Zimtstern und Orangenmond

Ein lukullisches Krimimärchen

Are you going to Scarborough Fair?

Parsley, sage, rosemary and thyme.

Remember me to one who lives there

She once was a true love of mine.

(Englisches Volkslied)


Hallo?

Ja, richtig – ich meine dich! Schließlich ist niemand anderes hier, oder?

Halt, lauf nicht weg! Ich wollte dir keine Angst einjagen, nur deine Aufmerksamkeit auf die gegenüberliegende Straßenseite lenken. Nein, nicht die grelle Leuchtreklame, auch nicht das Plakat mit der bestmöglichen Geldanlage, nein - weiter rechts!

So ist es richtig!

Und jetzt lass deinen Blick über die efeuberankte Mauer wandern! Nimmst du den schwachen Schimmer wahr? Weht bereits ein sinnlicher Hauch zu dir herüber?

Mmm, ja, du bist ein Genießer, das erkenne ich an der Art, wie du die Nasenflügel erzittern lasst.

Gut!

Gut – allerdings weiß ich nicht, warum du dann noch da draußen herum stehst, in der Dunkelheit, zögernd wie ein Maulwurf, der dem Sonnenlicht misstraut. Es wird gleich regnen, also komm ruhig näher!

Ja, so ist es richtig, ein Fuß vor den anderen. Kannst du die Krone auf dem Messingschild erkennen? Die Krone aus Basilikum?

Wunderbar, du bist angekommen! Nun drückst du deine klammen Hände gegen das Holz der Eichentür!

Ist das angenehm? Das Holz ist immer warm, trotz des Winters. Eigenartig, nicht wahr?

Halt – mach keinen Rückzieher! Drück´ die Tür auf! Ja, gut gemacht! Und nun: Tritt ein!

Willkommen im Kräuterkönig!

Richtig, es ist noch niemand da. Niemand außer dir. So hast du noch ein wenig Zeit, dich umzusehen. Nur noch wenige Minuten, dann wird der Raum unter der gewölbten Decke mit erwartungsvoll knurrenden Mägen, flüsternden Stimmen und gespanntem Lachen gefüllt, jeder der rot gepolsterten Stühle besetzt sein.

Die Tische sind für ihren Auftritt geschmückt, siehst du? Heute Abend schlingen sich Girlanden aus Petersilie und Thymian um die schimmernden Gläser und die Dillblüte dort in der Mitte, auf ihrem Thron aus Kresse, wird von Pfeffer- und Vanilleschoten bewacht. Die ledergebundenen Menükarten warten auf ihren Einsatz. Auch wenn es manchmal nicht so einfach ist, die einzelnen Komponenten der Menükompositionen zu identifizieren, so sind es doch nicht die Zutaten, die die Gäste des Kräuterkönigs jeden Abend aufs Neue zu entschlüsseln versuchen; nein, vielmehr ist es dieses Gespinst aus Genuss und Fantasie, das in jedem von uns schlummert und geweckt werden will – auch in dir, denn schließlich hast du es ja gewagt, einzutreten!

Doch das Geheimnis offenbart sich nur wahren Genießern. Und deren seliges Lächeln lässt dann die übrigen Gäste schleunigst die eigene Bestellung mit den Worten „Ich nehme dasselbe wie der Herr da drüben" revidieren. Alle, die hierher kommen, wissen von dem Zauber dieses lukullischen Tempels. Doch das Beste daran ist:

Er gehört mir!

Oh, ich habe mich noch nicht vorgestellt ... Nun, du wirst mich im Lauf der Geschichte noch kennenlernen. Nur soviel: Ich bin also die Besitzerin. Die glückliche Besitzerin! Das muss ich betonen, denn das war nicht immer so. Im Grunde genommen war es über zwanzig Jahre meines bisherigen Lebens nicht so, doch das vergangene Jahr hatte mich für die mageren Vorgänger hundertfach entschädigt. Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Ich habe nie gehungert, zumindest nicht körperlich, nicht einmal während meiner zahlreichen Diätversuche, doch meine Seele dämmerte am Rand des Hungertodes dahin. Oh ja, sie lechzte nach einem Festschmaus und man warf ihr nur ab und an ein paar Brotkrumen hin, gerade genug, um nicht zugrunde zu gehen, aber viel zu wenig, um wirklich zu leben.

Doch der schale Fraß war gestern, heute schlemme ich, genieße den Tag mit dem ersten Morgenrot bis tief in die weinselige Nacht. Und manchmal werde ich Zeuge, wie einem meiner Gäste genau dasselbe widerfährt wie mir. Vielleicht der hübschen Brünetten, die beinahe jede Woche bei uns speist. Oder dem distinguierten, hochgewachsenen Mittdreißiger, der so gut zu ihr passen würde? Oder das Pärchen an Tisch sieben, das seit seinem ersten Erscheinen bei uns nie auch nur ein Wort miteinander gewechselt hat … Vielleicht entpuppen sie sich nach einem feurigen Chilli und den passenden Worten als stürmisches Liebespaar?

Du glaubst mir nicht?

Das verstehe ich. Ich würde es ja auch nicht glauben, hätte ich es nicht selbst erlebt. Es fing an mit den Zimtsternen ... oder nein ... viel früher! Eigentlich begann alles mit dem Buch.