Die Braut

~ „Da blieb Jesus stehen […] und sprach: „Was willst du, dass ich dir tun soll?" [Der Blinde] sprach: „Herr, dass ich sehend werde." (Lukas 18: 40-41) ~

Mitten auf dem Weg liegt sie,
auf einer schmutzigen, zerschlissenen Decke,
wo die Menschen vorüberlaufen,
die Hunde bellen, sie anknurren, an ihr schnüffeln.

Mitten auf dem Weg liegt sie, gebeutelt von Krankheit,
ihre wunden Glieder kraftlos ausgestreckt,
ihr kahler, heißer Schädel ein Zerrbild ihrer früheren Schönheit,
und über ihr krächzen die Krähen.

Schmerz wühlt in ihren Eingeweiden,
Enttäuschung brennt in ihren Augen,
verschwommen hört sie die Stimmen
der Menschen, die bei ihr knien.

„Was ist?" „Ach, unerhörte Gebete, wie neulich bei uns."
„Wir haben so für sie gefleht, und wieder ist nichts passiert."
„Es ist so frustrierend, früher
hat Er doch auch geheilt."

Plötzlich legt sich kühl
eine Hand auf ihren Kopf,
eine sanfte Stimme zerschneidet
den Lärm um sie und in ihr:

„Was willst du, dass Ich dir tun soll?"

Sie schaut auf, in Seine Augen
– offen, verletzlich dargeboten –
bis die Nebel versteckter Anklagen
sich wabernd lichten –
und sieht die Wahrheit;

Sie schaut hinab, in ihr Herz
– offen, verletzlich sich darbietend –
bis die Nebel wirrer Wünsche
sich wirbelnd lichten –
und weiß die Antwort:

„Herr," sagt sie langsam, „ich möchte
Dich mehr lieben."

Juni 2012