Er liebt mich!

Er liebt mich nicht!

Der Wind riss die ersten Blätter von den Bäumen und trieb sie vor sich her. Legte sie am Boden ab um sie erneut wieder auf zu wirbeln. Einige Blätter verirrten sich in rostrotes Haar, andere blieben auf bleichen Wangen liegen. Eine schlafende Schönheit hatte sich im Wald verirrt. Ihre Lippen waren von derselben korallroten Farbe wie ihr Kleid. Leicht verwischt an den Mundwinkel erzählten sie davon, dass nicht vor allzu langer Zeit ein anderer Mund darauf gelegen und diesen für sich erobert hatte. Noch war die Farbe ihres Gesichts nicht fahl, nicht bläulich. Der Tod hatte vor nicht allzu langer Zeit seine grausigen Finger nach ihr ausgestreckt und sie mit sich fortgenommen.

Der Wind ließ neues Laub auf sie herabregnen und deckte sie beständig zu. Es war der erste richtige Herbsttag. Gelbe, rote, braune und grüne Blätter zierten sie und hüllten sie in ein buntes Leichentuch. Die Liebe lockte sie in den Wald, doch es war der Tod, der sie fand. Der Kuss ihres Prinzen, der scheinbar die Macht besaß sie zu erwecken, hatte sie getötet. Zu ihren Füßen stand ein kleiner geflochtener Weidenkorb. Eine Flasche Rotwein streckte seinen Hals heraus. Unter einem rotkariertem Tuch verbarg sich ein Marmorkuchen. Heute Morgen erst hatte sie ihn mit aller Liebe gebacken, um ihn heute Nachmittag kredenzen zu können. Weiße Rosen lagen verstreut neben ihr auf der Erde. Ihre Blütenblätter waren zerzaust, eingeknickt und zeigten bereits die ersten Anzeichen des Verderbens. Ohne Wasser, ausgesetzt in der Kälte des Windes zum Sterben verurteilt. Genauso wie ihre Besitzerin.

Sie war es gewesen, die sie liebevoll in den Korb steckte damit sie anderorts ihre Pracht versprühen konnten. Unweit von ihr lief ein schmaler Pfad tiefer hinein in den Wald. Am Ende dieses lebte in einem bescheidenen Häuschen ihre Großmutter. Ihre Augen waren bereits schlecht, deshalb trug sie beständig eine Brille mit dicken Gläsern, die ihre Augen überdimensional groß wirken ließen und manchmal ertappte sie sich dabei, wie sie davor zurückwich. Wie sie ihr Furcht einjagten. Neben ihrer Großmutter gab es noch etwas anderes, lockendes, betörendes, das sie mit innerer Unruhe beständig in den Wald trieb. Zum ersten Mal begegnete sie ihm im Frühling, als die ersten Blumen ihre Köpfe durch den kalten Waldboden nach oben streckten. Aus Freude darüber, dass das Leben in den Wald zurückkehrt war, hatte sie den sicheren Weg verlassen um einen kleinen Strauß für ihre Großmutter zu pflücken.

Er schlich zwischen den Bäumen herum, nahm ihre Witterung auf und folgte ihr mit gierigem Geifer auf seinem Maul. „Wer bist du?" Hatte er sie neugierig gefragt und artig nannte sie ihm ihren Namen. Fasziniert, verzaubert und ihr Herz stand still. Für einen Moment. Dann schlug es so heftig, als wollte es aus ihrer Brust fortlaufen. Er lachte, scherzte, umgarnte und betörte sie. Unschuld war der lockende Geruch der sie umgab. Sicher geleitete er sie durch den Wald. Diesmal. Unzählige Male. Geduldig wartend auf das eine. Heute gab sie es ihm. Sie war nicht länger rein, vollkommen. Indem sie sich ihm hingab, verlor sie ihren Reiz und büßte für ihn ihre Schönheit, die ihm so überirdisch vorkam, unwiederbringlich ein. Sie war nichts weiter, als ein Mädchen, ein Spielzeug, das nach zu langem spielen, uninteressant geworden war und so warf er sie fort.

Seine Hände schlossen sich fest um ihren Hals und pressten das Leben aus ihrem zarten Körper. Er sah das ungläubige Erstaunen in ihren Augen, die Angst und dann die Leere. Ohne zurückzublicken ging er fort. Es gab hier nichts mehr, was ihm etwas bedeutete. Er machte sich nichts aus Blumen, Wein und Kuchen. Er machte sich nichts aus roten Lippen. Mit dem Handrücken wischte er die Farbe von seinem Mund.