracks setzt. „Wieso bist du heute wieder weggelaufen? Wegen deiner Mutter? Die Beerdigung ist fertig arrangiert, weißt du. Du und das Team werdet –"

„Wieso ist sie gestorben?", unterbreche ich ihn.

Er zögert. „Nun, sie war alt –"

„Sie war meine Mutter. Ich bin ihr Sohn, und nach allem, was wir wissen, werde ich noch mindestens ein Jahrhundert zu leben haben. Wieso war sie nicht wie ich?"

Er lächelt vorsichtig. „Weil sie eben nicht die genetische Mutation –"

„Ich würde so gern die Zeit spüren." Ich stehe auf. Dr. Wartsteffens blickt mich an. Ich weiß, er überlegt, ob er vielleicht meine Psychologin rufen sollte.

„Max." Er erhebt sich ebenfalls, weiterhin lächelnd. „Du solltest doch nach all diesen Jahren akzeptiert haben, was dir geschenkt wurde. Wir stehen kurz vor dem endgültigen Durchbruch! Wir werden den Menschen dieser Welt einen großen Traum erfüllen können. Und dann werden wir dich der Öffentlichkeit vorstellen. Die Arbeit an dir und mit dir hat das Tor in eine neue Zukunft geöffnet, Max!"

Diese enthusiastischen Phrasen gibt er mir seit drei Jahrzehnten. Ich weiß nicht, ob ich noch daran glauben soll.

Er lässt mich allein. Es ist still. Ich trete ans Fenster, schaue in die graue Abenddämmerung hinaus. Ich spiele mit dem Katheter in meinem Arm und denke nach.

Es hat gut getan, heute wieder mal unter neue Menschen zu kommen – für eine halbe Stunde, in der ich die Zeit vergehen gespürt habe. Und dazu noch im Herbst. Vielleicht mag ich diese Jahreszeit so gern, weil man da so deutlich merkt, wie die Welt sich wandelt.

Für einen Moment gedenke ich der jungen Frau. Ob sie mich wohl schon wieder vergessen hat? Sie war wirklich hübsch ...

Ich weiß nicht, was ich tun würde, sollte es mir einmal gelingen, nicht wieder gefunden zu werden. Ich möchte keine Familie gründen. Nein. Ich werde nie Kinder haben. Denn ich möchte nicht, dass ihnen dasselbe passiert wie mir. Zwar weiß ich nicht, ob mein Zustand vererbbar ist, aber ich möchte keine Risiken eingehen.

Und dabei hatte und habe ich das am besten behütete Leben, das man sich nur erträumen kann. Ich sollte mich nicht beschweren. Möchte ich hier wirklich weg? Könnte ich da draußen überhaupt überleben? Ich habe alles, was ich brauche, und noch ein bisschen mehr. Ich habe ein Team, das sich um mich dreht wie die Erde um die Sonne.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich noch ein Jahrhundert warten soll, bis ich durch das Herbsttor treten darf.

Ein Tor in die Zukunft. Tor. Früher hieß das Wort auch mal so etwas wie Dummkopf. Bin ich das?

Ich bin siebenundfünfzig Jahre alt. Und ich wurde noch nie von einer Frau geküsst.

oOo

Viel später erst lasse ich die Gedanken sein und akzeptiere. Für eine Weile.