Der Hase

„Los, schneller! Gleich kommen wir doch zu den Hasen!" Aufgeregt renne ich meinen Eltern voraus, um dann ungeduldig wieder ein Stück zurückzulaufen, damit sie endlich aufschließen. Es kann nicht mehr weit sein bis zu dem Kaninchenbau, an dem wir bei fast jedem unserer Spaziergänge vorbeischauen, auch wenn wir nur selten einige der Tiere zu Gesicht bekommen. Ich weiß, dass es nur Kaninchen sind und keine echten Feldhasen, aber für mich heißen sie trotzdem Hasen; für mich gehören alle Hasen irgendwie zusammen.

Dort vorne ist schon die dicke, zu dieser Jahreszeit dicht belaubte Buche, hinter der der grasige Abhang mit den vielen kleinen Höhlen anfängt. Ich lächle in Vorfreude – doch dann bleibe ich abrupt stehen. Etwas ist anders. Zur Rechten der ersten Höhleneingänge ist ganz viel Erdreich abgetragen, und daneben erstreckt sich ein hässlicher Graben! Weiter hinten sind tiefe Furchen in den Boden gerissen, teils entwurzelte, teils abgeschlagene Bäume liegen quer durcheinander, Baumstümpfe ragen in die Luft, aus denen feucht und klebrig das Harz blutet, und die zerwühlte Erde liegt nackt und bloß. Nun höre ich auch den Lärm der Forstmaschinen, die in einiger Entfernung am Werk sind. Musste das ausgerechnet hier sein, am Kaninchenbau? Tränen schießen mir in die Augen.

Ich wische sie mir von der Wange und denke nach. Der einzige Vorteil, den diese Situation bietet, ist, dass man nun die Tiere vielleicht besser sehen kann, weil sie weniger Schutz und Versteckmöglichkeiten haben. Schließlich scheint ihr halber Bau freigelegt zu sein. Neugierig schleiche ich mich näher und luge über die grasige Kante hinunter in die weit klaffende Öffnung.
„Mama, da sind tatsächlich Hasen drin!" rufe ich aufgeregt. Irgendwie hatte ich unter diesen Umständen nicht damit gerechnet, überhaupt noch welche vorzufinden. „Ich kann mindestens drei Stück sehen!"
Aus dem Augenwinkel vernehme ich die blitzschnelle Bewegung, als sie auf meinen Ausruf hin erschreckt wegspringen.
„Vor mir braucht ihr doch keine Angst zu haben", sage ich traurig. „Ich bin nicht wie die Forstarbeiter. Ich will euch doch nur anschauen und mich über euch freuen."

Die Forstarbeiter… Noch sind sie weit weg; doch wenn sie näher kommen, wenn sie hier sind, werde ich in diese tiefe Grube springen, mich mit weit ausgestreckten Armen vor den Hasenbau stellen und, so laut ich kann, schreien: „Bis hierher und nicht weiter!"
Ich kneife die Augen zusammen, starre in Richtung des ‚Feindes' und zittere ein wenig vor Erwartung und Erregung. Einerseits habe ich Angst vor den fremden Menschen und ihren Maschinen, aber andererseits freue ich mich darauf, weil ich damit den Hasen helfen kann. Vielleicht merken sie dann, dass ich sie lieb habe – falls sie es überhaupt sehen, und falls sie es verstehen.

Ich versuche mir vorzustellen, wie sie leben, was sie denken und fühlen, worum sie sich sorgen, was ihnen wichtig ist. Einer hoppelt gerade etwas näher in meine Richtung; scheinbar auf der Suche nach etwas. Zwei drängen sich um irgendein Futter und zerren es sich gegenseitig aus dem Mund. Dort ganz hinten im Bau schmiegt sich einer ängstlich in die Ecke; wahrscheinlich hört er den Lärm der Maschinen. Ich drücke mich an die dunkle, trockene Erde, spüre sie warm und fest an meinem Rücken, und habe Angst.

Langsam ziehe ich den Kopf wieder zurück. Ich will sie nicht zusätzlich beunruhigen, indem ich sie durch diese freigelegte riesige Blöße hindurch anstarre. Lieber gehe ich zurück zu meinem heimlichen Guckloch, einem mit Wurzeln und Brombeerranken überwachsenen, selten benutzen Zugang, den ich schon vor längerer Zeit entdeckt habe und der so klein und verborgen ist, dass sie mich nicht als Bedrohung wahrnehmen, wenn ich sie durch diese Öffnung hindurch beobachte.
Vorsichtig schiebe ich die Dornen und das Wurzelwerk beiseite und spähe neugierig nach unten. Genau in diesem Moment springt mir etwas direkt aus dem Bau heraus mitten ins Gesicht! Ein Hase!

Ich werde stockstill, wage kaum zu atmen, um ihn nicht zu erschrecken oder gar zu vertreiben. Jeden Moment rechne ich damit, dass die ungewohnte Last so schnell wieder verschwunden ist, wie sie auf mich gestolpert war. Doch das Fellbündel scheint höher auf meinen Kopf zu klettern! Ich wage es kaum zu glauben – er flieht nicht meine Anwesenheit, er scheut nicht meine Gegenwart, er flüchtet nicht vor meiner Person! Seine scharfen Krallen, mit denen er auf der ungewohnten Fläche Halt sucht, zerkratzen mein Gesicht, und ich muss die Augen schließen; aber das macht nichts – es ist ein Hase! Ich liebe Hasen!

Glücklich drehe ich mich ein wenig zu meinen Eltern um. Ich wage nicht zu reden, um das Tier nicht zu vertreiben, aber meine Augen sagen stumm: „Seht nur!"
„Er vertraut dir," meint meine Mutter. „Er spürt, dass du ihn liebst."
„Er merkt, dass du ihm nichts Böses willst", fügt mein Vater hinzu.
Sachte drehe ich meinen Kopf zurück und wende meine Aufmerksamkeit wieder ganz auf den Hasen.

Unruhig bewegt er sich hin und her, und ich fühle, wie er immer nervöser wird. Er scheint langsam aber unaufhaltsam abzurutschen. Schnell bringe ich meinen Kopf in eine noch unbequemere Position, obwohl mir die Schultern schon schmerzen und ich mir den Nacken fast verrenke, damit das kleine Kerlchen wieder Halt findet. Doch es scheint ihm nicht zu helfen, so dass ich schließlich ganz vorsichtig meine Arme hebe und ihn behutsam festhalte. Auf keinen Fall will ich ihn verlieren!
Als meine Hände sich in sein weiches Fell graben, die zarten, zerbrechlichen Knochen darunter erahnen, zerspringt mein Herz fast vor Glück. Wie lange habe ich dieses wunderschöne Fell von weitem betrachtet, wie sehr habe ich mich danach gesehnt, es irgendwann einmal zu berühren – was ich jedoch nie gegen seinen Willen getan hätte! Ich verspüre den Impuls, einen Freudenschrei auszustoßen, doch das würde ihn bestimmt erschrecken.

Er ist nun ruhig, seine kleinen Krallen spüre ich nur noch hin und wieder, und sein zarter Kopf schmiegt sich an meinen. Er schaut mich vertrauensvoll an und beginnt plötzlich zu reden: „Ich finde es so schön, dass eine Freundschaft zwischen uns möglich ist, obwohl wir so verschieden sind."
Ich lächle und spüre gleichzeitig, wie eine kleine Träne aus meinem Augenwinkel über meine Wange rinnt. Freundschaft. Er hat wirklich Freundschaft gesagt.
Vorsichtig drehe ich mich zu meinen Eltern um. „Sind wir wirklich so verschieden?"
„Hasen sind deine Lieblingstiere", erwidert meine Mutter. „Du identifizierst dich mit ihnen."
„Du versetzt dich in sie hinein und versuchst, wie sie zu empfinden", ergänzt mein Vater.
„Wir haben die gleichen Gefühle", sage ich entschieden. „Und wir können miteinander reden, wie man sieht, auf die verschiedensten Arten." Glücklich kuschele ich meine Wange in das flauschige Fell.

Plötzlich berührt eine Pfote zaghaft meine Hand und führt sie an den warmen kleinen Körper, irgendwo an seine Seite. „Fahre hier mal durch mein Fell. Siehst du diese Narbe?"
Ich spüre die unregelmäßige Erhebung, sehe den kleinen Wulst neben einer Sehne durch die an dieser Stelle schüttere Behaarung hindurch.
„Das ist passiert, als du mit deinem jüngeren Bruder vor unserem Bau spieltest und er sein dickes Nilpferd-Kuscheltier direkt in unseren Eingang hielt und laute Stimmen damit imitierte."
„Oh – das tut mir so Leid! Das wollte ich nicht."
Die kleinen schwarzen Knopfaugen strahlen mich zärtlich an. „Nein, das macht nichts. Wir Hasen haben alle sowieso jede Menge Narben. Aber diese hier ist etwas Besonderes, deshalb wollte ich sie dir zeigen. Ich trage sie gerne: sie erinnert mich an dich."

Er liebt mich. Er liebt mich wirklich! Überwältigt schließe ich die Augen.

Als ich die Lider wieder öffne, bin ich allein. Ich bin kein Kind mehr, und niemand ist bei mir. Benommen starre ich auf die weichen Wollfasern meiner Bettdecke, die wie Grashalme hervorstehen und mich an der Wange kitzeln. Ich seufze leise, während ich langsam immer wacher werde. Mein Herz ist eine Harfe, auf der soeben ein wunderschönes Lied gespielt worden ist, und nun vibrieren die Saiten noch sehnsüchtig nach.

„Du darfst mir auch Narben schlagen," flüstere ich in die Stille hinein. „Egal wie tief und wie viele. Ich würde sie tragen wie kostbare Schmuckstücke, wie Trophäen – weil sie von dir sind."

Wie zarte Wolken hoch am Himmel, eine Ahnung flüchtig wie ein auf die Stirn gehauchter Kuss, schwebt ein Körper in mein Bewusstsein: ein Gesicht, von Dornen zerkratzt, ein Rücken, zerschunden von Geißeln; Hände, Füße, durchbohrt von Nägeln, ein weit geöffnetes Herz.
Sachte hallt es durch meine Gedanken: „Siehst du diese Narben?"

~ Oktober 2011 ~