5. Kapitel

Als der Schwindel endlich nachließ, hielt ich die Augen vorsichtshalber geschlossen. Mir war noch immer speiübel. Und ich schwor zum wiederholten Mal, beim Lesen nicht mehr zu naschen, denn dann merkte ich nie, wann es genug war.

Diesmal war es genug gewesen!

Ich presste die Hand auf meinen Bauch, um die unweigerliche Entladung bis zur Kloschüssel zurückzuhalten, und erstarrte: Statt des weichen Frottees meines Bademantels fühlten meine Finger einen festen, beinahe rauen Stoff. Ich öffnete die Augen und sah irritiert auf meine Körpermitte: Eine silberne Schnalle, Teil eines breiten Ledergürtels, lugte unter meiner Hand hervor, ein blutroter Rubin verzierte die obere Hälfte.

Ich riss die Augen weiter auf – sie müssen groß wie Christbaumkugeln gewesen sein -, schloss sie aber gleich wieder.

„Was ist denn, mein lieber Bruder, ist dir nicht gut?"

Oh nein!

„Ich habe dich immer vor den Naschereien gewarnt. Hast du es wieder übertrieben?"

Ganz vorsichtig hob ich das rechte Augenlid, das linke folgte zögernd. Die freigelegten Pupillen erhaschten bunte Kleidersäume, niedergetretene Grashalme, blühenden Schnittlauch in einem Kranz aus Kresse …

Das konnte nicht sein!

Eine Hand berührte meinen Arm und ich richtete mich hastig auf.

„Hast du Krämpfe?"

„Es geht schon", murmelte eine Stimme, die aus meiner Kehle kam, doch sie war tiefer als üblich und klang auch sonst irgendwie - fremd. Ich räusperte mich, hustete zweimal und kniff die Augen wieder zusammen. Wenn ich erneut öffnete, würde alles sein, wie gehabt – ich würde in meinem gemütlichen Sessel sitzen, das Buch auf den Knie, Zimtsternkrümel auf der Zunge … Ganz bestimmt!

Also gut, öffne die Augen wieder, Romy! ... Jetzt!

Doch es war, was nicht sein konnte. Da standen sie um mich herum und sahen mich an: Rosemary, in ihrem Butterblumen-Kleid, Mme Jamaisnon daneben, rund und wohlgenährt mit roten Apfelbacken und einem Plätzchen in der Hand, Zuccero, der Konditor, dessen Miene ungläubige Skepsis und auch Schuldbewusstsein zeigte, Zinnobra, dürr und königlich, mit Augen wie blasse Opale.

„Ups", hauchte ich.

„Fad!" Zinnobra klang wirklich besorgt. „Was ist dir nur? Entschuldigt mich, Rosemary, ich glaube, ich geleite ihn besser in seine Gemächer..." Eine Hand wedelte zu Meister Zuccero hinüber. „Fort ... fort mit ihm und seinem Teufelszeug!"

Sie hakte mich unter und zog mich aus der Runde der Schaulustigen. Ich klapperte noch immer mit den Augenlidern. Auf zu, auf, zu ... irgendwann musste ich doch aufwachen!

„Reiß dich endlich zusammen, Bruder", raunte diese unangenehme Stimme an meinem linken Ohr, während ich automatisch einen Fuß vor den anderen setzte. „Sie sehen uns hinterher ..."

„Mir ist nicht gut ..."

„Oh ... ihm ist nicht gut!" Warum wiederholte sie meine Worte mit diesem bissigen Tonfall?

Also gut, ich war in diesem Traum und alle Bemühungen, zu erwachen, waren bisher fehlgeschlagen – dann konnte ich ruhig noch ein bisschen weiter träumen. Schließlich war diese Scheinwelt alles andere als unangenehm: Es duftete herrlich aus allen Richtungen, statt Schneeflocken rieselten Blütenblätter auf mein Gesicht, es war wunderbar warm.

Es gelang mir schließlich, meine Augen dauerhaft offen zu halten und so konnte ich mein Entzücken beim Anblick der Farbenpracht, durch die ich mich bewegte, nicht verleugnen.

„Na endlich! Ich dachte schon, wir müssten dich dem Bader vorstellen!"

Irgendwann würden mich die Zwillinge wieder in die Wirklichkeit holen, aber bis dahin konnte ich genauso gut mitspielen ...

„Jaja, es geht schon besser", entgegnete ich also und fügte – um mich an den fremden Klang meiner Stimme zu gewöhnen - hinzu: „Nur ... ein kleiner Schwächeanfall!"

„Pft, ich wünschte, du würdest dich wenigstens vor ihr zusammenreißen!"

Meine Schritte wurden sicherer und gierig ließ ich meinen Blick wandern. Es duftete hypnotisch: Minze, Majoran und Melisse wechselten sich ab mit Lauch und Liebstöckel; ich entdeckte die samtigen Blätter des Frauenmantels, davor cremeweiße Yucca-Blüten, Kornblumen mischten sich mit Goldmohn, Ringelblumen mit orangefarbener Kapuzinerkresse – über allem hing der schwere Duft des Jasmins, der den Weg säumte wie ein meterlanger Brautschleier.

Ich war stolz auf Thyme, den Kräutersammler, der diesen Garten so prachtvoll gestaltet hatte. Ich hatte immer gern die Stellen gelesen, wo er – mit freiem Oberkörper versteht sich, denn es war ja immer so warm - junge Pflanzlinge setzte oder die Blätter eines Würzkrauts zwischen den Fingern rieb und den Duft inhalierte. Da er das oft tat, musste er selbst wie ein Potpourri riechen … Gerochen haben – denn er war ja tot! Meine Begeisterung bekam einen ordentlichen Dämpfer und ich empfahl meiner Nase, sich wieder auf ihre Grundfunktion, das Atemholen, zu konzentrieren.

Wie ich so durch den Zaubergarten an der Seite dieser Frau eilte, die ja nun wohl meine Schwester war, bemerkte ich zwischen dem Lavendel eine weitere Gestalt, kräftig und braungebrannt. Das musste Curcuma sein, Thymes Halbbruder. Ich konnte mir eine Bemerkung nicht verkneifen:

„Kommen Sie zurecht?"

Curcuma richtete sich auf und schenkte mir einen finsteren Blick. „Ja, Herr", antwortete er knapp, beinahe feindlich. Ich mochte ihn nicht. Er und Thyme hatten sich nie gut verstanden. Er war eifersüchtig auf das Talent seines Halbbruders und wenn ich jemandem einen Mord zugetraut hätte, dann ihm.

„Es ist sicher nicht leicht für Sie... ahem ... Euch, so ohne Meister Thyme, stimmt´s?"

„Was redest du denn da? Lass doch den Mann in Ruhe", zischte Zinnobra und zerrte mich weiter.

Ich spürte den dunklen Blick Curcumas in meinem Nacken und als ich noch einmal zurück sah, erschrak ich über das, was ich darin zu erkennen glaubte.

Ich konnte meine Gedanken nicht weiter vertiefen, denn die Frau an meiner Seite zog mich plötzlich durch einen Torbogen neben einer lustig tanzenden Fontäne aus der Mütze eines steinernen Bäckers hinter eine Sanddornhecke.

„Du Narr", fuhr sie mich an und ihr Gesicht verzog sich unangenehm. „Willst du alles zerstören?"

Da ich nicht wusste, worauf sie hinaus wollte, antwortete ich versuchshalber: „Nun, ähm ... nein?"

„Glaubst du, ich habe nicht bemerkt, wie du aufgehört hast, ihr Aufmerksamkeiten zukommen zu lassen? Das ist dumm, sehr dumm!"

„Ach ...?"

„Sie könnte sich die ganze Sache noch einmal überlegen – und was dann? Ich ich bin diejenige, die sie bei Laune hält, weil du zu passiv bist. Du solltest nicht vergessen, wie viel für uns auf dem Spiel steht!"

„Ach ...?"

„Und ..." Jetzt kam sie mir ganz nahe und ich konnte erkennen, dass ihre Augen von demselben wässrigen Blau waren wie die Ohrgehänge, die sie trug. Tapfer hielt ich ihrem Blick stand, denn ich war ja größer als sie. „ … halte dich von diesem Muskat fern! Wenigstens in der Öffentlichkeit!"

Dann rauschte sie davon und ließ mich grübelnd zurück. Es stand also etwas auf dem Spiel für uns? Das war ja interessant.

„Herr, warum antwortet Ihr nicht?"

Aus dem Nichts tauchte plötzlich ein hübscher, braungelockter Bursche auf und schenkte mir einen vorwurfsvollen Blick aus großen Rehaugen.

„Oh ... meinst du mich?"

Der Junge sah mich noch eine Spur betrübter an. „Ich habe Euch erzürnt ..." murmelte er und griff so hastig nach meinen Händen, dass ich ins Stolpern geriet. Er legte meine Hände an seine Wange und klagte: „ Ihr mögt mich nicht mehr, nicht wahr, mein Prinz? Warum mögt Ihr mich nicht mehr?"

Mit Entsetzen sah ich eine Träne aus seinem Augenwinkel die Wange herabrollen, entzog ihm eine Hand und tätschelte ganz kurz sein Haar.

„Na, na, das stimmt doch gar nicht ..."

Die Hingabe, mit der seine Augen zu mir aufsahen, verwirrte mich und ich suchte die Gegend unauffällig nach Rettung ab.

„Wirklich nicht?" Die Stimme war tränenerstickt, doch voller Hoffnung.

„Sicher nicht!" Ich hatte keine Ahnung, ob das die richtige Antwort war, aber warum sollte irgendjemand diesen hübschen Jungen nicht mögen?

„Muskat? Wo steckst du?" rief jemand von jenseits der Hecken. Der junge Mann reckte sich plötzlich, küsste mich direkt auf den Mund und verschwand dann zwischen einer Reihe von Johannisbeersträuchern, schnell wie ein Reh. Ungefähr eine halbe Minute stand ich nur da und starrte ihm hinterher. So lange dauerte es, bis die Erkenntnis endlich den letzten Rest der Dämmerung aus meinem Verstand vertrieb.

Noch vor fünf Minuten war ich eine verbitterte Verlassene im Zuckerrausch gewesen und nun ein angehender Bräutigam mit einer Schwäche für junge Männer, einer sehr dominanten Schwester und einem Wams, in dem ich fürchterlich schwitzte.

Was für ein Traum.