Auf ihnen lag ein Fluch. Nur Selena wusste nichts davon. Sie war sein Kind und so war es seine Pflicht sie vor allen Gefahren zu beschützen. Nur war er sich nicht mehr sicher ob er es auch konnte. Er hatte es selbst vor einigen Jahren erst entdeckt. Auch sein Vater hatte es ihm nicht gesagt. Es stand alles in einer alten Niederschrift. Scheinbar war es einem der Mönche, die früher hier lebten, gelungen zu fliehen, aber er war schwer verletztworden. Kurz bevor er starb, belegte er seinen Großvater, Selenas Urgroßvater, mit einem Fluch. Nach seinem Tod sollte ihm kein Frieden vergönnt sein, sondern er sollte für immer über das Land wandeln. Bei Nacht und als Untoter. All seine Versuche, ihm seinen Frieden zu bringen, scheiterten. Er schickte seine besten Soldaten aus, aber alle ließen sie ihr Leben. Das war auch der Grund, warum er dem Fremden erlaubte, sich auf die Jagd zu machen. Wie froh war er gewesen, als er die Hand seiner Tochter abgelehnt hatte, denn vermutlich würden sie morgen nichts weiter als seinen Leichnam finden. Seufzend sank er auf dem von seinem Großvater zu Unrecht gestohlenen Thron zusammen. „Ich denke überhaupt nichts über Euch! Ihr, Mylady, seid mir ein Rätsel, das sich, trotz des langen Gespräches, nicht zu lösen scheint!" Seine Offenheit machte sie sprachlos. Aber nicht nur das. Was er zu ihr sagte. Er hielt sie also für ein nichtdurchschaubares Rätsel. War das ein Kompliment für sie? Wollte er ihr damit schmeicheln? Oder war es eine Beleidigung? Ein weiterer Versuch sie von sich zu stoßen und dazu zu bringen ihn endlich zu verlassen? „Ihr habt mir zuvor eine Frage gestellt und nun möchte ich sie beantworten. Mein Leben an Eurer Seite würde so sein, wie Ihr es für uns gestaltet. Ich bin in dieser Burg geboren und aufgewachsen, aber es war nie mein Zuhause. Mein Großvater hatte dafür gemordet um es an sich zu reißen. Was uns jetzt passiert, haben wir vielleicht sogar verdient. Mein Vater weiß, dass ich eines Tages diesen Ort verlassen will, weil ich hier nicht leben kann!" „Ich führe ein sehr einsames Leben. Es gibt keinen Ort an dem ich bleibe. Ich werde mich niemals niederlassen. Die Frau an meiner Seite würde die schlimmsten Entbehrungen ertragen können müssen. Sie würde mit mir oft nur von der Hand in den Mund leben und sich immer fürchten müssen, dass mein derzeitiger Auftrag auch mein Letzter sein könnte!" „Ich wünsche mir Kinder ein kleines Haus, aber nicht hier, sondern weit weg von hier!" „Keinen Mann?" „Doch!" Sie wünschte sich also auch einen Mann. Wie musste er sein? Wie stellte sie sich ihn vor? Abwartend betrachtete er sie, in der Hoffnung sie würde ihre Worte noch etwas mehr ausschmücken würde, aber das tat sie nicht. „Madam, da unser Gespräch schon so eine intime Wendung genommen hat, wage ich zu fragen, wie Ihr Euch euren Gemahl vorstellt?" Er wog das Schwert in seiner Hand und trat unbewusst einen Schritt näher. Vergessen war für den Moment warum er hier draußen in der Kälte Wache hielt. Ein unheimliches Knurren in seinem Rücken rief es ihm wieder ins Gedächtnis. Hastig drehte er sich um und durchsuchte erneut die Dunkelheit. Wie konnte er nur eine Sekunde an etwas anderes als an das Untier denken? Eine Frau sollte nicht die Macht haben seine Sinne zu verwirren und ihn durch unvernünftige Gedanken, die durch seinen Geist schwirrten, von seinem Auftrag abhalten. Wie kam es sonst, dass ihm plötzlich ein kleines Haus irgendwo auf dem Lande irgendwie verlockend erschien? „Lasst mich das zu Ende bringen, danach denke ich, sollten wir über einige Dinge reden." Er hätte ihre Hand niemals ausschlagen sollen. Sie war mehr wert, wie alles Gold der Welt. Sie war die Eine. Kurz strich er mit seiner schwieligen, rauen Hand über ihr Gesicht und merkte mit Verwunderung wie sie sich an sie schmiegte. Schnell trat er einen Schritt fort und wandte sich der Dunkelheit zu. Wie auf sein Stichwort erschien das Biest. Nur das es kein Biest war, sondern ein Mensch. Oder das was von einem Menschen übrig war. Er kannte diese Kreatur. Kannte ihren wahren Namen und ihre wahre Natur. Ihm gegenüber stand ein Draugr. Ein verfluchter Untoter, der lebendes Fleisch fressen musste um das Leben, das er einst hatte, fühlen zu können. Die Kreatur war heimtückisch und besaß übermenschliche Kräfte. Es gab nur eine Möglichkeit sie zu besiegen. Er musste ihr den Kopf abschlagen. Was nicht so leicht war, denn er musste der Kreatur nahe genug kommen um sein Haupt von seinem Körper zu trennen. Dabei konnte er selbst schnell der Getötete sein. „Selena, kehrt rasch in die Burg zurück!" Wenn er versagte, würde die Kreatur sie in Stücke reißen. Diesen Gedanken konnte er kaum ertragen. Heulend und fauchend kam es näher, wollte sich auf ihn stürzen. Im letzen Moment gelang es ihm dem Draugr auszuweichen. Rasch drehte er sich um. Er konnte sich keine Sekunde erlauben es aus den Augen zu lassen. Sie umtanzten einander in einem tödlichen Reigen, aus dem nur einer lebend diesen Platz verlassen würde. Selena stand schreckenstarr da. Nicht, weil das Geschöpf, das zuvor nur eine wage Vorstellung war und nun plötzlich ein grauenvolles Gesicht und eine Gestalt besaß, sondern weil es jenen der ihr am Herzen lag, bedrohte. Ohne es zu wollen dachte sie an alle, die durch die Hand dieses Unwesens, bereits ihr Leben gelassen hatten. Es könnte auch den fremden Krieger, dessen Namen sie noch immer nicht kannte, töten. Stumm verharrte sie auf ihrem Platz, unfähig sich zu rühren oder auch die schreckliche Szene vor ihr auch nur einen Moment aus den Augen zu lassen. Ihr Herz würde nicht ruhen können, wenn es sie nicht wusste, dass er unversehrt geblieben war. Selena verbat sich jeden Gedanken, dass er vielleicht heute Nacht sein Leben verlieren konnte. Sie würde es nicht ertragen können. Der Kampf tobte unterdessen mit ungebremster Wucht weiter. Der Krieger und die Kreatur griffen mit unverminderter Härte wieder und wieder an, um einander tiefe Wunden zuzufügen und dabei die Schwächen des anderen herauszufinden. Beide waren sie stark und beide waren gute Kämpfer. Der Schnee zu ihren Füßen wurde von ihren Schritten zertrampelt und schon bald war von Selenas Abdrücken nichts mehr zu sehen. Ganz so als wäre sie niemals hier gewesen. Er blutete aus vielen kleinen Wunden. Die Nägel des Draugr waren wie scharfe Krallen. Arme, Brust und Gesicht waren mit vielen tiefen Kratzern übersäht. Immer wieder versuchte es ihn zu fassen und an seine Brust zu ziehen, um seine kräftigen Zähne tief in sein Fleisch zu vergraben. Es wollte sein Blut fließen sehen, wollte sehen wie es sich über den weißen Schnee ergoss. Aus dem Augenwinkel nahm er wahr, dass Selena noch immer da war. Wieder gehorchte sie seinem Befehl nicht. Das machte ihn so wütend, dass er sich voller Zorn auf den Draugr stürzte. Sie war bestimmt nicht wie jede andere Frau. Jede andere hätte sich niemals seinen Befehlen widersetzt. Jede andere wäre auch nicht bei Nacht alleine zu ihm gekommen. Es gelang ihm die Abwehr der Kreatur zu durchbrechen und mit einem sauberen Schlag hieb er ihm den Kopf von den Schultern. Er rollte durch den Schnee bis vor die Füße von Selena. Schreckensbleich blickte sie auf ihn. Sie glaubte dieses Gesicht zu kennen. Es erinnerte sie entfernt an das ihres Vaters. „Wer ist er?", flüsterte sie entsetzt. „Ich vermute einer Eurer Vorfahren.", erwiderte der Krieger, wischte sein Schwert im Schnee ab und steckte es fort. Dann packte er den Kopf am Schopf und schritt auf die Burg zu. „Ich werde den Kopf Eurem Vater bringen und meinen Lohn fordern!" Die Nacht war beinahe vorüber. Die ersten Bewohner der Burg waren bereits auf und begannen ihr Tagwerk zu verrichten. Man musste den König erst aufwecken, doch bei allen, die den Krieger sahen, war jetzt schon die Erleichterung zu spüren. Endlich war das Böse von ihnen gewichen. Der König nahm die Kunde mit gemischten Gefühlen entgegen. Was, wenn der Krieger tatsächlich seinen Großvater erschlagen hatte? Er warf sich einen dunklen Umhang über und eilte in den großen Saal. Er sah das abgeschlagene Haupt und wusste, dass sich seine Befürchtungen bewahrheitet hatten. „Ich fordere meinen Lohn von Euch!", verlangte der Krieger. „Man wird Euch das Gold sogleich bringen!", versprach der König geistesabwesend. Seine Gedanken waren noch immer mit seinem Großvater beschäftigt. Er war tatsächlich verflucht und dazu verdammt worden sein Grab zu verlassen. Es war nun seine Aufgabe ihn dorthin zurückzubringen und dafür zu sorgen, dass er auch dort blieb. „Nein!" Die Stimme des Kriegers ließ ihn aufhorchen. Wollte er nun doch kein Gold? „Ich will den von Euch versprochenen Lohn!" Stirnrunzelnd betrachtete der König ihn. „Die Hand Eurer Tochter!" „Nein, nein, nein!", stotterte der König verstört. „Ihr habt Euch anders entschieden. Ihr wolltet nur Gold!" „Ich habe meine Meinung geändert!" Er zuckte mit den Achseln, als wäre so für ihn alles geklärt. „Aber …", widersprach der König und wurde von seiner Tochter unterbrochen. „Vater, ich werde mit ihm gehen", sagte sie schlicht. Der Gedanke war die ganze Nacht schon in ihr, doch jetzt war sie sich ganz sicher. „Nein, mein Kind! Du weißt nicht wovon du sprichst!" Der König packte sie an den Armen um sie so zur Vernunft zu bringen. Niemals konnte er zulassen, dass sie sich diesem Fremden anschloss und er sie vielleicht nie wieder sah. „Vater, das war nie mein Zuhause. Unser Vorfahre hatte es durch unschuldiges Blut an sich gebracht. Ich könnte hier niemals glücklich werden!" Sie legte ihm ihre Hände sanft auf die Brust und sah bittend zu ihm hoch. „Du wirst mir fehlen!" Tränen standen in seinen Augen. „Ich werde glücklich sein!", versprach sie ihm und küsste seine Hand. Unruhig scharrte sein Hengst mit den Hufen im Schnee. Er konnte es kaum erwarten bis es endlich losging. Beruhigend klopfte er auf den Hals des Tieres. „Seid Ihr Euch sicher?" Selena stand neben einer kleinen, braunen Stute. Vielleicht lag die Unruhe seines Pferdes auch an dem Tier dicht an seiner Seite? „Ich bin mir sicher! Aber werdet Ihr es nicht bereuen, statt dem Gold mich am Halse zu haben?" Er brachte sein Pferd noch näher an ihres heran, beugte sich herab und küsste sie. „Vermutlich bereits in der ersten Sekunde.", zog er sie auf, schwang sich auf den Rücken seines Pferdes und gab ihm die Sporen. Rasch folgte sie ihm. „Wo bringt Ihr mich hin?", rief sie ihm zu. „Ich kenne da einen Ort, der könnte Euch gefallen. Aber ich muss Euch warnen. Es ist nichts Besonderes, nur ein kleines Haus am Rande eines Waldes!" „Werdet Ihr mir jemals verraten wie Ihr heißt?", fragte sie erneut. „Ich werde Euch eines Tages alles von mir erzählen, einschließlich dessen, wie ich zu dem geworden bin, was ich bin!" Er hatte Vertrauen zu ihr gefasst. Sie sah nicht das Abscheuliche an ihm, sondern schaffte es tatsächlich dahinter zu blicken. Tiefer zu sehen. Er brachte sein Pferd zum Stehen und saß ab. Entschlossen kam er auf sie zu und hob sie aus dem Sattel. Statt sie auf den Boden zu stellen, hielt er sie an seine Brust gedrückt. „Mein Name ist Keir!" Langsam stellte er sie auf den Boden. „Keir ist ein schöner Name und er …" Stand in Verbindung mit unzähligen Geschichten und eine war schlimmer als die andere, und wenn nur die Hälfte davon wahr war, war es immer noch zu viel. Er sah die Unsicherheit in ihrem Blick. Also waren die Geschichten auch bis an ihr Ohr gedrungen. Hatte sie nicht bereits als sie ihn zum ersten Mal gesehen hatte geahnt, dass sein Aussehen kein Zufall war, sondern der Beweis dafür, dass in den Geschichten viel Wahres lag? Sie wog für sich ab, was sie davon halten sollte und kam schließlich zu einer Entscheidung. All diese Gedanken konnte er in ihrem Gesicht lesen. „Ihr werdet es mir eines Tages sagen und dann werde ich es verstehen." Sie würde sich also seine Version von den Ereignissen anhören und ihm eine faire Chance geben. Unter all den Frauen hatte er die wohl außergewöhnlichste gefunden. „Ich werde Euch niemals enttäuschen und immer beschützen!", versprach er ihr. Langsam beugte er sich zu ihr herab. Er würde sich ihr nicht aufzwingen und sie nur küssen, wenn sie es ihm erlaubte. Still verharrend stand sie da und wartete. Leicht berührten seine Lippen die ihren. Sanft strich er über ihren Mund um ihn dann hungrig zu erobern. Schüchtern erwiderte sie den Kuss. Sie schlang ihre Arme um seinen Hals und drückte ihn fest an sich. Er war ein Held voller Fehler, aber gerade das machte ihn zu etwas Besonderem und sie hatte ein ganzes Leben lang Zeit ihn kennenzulernen.