Arachne hatte wieder einmal einen echt schlechten Tag gehabt. Jede Menge Arbeit, ihr Boss hatte sie wieder so angesehen – und dabei musste man, dachte sie missmutig, froh sein, dass es bisher beim Ansehen geblieben war – als wäre sie sein persönlicher Fleischvorrat, sie hatte ihren obendrein kalten Kaffee über ein paar Papiere geschüttet und alles noch einmal machen dürfen, in der U-Bahn hatten die Leute gedrängelt, als sie heimkam, war der Kühlschrank leer und eine fette Spinne saß in der Badewanne.

Zumindest hatte sie nichts unversucht gelassen, auch alle anderen an der ganzen Scheiße teilhaben zu lassen, gratulierte sie sich selbst mit grimmigem Vergnügen. Die mollige Neue im Büro hatte sie gefragt, ob sie wieder zugenommen habe oder warum sonst sie nicht richtig in ihr Kleid passe. Der Kollegin, die den Fehler gemacht hatte, sie zu bitten, ihr einen Kaffee mitzunehmen, als sie zum Automaten ging, hatte sie einen Schwarzen gebracht, obwohl sie extra betont hatte, dass sie das Zeug nur mit doppelt Milch und Zucker runterbrachte. An der Supermarktkasse hatte sie einen solchen Aufstand darum gemacht, dass die taufrischen Semmeln alt seien, dass eine entnervte Kassiererin ihr die Dinger zuletzt zum halben Preis verkauft hatte. In der U-Bahn hatte sie zurückgedrängelt und schließlich eine alte Frau im Rennen um einen freien Sitzplatz besiegt. Die Spinne hatte sie mit dem Staubsauger umgebracht. Alles in allem, fand Arachne, lagen sie und der Rest der Welt gleichauf.

Das mit der Spinne war allerdings noch nicht ganz ausgestanden.

Arachne legte sich hundemüde schlafen – morgen musste sie wieder früh raus, was definitiv ein Punkt für die Welt war. Sie schlief unruhig, doch das war nicht ungewöhnlich – sie erinnerte sich kaum daran, wie es war, richtig ausgeschlafen zu sein. Ungewöhnlich war, dass sie um halb drei Uhr morgens aufwachte, ganz von allein. Ungewöhnlich war auch, dass der Plafond und die Wände im schwachen, vorhanggedämpften Licht der Straßenlaterne vor dem Fenster schwarz aussahen und dass die Bettdecke sich bewegte, obwohl Arachne still lag.

Etwas krabbelte über Arachnes Hand. Reflexhaft schlug sie danach und hatte eine Spinne in der Hand, mindestens so groß wie die, die sie am Vortag getötet hatte.

Es kribbelte wieder. Diesmal waren es gleich mehrere Tiere, die ihren bloßen Arm hinaufliefen. Angeekelt streifte Arachne sie mit hastigen Bewegungen ab, spürte aber schon, wie weitere Spinnen – viele – ihren Rücken erkletterten. Sie hob den Kopf und wollte schreien, doch der Schrei blieb ihr im Hals stecken, als sie sah, wie sich die Schwärze an der Decke auflöste wie eine Folie beim Übergang in einer Powerpoint-Präsentation, als sich die Spinnen dort an Seidenfäden herabließen. Zwei oder drei landeten in ihrem immer noch zum Schrei, der nicht kommen wollte, geöffneten Mund.

Sie musste sich nie wieder mit der Beschissenheit des Lebens auseinandersetzen.

Auf ihrem Totenschein stand, sie sei an einem Herzinfarkt gestorben, doch ein paar Wochen später schlüpften im Dunkel ihres Grabes tausende Spinnenjunge aus ihrem Körper.