Weis steht mir nicht! Wer etwas anderes behauptet, der lügt. Ich weiß es besser. Man hat mir gestattet nahe am Fenster Platz zu nehmen. Es war das erste Mal seit ich hier bin, dass ich aufstehen durfte. Man hat die Fesseln gelöst. Sie sollten verhindern dass ich das machte, was ich vor zwei Wochen getan habe. Frische Verbände zierten noch meine Handgelenke. Teilnahmslos blickte ich nach draußen. Irgendjemand war auf die idiotische Idee gekommen der Blick nach draußen würde mich aufheitern, dabei fühlte und sah ich nur den Abgrund in mir. Er war schwärzer als die dunkelste Nacht. Schnee fiel in dichten Flocken vom grauen Himmel, genau passend für die vorweihnachtliche Zeit, wenn man so etwas mochte. Dumpf erinnerte ich mich an mein letztes Weihnachten. Ich war alleine gewesen. Niemand war bei mir gewesen, oder hatte nach mir gefragt. Es hatte keine Geschenke gegeben und auch keine Kekse. Eigentlich mochte ich auch nichts Süßes, aber es ging um den Duft. Daran erinnerte ich mich. Aber es war so lange her. Geistlos verfolgte ich sie mit den Augen. Eine nach der anderen fiel herab. Schneeflocke um Schneeflocke. Zu meinen Füßen unter dem Fenster auf dem Grund hatte sich schon eine dichte Schneedecke gebildet. Verblödet liefen ein paar Menschen Ameisengleich herum und freuten sich über die dichte Pracht. Es gab nichts Schönes daran, ich konnte es nicht sehen, oder fühlen. Meine Emotionen beschränkten sich auf einen grauen Tunnelblick. „Wie geht es Ihnen heute?", fragte mich mit freundlicher Stimme Vincent. Ich hasste diese Frage. Mir graute regelrecht davor. Was sollte ich darauf antworten? Sollte ich sagen: Wie immer? Wie gestern? Wie es mir schon mein ganzes Leben lang ging? Keine der Antworten würde ihm gefallen, also beließ ich es damit nichts zu sagen. „Sie halten an ihrem Schweigen fest?" Vielleicht hätte ich ihn ansehen sollen, aber mir fehlte die Kraft dazu. Außerdem wusste ich bereits wie er aussah. Er war das was ich nicht war – schön. „Möchten Sie mit den Anderen draußen sein? Würde Ihnen das gefallen?" Unwillkürlich rutschte mein Blick zu den Menschen unter meinem Fenster. Wollte ich dort sein? Schwer zu sagen. Im Grunde war es mir egal. „Sarah, Sie können sich nicht so sehr vor der Welt verschließen. Es gibt so viel Schönes für das es sich lohnt hinzusehen und dabei zu sein. Auch für Sie gibt es da draußen ein Licht das für Sie leuchtet und auf Sie wartet!", redetet er sanft und eindringlich auf sie ein. Sarah war so weit weg und noch lange nicht über dem Berg. Sie war am Leben, mehr nicht. Ein Licht? Er irrte! Nirgendwo auf dieser Welt wartete ein Licht. Ich hätte es bestimmt längst gefunden. Vor meinen Augen tauchte ein kleiner roter Schoko Nikolaus auf. „Wir haben schon bald den sechsten Dezember. Das ist der Nikolaus Tag.", erklärte er mir. Lange sah ich den kleinen Nikolaus an. Es schien mir als würde er hämisch Grinsen. Er hatte nichts Gütiges an sich. Dabei sagte man ihm genau das nach. Er soll gütig sein. Mit zittrigen Fingern schob ich ihn von mir fort. Ich wollte ihn nicht länger ansehen müssen. „Morgen werden wir nach draußen gehen.", versprach er mir und ich dachte er verließ mich. Er schien über irgendetwas traurig zu sein. Jedenfalls klang seine Stimme unglücklich. Plötzlich zischte nahe an meinem Ohr ein entflammtes Streichholz. „Sehen Sie, die erste Kerze brennt!", forderte er mich auf und ohne es zu wollen, wendete ich mein Haupt. Vor ihm stand ein kleiner Kranz. Er roch nach frischen Tannennadeln. Vier rote Kerzen waren seine ganze Zier und nur eine davon brannte. Ich hob meine Augen und blickte in seine. „Das ist ein Anfang. Schon bald werden Sie ihr Licht finden!", versprach er mir und verließ mich. Ich starrte so lange nach draußen, bis es dämmerte und die Schwester kam um mir zurück ins Bett zu helfen. Es gab Abendbrot. Ich versuchte unter dem strengen Blick der Schwester ein paar Bissen hinunterzuwürgen. Ich wusste, was mir blühte, wenn ich nicht aß und das war tausendmal schlimmer als jetzt diesen Krankenhausfraß hinunterzuwürgen. Wenn man mich fragte, was ich in den vergangenen Tagen zu mir genommen habe, dann könnte ich es nicht beantworten. Ich wusste es nicht. Es war mir auch egal. Das war nichts über das ich nachdachte. Wenn ich es recht bedachte, dann gab es eigentlich nicht sehr viel über das ich mir den Kopf zerbrach, außer … Vincent. Seit man mich hier hergebracht hatte und ich erwachte war, besuchte er mich. Kam regelmäßig zur selben Uhrzeit, kurz nach der Mittagstunde, in mein Zimmer und versuchte mich zu therapieren. Obwohl, wenn ich so überlegte. Er machte seine Arbeit echt schlecht, denn sie zeigte an mir keine Wirkung. Vielleicht lag das auch an seiner Größe, er war ein richtiger Hüne. Wenn er neben mir stand, kam ich mir richtig klein vor. Oder dieser intensive Blick aus einen ungewöhnlich blauen Augen, die je nach Lichteinfall ihre Farbe verändern konnten. Mal wirkten sie fast türkis, dann wieder eher sturmgrau und ein anderes Mal waren sie regelrecht Eisblau. Das verwirrte mich, darum mied ich es ihm in die Augen zu sehen. Die Schwester kam ein letztes Mal und hielt mir einen kleinen Becher hin. Meine Tablette. Damit würde ich sicher tief schlafen und nicht einmal erwachen. Dr. Wallner hatte die Dosis meiner Medikamente über mich verhängt. Ein sehr unangenehmer Mensch. Ich konnte ihn nicht leiden. Er dachte alles zu wissen. Glaubte zu verstehen, wer ich bin, aber eigentlich hatte er keine Ahnung. Gut, dass er sich, bis auf ihren ersten Tag hier, an dem ich mich sich konkret erinnern konnte, sich nie mehr sehen ließ. Seine Erkenntnis über meinen Zustand beruhte auf einen einzigen Blick auf mich. Seine Therapie bestand darin mich zum Essen zu zwingen und dafür zu sorgen, dass ich mehrmals am Tag mit unterschiedlichen Tabletten versorgt wurde. Vermutlich waren sie mit Schuld an meinem Dämmerzustand. Wenige Minuten nachdem ich die Tablette geschluckt hatte, fiel ich in einen tiefen, traumlosen Schlaf. Der nächste Morgen brachte außer greller Helligkeit nichts. Die Schwester zwang mich das Bett zu verlassen und auf einem der kühlen Plastikstühle Platz zu nehmen. „Sehen Sie nach draußen, das wird Ihnen gut tun!", meinte sie schnippisch. Es fiel wieder, oder noch immer, Schnee. Draußen war es nur weiß. Alles war weiß. Die Bäume, die Wiese, die Häuser, die Parkbänke … alles weiß. Es gab nichts zu sehen. Ich saß da und starrte ins nichts. Folgte wieder mit den Augen den Schneeflocken. Darüber verlief die Zeit und es wurde Mittag. „Möchten Sie heute nach draußen gehen?", lockte Vincent mich, sobald er meinen Raum betrat. Er kam auf mich zu, umfasste meine Hand und zog mich in die Höhe. Seine Haut war kalt, oder war ich es? Ich folgte ihm ohne zu zögern, oder mich zu wundern, warum wir uns weder dicken Jacken und noch warme Schuhe anzogen. Barfuss schritte ich an seiner Seite durch den Schnee. Er knirschte unter meinen Füßen. Weiße Flocken verfingen sich in meinem Haar, schmolzen auf meinem Gesicht und blieben in meinen Wimpern hängen. Es war ein unglaubliches gutes Gefühl. Ich schloss die Augen und legte den Kopf in den Nacken und streckte die Hände aus. Ich konnte fühlen. Tränen kullerten unter meinen Wimpern hervor und rollten über meine Wangen. Sanft strich er sie fort. „Sie werden Ihr Licht wieder finden, da bin ich mir ganz sicher!", flüsterte er mir zu. Später war ich wieder in meinem Zimmer, ohne mich daran erinnern zu können, wie ich zurückgekommen bin. Mein Blick fiel automatisch auf meine Füße. Ob sie blau gefroren waren? Sie sahen rosig und warm aus. Suchend sah ich mich im Raum um, nur Vincent war fort. Lediglich das Brennen einer roten Kerze auf dem Adventkranz sagte mir, dass er vor kurzem noch hier gewesen war. Nachdenklich sah ich in die Flamme. Ihr Licht zog mich regelrecht in ihren Bann. Erst als die Schwester kam und sie ausblies, wurde dieser Bann gebrochen. Sie machte mir vorbehalte über das leichtsinnige Anzünden einer Kerze und fragte mich zugleich wo ich den Kranz und die Zünder herhatte. Wenn ich gesprochen hätte, hätte ich ihr vielleicht sagen können, dass Vincent sie mir gebracht hatte. Nein, ich hätte es ihr niemals gesagt. Das war mein Geheimnis. Wie immer bekam ich mein Essen, meine Tablette um dann wie immer in einen tiefen Schlaf zu fallen. Der kommende Tag war anders als alle zuvor. Plötzlich schien der Raum mehr Farbe zu haben und das Licht schmerzte mich nicht mehr so stark in den Augen. Zwar zwang mich eine der Schwestern wieder das Bett zu verlassen, aber diesmal fiel es mir leichter. Ich nahm meinen Platz am Fenster ein und blickte nach draußen. Es hatte aufgehört zu schneien. Der Himmel war klar und blau. Dieses Blau kam mir so vertraut vor. „Wie geht es Ihnen heute?" Vincent war gekommen und zum ersten Mal seit einer Ewigkeit hatte ich das Gefühl sagen zu können besser. Es ging mir besser.