Eins !

Als ich aufstand an jenem Morgen im September, hatte ich nicht einmal Zeit zu frühstücken. An meinem kleinen Bruder ging ich vorbei im Flur. Meine Mutter war wie jeden Morgen bereits bei ihrer Arbeit. Mein Vater – höchstwahrscheinlich auf Dienstreise. Die Haustür ließ ich hinter mir zufallen und das Haus lag bereits einige Straßen hinter mir, als vier Gestalten auf mich zukamen. Die Stadt war von einer Nebeldecke überzogen und noch dazu war es dunkel. Erkennen konnte man kaum was, auch nicht die Figuren die jetzt fast in Reichweite standen. Ein Auto fuhr vorbei. Durch das Licht der Scheinwerfer erkannte ich endlich etwas. Vier Kerle standen vor mir. Einer von ihnen etwas weiter vorne, die anderen drei um ihn herum. Ihre Gesichter riefen schemenhafte Erinnerungen hervor. Vermutlich besuchten sie die gleiche Schule wie ich. Es war total still. Mein Atem ging gleichmäßig und ich war vorbereitet. „Was wollt ihr?", sagte ich mit fester Stimme. „Erinnerst du dich noch an Jake? Groß, braune Haare, letzte Woche hast du ihn zusammen geschlagen?", der Eine sah mich provozierend an, „Kann sein?" Der erste Schlag. Schwach. Meine Faust ging direkt in seine Magengrube. Der Kerl sackte in sich zusammen. War wahrscheinlich noch nicht ganz wach. Aber wer war das schon? Einer der drei hockte sich zu seinem Freund. Der darauf einfach nur etwas Unverständliches knurrte und sich aufrappelte. Diesmal gingen sie zu zweit auf mich zu. Der eine rannte in meine ausgestreckte Faust, dem anderen zog ich die Beine unter dem Körper weg. Die beiden keuchten auf. „Und da müsst ihr mich unbedingt jetzt nerven?" Ich war wirklich nicht in der Laune, mich mit irgendwelchen dahergelaufenen Idioten, die irgendeinen ihrer Freunde rächen wollten, zu prügeln. Einer aus der hinteren Reihe schaute mich verständnislos an. Er machte einen Schritt auf mich zu. Als er zum Schlag ausholte, trat ich ihn auch schon zu Boden. Der letzte der noch stand, wich ein paar Meter zurück, als er seine Kameraden auf der Straße liegen sah und realisierte, dass er schlichtweg keine Chance hatte. Er wagte es nicht mir auch nur in die Augen zu sehen. Dachte er, auf diesem Weg könnte er seinem Schicksal entgehen, zusammen mit den anderen dreien bewusstlos den Weg zu blockieren? Funktioniert hatte es jedenfalls nicht, dachte ich als ich kurz darauf das Gebäude der Schule betrat und durch die leeren Gänge ging.

Die Tür zu meiner Klasse machte ich einfach auf und schlenderte auf meinen Platz in der hinteren Reihe zu. „Remon?", der scharfe Tonfall meiner Lehrerin durchschnitt die Stille, die über dem Raum lag. Als ich mich umsah, bemerkte ich die Köpfe meiner Mitschüler über ihren Heften gesenkt. „Schön, dass du uns auch noch mit deiner Anwesenheit beehrst. Setz dich doch und füll dein Aufgabenblatt aus." Die junge Frau sah mir wütend in die Augen. Lange unterrichtete sie noch nicht an der Schule, hatte gerade erst ihr Studium abgeschlossen. Mein Blick wanderte zur Uhr an der Wand, laut der ich 20 Minuten zu spät war. Schultern zuckend setzte ich mich und sah auf das Blatt vor mir: jede Menge Fragen und Aufgaben zu irgendeinem langweiligen Thema, das niemanden so wirklich interessierte. Außer meinen Bruder natürlich. Der würde sich voller Freude auf Aufgaben dieser Art stürzen und sie innerhalb kurzer Zeit lösen. Aber der Junge war generell ein seltsamer Mensch, was er an Intelligenz zu viel hatte, fehlte ihm an Freunden. Sein engster Vertrauter war höchstwahrscheinlich unsere alte Katze.

Als das Klingen zum Ende der Stunde erklang, war mein Blatt nicht mal halb ausgefüllt. Meine Aufmerksamkeit hatte ich vielmehr auf das Geschehen in meinem Augenwinkel gerichtet. Und das war der Fensterrahmen an meiner linken Seite. Die graue Farbe war plötzlich von einer durchsichtigen Schicht überzogen. War das Eis? Es sah auf jeden Fall so aus. Der Fensterrahmen war eingefroren? Wie war das möglich? Es stimmte zwar, dass es relativ kalt war draußen, aber es war lange nicht soweit, dass es fror. Dennoch wagte ich nicht, es mir genauer anzusehen und dann war meine Zeit auch schon abgelaufen.

Auch als ich schließlich nach Hause ging, ließ mich der Gedanke vom eingefrorenen Fenster nicht los. „Remon!", hörte ich meinen Namen. Ich drehte mich um. „Oh, hi, Hankachi", ich versuchte möglichst geduldig zu klingen. „Wollen wir gemeinsam nach Hause gehen, Remon?" Der Nebel war verschwunden, und wärmer war es definitiv auch. Ich zuckte mit den Schultern und Hankachi lief ohne weitere Fragen neben mir her, und wir schlugen beide den Weg nach Hause ein. „Wie…wie war dein Test, Remon?" Ich verzog kurz das Gesicht, bei dem Gedanken an den Gesichtsausdruck, den meine Mutter haben würde, wenn sie meine Note zu sehen bekam. „Ganz gut, denke ich." Meine Eltern machten sich sowieso schon genug Sorgen um mich und meine Schullaufbahn. Eigentlich interessierte es mich ja nicht, aber jedes Mal, wenn ich mitbekam, wie meine Mutter aussah, wenn ich eine schlechte Note bekam, versetzte es mir einen kleinen Stich. „Ich finde, es ist wirklich schönes Wetter, oder nicht?" Hankachi sah mich von der Seite an und ich versuchte ein Lächeln aufzubringen. „Ja, ist es." Wir waren an der Kreuzung angekommen, an der wir in entgegengesetzte Richtungen gehen mussten. „Wir sehen uns dann wohl morgen." „Remon! Warte kurz." Ich blieb stehen und sah sie fragend an. „Ich…ist...ist schon in Ordnung, bis morgen!" „Bis morgen, Hankachi."

Gerade als ich die Straße überqueren wollte, bemerkte ich die Pfütze zu meinen Füßen. Sie war gefroren. Meine Augen weiteten sich und ich machte einen überraschten Laut, aber ich riss mich zusammen und ging schnell weiter.

Zuhause angekommen versuchte ich ungesehen in mein Zimmer zu gelangen. Was natürlich nicht funktionierte. Meine Mutter war mittlerweile wieder von ihrer Arbeit nach Hause gekommen stand in der Küche. Sie war dabei zu kochen und mein kleiner Bruder saß am Tisch und machte seine Hausaufgaben. „Oh mein Gott! Was ist das da in deinem Gesicht?", rief sie erschrocken aus und ich fasste mir verwirrt an den Kopf. Als ich auf meine Hand guckte, sah ich einen kleinen Tropfen Blut. Hatte mich einer der Kerle heute Morgen erwischt? Das war nicht möglich. Ich hatte sie dazu viel zu schnell abgewehrt. Und hätte denn niemand in der Schule etwas gesagt? Außerdem, hätte das Blut nicht schon längst trocken sein müssen? Schließlich war das auch schon einige Stunden her. Wie war das möglich? „Was ist passiert, Remon?" Meine Mutter sah mich besorgt an. „Ich…ich muss mir wohl den Kopf gestoßen haben, ist nichts Schlimmes." Mit den Worten verließ ich den Raum in Richtung Badezimmer, um mir meine Wunde genauer anzusehen.

Als ich dann verwundert in den Spiegel starrte, versuchte ich mich krampfhaft daran zu erinnern, was passiert war. Schließlich kam ich zum Schluss, dass ich mich wirklich gestoßen haben musste. Anders konnte ich mir die offene Stelle an meiner Stirn nicht erklären. Ich strich einfach eine Strähne meiner Haare davor und hoffte, dass meine Mutter sich nicht allzu viele Sorgen machte.

„Wo gehst du hin?", hielt mich die nervige Stimme meines Bruders auf, als ich gerade nach draußen gehen wollte. Ich stöhnte auf und drehte mich um. Wenn möglich wollte ich Gespräche mit diesem Jungen vermeiden. Er war eines dieser Kinder, die man auch einfach als Streber bezeichnete. Oder als Besserwisser. Oder beides. Sich mit ihm unterhalten zu müssen, war einfach nur eine Qual, besonders für mich. „Ich geh mit Freunden raus." Der abweisende Tonfall schien nicht besonders gut anzukommen bei dem Zwerg, der mit verschränkten Armen immer noch am Küchentisch saß und mich herausfordernd anblickte. „Bist du dir sicher, dass das die richtige Zeit ist, um etwas draußen zu unternehmen?" „Ernsthaft? Swot, du bist zehn." Bei den Worten betrat meine Mutter wieder den Raum und sah mich in der Tür stehen. „Oh, Remon, du gehst schon wieder?", ihr Blick suchte die Wunde an meinem Kopf, die ja aber jetzt von meinen Haaren verdeckt war. „Ja, ich treff mich mit ein paar Leuten aus der Schule." „Oh, okay. Weißt du schon wann du zurück kommst?" „Nein, aber ich geh jetzt. Bis später!"