Es war eine seltsame Welt. Die seltsamste von allen, wenn sie es genauer bedachte.

Noch nie zuvor war ihr an einem Ort so bewusst geworden, welche Rolle die Zeit in ihrem Leben spielt. Sie blickte nach draußen und sah Bäume, verschneite Wege und in der Ferne Burgen und Schlösser an sich vorbeiziehen. Für einen Moment wirkte all dies, als sei es für die Ewigkeit bestimmt. Doch Jasmin wusste, das jedes dieser Dinge vergänglich war.

Bereits bald würde sich die Welt und ihre Bewohner, die Menschen, elementar verändern. Doch kaum jemand würde in der Zeit, die ihm auf der Erde gegeben war, eine Veränderung zu spüren bekommen. Denn auch das Leben war hier begrenzt.

In keiner Welt, die sie zuvor gesehen hatte, war Jasmin etwas derartiges begegnet. Begrenztheit. Was war das eigentlich? Wieso sollte man ganz plötzlich aufhören zu leben, obwohl es doch noch eine ganze Welt gab, die man zu erkunden hatte?

Manchmal bedauerte sie all die anderen, die nicht so waren wie sie, würde ihnen allen doch so vieles verborgen bleiben.

Jasmin dachte an ihr zuhause. Viele Erinnerungen hatte sie nicht mehr daran. Dies war eine der Bedingungen gewesen, die die anderen damals gestellt hatte: Sie würde nichts mitnehmen, wenn sie fort ging. Weder ihr Eigentum, noch ihren Körper, noch ihre Erinnerungen an vergangene Welten. Alles was ihr blieb, waren Sinneseindrücke.

Erneut blickte sie nach draußen. Sie fand den Schnee faszinierend. Er erinnerte sie an Elfen, die fröhlich und unbeschwert tanzten und nichts um sich herum wahrnahmen.

Sie bemerkte, wie sie langsamer wurden. Die Pferde hielten schließlich an. Jetzt sah Jasmin das Schloss, das inmitten der verschneiten Landschaft wie ein Palast aus Eis wirkte. Wunderschön. Vor dem Eingang tummelten sich Menschen. Zwei junge Männer, etwa in ihrem Alter, standen abseits der Gruppe, als gehörten sie genau dort hin. Jasmin kannte die beiden nicht, ebenso wenig, wie sie diesen Ort kannte. Sie wusste nicht einmal, was genau sie hier eigentlich tat. Es lag nicht in ihrer Hand, wohin sie reiste. Aber wenn man sie an diesen Ort führte, dann hatte sie vermutlich eine Aufgabe zu erledigen.

Schneeflocken rieselten auf sie herab, als sie aus der Kutsche stieg. Ein vornehm gekleideter Mann kam auf sie zu, den sie noch nie zuvor gesehen hatte.

„Es ist schön, Sie wieder zu sehen, Miss" sagte er und deutete eine Verbeugung an.

Jasmin lächelte. Sie wusste nicht warum; es war noch schwierig für sie, Emotionen zu zeigen. Menschen hatten so viele Gefühle, die sie erst noch zu lernen hatte.

„Kommen Sie mit, hier draußen ist es kalt" sagte der Fremde, der Jasmin zu kennen schien, und begleitete sie zum Schlosseingang.

Drinnen sah es genau so aus, wie es sich immer vorgestellt hatte. Sie gelangten durch einen langen, abgedunkelten Gang schließlich in einen riesigen Saal, der Jasmin sofort mit Wärme erfüllte.

Sie staunte beim Anblick der vielen Menschen in diesem Raum. Sie alle trugen prächtige Kleider und Gewänder. Einige tanzten, andere unterhielten sich angeregt. In einer Ecke des Raumes musizierte eine Gruppe von Männern.

Der Fremde, der sie hinein begleitet hatte, beugte sich plötzlich etwas herunter und senkte seine Stimme.

„Haben Sie das…Sie wissen schon?" fragte er in verschwörerischem Flüsterton.

Jasmin blickte ihn irritiert an. Sie hatte keine Ahnung, wovon er sprach.

„Was meinen Sie?" fragte sie und erschrak beim Klang ihrer Stimme. Hatte sie sich selbst überhaupt schon einmal sprechen hören, seit sie die Gestalt dieses Menschenmädchens angenommen hatte? Sie versuchte sich zu erinnern, wie lange sie schon hier war…

Der Mann räusperte sich und riss sie aus ihren Gedanken.

„Die Sache, über die wir vorhin gesprochen hatten" flüsterte er.

Jasmin verstand nicht. Vorhin? Was hatte sie dort getan? Sie wusste es nicht. Es war, als hätte man sie ihrer Erinnerung beraubt. Sie wurde panisch.

„Ich weiß nicht, wovon Sie sprechen. Ich kenne Sie doch gar nicht!" sagte Jasmin. Der Fremde sah sie schockiert an.

Plötzlich bekam sie Angst. Sie wandte hastig den Blick von ihm ab und ging mit schnellen Schritten davon. Menschen kamen ihr entgegen, als sie sich ihren Weg durch den Saal bahnte. Was tat sie hier eigentlich? Warum erinnerte sie sich an nichts?

Jasmin bemerkte, dass einige sie seltsam anstarrten. Es machte sie nervös.

Die Musik um sie herum wurde immer mehr zu einem Hintergrundgeräusch, das sie kaum noch wahrnahm.

Stimmengewirr, Wärme, fremde Gesichter. Das alles verwirrte sie. Was ging hier vor sich?

„Jasmin!" rief jemand. Eigenartig, jemand anderen, ihren eigenen Namen rufen zu hören.

Sie drehte sich herum, doch niemand dort, der in ihre Richtung sah. Jasmin holte tief Luft und drehte sich wieder herum. Genau in diesem Moment prallte sie gegen jemanden.

Es war erneut der Mann von Eingang. Er hielt sie am Handgelenk fest, als sie verzweifelt versuchte, sich zu wehren.

„Was wollen Sie von mir?" fragte Jasmin panisch.

Der Fremde blieb vollkommen ruhig. „Hören Sie zu" sagte er ernst. „Irgendetwas ist schief gelaufen. Ich befürchte, jemand versucht, uns zu warnen." Er lockerte seinen Griff um ihr Handgelenk. Jasmin war jetzt ganz aufmerksam.

„Hier" sagte der Mann und griff in die Tasche seines Hemdes. Er holte ein Schmuckstück hervor. Eine Art Amulett. „Nehmen Sie es und geben Sie es mir zurück, wenn ich Sie danach frage." Er legte das Amulett in Jasmins Hand und sie schloss automatisch die Finger darum.

„Warum?" fragte sie verständnislos.

Der Mann schüttelte lediglich den Kopf. „Alles wird gut gehen" versicherte er ihr. Im nächsten Moment war er verschwunden.

Was dann geschah, verstand Jasmin nicht. Es war, als löse sich der Raum um sie herum auf. Alles wurde still. Die Wärme verschwand, ebenso wie der Ballsaal und all die Menschen.

Dann befand sie sich plötzlich an einem anderen Ort. Sie wusste nicht, wo sie war oder wie sie dort hin gekommen war. Aber das spielte jetzt keine Rolle. Es lag ohnehin nicht in ihrer Hand, wohin sie reiste. Aber wenn man sie an diesen Ort führte, dann hatte sie vermutlich eine Aufgabe zu erledigen.

Schneeflocken rieselten auf sie herab, als sie aus der Kutsche stieg. Ein vornehm gekleideter Mann kam auf sie zu, den sie noch nie zuvor gesehen hatte.

„Es ist schön Sie wieder zu sehen, Miss" sagte er und deutete eine Verbeugung an.

Jasmin lächelte. Sie mochte die Vielfalt an Emotionen, die die Menschen besaßen. Freude war ihre liebste Emotion.

„Haben Sie das…Sie wissen schon?" fragte der Fremde in verschwörerischem Flüsterton.

Jasmin blickte ihn irritiert an. Doch dann spürte sie etwas warmes in ihrer Handfläche. Sie wusste nicht, warum, aber sie überreichte dem Fremden, den sie soeben zum ersten Mal getroffen hatte, ein Amulett, von dem sie nicht wusste, warum sie es besaß.

„Danke" sagte der Mann und nickte ihr zu.

Jasmin sah sich um. Direkt vor ihnen befand sich ein riesiges Schloss, das Jasmin an einen Palast aus Eis erinnerte.

„Gehen Sie auf keinen Fall dort hinein" sagte der Mann, der Jasmins Blick verfolgt hatte. Sie sah ihn verständnislos an.

„Kommen Sie" sagte er und zog sie am Unterarm mit sich. Sie sagte kein Wort.

Er führte sie weg von den Menschen, die vor dem Schloss versammelt waren. Jetzt war nichts weiter zu sehen als Dunkelheit und Natur.

„Hören Sie zu" sagte der Fremde und lies Jasmin los. Sie sah ihn an.

„Ich weiß, Sie kennen mich nicht mehr" begann er. „Aber ich bin hier, um Ihnen zu helfen. Sie müssen umgehend fort von hier."

Es kam Jasmin vor wie in einem Traum. Sie wusste nicht, wovon dieser Mann sprach und doch ergab alles auf merkwürdige Art und Weise Sinn.

„Wohin bringen Sie mich?" fragte Jasmin schließlich.

„Das kann ich Ihnen nicht sagen" erwiderte der Mann. „Aber es wird Ihnen dort gefallen, da bin ich mir sicher."

Jasmin blickte in den Himmel. Sie bewunderte sie Schönheit der herab fallenden Schneeflocken. Sie dachte an das Schloss und all die Menschen. Ja, Menschen faszinierten sie wirklich. Sie wusste noch so wenig über diese Welt. Es konnte nicht schon Zeit sein, zu gehen.

„Aber mir gefällt es auch hier" sagte Jasmin.

Der Mann lächelte. Jasmins Lieblingsemotion. „Ich weiß" antwortete er verständnisvoll. „Aber es ist leider an der Zeit."

Jasmin wollte dies nicht akzeptieren.

„Warum muss ich schon gehen?" fragte sie stur. Der Fremde sah sie geduldig an.

„Sie vertragen die Andersartigkeit der Zeit in dieser Welt nicht" erklärte er. „Sie sind bereits eine Weile hier, doch es kommt Ihnen viel weniger vor. Die Zeit hier vergeht wirklich sehr schnell."

Jasmin nickte zustimmend.

„Schließen Sie die Augen" sagte er zu ihr. Unwillkürlich tat sie wie geheißen.

Jetzt, wo sie nichts weiter wahrnahm als die Kälte, schien diese Welt ganz anders zu sein. Jasmin entdeckte sie ganz neu. In den wenigen Sekunden, die sie dort stand, sah sie eine völlig andere Seite der Erde.

„Seltsame Welt" flüsterte sie mit noch immer geschlossenen Augen. Sie war nun bereit, zu gehen.

„Die seltsamste von allen" pflichtete der Fremde ihr bei.