Verloren stand ich vor dem Krankenhaus. „Sie haben kein Vertrauen gegenüber Autoritäten, was auf ein schweres Kindheitstrauma schließen lässt!", hatte mir Dr. Wallner direkt auf den Kopf zugesagt. Mein Herzschlag beschleunigte sich bei seinen Worten und auch meine Atmung wurde schneller. Was er gesagt hatte, war gelogen. Ich würde mich doch erinnern können, wenn mir jemand wehgetan hätte, oder? Meine Hände hatten unkontrolliert zu zittern begonnen und in mir war der Wunsch erwacht mich irgendwo in einer Ecke zu einer Kugel zusammen zu rollen. „Sie laufen schon zu lange vor etwas fort, dem Sie sich stellen müssen um leben zu können!" Wie hart und grausam er gewesen war. Wie sehr musste Dr. Wallner mich hassen umso schreckliche Dinge sagen zu können. „Ihr imaginärer Freund wird sie nicht ewig beschützen können!" Diese Worte zerbrachen mich fast. Vincent war nicht imaginär, sondern real. In der Gegenwart des Arztes fühlte ich mich immer auf meine Krankengeschichte reduziert. Diese Fakten, von den unterschiedlichen Ärzten und Schwestern zusammengetragen, erschufen ein verzehrtes Bild meines Ichs. Man hatte mich mit Medikamenten versorgt und mir eine lange Liste an möglichen Ärzten und Instituten mitgegeben. Eher widerwillig nahm ich sie an mich, ich hatte nicht vor auch nur einen davon anzurufen. Eigentlich hatte ich auch nicht vor das Krankenhaus zu verlassen. Mich plagten ganz andere Ängste. Vincent war ich hier zum ersten Mal begegnet und ich wollte ihn nicht wieder verlieren. „Ich bin so schnell es ging herunter gekommen, als mir die Schwester sagte, dass du nach Hause gehen darfst!" Magda stand neben mir ganz außer Atem. In den letzten Tagen sind wir so was wie Freunde geworden. Sie hatte mir sehr viel aus ihrem Leben erzählt. Das hatte so etwas erschreckend Perfektes. Magda wohnte mit ihrer Familie in einem großen Haus. Sie hatte Fotos dabei und sie mir ungefragt gezeigt. Rund um das Haus gab es natürlich auch einen großen Garten. Der Rasen war ebenso ordentlich geschnitten, wie sämtliche Sträucher und Büsche. Hinter den Fenstern konnten man schöne Gardinen erkennen. Auf einem anderen Foto waren ihre beiden Kinder zu sehen. Beide, ein Junge und ein Mädchen, im zarten Teenageralter. Dann kam ein Bild von ihrem Mann. Mir war er auf Anhieb unsympathisch, was nicht viel zu bedeuten hatte, denn ich konnte generell niemanden schnell leiden. Magda arbeitete in einem großen Supermarkt an der Kassa. Zwar nur halbtags, aber wenn ich mir ihr Haus und ihre Familie so betrachtete, reichte das auch. Kein Wunder, dass ihr alles zu viel wurde. Wir beide waren wie Tag und Nacht. Wobei sie eher den Tag verkörperte und ich die Nacht. Sie war so ein lebendiges Geschöpf und voller Tatendrang, während ich mich meine halbes Leben schon antriebslos fühlte. Das einzige was uns verband war, dass wir beide unterm Strich dasselbe leisteten – nichts. Sie weil ihr die Kraft fehlte und mir, weil ich mich erst gar nicht dazu aufraffte etwas zu tun. Sie drückte mir zum Abschied ihre Adresse und Telefonnummer in die Hand und bestand ihrerseits darauf auch meine zu bekommen. Ich hatte nach all den Jahren eine Freundin gefunden. Zögerlich verließ ich das Krankenhaus. Immer wieder blickte ich mich um. Vielleicht konnte ich Vincent hinter einem der großen Glasfenster entdecken. „Du brauchst dich nicht zu fürchten, ich werde bei dir sein, egal wo du auch bist!", hatte er mir versprochen, sobald ich ihm erzählte, das man vorhatte mich zu entlassen. „Wir werden einander wieder sehen!" Seine Worte spendeten mir Trost und gaben mir Zuversicht. Etwas was ich schon sehr lange nicht mehr hatte. Ich erlaubte ihm mich in die Arme zu nehmen und an sich zu drücken. Er war Licht und Wärme. Tränen flossen über mein Gesicht und mir verschwamm die Sicht. Lange Zeit hielt er mich fest und wartete bis meine Tränenflut wieder versiegte. Ich fühlte mich danach leichter und besser. Auch wenn ich ging, würde ich ihn wieder sehen, so hoffte ich jedenfalss, denn er hatte mir sein Wort gegeben und er würde mich niemals belügen. Langsam marschierte ich los. Hier draußen war ich wieder alleine und plötzlich erschien mir die Welt rund um mich erschrecken groß. Auf den Straßen herrschte betriebsame Hektik. Es waren die letzten Tage vor Weihnachten. Für viele Menschen das große Ereignis, auf das sie das ganze restliche Jahr hinarbeiteten. Für mich war es der letzte Grund gewesen meinem Leben ein Ende zu setzten. Allein. Erneut schielte mein Geist in jene Ecke, die ich vor mir und den Rest der Welt gut verschlossen hielt. Jenen Teil, der mir mehr Schmerzen bereitete, als es körperliches Leid jemals vermocht hätte. Ich sah Bilderfetzten die in mir große Angst auslösten. Hastig schloss ich die Augen. Noch war ich nicht bereit dafür. Plötzlich stach grelles Licht durch meine geschlossenen Augen. Die Wolkendecke war an einer Stelle aufgerissen und ließ das Licht der Sonne durch. Sofort verschwand jedes Gefühl von Angst. Ich war nicht alleine, ich hatte das Nötigste. Und das Nötigste war für mich Vincent geworden. Er bestimmte mein Leben, wie kein anders Wesen auf dieser Welt. Dabei wusste ich noch immer nicht was er war. Er war kein Mensch, so viel hatte ich bereits erkannt. Vielleicht war er mein Engel? Ich stellte ihn mir vor mit großen, flauschigen Flügel, aber dieses Bild wollte einfach nicht zu ihm passen. Vielleicht fand ich es eines Tages heraus was er war. Auf jeden Fall war er für mich etwas ganz besonderes. In der dunkelsten Stunde brachte er das Licht zu mir zurück und nun konnte selbst ich es nicht mehr länger vor mir verleugnen. Meine Seele begann zu heilen. Bruchstücke dessen was mich zerrissen hatte, tauchten vor meinem geistigen Auge auf. Es waren schmerzhafte Bilder und zeigten mir Ereignisse aus meinem Leben, die hässlich waren. „Aus Schutz verdrängen wir, was wir nicht ändern können!" Immer noch hallte Dr. Wallners Stimme in meinem Kopf. War er es gewesen, der längst Verschüttetes wieder zum Vorschein brachte? Wenn ja, dann hatte er mir damit keinen Gefallen getan. Meine Wohnung befand sich jenseits eines breiten Stroms. Vor mir lag also eine ebenso breite Brücke. Tausendmal war ich über diese bestimmt schon über diese gelaufen, oder vielleicht auch nur ein paar Mal, wenn es unumgänglich war und ich meine Wohnung verlassen musste. Mitten auf dieser blieb ich stehen und blickte hinab in die Tiefe. Das nächste Mal würde ich mich von dieser stürzten, um meinem Leben ein Ende zu setzten. Aus diesem dunklen Wasser würde mich keiner mehr zurückholen können. Ein Schiff fuhr gerade unter der Brücke durch. Helle Farben, lustige Fähnchen und Menschen die winkend an Board standen. Es sah nach Leben aus. Pulsierendem Leben. Plötzlich fühlte ich Wärme an meiner Seite. Auch ohne hinzusehen, wusste ich wer bei mir war. „Sie sehen so fröhlich aus!", sagte ich leise zu ihm. Ich beneidete sie. So leicht hatte ich mich noch nie gefühlt, oder besser gesagt ich konnte mich nicht daran erinnern mich jemals so gefühlt zu haben. „Um Glücklich sein zu können, muss man auch das Unglück kennen. Letzteres ist Ihnen bereits vertraut!" Wie immer sprach er mit der ihm so eigenen Gelassenheit. „Und du denkst meine Zeit ist jetzt gekommen?", fragte ich hoffungsvoll und blickte ihn mit großen Augen an. Schweigend nickte er mir zu und sah dann wieder nach unten. „Es muss Ihnen nur gelingen diese Brücke zu überwinden!" Ich starrte wie er in die Tiefe. „Klingt das nicht ein kleines bisschen einfach?", fragte ich misstrauisch. Hätte ich mir das Leben genommen, wenn es so einfach wäre glücklich zu werden? Tja aber selbst das ging schief, ich war immer noch am Leben. „Nicht alles muss kompliziert sein um zu funktionieren!", widersprach er gelassen. Vincent steckte die Hand nach mir aus und wartete bis ich ihm die meine reichte. Ich zögerte einen Augenblick. War ich bereit für diesen Schritt? Vorsichtig legte ich meine Hand in seine und spürte wie sich seine Finger fest um meine schlossen. Langsam gingen wir weiter. Er brachte mich zum Ende der Brücke. „Der erste Schritt ist getan, aber Sie werden noch Hilfe brauchen. Meine Zeit ist gekommen, an der ich Sie verlassen muss." Seine Worte versetzten mich in einen Schockzustand. Er war alles für mich. „Ich bin nur ein Begleiter in schlimmster Not, danach muss ich gehen!" Tränen traten in meine Augen, ich würde wieder alleine sein. „Wer bist du?", flüsterte ich atemlos. Vielleicht, wenn ich wusste was er war, konnte ich ihn besser verstehen und vielleicht auch loslassen. Er drehte seine Hände nach oben, sodass ich die Handflächen sehen konnte. Vor meinen Augen begannen sie von innen her zu leuchten. Es sah aus, als wären sie in purem Licht getaucht worden. „Ich bin die Hoffnung, die Zuversicht. Ich bin die Freude und die Liebe. Ich bin das Glück, das die Menschen im Herzen tragen und mit anderen teilen wollen. Und ich bin Weihnachten, das Fest des Friedens!" Kurz fühlte ich mich geblendet von ihm, dann erlosch das Licht wieder. „Bist du ein Engel?" „Die Menschen, die mich sehen, nennen mich so." Das war weder eine Bestätigung, noch ein Widerspruch. „Ich bin ein Wesen des Lichts und manchmal, für ganz besondere Menschen, nehme ich Gestalt an um, solange sie mich brauchen, bei ihnen sein zu können! Doch hier ist mein Weg zu Ende!" Er öffnete meine Hände und legte meinen gebastelten Strohstern hinein. „Immer wenn Sie mich brauchen, werden Sie mich hier finden! Wenn sich das Sonnenlicht darin bricht, können Sie mich sehen!" Ich drückte den Stern, nahe meinem Herzen, an meine Brust. Eine Träne stahl sich aus meinem Auge und lief meine Wange hinab. „Du wirst mir fehlen!" „Für mich, Sarah, werden Sie immer ein außergewöhnlicher Mensch sein! Sie haben viel Leid ertragen. Nun ist es an der Zeit dem Glück in die Augen zu sehen!" Vincent legte die Arme um mich und drückte mich fest an sich. Dann war er fort. Für eine Sekunde begann ich zu frösteln und das lag nicht alleine an den niedrigen Temperaturen die herrschten. Ich fühlte mich verlassen und hilflos. Doch dann dachte ich an seine Worte und sofort ging es mir besser. Langsam setzte ich mich in Bewegung. Bis zu meiner Wohnung war es noch ein gutes Stück zu laufen. Bei jedem Schritt fiel mir der Weg leichter. Ich betrachtete den Strohstern in meinen Händen. In diesem Moment brach ein Sonnenstrahl durch die Wolken und brachte den Strohstern in meinen Händen zum Leuchten. Und da wusste ich es, ich war nie mehr allein. Auch wenn ich ihn nicht mehr sehen konnte, so war er für immer bei mir. Die Wolken zogen wieder zu und es begann wieder zu schneien. Mein Leben würde wahrscheinlich nie perfekt sein und ohne Hilfe würde ich es vermutlich nicht schaffen, aber ich hatte Zuversicht und den Glauben an mich wieder gefunden. Und ich wollte Leben. Der Rest würde sich schon finden. Entschlossen ging ich weiter, bis ich in einem Schaufenster einen Adventkranz, an dem alle vier Kerzen brannten, entdeckte. Es war ein kleiner Adventkranz mit roten Kerzen.