Die erste Tür

"Thea, jetzt sitz doch mal still, er kommt doch gleich!" Marta versuchte, streng zu klingen, aber die unbändige Freude auf Antheas Gesicht entlockte auch ihr ein heimliches Schmunzeln. Vor vier Wochen hatte Antheas Vater sie in die Obhut der Nachbarin gegeben, wie bereits viele Male zuvor. Vier Wochen waren eine sehr lange Zeit für eine Siebenjährige. "Und wer weiß? Vielleicht hat er dir auch etwas Schönes mitgebracht?"

Antheas Antwort wurde vom ersehnten Klopfen an der Tür unterbrochen. Wie ein kleiner Blitz sprang sie vom Küchenstuhl, rannte den Flur herunter und riss die Vordertür auf. "Papa!"

"Na hallo meine kleine Blume, du bist aber schnell. Sag bloß, du hast mich vermisst?" Lachend schloss er seine Tochter in die Arme und hob sie hoch. "Uff, bist du schon wieder ein Stück gewachsen? So lange war ich doch gar nicht weg."

"Du warst furchtbar schrecklich unendlich lange weg!"

"Aber, aber. Du weißt doch, Papa muss leider manchmal verreisen, um ferne Länder und die Menschen zu erforschen, die dort leben. Findest du das nicht auch spannend?"

"Antopopoge sein ist doof." Anthea machte einen Schmollmund und vergrub das Gesicht in der Schulter ihres Vaters.

"Oho. Dann willst du auch bestimmt nicht wissen, was ich für dich mitgebracht habe..."

"Doch! Doch! Bitte!"

"Na, dann komm mal mit." Lachend strich er ihr über den blonden Lockenschopf und setzte sie ab. Anthea griff nach seiner Hand und zog ihn in die Küche. "Guten Abend, Marta!"

"Niklas. Das wurde aber auch Zeit! Dein kleiner Sonnenschein war kurz davor, mir die Wohnung auseinanderzunehmen."

"Auch schön, dich zu sehen, Marta."

"GESCHENKE, GESCHENKE!" Anthea hüpfte auf und ab wie ein Flummi.

"Jaja, ist ja schon gut. Geh schon mal ins Wohnzimmer, ich komm gleich. Marta, würdest du mir eine Tasse Kaffee machen? Ich bin halb erfroren in dem Eiswetter da draußen."

"Willkommen im Hotel Marta..." Schmunzelnd drehte sich sich um und goss Wasser in den Kessel.

"Du bist die Beste. Wirklich."

"Ich weiß."

Niklas legte seine Jacke auf dem Küchenstuhl ab, trocknete seine im dichten Schneetreiben nass gewordenen Haare mit Martas Lieblingsgeschirrhandtuch und ging ins Wohnzimmer zu seiner Tochter, die es kaum erwarten konnte.

"Na, dann wollen wir doch mal sehen..." Niklas kramte in seiner Reisetasche, warf ein paar schmutzige Socken auf den Boden und zog ein in Zeitungspapier gewickeltes Bündel heraus. "Aha! Na, was glaubst du, was das ist?"

"Eine Schneekugel wie die aus Prag? Oder noch eine Spieluhr, so wie die aus Litauen?" Anthea griff sich das Päckchen und riss das Zeitungspapier auf. Eine Rolle aus rotem Samt verbarg sich darunter. Anthea wickelte sie auf und ein kleiner, goldener Schlüssel fiel in ihre Hand. Er war verfärbt und wohl schon sehr alt, aber Anthea liebte filigrane und funkelnde Dinge. "Dankeschön Papa!"

"Das ist noch nicht alles. Hier ist noch eine passende Kette dazu." Niklas zog eine dünne goldene Kette aus seiner Hosentasche, fädelte den Schlüssel ein und legte ihn Anthea um den Hals. "Hmm, noch ein bisschen lang, aber da wächst du noch rein. Schau, da im Fenster kannst du dein Spiegelbild sehen."

Anthea drehte sich um und betrachtete sich im Fenster. "Ich sehe aus wie eine Prinzessin! Oh, schau, da steht was auf der Rückseite geschrieben. Aber...das kann ich nicht lesen, das ist zu schwer."

Ihr Vater lachte. "Kein Wunder! Das ist auch eine ganz alte Sprache, die heute keiner mehr spricht. Da steht: Lufu yppeþ ǽlcra dura. Das bedeutet: Liebe öffnet alle Türen. Ist das nicht schön?"

"Ja, das funkelt so toll!"

"Ja, das tut es, Schatz. So, und jetzt ab mit dir nach oben, Sachen packen, ich trink meinen Kaffee und dann geht's nach Hause!" Und schon war Anthea die Treppe hochgepoltert.

"War das etwa gerade Altenglisch?" Marta trat ins Wohnzimmer und drückte Niklas die brühend heiße Tasse Kaffee in die Hand, an der er dankbar schlürfte.

"Ja. Unter einem Hügel in der Nähe von Bethesda wurde vor Kurzem ein unberührtes angelsächsisches Grab entdeckt. Wahrscheinlich ein Adeliger, viel Goldschmuck und kunstvoll geschmiedete Waffen. Die Archäologen aus Cardiff waren ganz aus dem Häuschen."

"Und haben dir den Schlüssel einfach so überlassen?"

"Nunja..."

"Niklas, du hast doch nicht etwa..." Marta zog die Augenbrauen hoch.

"Ach komm schon. Die waren so mit dem goldenen Kelch beschäftigt, dass der kleine Schlüssel hier gar nicht aufgefallen ist. Und du siehst doch, wie Anthea sich gefreut hat."

"Ich glaub es nicht...!"

"Papa, ich bin fertig! Gehen wir jetzt nach Hause?" Anthea stand im Flur, mit dicker Jacke und Wollmütze, den Kuschelaffen in der einen und die "Märchen aus 1000 und einer Nacht" in der anderen Hand.

"Na, dann los!" Niklas sprang die Treppe hinauf, holte den Reisekoffer aus dem Gästezimmer, gab Marta im Vorbeigehen einen Kuss auf die Wange und war schneller mit Anthea auf der Straße, als diese "Auf Wiedersehen!" sagen konnte. Fröhlich summend spazierte er mit Anthea durch den weichen Schnee bis zu ihrem Haus, das ein paar hundert Meter entfernt lag. Nur wenige Häuser lagen verstreut zwischen den Hügeln, die das kleine Dorf umgaben. Doch die beleuchteten Fenster und die dicke Schneedecke ließen den Abend fast feierlich wirken. Niklas und Anthea gingen die Stufen zu ihrem Haus hinaus und stellten alles Gepäck im Flur ab. Als Anthea sich gerade die Schuhe ausgezogen hatte, rief Niklas plötzlich:

"Oh nein, ich habe ganz vergessen, etwas zu Essen mitzubringen! Tut mir leid, Schatz, geh schon mal rein, ich fahre schnell zum Tante Emma Laden runter und hole uns was. Pack doch schon mal aus, ja?"

Niklas lief wieder zur Straße hinunter und setzte sich in sein Auto, das an der Ecke stand. Nach ein paar fehlgeschlagenen Startversuchen heulte der Motor auf und der alte Chevy setzte sich in Bewegung. Anthea seufzte und zog sich die Jacke aus. Als sie sich zu ihrem Koffer hinunterbeugte, hörte sie das Quietschen der Reifen, gefolgt von einem lauten Knall. Dann Stille. Anthea wurde ganz kalt. Nach einem endlosen Moment drehte sie sich um und ging aus dem Haus auf die Straße. Erst sah sie nur Schnee, nichts als Schnee, aber als ihre Augen dem Straßenverlauf folgten, blieb ihr Herz stehen. Das Auto ihres Vaters war gegen einen der großen Bäume geprallt. Rauchschwaden stiegen aus der völlig zerdrückten Motorhaube.

Ohne Nachzudenken lief Anthea los. Der Schnee durchweichte ihre Socken, aber sie merkte es nicht. Ihr Herz erwachte wieder und fing an zu rasen. Es schienen Stunden zu vergehen, bis sie das Auto erreichte. Sie rannte zur Fahrertür, die mit Dunst beschlagen war. Sie konnte nichts sehen, wusste nicht, ob es ihrem Vater gut ging. Sie klopfte an die Scheibe, rief seinen Namen, aber bekam keine Antwort. Sie rüttelte an der Tür, doch sie war von innen abgeschlossen. Anthea hustete, der beißende Qualm aus der Motorhaube stieg ihr die Nase. Sie hatte Angst, so große Angst wie noch nie in ihrem Leben. Mit ihren kleinen Fäusten hämmerte sie gegen die Scheibe. Plötzlich hörte sie ein kurzes, klackerndes Klopfen. Aber nichts regte sich im Innern des Autos. Sie hämmerte wieder gegen die Scheibe und schrie den Namen ihres Vaters. Wieder ein Klopfen. Es war der goldene Schlüssel an der Kette um ihren Hals, der gegen die Autotür schlug.

Sie berührte ihn mit der Hand. Er war warm, trotz der Winterkälte. Der Rauch machte Anthea schwindelig. Sie löste die Kette um ihren Hals und hielt den Schlüssel ans Schlüsselloch. Aber er war viel zu breit und verschnörkelt. Aber Anthea hatte nichts zu verlieren und schob den Schlüssel weiter. Es gab keinen Widerstand, aber der Schlüssel schien warm zu werden und zu pochen. Er ließ sich umdrehen und das Klicken des Schlosses war das schönste Geräusch, das Anthea jemals gehört hatte. Sie steckte den Schlüssel in ihre Hosentasche, riss die Tür auf und sah ihren Vater, der wie schlafend mit dem Kopf auf dem Lenkrad lag. Sie wollte nach ihm greifen, ihn wachrütteln, aber starke Arme zogen sie zurück.

"Schhhhh, Liebes, alles wird gut. Hilfe ist unterwegs." Marta drückte Anthea an ihre Brust, während zwei Männer Niklas vorsichtig aus dem Auto zogen. "Komm, lass uns etwas laufen, es ist gefährlich hier."

Marta zog Anthea weiter die Straße hinauf und die Männer folgten ihr. Flammen schlugen hinter ihnen aus dem Wagen und viele erhellten die Straße. Anthea wusste nicht, ob es Minuten oder Stunden waren, bis der Rettungswagen eintraf und ihren Vater mitnahm. Sie verbrachte eine schlaflose Nacht in Martas Haus, bis sie am Morgen die Nachricht erhielt, dass ihrem Vater bis auf eine Gehirnerschütterung nichts passiert war. Noch am selben Tag konnte sie zu ihm und schloss ihn weinend in die Arme. Die Ärzte sagten, dass es ein großes Glück war, dass das Schloss der Fahrertür durch den Aufprall aufgesprungen war. Anthea sagte nichts, aber sie wusste es besser. Es war der kleine Schlüssel an der Kette um ihren Hals gewesen, der ihrem Vater das Leben gerettet hatte. Und sie würde ihn von nun an für immer über ihrem Herzen tragen.