Ein Schatten fiel über den Krieger und beraubte ihn des letzten Lichtes das der Mond über ihn warf. Würde er jetzt sterben? Sollte schon bald sein Blut den Schnee unter seinen Füßen rot färben? Angespannt holte er Luft und umklammerte dabei den Griff seins Schwerts krampfhaft. Kampflos würde er sich seinem Schicksal nicht ergeben, schwor er sich entschlossen und hob langsam den Blick. Sie hatte er nicht erwartet. Was trieb sie hinaus in die Kälte und noch dazu zu so später Stunde? War ihr die Gefahr, in die sie sich begab, nicht bewusst? „Mein Vater schickt mich!", begann sie mit fester Stimme. Kein Zaudern war herauszuhören. Entweder kannte sie keine Furcht, oder aber sie war dümmer, als er sie bei ihrem ersten Treffen eingeschätzt hätte. „Mylady, das ist weder der rechte Ort noch die rechte Zeit, um sich außerhalb der geschützten Mauern aufzuhalten!", wies er sie, wohl des Wissens, das es ihm nicht zustand, schroff zurecht. Mit einem leichten Neigen ihres Hauptes nahm sie seinen Einwurf zur Kenntnis, ließ sich aber davon nicht weiter beirren. Sie hatte ihn auf den Knien vorgefunden. Scheinbar suchte er ihm Schnee nach Spuren. Es gab tausende davon und alle verliefen sich ins Nichts, ohne ihnen folgen zu können. Das Untier war gerissen. Zu gerissen um sich von den einfach Soldaten ihres Vaters fangen und zur Strecke bringen zu lassen. Darum war dieser Fremde hier. Ungebeten war er an ihren Hof aufgetaucht und hatte seine Hilfe angeboten. Natürlich zu einem horrenden Preis. Eigentlich wäre der Lohn für den Tod der Bestie die Hand die Tochter des Königs, also ihre Hand, gewesen, aber das hatte er mit wenigen schmeichelhaften Worten abgelehnt. „Was soll ich mit einem Weib? Ich bin nur auf Reisen und so würde sie mich nur zur Last werden!" Aus seiner Stimme sprachen Verachtung und Geringschätzungen. Entweder mochte er Frauen generell nicht, oder eine aus ihrem Geschlecht hatte ihn vor langer Zeit tief verletzt. Auch war seine Erscheinung nicht dazu angetan Aufmerksamkeit beim weiblichen Geschlecht zu erregen. An ihm war nichts verspieltes, nichts Feines oder gar Nobles, wovon die Barden in ihren Liedern immer berichteten. Er war gezeichnet von unzähligen Narben, die davon kündeten, dass er bereits in zahlreichen Schlachten gekämpft und gesiegt hatte, denn er war immer noch am Leben. Eine dieser Narben verlief, knapp unter dem Auge, quer über seine linke Wange, dadurch bekam er ein furchterregendes Aussehen. Auch seine abgenutzte Kleidung, die mehr zweckmäßig war, als das er damit bei jemanden Eindruck schinden wollte, trug nicht dazu bei, ein besseres Bild von ihm zu vermitteln. Als er vor den Thron ihres Vaters trat, beugte er nur leicht das Knie. Aufrecht stand er vor ihm, bis auf die Zähne bewaffnet. Selena hatte noch nie so viele unterschiedliche Waffen an einem Krieger gesehen. Ein Langschwert, ein Kurzschwert hatte er sich um die Hüften geschnallt, zwei Messer steckten in seinem Gürtel, eine Armbrust trug er auf den Rücken, ebenso wie eine Axt, und an seinen Handgelenken blitzte etwas, was sie als eine Art Dornen oder stählerne Spitzen identifizierte. Er überragte die meisten Männer ihres Vaters und hatte breite Schultern. Sein Ross, mit dem er hier angekommen war, war ein großer, grober Gaul, der sich gleich seinem Herrn, wild gebärdete und von den Stallknechten nur schwer unter Kontrolle zu bringen war. Man hatte ihn fern ab von den Stuten in eine Einzelbox gesteckt. Selena glaubte, die Stuten witterten seine Anwesenheit und waren deswegen seitdem so unruhig. All ihre weiblichen Dienstboten weigerten sich dem fremden Krieger zu Dienste zu sein. Nicht das er darum gebeten hätte. War er es gewohnt von Frauen abgelehnt zu werden? Selena hingegen war fasziniert von ihm und nur zu gerne hätte sie ihm sein dunkles, langes, zotteliges Haar, das er sich scheinbar selbst mit dem Messer stutzte, ordentlich zurecht geschnitten. Alleine nur deshalb, weil es ihr einen Grund gab ihn zu berühren. Was die Mägde fürchteten zog sie scheinbar magisch an. Er erhob sich und baute sich vor ihr zur vollen Größe auf. Da er sie um einiges überragte, war sie gezwungen ihren Kopf tief in den Nacken zu legen um ihm in sein Gesicht blicken zu können. Seine Augen waren von einem unergründlichen graublau. Es erinnerte sie an die grauen Tage im Herbst bevor die Kälte des Winters ins Land hereinbrach. „Wolltet Ihr mir nicht eine Nachricht überbringen?", fragte er ungeduldig. Ihm waren ihre Blicke nicht entgangen. Schon ihm großen Speisesaals ihres Vaters mochte sie ihre Augen kaum von ihm wenden. Sie schien ihn mit einer Gründlichkeit zu mustern, die ihn einerseits amüsierte und auf der anderen beinahe erschreckte. Keine Frau wagte es ihn zu lange anzublicken, aus Furcht sie könnte damit sein Interesse wecken und das war das letzte, was die meisten Damen wollten. Diese hier schien aus einem anderen Holz geschnitzte zu sein. Eigentlich sollte es ihn, nach all den Schrecken die über dieses Land hereingebrochen war, nicht weiter verwundern. Die Menschen hier hatten grauenvolle Dinge gesehen und auch an ihr, Lady Selena, waren sie bestimmt nicht spurlos vorüber gegangen. Vielleicht kannte sie deshalb keine Furcht vor ihm? Er würde nicht weiter darüber nachdenken, genauso wie er sich weigerte ihrer Schönheit, der er sich schon auf dem ersten Blick auf sie bewusst geworden war, wahrzunehmen. Er brauchte keine Frau in seinem Leben und schon gar nicht so eine wie sie. Unvergleichlich schön und zerbrechlich. In seiner Welt würde ein so zartes Geschöpf wie sie zugrunde gehen. Leise räusperte sie sich. Sie hatte für einen Augenblick vollkommen vergessen, warum sie hier her gekommen war. „Mein Vater schickt Euch diesen Dolch. Er ist aus besonders edlem Metall gemacht. Er sollte Euch helfen das Untier zu besiegen." Sie zog die Waffe aus den Falten ihres wollenen Kleides und überreichte sie ihm. Der kalte Stahl blitze im spärlichen Mondlicht auf. Der Griff war edel gearbeitete und mit kostbaren Edelsteinen verziert worden. Das war kein Mordinstrument, sondern ein Gegenstand mit dem sich sein Träger schmücken konnte. Sein Dolch besaß einen einfach Griff aus dem Horn eines Hirsches. So etwas Kostbares hatte er noch nie in seinen Händen gehalten. „Und dafür schickt er Euch?" Fassungslos blickte er auf die Waffe, von der er sich nur wenig Nutzen versprach. „Nein! Ich habe mich selbst geschickt um sie Euch zu bringen!" Was für ein seltsames Geschöpf sie war. Frauen neigten normalerweise dazu sich bei drohender Gefahr weinend hinter schützenden Gemäuern zu verbergen, aber sie schien sie direkt zu suchen. „Wollt Ihr sterben?", stellte er die Frage die ihm auf der Zunge brannte gerade heraus. Fest blickte sie ihm in die Augen. Grau wie ein Sturm. „Wie jeder hier der in der Burg Schutz gesucht hat, möchte auch ich leben. Nur erlaube ich es mir nicht mich vor Angst zitternd in irgendeine Ecke zu verkriechen. Wenn das Böse mich finden will, dann wird es mich kriegen!" „Ihr seid naiv und leichtsinnig!", warf er ihr ungehalten vor. Schon die bloße Vorstellung ihr könnte etwas Böses geschehen, ließ ihn den Atem stocken. Solch kostbare Schönheiten gehörten beschützt und bewahrt. „Wie könnt Ihr Euch erlauben über mich zu urteilen? Ihr habt keine Ahnung davon was ich bin! Einzig von Äußerlichkeiten lasst Ihr Euch leiten!", kam es aufgebracht von ihr. Sie würde sich von keinem sagen lassen, was sie zu sein hatte. Selena wusste um den Kummer ihres Gesichtes. Alle dachten, nur weil sie schön war und grazil wirkte, sei sie ein zerbrechliches Püppchen. Aber sie war mehr. Viel mehr und sie hatte gehofft … Was? Das er anders war und sehen konnte? Sehen wie sie wirklich war? Wann würde sie endlich ihre dummen Träume begraben? Sie lebte in einer Welt, in der niemand über seinen Stand in den er hineingeboren worden war hinauswachen würde können. Sie war nun mal die Tochter des Königs und folge dessen hatte sie demütig, liebenswert, fromm und still zu sein. Sie würde nie mehr sein können. Von taubenblauer Farbe und dichten dunklen Wimpern umrahmt waren ihre Augen und ließen sie, wenn sie einen Anblicke, unschuldig und rein wirken. Aber nicht wenn sie, wie gerade jetzt keifend wie ein Fischweib vor ihm stand und streitsüchtig die Arme in die Hüften gestützt hatte. Obwohl ihr Haar blond wie die eines Engels waren, erinnerte sie ihn doch mehr an einen kleinen, aufsässigen Kobold. Bei Gott sie war zierlich und zerbrechlich, auch wenn ihr das nicht bewusst zu sein schien und sie weckte in ihm den Wunsch sie beschützen zu wollen. „Verzeiht, Ihr könnt natürlich sein was Ihr gedenkt zu sein! Ihr habt Euren Auftrag ausgeführt und könnt nun in die sichere Burg zurückkehren!" Er wollte sie loswerden. Je länger sie in seiner Nähe blieb umso mehr wollte er sie auch hier haben. Was unter den Umständen, dass ein Untier sein Unwesen hier trieb, mehr als töricht war. Finster musterte sie ihn. Scheinbar hatte er wieder einen unverzeihlichen Fehler in ihren Augen begangen. „Ihr wagt es mich fortzuschicken wie ein lästiges Kind!", ereiferte sie sich und holte bereits tief Luft um ihm zu mitzuteilen was sie davon hielt. Da zu befürchten stand, wenn er ihr nicht auf der Stelle Einhalt gebot, würde sie noch bis zum Morgengrauen hier stehen, sah er sich gezwungen zu handeln und er ahnte bereits jetzt, es würde ihr nicht gefallen.