- Ein Tag: kurzlebig, unscheinbar, vergänglich. Nichts mehr als eine Streuung von Licht und Schatten. Ein Experiment der Naturwissenschaften. Immer wieder aufs Neue durch Monate und Jahre geteilt. Als eine wage Summe aus Stunden und Sekunden, ist er am Ende doch nur eine Anhäufung aus Ereignissen. Wie ein Traum, unterbrochen von den kurzen wachen Momenten in denen uns die Wirklichkeit ins Gesicht peitscht. -

Laras Fall

Der Kaffee schmeckte an diesem Morgen süßer als sonst. Und das, obwohl Lara sicher war nichts anders gemacht zu haben. Für gewöhnlich achtete sie sehr genau darauf zwei gehäufte Löffel des löslichen Pulvers und einen nicht gehäuften Löffel Zucker in ihrem grau-lila gestreiften Kaffeepott zu vermengen. Doch auch dies schien ihr neuerdings nicht mehr zur ihrer Zufriedenheit zu gelingen. Nach anfänglichem Stirnrunzeln über den unerwarteten Geschmack, schärft der zweite Blick ihre Sinne genug um sie erkennen zu lassen, dass das vertraute Grau einem tristen Weiß gewichen ist. Egal wie sie es dreht und wendet, es ist die falsche Tasse.

Den Kaffee mit beiden Händen fest umklammert, lehnt sie sich seufzend gegen die hölzerne Küchenzeile. Ihr Blick ist gedankenverloren geradeaus gerichtet. Regentropfen hangeln sich eifrig an dem kalten Glas des Fensters hinab. Sie hat das Gefühl nichts anderes in den letzten Tagen gesehen zu haben und ist sich nicht mal mehr sicher, ob die Sonne vor ihrem Küchenfenster überhaupt noch aufgeht oder ob sich die Fassade vielleicht heimlich in der Nacht abgewandt hat.

Der Alltagstrott lässt glücklicherweise nur wenig Raum, um sich ernsthaft über die wolkenverhangene Wetterlage zu beschweren. Doch jetzt wo auch noch der misslungene Kaffee hinzukommt, ist sich Lara sicher von einer echten Pechsträhne verfolgt zu werden.

Wie üblich schellt das Telefon gegen 8:30 Uhr. Wie üblich ignoriert sie den schrillen Ton. Sie weiß, es ist ihr Netzbetreiber, der seit Tagen versucht sie anzurufen um ihr von aktuellen, tollen und absolut innovativen Angeboten zu berichten, die ihr Leben in jeden Fall immens bereichern würden. Jeden Morgen aufs Neue ist sie wütend über die unmögliche Uhrzeit an dem das Mobilfunkunternehmen ihre ach-so-wertvollen Kunden belästigt. Gleichzeitig fühlt sie sich jedoch außerstande ihr Desinteresse zu bekunden. In den letzten Monaten hat sie jegliche Interaktion mit anderen Menschen gemieden. Schwer genug schon sind die täglichen kleinen Small-Talks mit ihren Kollegen. Nun hat sie schon endlich ein eigenes Büro und trotzdem klopft es mehrmals täglich. Und das, obwohl sie die Tür immer geschlossen hält, unter dem Vorwand vollkommen beschäftigt zu sein.

Nachdem sie die halbvolle oder, in Laras Fall, halbleere Tasse auf der Spüle abgestellt und beschlossen hat ihren Kaffee in Zukunft ohne Zucker zu trinken, nimmt sie ihre Handtasche und zieht die Haustür hinter sich zu. Für einen kurzen Moment verharrt sie auf der Türschwelle. Mit geschlossenen Augen atmet sie mehrmals langsam ein und aus und geht dann mit schnellen Schritten Richtung U-Bahn.

Nur knapp hat sie dem Drang widerstanden sich umzudrehen, um ihren Blick noch ein paar Sekunden gedankenverloren an der Schwelle kleben zu lassen. Sie weiß, sie würde ihre Bahn verpassen. Nur zu gut kennt Lara die Unbarmherzigkeiten des kalten Steins. An Tagen wie diesen ist sie sich jedoch nicht sicher, ob sie damit die Stufe oder die Schwere in ihrer linken Brust meint.

Der Weg zur U-Bahn gestaltet sich wie immer ereignisreich für die junge Mittzwanzigerin. Nachdem sie die erste Herausforderung des Tages - und ja, das Haus zu verlassen wenn man eigentlich nur schlafen will, darf durchaus als beachtlicher Erfolg gewertet werden - hinter sich gebracht hat, verwendet sie nun ihre ganze Aufmerksamkeit auf das korrekte Begehen des Bürgersteiges. Man mag glauben dabei nicht sonderlich viel falsch machen zu können, doch Lara weiß, schon ein kleiner Fehltritt kann Versagen bedeuten. Akribisch achtet sie darauf ihre Füße nur auf intakte Gehwegplatten zu setzen und die Verbindungslinien dabei nicht zu betreten. Es ist kein Tick oder gar eine Zwangsstörung, sondern einfach eine gute Ablenkung, welche sie in den letzte Monaten entwickelt hat um sich den Weg zur Arbeit zu vereinfachen. So ist ihr Kopf vollkommen damit beschäftigt die selbstauferlegte Herausforderung korrekt und fehlerfrei durchzuführen, anstatt den Gedanken an die Flucht nach hinten weiterzuverfolgen.

Einmal an der Haltestelle angekommen beginnt das Fixieren der elektronischen Tafel, begleitet von der fortwährenden Frage in welcher Zeitrechnung die angezeigten Minuten wirklich angeschlagen sind. Denn in Bahnsprache wird ‚eine Minute' schon gern mal zu fünf oder ‚sofort' zu zehn Minuten später. Eigentlich gar nicht so weit entfernt von Laras Wahrnehmung. Aber leider folgt die Welt, und in diesem Fall vor allem ihr Chef, einer Zeitvorgabe, die nur wenig mit der der U-Bahn zu tun hatte.

Als die gelben Wagons sich endlich zischend aus dem Tunnel schlängeln und langsam vor ihr zum Stehen kommen, zögert Lara einen kurzen Moment. Ein nervöser Blick zu beiden Seiten macht klar, dass sie heute wohl nicht darauf hoffen kann einem anderen Fahrgast den Vortritt zu lassen und sich damit widerwillig überwinden muss den Türknopf selbst zu betätigen. Im Inneren des Wagons setzt sie sich schnell auf einen Platz direkt neben der Tür. Glücklicherweise ist die U-Bahn auf dieser Strecke nie überfüllt, was ihr jeden Tag eine relativ freie Sitzplatzwahl ermöglicht. Sofort beginnt sie ihre rechte Hand an ihrer schwarzen Hose zu reiben, in der Hoffnung loszuwerden, was-auch-immer sie an dem Türknopf an Keimen und Bakterien aufgelesen hat. Das beinahe rhythmische Brummen der rasenden U-Bahn, in Kombination mit den gleichmäßigen Bewegungen ihres Armes, lässt ihren Kopf für einige Zeit leicht werden. Ihre Gedanken entführen sie nach und nach auf eine Reise, die ganz und gar nicht mit der Fahrtrichtung übereinstimmt. Lara weiß, sie sollte nicht dorthin zurückgehen, aber zu schwach ist der Widerstand ihres Geistes in diesem kurzen Moment trister Großstadt-Monotonie.

Die Luft war ungewöhnlich warm für einen Abend im April. Immer mehr schien sich die altbewährte Zeitrechnung zu verschieben, in welcher die Jahreszeiten die Nordhalbkugel heimsuchten. Unangepasst an moderne Verhältnisse, würde der Sommer wohl bald im März starten und im Juni bereits vorbei sein. Normalerweise ein heikles Thema, über welches unbedingt hitzig debattiert werden sollte - wenn auch nur in Laras Kopf - doch jetzt war nicht der Moment dafür. Es war ein Moment für viele Dinge, aber keines davon hatte genug Gewicht, um ihren Blick von dem brennenden Wolkenmeer loszureißen, in welches die Sonne am Horizont versank. Wie ein dunkler Vorhang begann sich die bereits herannahende blaue Stunde auf die letzten Strahlen des Tages, die wie Scheinwerfer aus den Wolken brachen, zu stürzen. Der Wind war nicht mehr als eine Brise, welche nur schwach vermochte den blühenden Raps zu wiegen. Erst einige Minuten nach dem Schauspiel fühlte sich Lara bereit ihre Gedanken wieder einzuholen, welche sie unbeschwert hatte steigen lassen.

Das Gefühl von warmen Lippen auf ihrem rechten Schulterblatt hinterließ ein Lächeln auf ihrem Gesicht. Wortlos drehte sie sich um und tauschte es gegen einen tiefen Blick, der sich kurz darauf in einem innigen Kuss verlor. Die Welt war so perfekt wie sie es nur sein konnte. Ihre Hand sicher wissend in einer anderen, erschien der Weg bis zum Auto gerade lang genug, um in die Symphonie der Hochspannungsleitung zu versinken. Schon immer hatte Lara das Geräusch der Elektrizität geliebt. Die Töne von etwas Unsichtbaren zu hören, war wie Magie. Während sie zum Ende des Feldes liefen, surrten die riesigen Masten, welche sich direkt über Ihnen erstreckten, unaufhörlich in der Dämmerung. An manchen Tagen klang es wie ein Heer von Insekten, an anderen wie eine bedrohlich zischende Klapperschlange. An diesem Tag jedoch, war es eher wie das stille Rauschen der Wellen in einer kleinen Bucht. „Kannst du es hören?" fragte Lara mit geschlossenen Augen, als sie unverhofft stehen blieb. Die Schritte hinter ihr verstummten ebenfalls, doch die Stille wurde schnell gefüllt. „Was ist es heute?", fragte die vertraute Stimme.

Das Meer." antwortete Lara bevor sie ihre Augen wieder öffnete und sich umdrehte. Ihr Blick fand die grün-grauen Augen ihres Gegenübers ohne Umwege. Wortlos überbrückte sie die Distanz zwischen ihnen. Nur ein kleiner Kraftaufwand des Arms, der sofort ihre Taille umschlang, genügte um sich fallen zu lassen. In eine Welt der Unvernunft und in die schützenden Arme ihrer Begleiterin. Lara wusste ihr bleibt nur ein kurzer Moment, um ihre Lungen zu füllen, bevor sie ein weiteres Mal atemlos sein würde. Sie nahm einen tiefen Zug Freiheit, welchen sie bereitwillig jemandem opferte, der ihr so ähnlich und gleichzeitig doch so fremd erschien. Jemand der es schaffte ihr Verstand und Atem mit einem einzigen Kuss zu rauben. Jemand der es wert war…

Das hektische Piepen der Türen reißt Lara nicht nur jäh, sondern auch unverhofft aus dem Nebel ihrer Erinnerungen. Erschrocken über die plötzliche Ankunft an der Endhaltstelle, springt sie auf und verlässt die Bahn als eine der letzten Fahrgäste. Sofort peitscht ihr ein kühler Wind entgegen und zerstört jegliche Anstrengung, die sie heute Morgen vorm Spiegel in ihre Haarpracht gesteckt hatte. Sie zieht frustriert an ihrem Haarband und schickt ihre dunklen Haare, welche nun schon fast über ihre Schulterblätter reichten, in einen aussichtlosen Kampf.

Im Büro angekommen, bestaunt sie das Chaos auf ihrem Kopf in einem kleinen Taschenspiegel. Diesen trug sie in letzter Zeit immer bei sich. Es ist ein Andenken, aber auch eine Mahnung. Die Welt hat immer zwei Gesichter. Alles hat ein Spiegelbild, welches nicht die Realität, sondern nur eine verzerrte Wahrnehmung davon wiedergibt. Aber sie würde sich nicht mehr täuschen lassen. Weder von Spiegeln, noch von Menschen.

Schwermütig nimmt sie ihre gewohnte Arbeitshaltung hinter ihrem Schreibtisch ein und beginnt den Tag zu strukturieren. Die Arbeit ist gerade anspruchsvoll genug, um sie beschäftigt zu halten, aber dennoch nicht erfüllend. Blatt um Blatt und E-Mail um E-Mail verkürzt sie ihre alltägliche Tortur. Ein Small-Talk hier, ein Telefonat da und schon bald würde sie erlöst sein. Doch die Zeiger der Uhr verschlingen nur träge die Minuten, die sie von dem ersehnten Feierabend trennen, welcher sie zurück in die Ruhe ihrer eigenen vier Wände führen wird. Es ist ein ereignisloser Tag in einer ereignislosen Woche. Die einzige Abwechslung sind die verschiedenen Geräusche der Baustelle vor dem großen Gebäude in dem ihr Büro lag. Ein Presslufthammer, der regelmäßig von einem lauten Zischen oder einem ächzenden Bagger abgelöst wird, durchbricht hier und da das stete Muster. Die Fenster waren gut isoliert, aber trotzdem erscheint einfach alles zu laut. Der Baustellenlärm, die spielenden Kinder auf dem Schulhof nebenan, das Klingeln der Telefone, die Stille, welche sie umgab, wenn sie erneut ihr Herz vor den herannahenden Erinnerungen verschloss.

Das vertraute Klicken in ihrer Brust, das nur sie hören kann, erspart ihr, Worte zu verschenken, die sowieso niemals zurückkommen würden. Lara würde sie aufsparen und sammeln. Für einen Moment an dem sie es wert waren wieder gesagt zu werden.

Mit leerem Blick fokussiert sie die aufsteigenden Blasen in ihrem Wasserglas, welches immer links neben ihrem Bildschirm steht. Unaufhörlich drängt die Kohlensäure an die Oberfläche mit nur einem einzigen Ziel: dem flüssigen Gefängnis zu entkommen. Dies ist offenbar so erstrebenswert, dass das Auflösen in der Luft, welches sofort danach folgt, nur ein weiteres Hindernis auf dem Weg der Freiheit zu sein scheint.

Hast du dich jemals gefragt, warum Ikarus immer weiter Richtung Sonne geflogen ist? Höher und höher, obwohl er merkte, dass das Wachs an seinen Flügeln schmolz." Lara erstarrte für eine Sekunde vor Schreck über die plötzliche Verbalisierung ihrer Gedanken, die normalerweise nur für sie selbst bestimmt waren. Aus irgendeinem unerfindlichen Grund hatte ihr Mund sie zu Worten geformt, welche sie nun nicht mehr zurücknehmen konnte. Beschämt über ihren Ausbruch drehte sie ihren Kopf weiter nach links und beschleunigte ihre Schritte auf dem Kopfsteinpflaster. „Ich denke manchmal muss man einfach Dinge tun, auch wenn man weiß, dass sie einen am Ende verletzen werden." Die Antwort jagte Lara, holte sie ein und hing sie schließlich wortlos ab. Sie blieb stehen und bewunderte einmal mehr das aufgeschlossene Gesicht des schwarzhaarigen Mädchens hinter ihr. Wobei Mädchen vielleicht nicht das richtige Wort war. Aber mit Mitte Zwanzig jemanden als Frau zu adressieren, fühlte sich irgendwie merkwürdig auf ihrer Zunge an. Es war dasselbe Gefühl, das Lara hatte, wenn Jugendliche sie auf der Straße siezten.

Ein Lächeln zeichnete sich an den Mundwinkeln ihres Gegenübers ab und sie wusste nur zu gut, dass es ihr galt. „Sag nichts, Paula. Ich weiß, was du denkst." Ungeniert dehnte sich das Schmunzeln zu einem Lachen aus, welches schließlich von Worten unterbrochen wurde. „Soso. Na da bin ich mal gespannt." Paulas Stimme klang noch immer amüsiert und brachte Lara dazu unbewusst zu schmollen. „Ich bin mal wieder in meinen Gedanken versunken und habe die Welt um mich herum vergessen. Du hast es natürlich sofort gemerkt und dich über meine Verrücktheit lustig gemacht." Das Lächeln des etwas größeren Mädchens wich einem ernsteren Blick. „Zum Teil richtig. Fragt sich nur welcher Teil, nicht wahr?" Paula machte zwei Schritte nach vorn, um zu Lara aufzuschließen, welche außer Stande war sich zu bewegen. Der Augenkontakt hielt sie fest an Ort und Stelle. Sie fühlte wie Paulas Mund über ihre Wange strich kurz bevor er ihre Lippen gefangen nahm und ihren Verstand vereinnahmte. Ihre Brust fühlte sich an als würde sie innerlich verbrennen. Aber sie konnte nichts tun, als weiter auf die Sonne zu zufliegen, obwohl sie das schmelzende Wachs bereits riechen konnte...

Gegen siebzehn Uhr reißt Lara endlich ihren Blick von den immer weniger werdenden Blasen im Wasserglas los.

Trotz des kühlen Herbstwindes, der sie eigentlich voranpeitschen müsste, tragen ihre Füße Lara nur langsam nach Hause. Gelähmt vom Tanz der bunten Blätter, die sie auf Schritt und Tritt begleiten, bleibt sie für einen Moment vor einer großen Eiche stehen. Die Straßenlaternen flackern ringsherum auf und tauchen die dunkler werdende Welt in ein schummriges Zwielicht. Das fallende Laub wirkt dabei wie ein surrealer Schleier vor ihrem Auge. Blatt für Blatt befreit sich der Baum von den Erinnerungen an den Sommer. Die Äste biegen und winden sich unter einer Böe, fest entschlossen nichts zurückzulassen. Wie gebannt starrt Lara auf die sich leerende Krone. Ist es wirklich der Baum, der sich befreit oder haben die Blätter einfach keine Kraft mehr sich noch länger festzuhalten? Vielleicht ist aber auch der unbarmherzig Wind daran schuld, dass sich die Wege nun trennen. Das Laub wird nicht lange überdauern ohne den Baum, es wird unter der Schneedecke begraben werden, ohne eine Chance zu haben den Baum noch einmal zu sehen. Ungesehen wird es über den Winter hinweg verschwinden. Wenn dann im nächsten Jahr die ersten Sonnenstrahlen den Schnee schmelzen, wird sich niemand mehr daran erinnern. Nur der Baum wird noch da sein; einsam und allein. Aber auch aus dessen tristen Ästen werden neue Knospen treiben, welche ihn in andere Farben hüllen. Vergessen werden die Triebe des letzten Jahres sein und mit ihnen all die Erinnerungen. So nimmt das Leben seinen Lauf. Und so nahm auch Lara ihren Weg nach Hause wieder auf, begleitet von dem stillen Wunsch ein Nadelbaum in diesem Wald von Menschen zu sein; immergrün und winterhart. Vielleicht war sie das auch schon. Zumindest fühlte sie sich oft wie einer. Unnahbar. Unbeweglich. Aber manchmal glaubt sie, das Los der Lärche unter allen Nadelhölzern gezogen zu haben.

Auf der Schwelle ihrer Haustür angekommen, muss sie mehr als einmal schlucken bevor sie den Schlüssel im Schloss dreht.

Hysterisch kichernd rannten die beiden Mädchen Richtung Haustür. Nachdem Paula den Rückweg zu einem Wettkampf erklärt hatte, war Lara fest entschlossen zu gewinnen und lief so schnell sie nur konnte. Sie war sich nicht sicher, ob Paula sie gewinnen ließ, aber Fakt war: Sie war mit gut zwei Metern Vorsprung eher am Eingang ihrer Wohnung als ihre Herausforderin. Stolz sprang sie mit einem Satz auf die Türschwelle, welche gerade hoch genug war, um sie einen Kopf größer zu machen als Paula. Mit gespielter Erhabenheit drehte sie sich um und strahlte in die Augen ihres Gegenübers. Doch zu ihrer Überraschung strahlten sie nicht zurück. Stattdessen starrten sie stumm in die ihren. Es war ein Ausdruck den Lara noch nie zuvor in Paulas Gesicht gesehen hatte. Beide waren noch vollkommen außer Atem, aber Paula ließ Lara keine Zeit, um sich die dringend benötigte Luft zu schnappen. Stattdessen machte sie einen Schritt nach vorn und trat zu ihr hinauf auf die Schwelle. Wortlos presste sie Laras Körper gegen das massive Holz der Tür. Die Welt um sie herum schien für einen kurzen Moment still zu stehen und Luft zu holen. Außerstande sich zu wehren, ließ Lara es einfach geschehen. Die Nähe des anderen Mädchens überforderte sie in diesem Moment restlos und so konnte sie sich nur noch auf den schnellen Schlag ihres Herzens und den Atem von Paula auf ihren Lippen konzentrieren. Als diese schließlich die letzte Lücke zwischen ihnen schloss, war Lara froh gegen die Tür gedrückt zu werden. Sie fürchtete andernfalls würden ihre Knie nachgeben. So tief die Welt kurz zuvor eingeatmet hatte, so heftig atmete diese nun wieder aus. Laras Kopf schien leer geblasen. Jeder Gedanke war in diesem Moment nichtig. Nur die warmen Lippen auf ihrem Mund und das heftige Pochen in ihrer Brust waren real, während sie sich langsam in diesem Traum verlor.

Als Lara es endlich schafft die Tür hinter sich zu zuziehen, fängt ihr Kopf allmählich an sich wieder dem Hier und Jetzt zu widmen. Nach einem kurzen Umweg ins Badezimmer, begibt sie sich mit knurrendem Magen in die Küche. Der Kühlschrank ist aufgrund des längst überfälligen Einkaufs jedoch nur spärlich bestückt und so greift sie schweren Herzens zu einem Topf Instant-Nudeln, welcher seit geraumer Zeit den Innenraum des Küchenschranks ziert. Während der Wasserkocher das Abendessen zubereitet, lehnt sich Lara träge an die Küchenzeile. Wieder schweift ihr Blick durch den Raum und wieder verlässt er die schützenden Wände, um sich schließlich durch das Glas vor ihr zu bohren. Die Enttäuschung war jedoch nicht einmal halb so groß wie heute Morgen. Die Sonne war längst untergegangen und somit hatte die Dunkelheit etwas beruhigend Normales. Vielleicht sollte sie jeden Tag ohne Erwartungen beginnen; ihn leben als wäre es immer Nacht. Denn irgendwie war es das auch.

Nachdem sich das Pulver und die trockenen Nudeln lang genug mit Wasser vollgesogen haben, nahm Lara den Pott und trug ihn zum Esstisch im Wohnzimmer. Ihre Augen fixieren immer wieder den leeren Platz gegenüber. Gedankenverloren beginnt sie die rote Brühe zu löffeln. Doch schon beim ersten Biss lässt sie fluchend den Löffel fallen. Wütend auf sich und die Welt, ist sie beim zweiten Versuch wesentlich vorsichtiger. Übertrieben lang pustet sie auf den kleinen Klecks Nahrung ein, der sich auf ihrer nun tauben Zunge, sowieso geschmacklos anfühlen würde. Sie lässt ein hörbares Seufzen auf das klägliche Mahl heraus, als sie schließlich den Löffel neben den leeren Topf legt. Die Stille um sie herum ist mittlerweile fast zu laut, um sie ertragen zu können und so tröstet sie sich mit jedem noch so kleinen Geräusch, das sie umgibt. Sie klammert sich an jeden Fußschritt ihrer Nachbarn, jedes Auto auf der Straße, das vorbeifuhr. Nur um nicht in der Leere ihrer Gedanken gefangen zu sein. Sie kannte diesen Zustand viel zu gut. ‚Nach der Ruhe kommt der Sturm', sagt man und genauso war es. Auch wenn der Sturm unhörbar für die Welt da draußen ist, so tobt er doch in Lara; laut und furchterregend.

Die Tage schienen zu lang und die Nächte zu kurz. Die Erde hatte ihre gewohnte Bahn verlassen und verdammte Lara dazu länger zu arbeiten und kürzer zu schlafen. Zumindest empfand sie es so, seitdem sie angefangen hatte, ihre Nächte nicht mehr allein zu verbringen. Am Anfang hatte sie sich noch gegen den Eindringling in ihrem Bett gewehrt, doch in den letzten Wochen, war Paula zu einer unverzichtbaren Begleiterin geworden. Die Dunkelheit war nicht mehr kalt und einsam. Sie war zu etwas Wunderbarem, etwas Vertrautem geworden.

Es waren ihre Augen, die Art wie sie sprach, der Geruch ihrer Haut… jede noch so winzige Kleinigkeit schien sie von den Anderen zu unterscheiden. Ein einziger Blick reichte aus, um Lara innerlich aufzuwühlen, während sie nach außen unbeeindruckt wirkte. Sie wollte sich nicht entblößen; war nicht bereit dazu jeden Winkel ihres Herzens offen zu legen und doch war es genau das, was Paula schaffte. Mit jedem Wort und jeder Geste entkleidete sie Laras Seele. Stück für Stück löste sie sich aus ihrem selbst auferlegten Schutzwall, der über die Jahre zu einem Gefängnis geworden war. Auch in jener Nacht presste sie sich so nah wie möglich an das dunkelhaarige Mädchen neben ihr. Paulas Körper schmiegte sich lückenlos an ihren. Es war die ideale Passform. Zum ersten Mal in ihrem Leben fühlte es sich nicht an wie zusätzlicher Ballast, sondern wie eine Ergänzung. Ein Stück, das ihr bisher zur Vollkommenheit gefehlt hatte.

Das heiße Wasser ergießt sich wie Lava über ihren zitternden Körper. Tropfen für Tropfen bringt es jede ihrer Zellen zum Kochen. Gerade noch versunken in einem luziden Traum, der es ihr nur langsam ermöglicht hatte in die Dusche zu gehen, wurden ihre Bewegungen nun sekündlich schneller. Fast schon reflexartig griff Lara nach dem Hahn, aber bremst sich dann doch in letzter Sekunde. Das Wasser jetzt einfach kälter zu drehen, wäre zu angenehm. Sie will sich wieder spüren können; will die Kälte aus ihrer Haut und Seele brennen. Der aufsteigende Dampf hüllt sie in eine Wolke aus Geborgenheit. Bald hatte sich ihre Haut an die Temperatur gewöhnt und belohnte sie mit einem Kribbeln. Es war kein angenehmes Gefühl, aber es war wenigstens irgendein Gefühl. Der heiße Dunst machte ihre Beine schwer und ihren Kopf leicht. Ihre Lunge versucht vergebens Sauerstoff aus der dünner werdenden Luft zu filtern und die dabei steigende Frequenz ihres Herzschlages war in diesem Moment kein Zeichen von Leben, sondern von schleichender Panik. Schneller Herzschlag und Atemlosigkeit ist zu einem Zustand geworden den sie nur noch fürchtete, und dass obwohl dies einst mit einem unbeschreiblichen Gefühl einher ging. Doch diese Zeit war lange vorbei.

Bei dem Versuch die Dusche schnellstmöglich zu verlassen, rutscht Lara unglücklich auf dem glatten, wassergetränkten Boden der Kabine aus. Nur knapp kann sie sich vor einem Sturz bewahren, indem sie sich an der gegenüberliegenden Handtuchstange festkrallt. Ihr Körper bleibt für einen Moment unbeweglich, während der Nebel um sie herum langsam anfängt zu verdampfen.

Ich falle, Paula… Ich will das nicht." Flüsterte Lara als sie schweißgebadet aus einem Albtraum hoch schreckte. Paulas schlaftrunkene Augen suchten sofort die ihren in der Dunkelheit des Schlafzimmers.

Wovor hast du Angst?" fragte Paula müde bevor sie das zitternde Mädchen in ihre Arme zog. Die Geste schaffte es Laras Herzschlag rasch zu normalisieren. Sie konnte fühlen wie ihr Körper langsam wieder abkühlte. „Tiefer und härter zu fallen als du…" In dem Moment in dem sie es aussprach, wusste sie schon, dass dies bereits geschehen war. Der Traum schien mehr Prophezeiung als Albtraum zu sein. Er verfolgte sie. Und obwohl sie sich der Gefahr bewusst war, drückte sie sich noch enger an Paula, die bereits wieder eindöste. Wenn Himmel und Hölle tatsächlich so nah bei einander waren, gab es kaum Platz für die Leere dazwischen. Fest bestrebt auch die letzte Lücke zu schließen, beugte sie sich nach vorn und küsste das schlafende Mädchen auf die Stirn.

Nach einer großen Tasse „Schlaf-gut Tee", tritt Lara ihren vermeintlich letzten Weg des heutigen Tages an. Noch einmal prüft sie in allen drei Zimmern ihrer Wohnung, ob das Licht auch wirklich ausgeschaltet ist. Im Türrahmen des Schlafzimmers jedoch verharrt sie für einen Moment. Der Raum ist ihr mittlerweile so fremd geworden wie all ihre früheren Freunde. Je länger sie stumm hineinstarrt, umso mehr bekommt sie das Gefühl, das Zimmer würde kalt und verständnislos zurückglotzen. Nur vorsichtig streift ihr Blick das Bett, in dem sie seit einer Weile aufgehört hatte zu schlafen. Lange war sie davon überzeugt, dass die Leere in der Wohnung dem Fehlen von Paula zuzuschreiben war. Ihrem fehlenden Lachen, welches vermochte die Stille zu vertreiben. Ihrer fehlenden Anwesenheit, welche die Räume mit Leben füllte. Doch seit einiger Zeit glaubt Lara, dass es nicht die Leere der Wohnung ist, die alles so trist und sinnlos erscheinen lässt. Lara hat auch bevor sie Paula überhaupt kennengelernt hatte hier gelebt und es war damals einfach nur eine Wohnung und nicht so wie heute das Sinnbild ihres Scheiterns. Mittlerweile wusste sie, dass nicht die Wohnung leer war, sondern sie selbst. Und nichts vermochte diese Leere zu füllen. Kein Möbelstück nahm genug Raum ein, um die Erinnerung an Paula zu verbannen.

Niedergeschlagen zieht Lara die Schlafzimmertür zu und begibt sich wieder ins Wohnzimmer. Die Couch war zu ihrem neuen Rückzugsort geworden. Dort konnte sie sich von den fremden Stimmen aus dem Fernseher langsam in eine Traumwelt entführen lassen. Ohne gezwungen zu sein der nächtlichen Stille lauschen zu müssen, die sie früher Nacht für Nacht wach gehalten hat, konnte sie manchmal sogar durchschlafen. Doch heute scheint auch die Couch ihr nicht wohl gesonnen zu sein. Erst nach stundenlangem Wälzen, werden ihre Augenlider langsam schwer.

Der Weg zurück war merklich länger geworden. Die Stille zwischen ihr und Paula schien ihn ins Unermessliche zu strecken während Füße und Herz schwerer wurden. Gerade noch hatten sie zusammen gelacht und sich darüber lustig gemacht, wie leichtfertig manche Menschen mit großen Worten um sich warfen. Doch das heitere Gespräch hatte sich binnen Sekunden mit Schwermut vollgesogen. Lara war sicher kein Mensch, der leichtfertig Pulver verschoss, aber nach all der Zeit dachte sie, es war an der Zeit zu reden. Sie hatte nicht geplant das Thema Beziehung wirklich anzusprechen, denn irgendwie war es für sie schon klar, dass sie genau das führten. Als Paula jedoch das Wort hörte, schaute sie Lara fast schon entgeistert an. Endlich an der Haustür angekommen steigt Lara auf die Schwelle. Sie dreht sich um und blickt in dieselben grün-grauen Augen, die sie genau hier kurz vor ihrem ersten Kuss fixiert hatten. Doch der liebevolle Glanz war etwas gewichen, das Lara noch nicht einzuordnen wusste. „Es tut mir leid. Ich wollte dich vorhin nicht überfordern. Es ist nur so…" Die Worte schienen zu Steinen in ihrem Mund geworden zu sein. Sie hatte es schon so oft in ihren Gedanken gesagt, aber dem eine Stimme zu verleihen, war viel schwerer als gedacht. Nach endlosen Sekunden, holte sie noch einmal tief Luft, bevor sie endlich all die unterdrückten Gefühle ausatmete. „…Ich liebe dich." Sie hatte es nicht geplant, aber trotzdem sind es genau diese großen Worte, die sie gefürchtet hatte. Es sind auch genau die Worte, die gerne jeder selbstlos sagen möchte, aber in denen doch immer Hoffnung mitschwingt. Paulas Schweigen machte jedoch schnell klar, dass diese sich als umsonst erwies. Die letzten Wochen hatten sich alles andere als normal angefühlt und anstatt etwas zu unternehmen, hielt sich Lara noch stärker an Paula fest als je zuvor. Sie wusste nicht, wie sie ihrer Angst vorm Fallen anders in den Griff hätte kriegen sollen. Ihr Leben war besser geworden und sie wollte das einfach nicht mehr hergeben.

Versteh mich nicht falsch. Die Zeit mit dir ist toll und ich mag dich wirklich sehr." Sagte Paula schließlich, nachdem sie scheinbar die Angst in ihren Augen gesehen hat. Doch Lara wollte kein Mitleid.

Aber du liebst mich nicht." Ihre Stimme war gerade laut genug, um nicht in der dröhnenden Welt unterzugehen.

Manchmal ist mir das alles ein bisschen zu viel. Liebe ist ein verdammt großes Wort." Paulas Stimme hingegen wirkte fast schon gedankenlos.

Und doch zu klein, um über diese Schwelle zu treten." Nicht länger im Stande ihrem Gegenüber in die Augen zu schauen, senkte Lara ihren Blick und starrte auf den Boden.

Das ändert doch nichts zwischen uns. Wir haben einfach eine schöne Zeit zusammen." Die Leichtigkeit in Paulas Stimme war nur schwer zu ertragen. War sie wirklich so blind gewesen?

Es ändert alles. Mit wie vielen anderen hast du noch eine schöne Zeit?" Die Wut gab ihr genug Kraft, um dem Blick des anderen Mädchens wieder Stand zu halten. Und dieser Blick sagte alles. Er beantworte jede ihrer Fragen; selbst die unausgesprochenen.

Jetzt lass uns erst mal reingehen." Paula trat auf die Schwelle, um die Tür hinter ihr aufzudrücken. Aber Lara wich keinen Zentimeter zurück. Wortlos versperrte sie Paula mit ihrem Arm den Weg. Ihre Köpfe so dicht beieinander, dass sie wie damals Paulas Atem auf ihren Lippen spüren konnte. Und auch dieses Mal schloss sie die Augen. Und auch dieses Mal raste ihr Herz. Abgesehen davon, dass Glück durch Schmerz ersetzt worden war, hatte sich nichts verändert. Erst als die Schritte kaum noch hörbar waren öffnete sie ihre Augen.

Es war nicht echt. Die Welt um sie herum war nur eine Projektion ihres schlafenden Geistes. Dessen war sie sich sicher. Es musste so sein. Es war nur ein weiterer Albtraum. Denn das Gefühl zu fallen war dasselbe. Sie fiel und fiel. Mit jedem Meter den sich Paula von ihr entfernte ohne zurückzusehen ein bisschen mehr. Kein Geschrei oder epische Musik untermalte die Szene vor ihren Augen. Es war kein tosender Orkan in einem cineastischen Drama, in dem in der Schlussszene nur der Hauptdarsteller knapp überlebt. Es war Liebe in ihrer komplexen Einfachheit. Es war Laras Fall ins bodenlose Chaos. Still, leise und unscheinbar. Kaum mehr als ein Flüstern und gerade laut genug um ihr Herz Stück für Stück zu zersetzen. Genau hier auf der Schwelle blieben Laras Worte zusammen mit Paulas Geist hängen, unfähig in ihr Leben ein- oder auszutreten. Es war genau diese Lücke zwischen Himmel und Hölle, die Lara geschlossen halten wollte. Nur um am Ende festzustellen, dass festklammern, die Lücke nicht schloss, sondern an anderen Stellen Löcher riss.

Als Lara schweißgebadet aufwacht, hat sie noch immer das kribbelnde Gefühl des Fallens im Bauch. Sie spürt wie das Adrenalin durch ihren Metabolismus pumpt und weiß, dass sie vorerst nicht wieder einschlafen kann. Sie schließt ihre Augen und wartet. Wartet darauf aufgefangen zu werden, wie in jenen Nächten in denen Paula sie im Gleichgewicht hielt. Doch als nichts geschieht, schleppt sie sich schlaftrunken und gedankenverloren durch das Halbdunkel im Flur. Ihr Weg führt sie wie so oft zu dem einzigen Ort an dem ihre Hoffnung noch immer ruht.

Beim Öffnen der Haustür peitscht die eisige Novemberluft ihr mit einem Schlag ins Gesicht. Mit klappernden Zähnen lehnt sie sich gegen den Türrahmen und starrt in das Dunkel der Nacht. Das Laub tanzt noch immer unermüdlich unter den Straßenlaternen. Nicht gewillt sich jetzt schon zu verabschieden, liegt es den Bäumen sehnsüchtig zu Füßen.

Es ist eine Nacht wie jede andere, unscheinbar und normal. Doch nichts fühlt sich mehr normal an, seitdem sie Paula damals den Weg versperrt hat; den Weg in ihre Wohnung und in ihr Herz. Auf der Schwelle zu beidem, schlug sie Paula die Tür ins Gesicht. Und obwohl es fast ein Jahr her ist, sitzt sie auch jetzt noch auf dem kalten Stein und wartet auf den Sonnenaufgang, der ihr die Melodie der Strommasten zurückbringen soll. Doch auch heute schweigt ihre Welt.