Im Kleinsten das Größte

Wie ein überdimensionaler Löwenzahn
steht die bauschige, perfekte Kugel
eines Wiesenbocksbarts am Wegrand
und präsentiert ihre Samen
wie weiche, weiße Sterne.
Sachte puste ich darauf,
verfolge mit den Augen
die losgelösten Schirmchen,
sehe sie sachte zu Boden gleiten
wie einen Fallschirm,
die menschliche Kopie.

Vorsichtig fange ich eines
in meinen Fingern
und betrachte, berühre
fasziniert
den festen Stiel
(wie der Stock eines Schirmes),
die soliden Verästelungen
(wie die Speichen eines Rades),
die zarten, feinen Fläumchen dazwischen
(wie die Federn eines Vogels), bereit zum
Fliegen.

Du wehst durch meine Gefühle,
bewegst mein Herz,
berührst meinen Verstand,
baust ein Bild als Fundament,
flichtst darauf Verstrebungen von
Ideen, Gefühlen, Verknüpfungen, Assoziationen;
du nimmst meine Gaben,
mein in langer Übung
an Geringerem geformtes Talent,
und webst ein fein gesponnenes Netz
aus Worten, Klängen, Metaphern.

Wir hängen daran
einen Samen Deiner Liebe,
gezeugt in der Abgeschiedenheit
unserer Zweisamkeit,
gereift in den langen Stunden
zärtlicher Liebkosung, beharrlichen Ringens.
Unsicher, zögerlich, voller
Selbstzweifel lasse ich ihn
los und schaue ihm nach, wie er
schwebt – vielleicht fällt er
in ein Herz?