Eigentlich war Carla Antonia immer ganz normal. Wissen Sie, so kleine Unregelmäßigkeiten gab es natürlich schon, etwa dass die Vögel nicht vor ihr wegflogen. Sie konnte im Winter das Futterhäuschen auffüllen, ohne dass die verdammten Biester ihre Mahlzeit unterbrachen. Nein, ich bin kein großer Vogelfreund, wirklich nicht, diese Krallen und dieser Blick, widerlich. Es tat ihr auch immer in der Seele weh, zuzusehen, wie jemand anderer das machte und die Viecher dabei verscheuchte, zumindest, wenn man ihren Eltern Glauben schenken kann, die aber, wie's jetzt aussieht, ihre Tochter gar nicht so gut gekannt haben, wie sie immer dachten. Übrigens hatte sie nach einhelliger Meinung kein Reptilienblut in den Adern. Na gut, kommen Sie mir jetzt nicht mit dem Stammbaum des Lebens, jedenfalls nicht mehr Reptilienblut als wir alle.

Begonnen hat es dann mit diesem Leguan, den ihr Bruder hatte. Er hatte seinen Eltern, na, monatelang in den Ohren gelegen, bis sie die Genehmigung von oben bekamen, wie das so ist mit exotischen Haustieren – immer sehr korrekte Leute, die Eltern der beiden – und dem Jungen diese Echse zum Geburtstag schenkten. Carla war begeistert von dem Tier, und wenn ich sage begeistert, dann meine ich das auch. Sie hatte nie eine besondere Zuneigung zu irgendwelchen Reptilien gezeigt – von den Vögeln am Futterhaus natürlich abgesehen, Sie immer mit Ihrem Wirbeltierstammbaum – aber mit diesem Leguan verbrachte sie praktisch ihre ganze Zeit, saß vor dem Terrarium oder ließ ihn neben sich auf dem Schreibtisch liegen, wenn sie Hausaufgaben schrieb. Sie sprach von ihm als ihrem besten Freund, verstehen Sie? Man muss auch erwähnen, dass der Leguan bei solchen Gelegenheiten nie versuchte abzuhauen. Brav und still hat er neben ihren Heften und Schulbüchern gelegen und nur manchmal den Kopf gehoben, damit sie, Carla, ihn am Kinn kraulte. Das ging vielleicht ein paar Monate so. Gelegentlich legte das Mädchen auch den Kopf auf den Tisch, sodass sie fast auf Augenhöhe mit dem Leguan war, und sie sahen sich nur an, stundenlang manchmal.

Dann fing Carla Antonia an, viel Zeit draußen zu verbringen. Mal ging sie in den Park, mal in den Wald, aber am meisten Zeit verbrachte sie in den Weinbergen, Sie wissen schon, im Osten vor der Stadt. Manche Leute behaupten ja, unsere schöne Stadt wär nur ein Dorf, aber es ist schon eine Stadt, sie hat dieses Gasthaus und gegenüber sehen Sie die Post, die Straße runter gibt's einen Supermarkt und im Rathaus ist die Bibliothek, also bitte. Ja, jedenfalls, in den Weinbergen gibt's diese Steinmäuerchen, die immer so nach heiler Welt aussehen, und die ging sie entlang – obendrauf – oder hockte sich für eine Weile auf eine davon. Manchmal hatte sie eine von diesen kleinen Eidechsen auf der Hand, von denen es dort ganze Heerscharen gibt. Ihre Eltern hatten sich zuerst Sorgen gemacht, weil sie früher, man kann es beim besten Willen nicht freundlicher ausdrücken, ein richtiger Stubenhocker war. Aber dann sagten sie sich, dass Menschen sich eben verändern, wenn sie heranwachsen, und rein nach der Meinung der Allgemeinheit war es ja nicht der schlechteste Wandel.

Und plötzlich war es vorbei damit. Carla Antonia blieb wieder zuhause und verhielt sich ganz normal. Möglicherweise war sie auffällig freundlich zu allen, aber das würde ich jetzt durchaus nicht beschwören wollen.

Und ein paar Tage nach ihrer Rückkehr aus den Weinbergen, wenn Sie es so nennen wollen, war Carla verschwunden. Eine Smaragdeidechse saß in ihrem Zimmer auf dem Boden und fetzte hinaus, als ihre Eltern die Tür aufmachten. Gut, das hätte auch Zufall sein könne, dass so eine Eidechse von irgendwoher in das Zimmer gelangt war, aber gleichzeitig war auch der Leguan verschwunden, und statt ihm hatte sich ein Lisztaffe aus dem Terrarium befreit, hockte auf dem Bettpfosten des Jungen – Carlas Bruder – und jagte ihm, also dem Jungen, einen Heidenschreck ein. Jetzt wollen Sie natürlich wissen, was passiert ist. Ich sag's Ihnen. Sie können mich für verrückt halten oder für einen Lügner, aber die Sachlage ist doch eindeutig: der Leguan und das Mädchen hatten einen Pakt geschlossen, die Plätze zu tauschen. Nur hat es nicht ganz funktioniert, und so ist das Mädchen eine Smaragdeidechse geworden statt einem Leguan – womit sie in unseren Breiten hier wahrscheinlich sowieso besser dran ist, wenn Sie mich fragen – und der Leguan nur ein Lisztäffchen statt einem Menschen. Meiner Meinung nach hat die kleine Carla es besser erwischt, denn was ist schon der große Unterschied zwischen so einer Eidechse und einem Leguan, nicht wahr, während ein Lisztaffe doch noch ein gutes Stück von einem Menschen entfernt ist. Aber was weiß denn ich, vielleicht sehen Leguane das genau anders herum.

Ihre Eltern glauben immer noch, dass Carla Antonia verschwunden ist, aber ich sag Ihnen, wo sie ist, draußen in den Weinbergen ist sie und sonnt sich mit den anderen Eidechsen auf den Steinen. Ihre Familie durfte das Äffchen übrigens nicht behalten, fast hätten sie sogar noch richtig Ärger deswegen bekommen. Der Leguan, also der Affe, ist jetzt im Zoo, und das Affengehege dort ist immer noch ein Fortschritt im Vergleich zu so einem Terrarium, meine ich.