Schlüsselherz

- Prolog -

Schnee. Weich eine Daunendecke legte er sich auf die Grabsteine, die sich rings um Anthea erhoben. Die aufgehende Sonne warf ihre warmen Strahlen auf das fahle Gesicht der jungen Frau, als versuchte sie die Tränen zu trocknen, die unaufhörlich die kalten Wangen hinabrannen. Doch die Sonne vermochte nicht zu der klirrenden Kälte vorzudringen, die Antheas Innerstes umklammerte und sie nie wieder loslassen würde. Noch einmal, ein allerletztes Mal, wandte sie den Blick zum Grab ihres Vaters. Und dann verschloss sie ihr Herz für immer.

Der festgefrorene Schnee splitterte unter Antheas Füßen, als sie die Steinstufen zu ihrem Haus hinaufstieg. Durch das Fenster konnte sie das lodernde Feuer des Mamorkamins erkennen. Die ausgehungerten Flammen leckten gierig an den Holzscheiten, die ihr Vater noch am Vortag geschlagen hatte. Sogar die Axt steckte noch am gleichen Platz, als wäre er nur kurz ins Haus gegangen, um sich aufzuwärmen. Alles um Anthea herum schien erstarrt. Die Zeit war gefangen in einem einzigen, endlosen Moment.

Der Schrei eines Raben riss sie aus ihren Gedanken. Sie hob die klamme, zittrige Hand und drückte die Türklinke herunter. Knatternd öffnete sich die alte Eichenholztür und gab den Weg ins Haus frei. Leere erwartete Anthea und umschloss sie in ihrer erdrückenden Umarmung. Erinnerungen erstickten sie mit Bildern, schrecklich und schön zugleich. Gelebt, vergessen, vorbei.

Mit schnellen Schritten ging sie ins Wohnzimmer und legte ihren Mantel auf den Kaminsessel. Ihr Blick fiel auf die Bücher, stapelweise, voll mit den Ideen und Erfindungen ihres Vaters, Zeugnisse eines ewig Reisenden. Abertausend Worte, die Anthea so oft vor dem Zubettgehen gehört hatte, die ihre Kinderträume begleitet und ihre Phantasie beflügelt hatten. Vaters wundersame Worte. Der Tod hatte auch sie geholt. Und doch konnte Anthea den Gedanken nicht ertragen, auch nur eines der Bücher wegzuwerfen. Es war etwas Anderes. von dem sie sich trennen musste. Etwas, das ihr zugleich unbeschreibliche Freude und unendliches Leid bereitet hatte.

Anthea brauchte einen Moment, um den Verschluss der Kette in ihrem Nacken zu öffnen. Dann zog sie die Kette aus ihrem Rollkragenpullover und ließ den Anhänger in ihre Hand gleiten. Er hatte die Form eines gewundenen, goldenen Schlüssels, so wie jene, mit denen man eine antike Kommode verschließen würde. Ein schwaches, blassrotes Leuchten, vielleicht der Schein des Kaminfeuers, erhellte ihre Hand. Der Schlüssel fühlte sich warm an, lebendig, als ob sein Herz noch schlagen würde. Bald nicht mehr. Bald würde auch er verstummen.

Und das Feuer fraß den Schlüssel.