Ein one-shot zum Them "Menschenwürde"


Fünf Tage

Dreimal hat sie ihn schon gerufen, doch erst nachdem sie ihn zaghaft an der Schulter berührt, dreht er sich zu ihr um. Ein wenig hastig, als hätte sie ihn ertappt bei einem verbotenen Gedankenspiel. Zuerst glaubt sie, sich gerirrt zu haben, schließlich ist es lange her, dass sie ihn das letzte Mal gesehen hat, im Estadio war es gewesen, damals, als die Welt zusammenbrach, doch das Gesicht hat die vertrauten Konturen, wenn auch die Linien darin soviel schärfer sind als früher.

Sie wiederholt seinen Namen. Paolo. Er sei doch Paolo Viglietti, der Paolo aus Santiago?

Der Mann sieht sie an ohne Erkennen, weder nickt er noch verneint er die Frage.

Er erinnere sich nicht mehr, stellt sie ein wenig beleidigt fest, sie sei Inez, Nandos kleine Schwester. Sie hätten doch die Flugblätter verteilt, Seite an Seite, bevor man sie zusammentrieb, damals …

Oh ja, er erinnere sich, meint er nach einem Räuspern, offenbart ein flüchtiges Lächeln und will ihr wieder den Rücken zudrehen.

Sie fragt, ob sie sich zu ihm setzen dürfe. Paolo zuckt die Achseln, nickt dann höflich.

Das Café Estrella ist nur mäßig besetzt. Ein Mädchen spielt Akkordeon. Sie ist nicht sehr geübt, greift ein paar Mal in die falschen Tasten. Dann hört es sich an wie ein Weinen.

Inez und Paolo sehen sich an, lächeln einander zu.

Ob er noch spiele, will sie wissen und denkt zurück an die Abende in ihrem Haus. Paolo hatte das Akkordeon beherrscht wie ein General seine Armee. Jede der Tasten reagierte auf seine flinken Finger. Er wollte Musiker werden. Der Welt mit seiner Musik von dem Unrecht erzählen.

Paolo schüttelt den Kopf und hebt kurz seine Hände. Sie wollen nicht mehr so, die Finger, ein bisschen steif, seit ...

Oh ja, sie verstehe.

Sie schweigen eine Weile.

Wie es Maria gehe, fragt sie dann.

Die Musikerin lässt das Akkordeon seufzen.

Sie habe immerzu an die Ratten denken müssen, immerzu, bei jeder seiner Berührungen, erklärt er und rührt den Kaffee, bis er schwarze Blasen wirft. Sie habe schon immer Angst vor Mäusen gehabt, einmal, da hätte er eine Maus in ihren Stiefel gesteckt, sie sei so wütend gewesen damals, aber danach, da habe sie ihm verziehen und sie hätten sich geliebt, zärtlich und wild ... Aber die Ratten könne sie einfach nicht vergessen.

Er tunkt den Löffel in den Kaffee, dann lässt er die schwarze Flüssigkeit langsam hinab tröpfeln. Ein leises Plopp begleitet jeden Tropfen beim Eintauchen in das schwarze Meer.

Sein Kaffee werde kalt, meint sie irgendwann. In ihrer Stimme klingt Bedauern, ihn überhaupt angesprochen zu haben. Sie war nicht vorbereitet auf seine Lethargie.

Er trinke keinen Kaffee mehr, antwortet er, es sei nur eine alte Gewohnheit. Früher, da habe er um diese Zeit immer einen Kaffee mit Maria getrunken und die wichtigsten Tagesabläufe besprochen, die Neuigkeiten, die nächsten Aktionen. Erhitzt durch den Zorn der Gerechtigkeit, die Sicherheit derer, die sich im Recht wissen. Venceremos* ...

Die Mutter hoffe immer noch, Nando eines Tages wieder zu finden, murmelt sie.

Die Hoffnung sterbe zuletzt, erwidert er und schiebt die Tasse weit von sich. Zwei Finger seiner rechten Hand zeigen eine unnatürliche Krümmung. Er zieht sie schnell vom Tisch, doch Inez ist das nicht entgangen.

Es sei schlimm gewesen, das sei es doch, oder?

Ist es so schlimm? fragte der Doktor üblicherweise, wenn sie ihn holten aus dem Gestank, der Kälte und dem Warten. Da seine Augen die meiste Zeit über verbunden waren, konnte er nichts sehen, aber umso deutlicher hören. Das Scharren der Stiefel auf den Fliesen. Das Lachen. Das Kratzen eines Fingernagels auf dem Holz. Das Tröpfeln von Wasser. Einer von ihnen zog ständig den Rotz durch die Nase. Bis zu dem Tag, an dem sie ihm auf die Ohren schlugen, da war es mit dem Hören auch nicht mehr gut. Paolo nannte ihn den Doktor, weil er ihn und die anderen manchmal untersuchte und Medikamente anordnete, die sie bei Bewusstsein hielten. Seine Stimme erinnerte an Padre Ernesto, leise war sie, ein bisschen gelangweilt. Es wurde immer ganz still, wenn er den Raum betrat. Meistens hatte er vorher Kaffee getrunken, ein schwacher Hauch davon hing noch in seiner Uniform und dann knurrte Paolos Magen und er schämte sich für seine Schwäche.

Haben Sie Hunger? erkundigte sich der Doktor. Kaffee vielleicht, eine Zigarette? Ich lasse es Ihnen kommen, wenn Sie kooperieren. - Nein? Ich fürchte, Sie müssen weiterhin auf die Mahlzeiten verzichten.

Der Doktor und der Laute wechselten sich ab. Der Laute hieß Sergio. Die Zeit mit ihm war sehr anstrengend. Er roch auch viel unangenehmer als der Doktor. Ein wenig säuerlich. Nach abgestandenem Schweiß. Nach Erbrochenem. Dafür hielten seine Schläge wach.

Ihre kleine Schwester und meine Tochter gehen auf dieselbe Schule, sagte der Doktor an dem Tag, an dem er die Zunge untersuchte, die Paolo im Krampf blutig gebissen hatte. Ein braves Mädchen. Sehr entgegenkommend. Ich habe mich ausgiebig mit ihr unterhalten. Nicht doch, warum sollte ich lügen? Hören Sie, ich glaube, sie ist nebenan. Ruhig, ruhig! ... Wir wollen Sie doch noch nicht verlieren ...

Sergio erzählte von Maria, während er die Elektroden befestigte. Ganz heiß auf die Ratten sei sie. Ganz heiß. Und er lachte dabei. Maria. Maria mit den schimmernden Augen. Die Nacht, in der sie sich das erste Mal geliebt hatten, sie war so unschuldig, so unerfahren. Der Laute jagte den Strom durch die Drähte.

Der Doktor strich ihm beruhigend über den Kopf, als Paolo weinte. Ist ja gut, du kannst mir alles sagen. Sag mir einfach alles! Seine Hände gingen behutsam vor, ganz anders als die des Lauten. Paolo verriet jeden einzelnen seiner Kampfgefährten, seiner Freunde. Agosto, Daniel ... Nando. Nur fünf Tage und sie hatten ihn gebrochen. Fünf Tage und fünf Nächte. Er war nicht wie Victor*, der ihnen ins Gesicht sang, als sie seine Hände brachen: Venceremos! Wir werden siegen! Paolo Viglietti war kein Sieger, kein Held.. Er war nicht einmal mehr ein Mensch.

„Gut, dass es vorbei ist", meint Inez und wischt einen Krümel vom Tisch.

„Ja", sagt Paolo, legt den abgezählten Geldbetrag neben den kalten Kaffee, strafft die Schultern, als koste es ihn Überwindung, sich zu erheben, diesen Platz zu verlassen, das Café zu verlassen und der Straße sein Gesicht zuzuwenden.

„Gut, dass es vorbei ist ..."


*Venceremos - Wir werden siegen

*Victor Jara, chilenischer Musiker (1932-1973)