Kapitel 1

Der perfekte Mord. Gibt es ihn wirklich? Diese Frage haben sich bereits Millionen von Menschen gestellt. Viele haben versucht, den perfekten Mord zu begehen, so ziemlich alle hatten dabei versagt. Was ist der perfekte Mord? Viele Krimiserien rund um den Globus haben sich mit diesem Thema beschäftigt, es gibt unzählige Bücher über dieses Thema und eine Menge Leute, die sich für Experten halten. Aber so sehr dieses Thema die Menschen seit Jahrhunderten beschäftigt, fasziniert oder ängstigt, keiner kann ihn beschreiben, den perfekten Mord. All die Theorien, die aufgestellt werden, werden später wiederlegt. Sei es, dass der Täter die Leiche verschwinden lassen muss oder ein wasserdichtes Alibi braucht, alles dies ist bei vielen Morden vorhanden und doch klärt unsere moderne Justiz glücklicherweise viele Fälle auf. Die Statistik zeigte dass dreiundneunzig Prozent aller Mordfälle in Deutschland aufgeklärt wurden. In den USA sind es nur rund die Hälfte aller Mordfälle, die die Polizei lösen kann, was auf die vielen, weitläufigen Wälder zurückgeführt wird. Die Leichen sind einfach zu sehr verwest bis sie gefunden werden und bieten deswegen den Polizisten und Gerichtsmedizinern weniger Hinweise, die zur Ergreifung des Täters führen können. Überraschenderweise liegen die Japaner mit zweiundneunzig Prozent hinter der deutschen Polizei, obwohl den Japaner so viel Genauigkeit nachgesagt wurde. Aber das schloss dann wohl die Mörder mit ein.

Nicht zuletzt wegen den stetig weiterentwickelten Computerprogrammen, die die ermittelnden Beamten weltweit näher zusammenbringen und die Kooperation weltweit vereinfacht und den Fortschritten auf den Gebieten wie DNA machte es den Polizisten leichter Mordfälle aufzuklären. Ergo: den perfekten Mord gibt es entweder nicht oder er ist ein gutgehütetes Geheimnis von einzelnen. Denn sicher ist: Den perfekten Mord geht eindeutig ein perfekter Mörder voraus und diesen würde die Polizei niemals erwischen.

Was immer der perfekte Mord war, Kim hatte den ganzen Abend damit verbracht darüber nachzudenken, wie sie einen perfekten Mord begehen würde. Nicht dass sie vorhatte einen zu begehen, um Gottes Willen, das lag ihr fern, auch wenn sie bei manchen Zeitgenossen nichts gegen ein schnelleres Ableben einzuwenden gehabt hätte. Zumindest manchmal, aber ging das nicht jedem Menschen so? Trotzdem schätzte sie sich selber zu der Sorte Menschen ein, die wohl nicht zu einem Mord fähig waren.

Nein, Kim hatte einfach die Zeit vergessen. Sie hatte es sich, nach dem ausgiebigen Spaziergang mit ihrem Rottweiler Eiko im nahegelegenen Wald, auf der Couch gemütlich gemacht und hatte sich die letzten Seiten ihres Psychothrillers gegönnt. Es war der letzte Teil in der Serie, die sie nun seit mehreren Wochen fesselte. Es ging um eine junge CIA Agentin, die in Zusammenarbeit mit dem FBI und der Polizei in Denver eine Mordserie aufklärte. Kim liebte Thriller, die fortgesetzt wurden. Es war schön zu wissen, dass die Hauptdarstellerin wohl überleben würde. Einerseits nahm das natürlich ein wenig die Spannung, aber diese Sicherheit ließ Kim mit völliger Entspannung an das neue Buch gehen. Nun, das war, wie gesagt, das vorerst letzte Buch gewesen, bis der fünfte Teil erscheinen würde, würde sie mindestens ein Jahr warten müssen und ab dann war eine Fortsetzung nicht mehr gegeben. Ihre einzige Chance ihre Neugierde schneller zu befriedigen war sich in einigen Monaten die englische Ausgabe der Reihe zu kaufen. Nur, wollte sie sich wirklich statt auf Mördersuche auf das Verstehen der vielen, englischen Worte konzentrieren? Sie würde wahrscheinlich vor lauter Blättern im Duden vergessen worum es ging. Allerdings waren ihre Englischkenntnisse damals nicht allzu schlecht gewesen und weil sie diese Reihe kannte und sonst auch jeden Krimi verschlag, hatte sie eine grundsätzliche Ahnung was im neuen Buch geschehen würde, wie die Figuren reagierten und was sie erwartete. Vielleicht sollte sie es einfach wagen. Sie hatte bereits öfters gehört dass bei Übersetzungen vieles vom Charme des Originals verloren ging.

Kim streckte sich. Die Suche nach dem Serienmörder war wie immer erfolgreich verlaufen, sie hatte mit ihrer Vermutung des Täters richtig gelegen und nun würde sie Mord und Totschlag aus ihrem Leben verbannen und sich ein heißes Bad gönnen sobald sie noch einmal mit Eiko draußen gewesen war. Ein wenig fröstelte es ihr schon, nach diesem Buch raus in die Dunkelheit zu müssen, aber wozu hatte sie einen starken Beschützer an der Seite? Bisher hatte es bei dem Anblick des großen, schwarzen Hundes niemand gewagt sie anzusprechen. Eiko machte allerdings jedem im Dunklen klar, dass es besser war, schnell an seinem Frauchen vorbeizugehen. Ein „Lächeln" mit seinen großen, blanken, weißen Zähnen und jeder ging weiter. Kim war stolz auf ihn. Oder wie sie ihrer ewig nörgelnden Mutter einmal sagte: Was solle sie sich einen Freund suchen wenn sie mit Eiko einen treuen Begleiter und Beschützer an ihrer Seite hatte? Sicher, man konnte das eine nicht mit dem anderen vergleichen und doch hatte diese Aussage ihren Zweck damals erfüllt: ihre Mutter war ruhig gewesen und hatte sich seitdem relativ weit aus ihrem Leben herausgehalten – zumindest was die Beziehungen anging. Zu Eiko und den restlichen Dingen in Kims Leben äußerste sie sich weiterhin gern und oft und meistens ungefragt.

Ein Blick durch den Raum zeigte ihr, dass Eiko nicht mehr vor dem Kamin lag. Er war demnach wohl auf seine Matratze im Flur gegangen. Kims Wohnzimmer war nicht groß, aber sie hatte sich einen Kamin für die kalten Abende gegönnt. Ihr Haus war mehr ein Häuschen, doch für sie war es die Welt. Man musste nicht immer eine große Villa haben um den alten Spruch „My home is my castle" für sich und seine Herberge geltend zu machen.

Kim wohnte in einem kleinen Dorf, fernab der großen Städte. Wenn sie in die nächste große Stadt wollte, dann musste sie schon eine Stunde im Auto sitzen, aber das machte nichts. Sie mochte die Natur und die Ruhe hier. Deswegen war sie hier geblieben und hatte all ihr Geld in das Häuschen gesteckt. Ein Wohnzimmer, Küche, Badezimmer, Flur, ihr Schlafzimmer, ein Gästezimmer, kleiner Keller und auf dem Dachboden war neben einem Raum zum Wäsche aufhängen ihr kleines Arbeitszimmer. Alles zusammen etwas über einhundertzwanzig Quadratmeter und doch ihre Welt. Ihre und Eikos.

Eiko war ihre Familie. Er und der eigenwillige Kater Kay, der seinen Namen nach Kims – Kay Scarpetta – bekommen hatte. Kay lag auf dem Kamin auf seinem Kissen und schnurrte im Schlaf. Er war der faulste Kater, den Kim jemals gesehen hatte. Neben dem Kamin hatte Kim die Eckcouch, den Couchtisch und drei Regale in ihrem Wohnzimmer. Alles war in hellen Farben gehalten um den Raum größer erscheinen zu lassen. Außerdem sah man auf hellen Möbeln nicht so schnell den Staub. Im Regal vor der Couch waren Fernseher, DVD Rekorder und Stereoanlage untergebracht, rechts und links davon befanden sich etliche DVDs und CDs. Leider hatte sie viele DVDs noch gar nicht gesehen, sie standen im Regal und wartete auf einen Abend, an dem Kim die DVD ihrem Buch vorziehen würde. Es wurde mal wieder Zeit für einen ausgiebigen DVD Abend mit Freunden um all die Filme zu nutzen.

Kim strich über ihr Buch. Das würde sie wieder in ihr Arbeitszimmer bringen. Der Dachbodenraum hieß zwar offiziell Arbeitszimmer, aber sie brauchte bei ihrem Beruf nicht wirklich ein Arbeitszimmer. Kim war Sekretärin in einem kleinen Buchversand und hatte bisher nie Arbeit mit nach Hause gebracht. Was hätte das auch sein sollen? Zum Arbeiten brauchte sie das Netzwerk und die Programme der Firma und die standen ihr nicht zur Verfügung. Deswegen stand in ihrem Arbeitszimmer PC, der über eine DSL Flat mit dem Internet verbunden war und jede Menge Regale voller Bücher. Neben ihrer großen Liebe, den Büchern, verbrachte sie gerne Zeit im Internet. Es war jeden Tag aufs Neue faszinierend was man dort alles finden konnte und welche Leute sich dort aus welchen Gründen aufhielten. Und dank der Chatprogramme von Microsoft, Yahoo oder ICQ verlor man die Freunde, die es weiter in die Ferne gezogen hatte, nicht aus den Augen.

Ein lauter Schnarcher ließ sie aus ihren Gedanken zurück in die Wirklichkeit kehren. Eiko schnarchte manchmal im Schlaf und wenn er leicht erkältet war, dann hatte er dabei eine Lautstärke, die die Schnarcher im ganzen Haus hören ließen. Zum Glück gehörte Kim zu den Menschen, die schnarchen als entspannend empfanden. So lange Eiko schlief und schnarchte, drohte keine Gefahr. Ein schönes Gefühl. Außerdem brachte sie das Schnarchen jedes Mal zum Lächeln.

Kim warf ihre Decke zur Seite und stand auf. Wie bereits vermutet lag Eiko im Flur auf seiner Matratze. Als Kim das Licht anmachte, öffnete er ein Auge, rührte sich jedoch nicht. Dabei wusste er genau, dass es Zeit für den letzten Abendrundgang war. Er zog es vor erst dann aufzustehen wenn sie ihn aufforderte. Man stelle sich vor, er würde jetzt aufstehen und das Telefon würde klingeln. Dann wäre Kim von ihrem Spaziergang abgelenkt und Eiko war ganz umsonst aufgestanden. Was das Energie verschwenden würde.

„Na du, bewachst du wieder unerschrocken die Tür?" Kim lächelte ihren Hund an während sie das Buch auf die Kommode neben der Garderobe legte. Das konnte sie später heraufbringen. Sie schlüpfte in ihre Jacke und nahm Eikos Leine. Für Rottweiler galt Leinenpflicht. Eiko hatte zwar alle Wesentests bestanden und war demnach von Maulkorb und Leine befreit, die Ordnungsämter machten trotzdem manchmal Probleme; vor allem wenn Hunde innerorts ohne Leine herumliefen. Und viele Passanten bekamen regelrecht Panik wenn sie Eiko sahen. Zumindest war das in den größeren Orten so. Hier im Dorf hatte sie bisher keine Probleme bekommen. Das Nachbarkind ging regelmäßig mit ihm spazieren und er hatte sich allen Hunden und Katzen gegenüber als ungefährlich erwiesen. Nein, Eiko erfüllte keines der negativen Klischees eines Rottweilers. Das lag wohl an seiner guten Ausbildung und daran, dass er Eltern hatte, die nie zu Kampfzwecken verwendet wurden. So weit Kim wusste, waren Eikos Vorfahren frei von aggressiven Verhalten, deswegen hatte sie sich für ihn entschieden. Die Ausbildung in der Hundeschule, die sie zwei Jahre lang mehrmals die Woche besucht hatten, hatte dann das übrige dazu beigetragen aus Eiko einen freundlichen und zuverlässigen Hund zu machen. Allerdings hatte er einen ausgeprägten Beschützerinstinkt, der sich ebenfalls auf das Nachbarkind übertrug, wenn es mit ihm spazieren war. Wer in „sein Rudel" aufgenommen wurde, der wurde beschützt.

„Na los, wir gehen eine Runde." Eiko erhob sich langsam, als sei jede Bewegung eine Qual für ihn. Dabei war er gerade einmal drei Jahre und topfit. Gähnend trottete er zu Kim. Seine Matratze lag in einer kleinen Einbuchtung im Flur. Zuerst hatte Kim vorgehabt dort eine große Garderobe anzubringen, dann bekam sie Eiko und es wurde sein Schlafplatz. Von hier aus hatte er das ganze Haus unter Kontrolle; und den Kühlschrank.

„Guck mich nicht so strafend an, ich weiß, ich bin etwas spät, aber die letzten zehn Seiten wollte ich lesen. Du hast geschlafen, da hatte ich Zeit." Eiko knurrte vor sich hin. Es war ein wie ein menschliches Grummeln, nicht böse gemeint, ein wenig schmollend. Kim klopfte ihm aufmunternd auf die Schultern.

„Na los, auf geht's. Einmal zum Ende des Dorfes und wieder zurück. Ich will noch in meine Badewanne und dann ins Bett. Morgen wird ein langer Tag, aber Benni wird sich um dich kümmern. Und meine Mutter wird gegen Mittag vorbeikommen, sei nett zu ihr." Kim hatte immer mit Eiko wie mit einem Menschen gesprochen und er warf ihr nun einen skeptischen Blick zu. Sie hatte das Gefühl, das machte er immer wenn sie ihre Mutter erwähnte. Eiko und ihre Mutter waren keine großen Freunde geworden, sie sah in ihm weiterhin eine lebendige Kampfmaschine und fragte Kim jedes Mal wieso sie sich keinen anderen Hund anschaffte, wenn es ein Hund sein musste und Eiko schien zu spüren, dass sie ihn nicht mochte. Allerdings gehört sie zu seinem Rudel, deswegen akzeptierte er ihre Besuche und ließ sich mehr oder weniger von ihr Spazieren führen. Als Hund hatte man nicht viel Auswahl.

Kims Auswahl an Wegen für den letzten Abendspaziergang war ebenfalls begrenzt. Es hatte geregnet, deswegen konnte sie die Feldwege ausschließen, es sei denn, sie wollte riskieren im Dunklen von einer Pfütze in die nächste zu treten. Es gab keine beleuchteten Feldwege.

„Hallo Kim, musst du noch eine Runde drehen?" Kim sah sich um. Hinter ihr war ein älterer Mann mit einem winzigen Hund. Herr Schmidt mit seinem Waldi. Was der typische Dackelname war, war hier eine Mischung aller Hunde, die kaum größer als ein größerer Schuhkarton gewesen waren. Waldi war braun mit schwarzen Flecken, braunen Augen und einem stehenden und einem herunterhängenden Ohr. Und dieser, kaum dreißig Zentimeter kleine Hund stellte sich knurrend und zähnefletschend vor Eiko, der seinen Gegner verständnislos ansah. Was genau wollte Waldi, der ihm gerade bis zum Knie reichte und den er seit Jahren regelmäßig traf, nur? Dieses Knurren konnte unmöglich sein Ernst sein. Wenn Hunde Humor hatten, dann war Eiko nun amüsiert.

„Waldi, überlege dir das noch mal", lachte sein Herrchen über das Verhalten des Hundes „Ich würde an deiner Stelle lieber freundlich sein. Du wirst für Eiko nicht mehr als ein Snack sein." Herr Schmidt streichelte Eiko über den Kopf. Kim kniete sich zu Waldi herab, der sofort aufhörte zu bellen und an ihrer Hand schnupperte.

„Du bist eine gefährliche Kampfmaschine, nicht wahr? Da dich alle unterschätzen wirst du eines Tages aus dem Nichts zuschlagen und den Überraschungseffekt für dich haben. Alle denken, große Hunde sind die Gefahr, du wirst ihnen das Gegenteil beweisen."

„Rede ihm keine Flausen ein. Es reicht wenn er denkt, er würde in der Rangordnung über meiner Frau stehen. Die Kleinsten sind die frechsten." Unweigerlich musste Kim an die Verfilmung von „Scooby Doo" denken und wie der kleine Hund versucht hatte die Weltmacht an sich zu reißen. Wie hieß er noch gleich? In der Zeichentrickserie war sein Name Scrabby und er gehörte zu den Guten als Scoobys Neffe. Ob in Waldi ein kleiner Scrabby steckte?

„Irgendwie muss man sich wehren und sich Respekt verschaffen. Mhm, kommst du mit uns eine Runde bis zum Ortsausgang oder hast du deine Runde bereits beendet?" Herr Schmidt und Waldi wohnten nur drei Häuser weiter als Kim und Eiko.

„Nein, wir sind fertig. Bei diesem Wetter gehen wir beide nicht so gerne raus." Herr Schmidt warf einen ärgerlichen Blick zum Himmel, aus dem weiter Regen auf sie herabfiel. Das typische Wetter des Sommers im Hochsauerland. Da merkte man wieder dass sie nicht im ehe gemäßigten Südwesten des Landes lebten sondern in den Mittelgebirgen. Doch was sollte er sich beschweren, er lebte seit über siebzig Jahren hier, das war seine Heimat und er liebte sie. Und was ein echter Sauerländer war, der stand über solchen Wetterkapriolen.

„Hoffentlich hört das bis zum Wochenende auf zu regnen, die Kinder wollten doch ihr Zeltlager im Wald aufschlagen und da können sie keinen Regen gebrauchen. Unser Enkel kommt extra aus dem Ruhrgebiet her um zwei Wochen im Wald zu zelten." Ja, das Zeltlager, das hatte Kim völlig vergessen. Dann musste sie bei ihren Spaziergängen mit Eiko demnächst besser einen Bogen um den Bereich machen, in dem die Kinder sich aufhielten. Die Betreuer sahen es ungern wenn ein vermeintlicher Kampfhund frei in der Nähe der Kinder herumlief. Kim konnte sie verstehen. Sie würde ähnlich reagieren wenn sie den Hund nicht kannte und man konnte als Hundebesitzerin nie voraussehen wie die Kinder auf Eiko reagierten. Sicher war sicher.

„Der Wetterdienst hat gutes Wetter ab morgen vorausgesagt. Es soll richtig heiß werden. Anscheinend wird die Sonne langsam wach und. Das wurde auch mal Zeit, wir haben Sommer und es regnet laufend. Nicht gerade das, was ich mir unter Sommer vorstelle."

„Ja, ja, die Sommer, wie es sie früher gab, die sind vorbei. Heute haben wir entweder ganz schlechtes Wetter oder diese unerträgliche Hitze wie im letzten Jahr. Was sind uns da Blumen gestorben. Von der misslungenen Kartoffelernte ganz zu schweigen. Dank des Frostes Anfang Mai sind die Blüten an den Kirschbäumen alle erfroren und die Ernte ist mehr als dürftig ausgefallen. Eine Handvoll Kirschen für uns, den kleinen Rest haben sich die Vögel geschnappt. Meine Frau wollte eigentlich Marmelade einkochen doch dazu hat es nicht gereicht. Wir werden entweder die teuren Kirschen aus dem Laden holen müssen oder die Marmelade, die keinem wirklich schmeckt. Es ist ein Jammer." Herr Schmidt seufzte und tätschelte Eikos Kopf. Er hätte ewig weiterjammern können über die Misserfolge in der Ernte dieses Jahr, schließlich war er früher Bauer gewesen, aber er bezweifelte, dass Kim das hören wollte. Um diese Uhrzeit wollten die meisten Menschen nur nach Hause ins Bett; ihn eingeschlossen.

„So, Waldi, wir beide gehen jetzt zum Frauchen zurück. Ich wünsche dir einen schönen Abend, Kim und Eiko, pass gut auf deine Besitzerin auf."

„Guten Nacht, Herr Schmidt und grüßen Sie Ihre Frau. Tschüß Waldi." Kim zog ganz leicht an der Leine und Eiko ging los. Nun wurde es Zeit, dass sie voran kamen, sonst war es zu spät für Kims Bad. Zum Glück sah Eiko das ähnlich. Im flotten Gang lief er die Straße entlang.


Es gab nicht viele Menschen, die ihr Hobby zum Beruf machen konnten. Kims Hobby waren Bücher und sie genoss jeden Morgen den Geruch nach frischen Büchern wenn sie ihre Arbeitsstelle betrat. Bereits wenige Meter nach dem Eingang standen die ersten Kartons herum, die frisch geöffnet waren und noch druckfrische Bücher enthielten. Hier hätte Kim stundenlang stehen können. Doch leider musste sie zu ihrem Schreibtisch, in ihrem Büro, wo es keine druckfrischen Bücher gab. Alles was bei Kim im Büro täglich frisch herein kam, waren Buchbestellungen. Sie hatte es sich im Laufe der Jahre zu einem Hobby gemacht die Kunden anhand ihrer Bestellungen zu analysieren und versuchte herauszubekommen ob sie mit ihrem Verdacht richtig lag wenn sie einen der Kunden am Telefon hatte.

„Morgen Sherlock, welche Fälle hast du am Wochenende gelöst?" Manuel, der Auszubildende, sah von seinem Schreibtisch auf und grinste. Er kannte Kims Vorlieben für Krimis, wie jeder andere im Versandhaus.

„Ich habe den Grund für den Tod eines Azubis gefunden. Er hatte ein zu großes Mundwerk, kommt dir das bekannt vor?", konterte Kim. Manuel lachte.

„Ich hoffe, er war vorher der Liebhaber seiner tollen Kollegin, dann lohnte sich der Tod." Manuel grinste von einem Ohr bis zum anderen. Die Gespräche zwischen den beiden liefen immer auf einer amüsant-liebevollen Ebene ab, egal was sie sich sagte.

„Spinner." Kim verschwand kopfschüttelnd in ihrem Büro. Manuel hatte am laufenden Band solche Sprüche für sie über. Das musste daran liegen, dass sie sich seit Jahren kannten, bei den anderen Kolleginnen sagte er so etwas nicht. Kims Mutter und Manuels Mutter waren seit über drei Jahrzehnten befreundet, da war es nicht ausgeblieben, dass sie sich kannten und trotz des Altersunterschiedes von sieben Jahren verstanden sie sich prächtig. Kim war sehr froh gewesen als Manuel seine Lehre hier begann. Er war an manchen Tagen der Sonnenschein, der Kims Arbeit schöner machte und es verstand sie aufzumuntern wenn sie traurig war.

Kims Büro war nicht groß, aber es reichte ihr und sie durfte hier alleine schalten und walten. Neben dem großen Schreibtisch, auf dem PC, Drucker, Scanner, Fax und Telefon standen, waren an zwei Wände Regale mit Ordnern gequetscht, die aktuelle und alte Bestellungen beinhalteten. Die Wand links neben ihrem Schreibtisch wurde durch das große Fenster beinahe ausgefüllt, Kim hatte dort bloß einen kleinen Schrank aufgestellt, in den sie einige private Dinge, wie den Wasserkocher für ihren Tee und etwas zu knabbern lagerte. Die vierte Wand, die durch die Tür in zwei gleichgroße Hälften geteilt wurde, war mit einem riesigen Jahreskalender zur einen und einer großen Magnetpinwand zur anderen Seite belegt. Man konnte sage, Kim hatte jeden freien Platz genutzt.

„Morgen Frau Rautenberg, hier sind die ersten Bestellungen." Kim sah auf. Ihr Chef legte ihr einen Zettel auf den Tisch. Er war der einzigste Mensch im Verlag, der alle mit ihrem Nachnamen ansprach. Ihr Chef war etwa Mitte fünfzig, hatte einen Bauchansatz und einen immer größer werdenden Hubschrauberlandeplatz auf dem Kopf, der Kim jede Woche die Frage aufgab, wann er wohl eine komplette Glatze besaß oder ob er dem mit einem Toupet entgegen treten würde. Die Wetten dazu standen im Verlag etwa fünfzig zu fünfzig. Kim war sich sicher, er würde zu einem Toupet greifen. Auch wenn es auf den ersten Blick nicht so aussah, sie war sicher, Herr Wrangel war eitel.

„Danke Herr Wrangel, ich werde sie sofort bearbeiten. Sonst etwas Besonderes?"

„Nein, die Woche fängt ganz normal an wie jede andere Woche. Wir sind auf dem Land, was soll hier schon passieren? Die Leute bestellen christliche Bücher und alles, was sie in ihrem privaten Leben betrifft. Und wir liefern ihnen das, pünktlich und vollständig." Das war Kims Zeichen dafür, dass sie nun mit der Arbeit anfangen sollte. Herr Wrangel ließ sie alleine. Kim nahm die Bestellungen und sah sie kurz durch während sich der PC hochfuhr. Oh nein, ihre erklärte Lieblingskundin. Frau Zoppeck. Diese Frau bestellte laufend Bücher, die sie dann ein paar Tage später wieder abbestellte. Natürlich machte sie das nur, wenn Kim die Bücher bestellte. Sollte Kim ihre Bestellung vergessen oder einfach nicht gemacht haben, weil sie davon ausging, dass Frau Zoppeck wieder abbestellte, rief diese spätestens eine Woche später an und fragte, wo denn die Bücher blieben. Als wenn sie dieses wüsste. Kim war heilfroh, dass sie ohne Bildtelefon arbeitete, denn die Grimassen, die sie währenddessen zog, hätten Frau Zoppeck nicht erfreut.

Kim rief die Kundendatei auf. Sie hatte es gewusst, Frau Zoppeck hatte noch eine offene Rechnung. Na super, das musste sie ihr erst einmal klar machen. Dass sie Rechungen vergas bestritt die gute Frau laufend. Sie war unfehlbar und würde niemals eine Rechnung nicht begleichen und wenn Kim ihr dann das Gegenteil bewies, tat sie so, als wenn es Kims Fehler gewesen wäre. Kim hatte vergessen die Rechnung loszuschicken, die falsche Adresse angegeben oder sonst etwas falsch gemacht. Kim seufzte. Da musste sie wohl wieder in den sauren Apfel beißen und die gute Frau anrufen. Somit war es keine Woche wie jede andere sondern eine, die mit einem Desaster begann. Manuel pflegte zu solchen Dingen zu sagen: Was dich nicht umbringt macht dich nur noch härter. Kim konnte nicht sagen dass sie ein Telefonat mit Frau Zoppeck stärkte, jedoch war sie jedes Mal nach dem Anruf erleichtert und fühlte sich besser.

„Wie war dein Wochenende?" Manuel lehnte sich an den Türrahmen. Kim sah auf. Wenn er kein Grund war das Telefonat aufzuschieben. Konversation unter Kollegen war enorm wichtig für das Betriebsklima.

„Die erholsame Zeit ist so eben verschwunden. Frau Zoppeck ist mal wieder aktiv geworden." Und man konnte gleich versuchen den ungeliebten Auftrag abzugeben. Kim schätzte die Wahrscheinlichkeit dass Manuel mit Frau Zoppeck telefonieren wollte eher gering ein, doch sie konnte es versuchen.

„Hast du nicht Lust…?"

„Nein, danke." Manuel hob abwehrend die Hände. Seine viel zu langen Haare fielen ihm ins Gesicht, das er verzogen hatte. Frau Zoppeck war die erste Kundin gewesen, die er während seiner Ausbildung am Telefon gehabt hatte, danach hatte er sich tagelang nicht mehr ans Telefon getraut – was ihm keiner übel nehmen konnte. Selbst ihr Chef seufzte abgrundtief wenn er diese Kundin am Telefon hatte und hatte allen Mitarbeitern aufgetragen, ihn zu verleugnen wenn sie anrufen sollte.

„Vielleicht solltest du Eiko auf sie hetzen…oder ihr ein Bild vom ihm schicken und ihr sagen, dass er ihr die nächsten Bücher bringt wenn sie nervt oder nicht zahlt und ja, sie vergisst laufend zu zahlen. Können wir diese Frau nicht aus unserer Liste streichen?" Er sah sie gequält an.

„Ich befürchte, unser Chef wird das anders sehen." Kim konnte sich an einen Vortrag ihres Chefs erinnern, als er seinen Mitarbeitern nahe gelegt hatte, jeden Kunden wie einen König zu behandeln und dem Kunden niemals die Schuld zu geben. Jeder Kunde bedeutete Geld und Geld bedeutete einen gesicherten Arbeitsplatz. Da hatte er Frau Zoppeck wohl gerade vergessen. Leider gehört sie zusätzlich zu den Leuten, die viel bestellten.

„Da könntest du Recht haben. Also, was machen wir beide am nächsten Wochenende? Lädst du mich ins Kino ein?" Er schenkte ihr ein bezauberndes Lächeln.

„Wieso sollte ich mir dir ins Kino gehen? Welchen Grund habe ich?"

„Unsere Mütter gehen weg, wir könnte es ihnen gleich tun."

„Bedauere, ich bin bereits ausgebucht"

„Oh, wer ist der Schuft? Ich werde ihn noch heute zum Duell herausfordern und dich von ihm befreien. Dann wird das Wochenende uns gehören. Und das Wochenende danach und danach und…na ja, egal, also wer ist? Wen muss ich in die Flucht schlagen? Sag es mir." Manuel zog sein imaginäres Schwert um sich auf den Kampf um Kim vorzubereiten.

„Unter anderen Verena."

„Okay, ich gebe auf, meine Arbeit ruft:" Manuel verschwand. Kim musste grinsen. Das waren die besten Kämpfer. Erst machten sie große Sprüche und dann liefen sie schnell weg. Kim wandte sich lächelnd ihrem PC zu. Sie würde mit Manuel mal wieder ein Bier trinken, wenn sie sich in der Dorfkneipe trafen, aber ein Date, das wäre übertrieben gewesen. Allerdings war sie sich nicht sicher, ob Manuels Einladung ernstgemeint war. Sie waren bisher nie zusammen im Kino gewesen. Obwohl doch, einmal waren sie zusammen im Kino gewesen, oder besser gesagt, im gleichen Film, denn beide waren mit jeweils anderen Begleitern im Film gewesen. Naja, man konnte schlechtere Begleiter als Manuel haben und dafür nur weniger, die besser waren als er. Sie würde eher mit ihn in einen Club gehen, wo alte Rockklassiker gespielt wurden. Manuel war ein ausgezeichneter Tänzer und er könnte Kim innerhalb eines abends wenigstens die Ansätze von Rock'n Roll beibringen. Diesen Tanz fand sie seit Jahren klasse, beherrschte ihn trotzdem nicht.

Kim wählte seufzend die wohlbekannte Nummer. Früher oder später musste sie das machen und je früher sie es hinter sich brachte umso schneller war sie diese Bürde los. Und wer weiß, vielleicht war Frau Zoppeck am frühen Morgen besser gelaunt als später. Es gab Menschen, deren Laune wurde von Minute zu Minute mieser je länger der Tag dauerte. Kim war da das genaue Gegenteil. Je älter der Tag wurde, umso besser wurde ihre Laune. In einer Informationssendung im Fernsehen hatte eine Therapeutin von „Lerchen" und „Uhus" gesprochen, vielleicht war Zoppeck eine Lerche…wobei, Kim würde sie eher unter Meise packen.

„Margareeeeetheeeee Zoppeeeeeck." Alleine diese beiden Worte ließen Kims Eingeweide zusammenziehen. Okay, sie musste stark sein, das würde sie schaffen, das war ein Kinderspiel, sie hatte das bereits mehrmals gemacht. Und jedes Mal hatte sie Frau Zoppeck dazu gebracht zu zahlen und weiter ihre Kundin zu bleiben.

„Rautenberg, Wrangel Verlag, guten Morgen Frau Zoppeck." Wow, sobald sie ihren üblichen Text begann bekam sie diesen geschäftigen Ton, der sogar die Abneigung gegenüber dieser Kundin überdeckte. Sie dankte ihrer guten Ausbildung still und wandte sich wieder dem Telefonat zu.

„Frau Zoppeck, ich habe hier eine Bestellung von Ihnen vorliegen…"

„Ja, ja, das ist richtig", unterbrach Frau Zoppeck sie „Und ich hoffe, Sie können mir die Bücher so schnell wie möglich liefern" Die letzten Worte hatte sie extra betont. Das hieße, Kim würde nun erst einmal eine Erklärung bekommen wieso Frau Zoppeck die Bücher so schnell wie möglich brauchte und dann würde sie erfahren, für wen die Bücher sind und was sich Frau Zoppeck bei diesem Geschenk gedacht hatte. Dinge, die Kim nicht interessierten, um die sie allerdings nicht mehr herum kommen würde. Sie lehnte sich zurück und legte den Hörer auf den Schreibtisch und stellte den Lautsprecher ein. So konnte sie mithören und notfalls etwas sagen.

„Wissen Sie, meine Nichte, die Anabelle, die hat bald Geburtstag, sie wird zehn…oder war es sogar schon elf? Kinder werden heutzutage so schnell älter, ich habe manchmal das Gefühl, früher hat ein Jahr noch länger gedauert. Nun, wie dem auch sein, in unseren Kreisen ist es üblich, den Gästen ein kleines Präsent mitzugeben…" In ihren Kreisen? Seit wann war Frau Zoppeck eine von und zu? Oder welche Kreise meinte sie? So weit Kim sich an die Adresse erinnern konnte, wohnte Frau Zoppeck in Wattenscheid und die Hausnummer ließ eher auf eine Reihenhaussiedlung schließen als auf ein fürstliches Anwesen. Aber im Prinzip war es Kim egal, in welchen Kreisen sich ihre Kunden bewegten, wenn die Geschäftsverläufe problemlos verliefen. Nebenbei brachte man in so ziemlich allen „Kreisen" Geschenke zum Geburtstag mit. Kim war niemand bekannt, der bei Geburtstagen von Nichten keine Geschenke kaufte.

„…Süßigkeiten sind nichts für Kinder, sie bewegen sich zu wenig und essen zu viel, vor allem dieses Fast Food…" Sie sprach es aus, wie man es schrieb, Fast Food, Kim musste leise lachen. Ihre Urgroßmutter hatte das mit den neuen englischen Begriffen genauso gemacht. Egal wie oft man ihr gesagt hatte, dass die Hosen Jeans geschrieben wurden, aber Dschiens ausgesprochen wurden, sie vergaß es bis zum nächsten Mal. Ob jemand Frau Zoppeck auf ihre falsche Ausdrucksweise hinwies? Kam man bei ihr zu Wort? Eigentlich nicht. Zuhören, den möglichen Einsatz nicht verpassen und an etwas Schönes denken. Das war für Kim das bevorstehende Wochenende. Endlich hatte sie wieder ein volles Haus, da sie Besuch erwartete. Und Verena hatte sie auch lange nicht mehr gesehen. Die Distanz zwischen Heudorf und Dortmund war zwar in einer Stunde überwunden, doch die Treffen scheiterten regelmäßig an den Terminkalendern von Kim und Verena.

„…und deswegen sollen die Kinder Bücher bekommen, dann bilden sie sich. Sie wissen ja, Frau Rautenberg, lesen bildet. Lesen Sie eigentlich? Bestimmt, Sie arbeiten in einem Buchversand, da gehört lesen wohl zu den Einstellungskriterien. Also früher, als ich so jung war wie Sie…" Kim fragte sich, woher die Frau wusste, wie alt sie war. Und was das mit ihrem eigentlichen Thema zu tun hatte? Sie musste dringend eine Atempause abpassen und dann zu dem Grund kommen, weswegen sie angerufen hatte, sonst würde sie den Morgen mit dem Telefonat verbringen.

„…und wir hatten damals wirklich…" Jetzt oder nie!

„Frau Zoppeck, entschuldigen Sie, wenn ich Sie unterbreche. Ich muss Ihnen etwas wegen Ihrer Bestellung mitteilen."

„Sind die Bücher nicht lieferbar? Das wäre ja schrecklich. Wissen Sie…" Nein, Kim wusste nicht und sie wollte es auch gar nicht wissen. Alles was sie wollte war Frau Zoppeck an ihre offene Rechnung erinnern, das fehlende Geld bekommen und dann so schnell wie möglich das Telefonat beenden. Und dann konnte sie sich auch der neuen Bestellung widmen; wohl oder übel.

„Frau Zoppeck, ich habe hier eine offene Rechnung von Ihnen…" Jetzt würde gleich ein großer Protest aufbrechen wenn Kim ihn nicht schnell abwenden konnte. Schnell weiterreden bevor Frau Zoppeck ihr wieder ins Wort fiel.

„…ich weiß nicht, ob die Rechnung bei Ihnen nicht angekommen ist oder ob die Post den Brief verloren hat, aber ich kann Ihnen erst Ihre Bücher bestellen, wenn Ihre letzte Rechnung bezahlt ist." Oh, noch kein Zwischenruf. Das war gut. Kims Taktik schnell draufloszureden und jeden Zweifel an der Unfähigkeit der Kundin auszuschließen schien zu klappen. Mit der Post als Sündenbock konnte Frau Zoppeck wohl leben.

„Ich werde Ihnen noch heute eine neue Rechnung schreiben und Ihre neue Bestellung wird sofort bearbeitet wenn wir den Betrag haben. Wenn Sie ein Fax haben, dann faxe ich Ihnen den Betrag und das Geld ist bereits morgen hier, Sie verlieren so kaum Zeit oder haben sie einen Computer?" Frau Zoppeck hatte kein Fax, das wusste Kim, jedoch war es ein Angebot, das die Frau beruhigen sollte. Mit Kunden telefonieren war immer ein wenig wie eine Verhandlung mit einem Psychopathen. Man musste ihnen einen Schritt voraus sein. Versuchen sein Handeln zu beeinflussen und ihn doch das Gefühl lassen, er hätte das Sagen und die Zügel in der Hand.

„Natürlich, ich gebe Ihnen die Nummer meines Sohnes, der hat in seinem Büro so ein Fax stehen, ich kann damit nichts anfangen. Schicke Sie ihm die Rechnung, ich werde ihn anweisen das Geld sofort zu überweisen. Er kann das mit seinem Computer machen, dann soll das Geld angeblich sofort auf dem anderen Konto sein…" Aha, sie sprach von Online – Banking. Ja, je nachdem bei welchem Kreditinstitut ihr Sohn war, hatte Kim im Laufe des Tages das Geld. Das Wissen der Kundin über diesen Service überraschte Kim ein wenig. Kim hätte schwören können, Frau Zoppeck war eher auf die konventionellen Dingen festgelegt und verteufelte alles neumodisch. Zumindest ließen ihre Buchbestellungen darauf schließen. Hatte Kim sich wohl verschätzt.

„…ich verstehe da nichts von." Ah, das beruhigte Kim ein wenig. Dann hatte sie davon wohl nur mal am Rande gehört, als ihre Familie bei ihr war.

„Können Sie mich anrufen sollten Sie die Bücher nicht bis zum Wochenende liefern können? Dann kann ich versuchen sie anderweitig zu bekommen. Es ist wirklich wichtig. Die Welt der Kleinen würde einbrechen wenn sie kein Geschenk bekommt."

„Ja, natürlich." Ein zweites Telefonat? Eine schreckliche Vorstellung. Frau Zoppeck gab Kim die Faxnummer ihres Sohnes durch und verabschiedete sich. Die Türklingel war Kims Rettung gewesen. Ohne deren Läuten hätte das Telefonat einiges länger gedauert. Erleichtert legte Kim auf. Geschafft. Nun konnte der Tag nur besser werden. Zumindest war das ihre subjektive Meinung zu diesem Zeitpunkt gewesen. Wer konnte sich schon vorstellen, dass es eine Steigerung von einem Telefonat von Frau Zoppeck gab? Kim zu der Zeit nicht, aber sie würde eines besseren belehrt werden. Es gab Dinge, dagegen war ihr Telefonat der Himmel auf Erden gewesen.