1. Die Kupfermetropole

Das erste, was Glaukos von Kypros sah, war eine schroff zur Küste hin abfallende, jedoch verhältnismäßig niedrige Gebirgskette. Der Anblick der kargen Felsen enttäuschte ihn, denn er hatte sich die Vegetation auf der Insel der Aphrodite üppiger vorgestellt. Außerdem ärgerte er sich über den zeitraubenden Umweg, zu dem er gezwungen war. Er hatte sich nach Kreta einschiffen wollen, um von dort die Reise nach seiner Heimatinsel Ithaka fortzusetzten. Aber die Kerykeion, das einzige Schiff, auf dem er sich mit seinen beschränkten Mitteln hatte eine Passage leisten können, steuerte Kreta nicht direkt an, sondern würde zuvor in Alasia ihre Ladung, bestehend aus Oliven und Wein gegen Kupfer eintauschen.

Glaukos ließ sich den Fahrtwind ins Gesicht wehen, bis seine Gesichtshaut spannte. Gedankenverloren leckte er sich das Salz von den Lippen und suchte sich einen Platz im Windschatten, wo er sich über die Bordkante lehnte und die Küste betrachtete. Mit gemischten Gefühlen dachte er an seine Rückkehr nach Hause, die nun in greifbare Nähe gerückt war. Er freut sich auf das Wiedersehen mit seiner Verlobte Doris, aber es bekümmerte ihn, dass seine Mission nicht erfolgreich war. Außerdem würde er wieder in der väterlichen Bogenmacherstatt arbeiten müssen, was nicht unbedingt seinen Neigungen entsprach: Statt in der drückenden Hitze des Hauses Waffen zu produzieren, schlenderte Glaukos lieber am Strand entlang. Noch lieber saß er im Schatten eines alten Baumes und schrieb Gedichte, immer in der Furcht, von seiner Familie ertappt zu werden. Wenn seine Mutter und seine Geschwister wüssten, dass er dichtete, würden sie ihn auslachen wie einen Ackergaul, der an Pferderennen teilnehmen möchte.

Die Landschaft hatte sich inzwischen gewandelt. Sie war schließlich lieblicher geworden. Ein Blumenteppich bedeckte den Küstenstreifen, der vor Glaukos' Augen vorbeizog. Dann folgten große Bauernhöfe und vereinzelte Dörfer. Gesprächsfetzen, die an Glaukos' Ohr drangen, weckten seine Neugier. Ein hagerer Matrose behauptete, dass Kypros größer als Kreta sei. Der schwarzhaarige muskelbepackte Seemann, an den diese Bemerkung gerichtet war, machte einen Kommentar, über den alle lachten, den Glaukos aber nicht verstand. Neben ihm tauchte die imposante Figur des Lotsen auf, mit dem sich Glaukos unterwegs ein wenig angefreundet hatte. Seine große, kräftige Gestalt zeichnete sich gegen den Hrizont ab. Der Fahrtwind ließ seinen braunen Umhang um den Körper schlagen, dessen Stoff nur unwesentlich dunkler war als die Haut, die er freilegte.

„Schau, da vorne ist Alasia", sagte er und deutete auf die Küste. Tatsächlich zeichnete sich am Horizont die Silhouette einer großen Stadt ab. Mit mehr als zehntausend Einwohnern war Alasia die größte und mächtigste Stadt Zyperns. Sie war auch ein wichtiger Handelsplatz für die Ausfuhr von Kupfer, dem Metall, das der Insel ihren Namen gegeben hatte.

Ein Stunde später bog die Kerykeion in einen Kanal ein, der Alasia mit dem Meer verband. Als die Kerykeion sich auf Sichtweite genähert hatte, bestaunte Glaukos die imposante Anlage. Die Stadt und der wimmelnde Hafen lagen in einer Senke, die sich einige hundert Fuß von der Küste entfernt befand. Sie wurden geschützt von einem natürlichen Damm aus Kalkstein. Als sie den Hafen erreichten, ließ Glaukos seinen Blick erstaunt schweifen. Er hatte in seinem ganzen Leben noch nicht so viele Menschen gesehen und die meisten von ihnen sahen exotisch aus. Vor einer Galeere verhandelten einige Männer lebhaft mit einem Hafenbeamten. Sie trugen ihr dunkles Haar sorgsam in Locken gelegt und mit Öl fixiert. Ihre Kleidung war von auffallender Eleganz und ließ Glaukos an die reichen Fürsten der Sagen seiner Kindheit denken. Trotzdem er konnte sie verstehen, weshlab er annahm, dass es sich um Kreter handelte. Aber was für Landsleute mochten die Matrosen des benachbarten Schiffes sein? Sie trugen Kleidungsstücke von äußerst seltsamem Zuschnitt.

„Weißt du woher die Männer mit der braunen Haut und den bunten Gewändern kommen?", fragt er daher einen Seemann, der neben ihm die Taue kontrollierte.

„Das sind phönizische Kaufleute aus Ugarit."

„Und diese halbnackten Männer im Schurz?"

„Das sind Ägypter.

„Wann wird uns König Agapenor empfangen?", fragte Glaukos, der sich auf die Begegnung mit dem Herrscher der reichen Handelsstadt freute. Der Kapitän hatte ihm mitgeteilt, dass die Kerykeion drei Tage in Alasia vor Anker liegen würde. Also war mehr als genug Zeit für einen feierlichen Empfang.

Der Lotse, der zufällig vorbeikam verschluckte sich fast an einer Olive, die er gerade kaute. Dann brach er in schallendes Gelächter aus.

„Wenn der König alle Fremden empfangen würde, käme er nicht zum regieren."

„Ist er denn nicht neugierig auf Berichte aus fremden Ländern?", fragte Glaukos verblüfft, denn auf Ithaka nutzte man jede Gelegenheit, mit Fremden zu sprechen.

Mit einer ausholenden Geste zeigte der Lotse auf den Hafen.

„Soll der König mit all diesen Leuten reden?"

Glaukos zuckte entschuldigend mit den Schultern, denn beim Anblick der regen Betriebsamkeit erschien ihm seine eigene Frage töricht. Er trat von der Bordkante zurück, um nicht beim Landemanöver zu stören. Als die Kerykeion endlich vertaut war, ging er an Land. Die Seeleute waren mit dem Löschen der Ladung beschäftigt und Glaukos beschloss Alasia zu erkunden. Vom Binnenhafen bis zur Siedlung war es nur ein Katzensprung. Mit von der langen Schiffsfahrt noch leicht weichen Knien schlenderte Glaukos befestigte Strasse entlang, die den Hafen mit der Stadt verband. Die beiden mit Speeren bewaffneten Wächter dem Stadttor ließen ihn ohne Fragen zu stellen passieren. Beim Durchschreiten des Tors schaute Glaukos hoch und sah ein paar Krieger, die den Wehrgang entlang patrouillierten. Sie hielten lederne Schilde und trugen lange Speere auf den Schultern.

Eine Schar von fliegenden Händlern fiel über den Neuankömmling her. Während sie lautstark ihre Waren anpriesen, bedrängten bettelnde Kinder die Fremden. Ein Windzug blies Glaukos ins Gesicht und er hielt den Atem an um einen Hustenreiz zu bekämpfen. Der sengender Geruch der Luft, der in Augen und Nase brannte verriet, dass sogar innerhalb der Stadtmauern Kupfer-Schmieden angesiedelt waren. Sie befanden sich entlang der Umfassungsmauer an Stellen, wo die vorherrschenden Winde die Funken von der Stadt wegtrugen.

Glaukos folgte dem Strom der Menschen, der sich durch die von Ziegelbauten gesäumte Hauptstraße ergoss. Die breite Strasse, die in regelmäßigen Abständen von Seitenstraßen gekreuzt wurde, bot sicher an Feiertagen einen würdigen Rahmen für kultische Umzüge und militärische Aufmärsche. In der Mitte eines kleinen gepflasterten Platzes sah Glaukos einen runden, steingefassten Brunnen. Er hielt die hohlen Hände zusammen, füllte sie mit Wasser, schlürfte das Wasser gierig und benetzte sich das verschwitzte Gesicht mit Wasser, bevor er seinen Weg fortsetzte.

Die Hauptstraße mündete in einen großen, quadratischen Platz, der von großen Steingebäuden umgeben war. Hier erhoben sich der imponierende Quaderbau des Königspalastes und zwei weitere größere Steingebäude. In Alasia waren die Unterschiede zwischen arm und reich offenbar beträchtlich. In der auf dem Platz versammelten Menge erkannte Glaukos einen Seemann der Kerykeion. Er überquerte den Platz, um mit dem Mann zu reden, aber der Seemann drehte ihm in diesem Augenblick den Rücken zu. Glaukos tippte ihm von hinten auf die Schulte. Der Seemann, ein großer muskulöser Mann, der einen goldenen Armreif trug, zuckte zusammen als habe ihn ein glühendes Metall berührt. Mit einer blitzschnellen Drehbewegung zog er ein langes, gebogenes Messer aus dem Gürtel.

Bleich vor Schreck, hob Gaukos beschwichtigend die Hand.

„Ich bin es nur", beteuerte er. „Glaukos, der Passagier auf der Kerykeion."

Die Haltung des Matrosen entspannte sich, aber es lag immer noch Misstrauen in seinem Blick:

„Was willst du von mir?" fuhr er Glaukos schlecht gelaunt an.

„Ich dachte, du kennst dich hier aus", erwiderte der Ithaker entschuldigen. Er deutete auf die Steinhäuser und fragte: „Was sind das für Bauten?"

"Die beiden großen Gebäuden sind Lagergebäude für Kupferbarren." Glaukos hatte sie für Paläste gehalten. Das wertvolle Metall schien der eigentliche Machthaber der Stadt zu sein, ja sogar kultische Verehrung zu genießen, denn Glaukos hatte einen Händler gesehen, der kleine Bronzestatuetten eines Barrengottes zum Verkauf anbot. "Daneben befindet sich das religiöse Zentrum der Stadt."

Glaukos fand es bezeichnend für diese Stadt, dass der Tempel eine niedrigere Dachhöhe als die Lagergebäude hatte. Ohne auf eine Erwiderung zu warten, drehte der Seemann sich abrupt um und wechselte mit einem dunkelhäutigen Mann mit langem gepflegten Bart, einige Worte in einer Sprache, die Glaukos nicht verstand.

Glaukos setzte seinen Weg fort, obwohl er nicht recht wusste, wohin er gehen sollte. Dann bemerkte er einen kleinen Ziegelbaus, der in dieser Umgebung deplaziert wirkte. Ein Ladenschild wies ihn als Schankwirtschaft aus. Zu Hause hätte Glaukos es niemals gewagt, eine Schänke zu besuchen, denn sie waren verrufene Stätten, in denen permanent gegen grundsätzliche Regeln verstoßen wurde. Nur Seeleute und fahrendes Volk verkehrten dort. Die Wirte standen im Ruf, bestenfalls Weinpanscher, Betrüger und Hehler zu sein, aber man sagte ihnen auch nach, dass sie die betrunkenen Zecher beraubten. Noch schlimmer war der Leumund der Wirtinnen. Man stellte sie sich als Kupplerinnen vor, die nicht einmal davor zurückschreckte, ihre eigenen Töchter den Gästen anzubieten.

Glaukos sagte sich, dass ihn in Alasia niemand kannte und er überquerte mit schnellen Schritten den Platz. Neugierig öffnete er die Tür und blickte sich im düsteren, karg eingerichteten Schankraum um, in dem Seeleute aus aller Herren Länder herumlungerten. Glaukos fühlte Enttäuschung in sich aufsteigen und schalt sich im gleichen Augenblick einen Toren. Was hatte er erwartet? Marmorfußböden? Bronzestühle? Wertvolle Trinkgefäße?

In einer dunklen Ecke saß ein Gruppe gestikulierender Männern an einem großen, runden Tisch. Nach einer Schreckeskunde begriff Glaukos, dass sie ihn zu sich winkten. Es waren Seeleuten der Kerykeion, die hier ein Saufgelage veranstalteten.

Glaukos bahnte sich seinen Weg durch das überfüllte Lokal und hörte in näher kommen den Lotsen sagen: „Er ist eben kein Seemann wie wir."

„Wir sind auch nicht aus Vergnügen auf dem Schiff", wandte jemand ein.

„Das ist richtig!" stimmte ein anderer ihm zu. „Polydoros sagt, der Schiffjunge habe nur angeheuert, um seinen Gläubigern zu entkommen."

Die Seeleute lachten aus vollem Halse, aber als Glaukos sich auf einem altersschwachen Stuhl niederließ, versiegte das Gespräch.

"Ich lade dich ein!", erklärte der Lotse und bestellte bei einem grell geschminkten Schankmädchen eine Portion geräucherten Fisch und einen Becher Wein. Glaukos hatte das unbestimmte Gefühl, dass sein neuer Freund ein schlechtes Gewissen hatte, aber warum nur?

Schallendes Gelächter drang aus der entgegengesetzten Raumecke, wo eine Gruppe ägyptischer Seeleute feierte. Seeleute aus Kypros warfen einen Blick in ihre Richtung, als vermuteten sie, dass die anderen sich über sie lustig machten. Es wird doch hoffentlich keine Schlägerei geben, dachte Glaukos, aber glücklicherweise blieb es beim Austausch feindseliger Blicke.

Das aufgedonnerte Schankmädchen knallte einen Teller mit einem vertrockneten, kleinen Fisch und einen Becher nach Gerbsäure riechenden Wein auf den Tisch und verschwand wieder hinter der Theke. Glaukos würgte widerwillig den trockenen, fettigen Fisch herunter und schüttete den lauwarmen Wein hinterher, der noch schlechter schmeckte als er roch. Dann spielte er mit seinem leeren Trinkgefäß und suchte nach einem Vorwand wieder zu verschwinden. Man versuchte nicht, ihn ins Gespräch einzubeziehen und er fühlte sich unwohl in der Runde. Aber der Wein war ihm leicht zu Kopfe gestiegen und seine Aufmerksamkeit begann nachzulassen. Die Stimmen im Raum verschmolzen zu einem Klangteppich. Um seinem müden Geist Beschäftigung zu geben, beobachtete Glaukos die Matrosen. Die Männer lachten viel zu laut und aus dem nichtigsten Anlass. Irgendetwas stimmte mit ihnen nicht, aber was mochte es sein? Während Glaukos noch vor sich hingrübelte, gab der Lotse den Seeleuten ein Zeichen und sie erhoben sich wie ein Mann.

„Unserer Landgang ist zu Ende", sagte er zu Glaukos, der erstaunt zu ihm hochschaute.

Nachdem die Männer ihre Zeche mit kleinen Kupferballen bezahlt hatten und aus dem Schankraum gepoltert waren, verließ auch Glaukos die Schenke. Seine anfängliche Begeisterung für Alasia war verflogen. Er hatte mittlerweile genug von der hektischen, großen Stadt.

Draußen schaute Glaukos sich um. Sein Blick blieb an einer bewaldeten Hügelkette haften, die sich landeinwärts erhob. Glaukos sagte sich, dass die Luft dort sicherlich besser war und machte sich auf den Weg. Er verließ Alasia durch das rückwärtige Stadttor und ereichte nach einem gemütlichen Spaziergang den Waldrand. Eine kühle Brise bewegte die Äste der Bäume. Die Vögel waren bereits aus ihren Winterquartieren zurückgekehrt, um ihre Nester auf Kypros zu bauen. Mit einer unbestimmten Sehnsucht beobachtete Glaukos ihren Flug über den blauen Himmel.

Der Wind trug Bratenduft in seine Nase. Er war ganz schwach, aber er erweckte Glaukos Neugier. Er blickte mit zusammengekniffenen Augen in die Ferne und erkannte auf halber Höhe eines Bergs den Eingang einer Höhle. Jetzt war er wieder da, der Geruch. Er war nun intensiv genug, dass Glaukos ihn als den Duft von fettem Hammelbraten identifizieren konnte. Wie durch eine magische Kraft angezogen folgte Glaukos dem Duft des Bratens, bog vom Weg ab, stieg den Hang hoch, seine Schritte beschleunigten sich automatisch, bis er den Eingang einer Höhle erreicht hatten.

Hämmernde Geräusche drangen aus dem Berg und Glaukos, dem noch immer von dem schlechten Essen in der Schenke ganz schlecht war, fragt sich, was er hier zu suchen hatte. Während er noch überlegte, ob er umkehren sollte, hörte er das leise Tappen nackter Füße. Sie gehörten einem Wesen, das auf den ersten Blick einem Bär ähnelte, denn sein Körper war mit einem braunen, zottigen Fell bedeckt. Aber der Geselle war selbst für einen Bären zu groß. Er überragte Glaukos um mindestens um eine Haupteslänge.

„Was sehe ich da, ein Mensch", murmelte er mit tiefer Stimme und Glaukos erkannte dass sein Gegenüber ein ungewöhnlich hässlicher Riese mit verfilzten Haaren war. Ein vor Dreck starrendes, an mehreren Stellen zerrissenes Fell, das ihm als Gewand diente, rundete die ungepflegte Erscheinung ab. Der Blick seiner schwarzen Augen unter buschigen Brauen war und unstet und bedrohlich.

Als er entsetzt die Augen abwandte sah Glaukos zwischen den Büschen am Höhleneingang abgenagte Knochen auf dem trockenen Boden liegen. Der hässliche Bursche war ein Kannibale, der harmlose Wanderer frass! Glaukos spürte eine eisige Kälte in sich aufsteigen. Am liebsten wäre er geflohen, aber der Unhold war sicherlich schneller. Sein Körper versteifte sich, als der Riese ihn taxierte.

Das Hämmern in der Höhle wurde leiser und verstummte schließlich völlig. Der Riesen fuhr mit einer ruckartigen Bewegung herum. Glaukos erschrak, denn zusätzlich zu den zwei Augen im Gesicht, besaß der Riese noch ein drittes, größeres im Nacken. Dieses funkelte ihn bösartig an. Er ist ein Kyklop, durchfuhr es Glaukos.

Aus der Höhle schallte wieder gleichmäßiges Hämmern und der Riese wandte sich Glaukos mit zufriedenem Gesichtsausdruck zu. Die Nerven des Ithakers lagen blank. Doch sich selbst Mut zuzusprechen sagte sich Glaukos: Bei all dem, was ich in den letzten Monaten durchgemacht habe, werde ich doch jetzt nicht im Magen dieses Monsters landen. Der ungehobelte Bursche musste doch einen schwachen Punkt haben! Vielleicht konnte er ihm bei seinem Familiensinn packen?

„Du siehst einem Freund von mir ähnlich. Bist du ein Verwandter von Polyphem, dem Kyklopen?", fragte Glaukos so beiläufig wie möglich.

„Du kennst den Dummkopf?" Der Riese verzog das Gesicht zu einer verächtlichen Grimasse. „Er ist leider in der Tat entfernt mit mir verwandt, glücklicherweise sehr weit entfernt." Das war wohl doch keine gute Idee, dachte Glaukos, und dabei kenne ich doch Polyphem gar nicht. „Ich soll Polyphem ähneln? Ich habe wohl nicht richtig gehört?" Der Riese schien innerlich vor Wut zu schnauben „Ich bin Schafhirt, sondern gehöre dem vornehmsten Familienzweig der Kyklopen an, dem der Söhne des Schmiedegottes Haiphaistion."

„Und wieso wohnst du dann hier in der Wildnis?", fragte Glaukos, um den Riesen etwas hinzuhalten.

„Ich bin der Gastgeber meines Vaters, wenn immer er auf Kypros weilt."

Glaukos überlegte verzweifelt, wie er irgendwie das Gespräch im Gang halten konnte.

„Wie heißt du?", fragte er daher, obwohl ihm das herzlich gleichgültig war. „Wie lautet der Name, bei dem dich deine Familie und die Freunde rufen. Kein Wesen, das keinen Namen hat, selbst nicht die wilden Kyklopen."

Diese Worte hatte Glaukos irgendwo gelesen. Als er sie aussprach dachte er, dass er nicht darauf erpicht war, die Familie des Unholds kennen zu lernen.

„Ich bin Tremmatos, der berühmte Bergingenieur", antwortete der Riese, in einem Tonfall, als ob man ihn kennen müsste.

Glaukos wurde von einer neuen Welle des Grauens durchflutet, denn man munkelte, Bergingenieure besäßen Zauberkräfte, mittels derer sie feste Stoffe in flüssige und wieder zurück in feste Materie verwandeln konnten.

„Ich fühle mich hoch geehrt, deine Bekanntschaft zu machen", stammelte er um dem Riesen zu schmeicheln. "Ich bin Glaukos, der Sohn des Glaukos, des königlichen Bogenmachers von Ithaka."

„Es ist lange her, dass sich ein Kind oder ein Fremder hierher verirrt hat", knurrte der Kyklop und musterte Glaukos von Kopf bis Fuß, sowie man ein gemästetes Schwein betrachtet.

Glaukos' Nackenhaare sträubten sich und trotz der Hitze begann er zu zittern.

„Allen gottesfürchtigen Geschöpfen ist die Gastfreundschaft heilig", erklärte er mit dem Mut der Verzweiflung. „Wenn Du meinst, dass du Polyphem überlegen bist, so beweise es!."

Die Augen des Riesen verengten sich zu Schlitzen.

„Du hältst mich wohl für einen Dummkopf! Ich falle nicht auf deine plumpen Schmeicheleien herein! Wir haben genug geredet. Ich bin es leid, mich mit Suppe zu begnügen."

Glaukos beschloss, alles auf eine Karte zu setzen.

„Du bist nicht nur ein Dummkopf, der nicht einmal das Würfelspiel beherrscht", sagte er, „sondern auch ein Feigling, der einen ehrlichen Wettkampf scheut."

Tremmatos zog ein verblüfftes Gesicht und schien nachzugrüblen. Glaukos hatte noch nie jemanden gesehen, der so langsam dachte.

„Ich fordere dich zu einer Würfelpartie heraus!" sagte er, die Langsamkeit des Riesen ausnützend und zog einen Satz Würfel aus seinem Lederbeutel. Es handelte sich um Schafs-Gelenkknöchelchen, von denen er noch einen zweiten Satz bei sich führte, der aber manipuliert war. Ohne diesen doppelten Würfelsatz wäre Glaukos nicht bis nach Troia gekommen, auch wenn er ihn nur im äußersten Notfall eingesetzt hatte.

Tremmatos schwieg schwieg noch immer. Glaukos wurde ungeduldig, rief sich aber ins Gedächtnis, dass er vorsichtig sein musste. Der Kyklop mochte primitiv sein, aber er war bärenstark.

„Wir würfeln in meiner Höhle. Dort habe ich einen Tisch", brummte Tremmatos schließlich und machte eine einladende Bewegung.

Glaukos suchte panisch nach einem Vorwand, draußen zu bleiben, aber es fiel ihm keiner ein. So sehr es ihm auch widerstrebte, die Wohnstätte des Unholdes zu betreten, er musste tun, wie ihm Tremmatos geheißen. Eine einzige Fackel erhellte die Höhle nur äußerst unzulänglich. Glaukos ließ seinen Blick schweifen, aber seine Augen gewöhnten sich nur langsam an die Düsternis. In der Mitte des Raumes befand sich die Schmiede des Riesen, aber das Feuer war erloschen, die Werkzeuge lagen unordentlich auf dem Boden herum. Über den glühenden Holzkohlen des Herdes hing ein großer Kupferkessel, in dem der Eintopf brodelte, dessen köstlicher Geruch, Glaukos angelockt hatte. Er hoffte jedenfalls, dass es sich um das Fleisch eines Tieres handelte, aber er war sich nicht mehr so sicher. Ansonsten war die Höhle staubig und fast leer. Selbst den angekündigten Tisch suchte Glaukos vergeblich.

„Warte in der Mine, während ich die den Tisch aufbaue!", befahl Tremmatos und deutete in den hinteren Bereich seiner Höhle.

Glaukos machte ein paar Schritte und stutze einen Augenblick, als er erkannte, wer der Urheber des Hämmerns war: Der Wohnbereich, falls man dieses staubige Loch so nennen konnte ging nahtlos in den niedrigen Stollen eines Bergwerkes über. Hier mühte sich ein Zwerg damit ab, mit einer kleinen Hacke Gesteinsbrocken aus der Wand abzuschlagen. An der Wand lehnten ein lehmiger bronzener Meißel und ein mit Erzbrocken gefüllter Korb. Der kleine Bergmann war kein Zwerg, von der Art, die auf den Marktplätzen gezeigt wurden, denn er war zwar klein, aber wohlproportioniert. Sein muskulöser Oberkörper verriet, dass er schon seit langem schwere Arbeiten verrichtete. Seine Kleidung entsprach der des Riesen, war aber noch schmutziger. Gesicht und Haar des Zwerges waren fast grau vor Staub. Die verfilzten Enden des langen Vollbartes waren in den groben Strick gesteckt, der ihm als Gürtel diente.

Als Glaukos vor dem Stollen stand, stellte er fest, dass die Decke so niedrig war, dass er nicht hätte aufrecht in der Mine stehen können. Vorsichtig blickte er zurück, aber der Riese beachtete ihn nicht. Er rollte eine große, kreisförmige Kupferplatte heran, die gegen die Wand gestellt war und murmelte dabei einige unverständliche Worte in seinen verfilzten Bart. Das Rollen des Metalls über den unebenen Steinboden verursachte ein unangenehmes, knirschendes Geräusch. Glaukos, der noch immer vor dem Stollen stand, musste unwillkürlich an die Knochen denken, die er vor dem Höhleneingang gesehen hatte.

„Wenn du mich mitnimmst lenke ich Tremmatos ab, wenn du die Würfel austauschst", flüsterte der Zwerg, ohne seine Arbeit zu unterbrechen.

Glaukos zuckte zusammen, drehte sich um und schaute auf den Zwerg herab. Erst jetzt bemerkte er, dass er angekettet war. Einen Augenblick lang verschlug es ihm die Sprache. Ihn erstaunte nicht nur das Angebot des Zwerges, sich mit ihm zu verbünden, sondern, dass er ihn für einen Falschspieler hielt. Hoffentlich war der dumme Tremmatos vertrauensseliger.

„Also was ist? Nimmst du mich mit?", bohrte der Zwerg nach.

Glaukos nickte automatisch und wandte seine Aufmerksamkeit dann wieder dem Kyklpen zu. Tremmatos musste sein gesamte Kraft einsetzen, um die Kupferplatte vom Boden anzuheben. Vor Anstrengung brach er in Schweiß aus. Mit hochrotem Kopf legte er die Platte auf den Kessel und, als er sie losließ, schlug Metall auf Metall und ein dunkler Klang hallte durch die Höhle, der von den Wänden zurückgeworfen wurde.

"Worauf warteste du noch", brummte der Riese, während er zwei dreibeinige Hocker heranschleppte, die viel zu hoch für Glaukos waren. Nur mit Mühe gelang es ihm, die Sitzfläche zu erklimmen.

Tremmatos stellte einen Leuchter auf die Platte, den Glaukos nicht hätte heben können. Während der Riese die Kerzen anzündete überdachte Glaukos den Vorschlag des Zwerges. Das Angebot schien ihm fair zu sein, aber wie wollte der kleine Geselle, der obendrein angekettet war, ihm helfen?

„Woher hast du den Zwerg?", fragte er, denn er wollte gern wissen, mit wem er sich eingelassen hatte.

„Er lebt schon immer hier. Früher gab es überall Zwerge und Riesen, aber ihr Menschen habt uns immer mehr verdrängt", erklärte der Riese feindselig. "Als ich den Zwerg in der Grube gefunden habe, schlief er gerade einen Rausch aus."

„Ich habe mich betrunken, weil meine Leute mich hier allein zurück gelassen haben", rief der Zwerg erbost aus dem Stollen.

„Du bist doch selbst daran Schuld, dass du den Aufbruch deines Stammes verschlafen hast", verbesserte ihn Tremmatos.

„Keinesfalls", protestierte der Zwerg und hörte auf zu hämmern. „Ich habe tief unten in der Mine gearbeitet. Als ich zurückkam, waren die anderen nach Cornwell aufgebrochen. Offensichtlich haben sie mich vergessen."

Das hämische Grinsen des Kyklopen enthüllte eine Zahnlücke.

„Dafür bin ich ihnen sehr dankbar, denn ich kann gute Bergleute immer gebrauchen."

Die Kerzen waren so weit abgebrannt, dass Wachs über den Kerzenständer rann und von dort auf die Tischplatten und den Boden herunter tropfte. Der Rhythmus des Klopfens mischte sich mit dem Hämmern des Zwerges, der seine Arbeit wieder aufgenommen hatte, zu einem zweistimmigen Trommeln.

Glaukos gab sich einen Ruck und präsentierte seine Würfel.

„Die höchste Augenzahl gewinnt", sagte er. „Wenn ich siege, lässt du mich und den Zwerg frei. Wenn dir der bessere Wurf gelingt, bleibe auch ich bei dir."

Das Gesicht des Kyklopen verzog sich zu einer hässlichen Grimasse.

„Das ist doch ein Komplott! Welches Interesse solltest du an dem Gnom haben?"

Panische suchte Glaukos nach einer glaubhaften Erklärung.

„Ich bin der Besitzer eines Handelsschiffes, das auf der Fahrt nach Cornwall ist…"

„Und wieso läufst du dann ganz allein auf Kypros herum?", fiel ihm Tremmatos ins Wort.

Glaukos stellte mit Schrecken fest, dass sein Gegenüber weniger beschränkt war, als er aussah. Wie sollte er nur diese Absurditäten zu einer plausiblen Geschichte zusammenfügen?

„Nach all den Wochen an Bord genieße ich die Einsamkeit", log er und kam sich unsäglich albern vor. „In der Zwischenzeit beladen meine Seeleute das Schiff mit Wein…"

Glaukos hustete, weil er erkannte, dass einen Fehler gemacht hatte. Warum habe ich nicht gesagt, dass sie Kupfer laden? fragte er sich verzweifelt; egal, es hilft nichts, auch, wenn niemand auf Kypros Wein lädt, muss ich trotzdem bei dieser Variante bleiben! Wie aber erkläre ich, dass ich den Zwerg gebrauchen kann? Ach, ja der Bergbau. Den hatte ich ganz vergessen!

„Den Wein transportiere ich nach Cornwall, wo Zwerge in Zinnminen arbeiten. Wegen der staubigen Luft sind sie immer durstig", fuhr Glaukos fort. „Bei meinem letzten Besuch erfuhr ich, dass die Zwergenclans aus Versehen Verwandte auf Kypros zurückgelassen haben. Nun werden sie von Reue geplagt…"

„Dazu haben sie auch allen Grund", unterbrach ihn der Zwerg.

"Du tust deinen Leuten Unrecht", sagte Glaukos inständig hoffend, dass der Zwerg die Lügengeschichte nicht für bare Münze nahm. „Dein Volk ist in großer Eile aufgebrochen. Erst auf hoher See bemerkten sie, dass nicht alle auf den Schiffen waren. Sie zahlen jedem eine hohe Belohnung, der einen ihrer Verwandten zurückbringt."

Das Gesicht des Riesen nahm einen verschlagenen Ausdruck an. Wahrscheinlich witterte er ein Geschäft.

„Vielleicht sollte ich ihn bei seinen Leuten abliefern", sagte er, wobei er das Wort „ich" sehr lang dehnte.

Glaukos erschrak. Langsam wuchs ihm die Sache über den Kopf.

„Du hast kein Schiff", erwiderte er hastig. „Außerdem hassen die Zwerge dich, weil du Angehörige ihres Volkes zur Fronarbeit zwingst." Glaukos hoffte, dass er nicht zu heftig reagiert hatte. „Lasst uns endlich mit dem Würfelspiel beginnen!", forderte er daher Tremmatos auf, damit dieser nicht über seine Worte nachdachte.

Dann realisierte er, dass er etwas Wichtiges vergessen hatte.

„Wir brauchen noch einen Knobelbecher", sagte er so beiläufig wie möglich, gezinkte Würfel verrieten sich durch eine torkelnde Rollbewegung, da sie unterschiedlich stark abgerundete Kanten hatten. Nur durch den Einsatz eines Würfelbechers konnte man das vertuscht.

Der Riese holte aus der Tiefe seiner Höhle einen schmutzigen Keramikbecher. Unmöglich zu sagen, welche Farbe das Gefäß im gereinigten Zustand haben mochte. Auch fragte Glaukos sich, welchem Zweck es normalerweise diente, da es für einen Kyklopen recht klein war.

„Zuerst würfelst du um dein eigenes Leben und falls du gewinnen solltest, dann sehen wir weiter."

Glaukos wusste, dass er nicht in der Position war, mit dem Riesen handeln zu können und protestierte nicht. Tremmatos streckte wortlos die Hand aus. Glaukos gab ihm die Würfel und versuchte, einen arglosen Eindruck zu erwecken. Tremmatos liess die Würfel in den dreckigen Becher fallen. Scheppernd landeten sie auf dem Bodes des Gefäßes und Glaukos zuckte zusammen. Inständig hoffte er, dass der Keramikbecher bei dieser groben Behandlung nicht zerbrach. Wer weiß, ob Tremmatos einen zweiten besaß.

Ganz langsam legte der Riese seine linke Hand auf den Becher und murmelte mit geschlossenen Augen Beschwörungsformeln. Dann schüttelte er das Gefäß. Die Würfel schlugen so laut gegen die Wand des Gefäßes, dass es schaurig durch die Höhle hallte.

Der Riese knallte den Becher auf die bronzene Tischplatte, die einen dumpf dröhnenden Ton von sich gab. Die Würfel tanzten auf dem Metall und Glaukos fühlte sich an einen heftigen Hagel erinnert. Hoffentlich hat er einen miesen Wurf gemacht! Dachte er.

Mit einem entschlossenen Ruck hob Tremmatos den Becher hoch und Glaukos hielt den Atem an.

Tremmatos verzog das Gesicht.

„Beim Hades!", fluchte er laut.

Glaukos atmete erleichtert aus: Tremmatos hatte zwei Zweien und eine Drei geworfen. Diesen Wurf zu überbieten wäre selbst mit normalen Würfeln ein Leichtes gewesen, doch Glaukos wollte kein Risiko eingehen.

Tremmatos starrte ihn an, als sei er sein Todfeind. Verzweifelt fragte sich Glaukos, was um der Götter Willen der Zwerg zu tun gedachte, um ihm zu helfen.

„Ich kann auch nichts dafür, dass dir das Glück nicht hold ist", sagte er beschwichtigend.

Der Kyklop gab sich einen sichtbaren Ruck. Mit missmutigem Gesichtsausdruck warf er die Würfel in den verklebten Becher zurück und drückte ihn Glaukos in die Hand.

„Jetzt bist du dran!"

Das musste er Glaukos nicht sagen. Aber wie sollte er die Würfel unbemerkt umtauschen, obwohl Tremmatos ihn nicht aus den Augen ließ? Nur mit Mühe beherrschte sich Glaukos, um sich nicht nach dem Zwerg umzuschauen. Worauf wartete der kleine Bergmann? Zuerst versprach er seine Hilfe und dann ließ er ihn im Stich.

Lustlos schüttelte Glaukos den Becher. Im gleichen Augenblick drang lautes Niesen aus der Grube und das Hämmern verstummte.

Tremmatos drehte sich um.

„Stör uns nicht beim Spiel!", brüllte er den Zwerg an.

Jetzt oder nie, dachte Glaukos. Sein Puls raste, als er mit einer schnellen Handbewegung den Becher umdrehte und die Würfel in seinen Schoß fallen ließ. Dann holte er genauso hastig die gezinkten Würfel aus dem Lederbeutel.

„Dieser staubige Tunnel bringt mich noch um", giftete der Zwerg aus dem Stollen.

„Stell dich nicht so an!"

Plötzlich realisierte Glaukos, dass er vergessen hatte, dass der Riese ein drittes Auge im Nacken besaß. Ihm lief es eiskalt den Rücken hinunter, sein Magen zog sich zusammen und die Zeit schien stillzustehen. Verzweifelt versuchte er, einen unschuldigen Gesichtsausdruck zu produzieren. Dann drehte Tremmatos sich wieder um. Er starrte Glaukos mit seinen schwarzen Augen feindselig an.

„Worauf wartest du noch?"

Glaukos' Haltung entspannte sich wieder und sein Herzschlag normalisierte sich. Tremmatos schien den Austausch nicht bemerkt zu haben. Sonst hätte er ihn der Falschspielerei bezichtigt. Trotzdem musste er beim nächsten Wurf vorsichtiger sein, aber Glaukos wusste nicht, wo er das bewerkstelligen sollte.

Mit einem leisen Seufzer warf er die manipulierten Würfel in den dreckigen Becher. Als er die Linke auf die Öffnung des dreckigen Gefäßes legte, fühlte er Ekel in sich aufsteigen. War dieser Becher jemals gereinigt worden? Vorsichtig ließ Glaukos die Knochen im Würfelbecher tanzen. Dann stürzte er das Gefäß mit einer entschlossenen Bewegung auf den Tisch. Wieder hallte es unheimlich durch die Höhle. Es dauerte eine Ewigkeit, bis die Würfel zur Ruhe gekommen waren. Jedenfalls erschien es Glaukos so. Als sie endlich ihren Tanz beendet hatten hob er den Würfelbecher mit einem jähen Ruck hoch. Dabei versuchte er sorgenvoll auszusehen.

„Drei Sechsen", rief Glaukos aus und gab sich große Mühe Überraschung und Freude vorzutäuschen.

Tremmatos fluchte noch unflätiger als nach seinem eigenen Wurf, aber diesmal verstand Glaukos kein Wort, da die Wut den Kyklopen in die Sprache seines Volkes hatte verfallen lassen.

„Der Aphroditewurf!", fuhr er Glaukos an, als er sich soweit beruhigt hatte, dass er wieder griechisch sprechen konnte. „Dahinter kann nur Zauberei stecken."

Glaukos war verblüfft, denn mit diesem Vorwurf hatte er wirklich nicht gerechnet. Aber der Riese hatte ihn auf eine gute Idee gebracht.

„Keinesfalls", erwiderte er scheinheilig, „aber ich habe der Göttin eine Wallfahrt nach Paphos gelobt. Deshalb war sie mir wohl gesonnen."

„Denk daran, dass du mich mitnehmen wolltest", meldete sich der Zwerg aus der Tiefe der Höhle.

„Nimm gefälligst deine Arbeit wieder auf", fuhr der Riesen seinen Gefangenen an. „Sonst bekommst du heute Abend nichts zu Essen!"

Diesmal bewegte sich Glaukos ganz langsam. Er sah dem Kyklop in das Nackenauge, während er die falschen Würfel in die Tunika fallen ließ. Er konnte nur hoffen, dass es den einfältigen Kyklopen überforderte die Beobachtungen aller drei Augen zugleich zu verarbeiten.

„Das kannst du mir nicht antun! Ich muss bei Kräften bleiben, für meine schwere Arbeit", protestierte der Zwerg.

Während der Kyklop seinen Sklaven anbrüllte, ließ Glaukos ganz vorsichtig die normalen Würfel in den Becher.

„Lass die Würfel entscheiden, ob der Zwerg die Freiheit erhält", sagte er zu Tremmatos.

Der Kyklopen spuckte auf den Boden.

„Gib mir den Becher! Diesmal lächelt mir die Glücksgöttin."

Wieder murmelte der Kyklop Beschwörungen vor sich hin als er die Würfel in den Becher warf. Sein dummes Gesicht nahm einen entschlossenen Ausdruck an, dann schüttelte Tremmatos den Becher. Wieder schlugen die Würfel so heftig gegen das Keramikgefäß, dass Glaukos befürchtete, dass es zerbrach. Dann knallte der Kyklop den Becher auf die Metallplatte. Er zögerte einen Augenblick und hob dann mit triumphaler Mine das Karamikgefäß hoch.

Glaukos sah eine Summe von nur sieben Augen und hätte fast vor Erleichterung gelacht.

„Das geht nicht mit rechten Dingen zu!", brüllte Tremmatos. „Sonst habe ich immer Glück im Spiel."

Glaukos verkniff sich den Kommentar, dass der Kyklop also kein Glück in der Liebe hatte. Auch fragte er sich, mit wem Tremmatos gewöhnlich würfelte. Werde nicht übermütig, noch ist die Sache nicht ausgestanden, sagte er sich, du musst noch einmal die Würfel austauschen. Wie wohl der Zwerg diesmal die Aufmerksamkeit des Kyklopen auf sich lenken wollte? Glaukos wischte sich die Stirn. Dann nahm er den Becher in die Hand und wartete bang auf das Ablenkungsmanöver des Zwerges. Warum ließ er sich soviel Zeit?

Endlich drang lautes Husten aus dem Stollen. Es klang so als ob sich der Zwerg verschluckt hätte. Glaukos fand das nicht besonders originell. Aber Tremmatos ging darauf ein und drehte sich um.

Warum, um der Götter Willen hatte der Kyklop ein drittes Auge, obwohl Polyphem nur ein einziges besaß? Konzentrier dich, dachte Glaukos, während er die Würfel herausholte. Diesmal konnte er sie in den Beutel fallen lassen, denn sie wurden ja hoffentlich nicht mehr gebraucht.

Erneut hustete der Zwerg. Tremmatos erhob sich schwerfällig von seinem Hocker und trottete in die Grube.

„Die staubige Luft macht mich krank", hörte Glaukos den Zwerg jammern.

„Stell dich nicht so an. Du bist völlig gesund! Strapazier meine Geduld nicht länger, sonst gibt es heute Abend nichts zu essen…."

Tremmatos stapfte zurück, aber Glaukos hatte mittlerweile die glücksbringenden Würfel in den Becher geschmuggelt.

Der Riese setze sich nicht. Glaukos war heilfroh, dass er den zweiten Satz Würfel bereits in Sicherheit gebracht hatte. Er schüttelte den Becher und versuchte dabei einen nervösen Eindruck zu erwecken. Mit dem ängstlichsten Gesichtsausdruck, den er zustande brachte stürzte Glaukos den Becher auf die Metallplatte, etwas zu zaghaft, wie er selbst fand. Die Würfel tanzten. Dann herrschte Stille, aber Glaukos hob den Würfelbecher nicht hoch, sondern tat so als ob er Angst hätte. Ganz langsam kippte er das Keramikgefäß nach vorn, lugte hinein und verzog beim Anblick des Aphroditewurfs verzückt das Gesicht.

„Die Göttin hat meine Gebete erhört!", rief Glaukos mit falscher Verzückung, noch bevor der Riese reagieren konnte.

In Erwartung eines Wutanfalls des Kyklopen hielt er den Atem an, aber nichts dergleichen geschah.

Mit einer schwer zu deutenden Mine schritt Tremmatos zu seinem Sklaven und löste dessen Ketten.

„Verschwindet, ehe ich es mir anders überlege!" fuhr Tremmatos den Ithaker an. „Du wirst es noch bereuen, den Zwerg befreit haben."

Glaukos stürmte grußlos die Höhle, der Zwerg folgte ihm auf seinen kurzen Beinen.