Das Herz der Ballerina

Judith Calder opferte einst alles dem Tanz, sogar ihre Liebe zu Gero Marten. Nach einer glanzvollen Karriere lebt sie jetzt zurückgezogen in Cannes. Als sie der Journalistin Vera Lundberg gegen ihre Prinzipien ein Interview gewährt, holt die Vergangenheit sie wieder ein …

Judith Calder bereute ihre Zusage, sobald sie den Hörer aufgelegt hatte. Sicher, Vera Lundberg, die Journalistin, hatte schon mehrmals angerufen, und ihre Stimme sowohl ihre Art waren sehr angenehm gewesen, trotzdem hätte sie nicht nachgeben dürfen. Sie gab prinzipiell keine Interviews mehr, denn sie spürte nicht die geringste Neigung, ihre Vergangenheit, so glanzvoll sie gewesen sein mochte, wieder auferstehen zu lassen, und schon gar nicht die schwierige Zeit, als sie sich vor zehn Jahren damit abfinden musste, dass ihre Karriere als Primaballerina beendet war. Seitdem hatte sie sich in ihrem neuen Leben eingerichtet. Sie hatte sich diese schöne Dreizimmerwohnung mit der grossen Terrasse und Meerblick in Cannes gekauft. Sie machte lange Spaziergänge, hatte das Meer zum Schwimmen. Sie las viel, hörte Musik, sah sich gern gute Filme an. Viel gesellschaftlichen Umgang hatte sie nicht mehr, ihre meisten Freunde lebten in New-York oder Paris, aber sie sehnte sich nicht danach. Sie war zufrieden. Dieses Interview würde nur wieder Unruhe in ihr Leben bringen. Sie fühlte sich jetzt schon nervös, und bis es in drei Tagen soweit war, würde sie sicher schlecht schlafen.

Judith seufzte und trat an die breite Schiebetür aus Glas, die ihr Wohnzimmer von der Terrasse trennte. Dahinter lag strahlend blau das Mittelmeer in der Wintersonne. Sie begriff nicht, warum die Journalistin derart auf diesem Interview bestanden hatte. Wer interessierte sich denn heute noch für Judith Calder?

Einen Augenblick war sie versucht, Vera Lundberg anzurufen und ihre Zusage zurückzunehmen, aber die Disziplin, die sie sich ihr ganzes Leben lang aufgelegt hatte, verbot es ihr. Ein Versprechen war ein Versprechen.

Sie schlief tatsächlich schlecht, nachts zog ihr Leben wieder an ihr vorüber, aber am Donnerstag Nachmittag, als Vera Lundberg sich über die Sprechanlage zu erkennen gab, war Judith bereit. Sie trug ein schwarzes Kleid von erlesener Schlichtheit und hatte sich leicht geschminkt. Auch heute noch, mit 50 Jahren, war sie eine aussergewöhnlich schöne Frau mit ausdrucksvollen dunklen Augen unter geschwungenen Brauen und dem kastanienbrauen Haar, das sie zu einem lockeren Knoten geschlungen hatte, und in das sich noch kein grauer Schimmer verirrt hatte. Ihr Körper war geschmeidig und mädchenhaft schlank, die Beine lang und muskulös. Auf der Strasse drehten sich die Männer nach ihr um, und wenn sie einen Raum betrat, zog sie alle Blicke auf sich.

"Wie schön Sie sind", sagte dann auch Vera beeindruckt, nachdem sie sich begrüsst hatten. Auch der junge Fotograf, der Vera begleitete, blickte Judith bewundernd an.

Judith lächelte Vera zu: "Danke, aber Sie sind es auch."

"Oh, ich bin höchstens apart", wiegelte Vera ab. Sie war jünger als Judith, ihr blondes Haar war streichholzkurz geschnitten. Aus grünen Augen sah sie Judith aufmerksam an: "Sie sind bekannt dafür, dass Sie seit Jahren keine Journalisten mehr empfangen. Danke, dass Sie bei mir eine Ausnahme gemacht haben."

Nachdem der Fotograf die Aufnahmen gemacht und sich verabschiedet hatte, nahmen die beiden Frauen in der Sitzecke Platz, und Vera schaltete das Tonbandgerät ein.

Zwei Stunden später stellte sie es wieder aus: "Geschafft. Sie waren wunderbar, Frau Calder."

"Ich möchte Ihnen das Kompliment zurückgeben, dieses Interview war wie ein Gespräch, das wir miteinander geführt haben. Sie haben das hervorragend gemacht. Einfühlsam und taktvoll. Woher wissen Sie so gut über mich Bescheid?"

Vera sah aus dem Fenster und lächelte etwas schmerzlich: "Ich habe zwanzig Jahre mit Ihnen verbracht, Frau Calder."

"Wie meinen Sie das?"

"Ich war mit Gero verheiratet. Mit Gero Marten."

Judith fühlte, wie sie blass wurde. Um ihre Verwirrung zu verbergen, stand sie auf: "Wie wär's, wenn wir etwas anderes trinken würden als dieses Mineralwasser? Einen Whisky könnte ich jetzt schon vertragen."

"Ich auch", nickte Vera entschlossen.

Als die Gläser vor ihnen standen, wandte Judith sich wieder Vera zu: "Sie sagten, Sie waren es?"

"Unsere Ehe ist vor einem Jahr geschieden worden."

"Das tut mir leid." Nach kurzem Zögern fragte sie: "Warum? Oder ist die Frage zu indiskret?"

"Ich hätte es Ihnen sowieso gesagt: Weil es zu schwer ist, mit einem Mann verheiratet zu sein, der nie eine andere vergessen konnte."

Judith nahm hastig einen Schluck aus dem Glas: "Das ist unmöglich, nach all der Zeit …"

"Bei einer solchen Liebe zählt die Zeit nicht. Sie ist wie ein Brandmal im Herzen."

"Ja, haben Sie mich denn nicht gehasst?"

"Manchmal schon", gab Vera zu, "aber ich habe Sie auch beneidet und bewundert. Beneidet, eine solche Liebe im Herzen eines Mannes wie Gero entfachen zu können, und bewundert für Ihre Kunst. Sie waren eine grosse, eine aussergewöhnliche Ballerina. Im übrigen war alles meine Schuld. Ich habe mich gleich beim ersten Mal, als ich Gero sah, unsterblich in ihn verliebt. Ich wusste einfach, dass er der Mann meines Lebens war. Obwohl er mir sofort ehrlich gesagt hatte, dass sein Herz Ihnen gehörte, Judith, wollte ich ihn. Auch um diesen Preis. Ich darf Sie doch Judith nennen? Ich habe so oft stumme Zwiegespräche mit Ihnen gehalten. Er hat Sie nachher mir gegenüber nie mehr erwähnt, sicher, um mir nicht weh zu tun, aber ich brauchte nur seinen Blick zu sehen, wenn jemand von Ihnen sprach oder er ein Foto von Ihnen in der Presse sah. Manchmal wünschte ich mir, er hätte mir nichts von seiner Liebe zu Ihnen erzählt, dann hätte ich mich begnügen können mit dem, war er mir geben konnte, denn es war viel, sehr viel. Mehr, als die meisten Männer einer Frau geben können."

"Aber … ich verstehe nicht. Sie sind eine aussergewöhnliche Frau, und Gero und ich waren nur vier Wochen zusammen …"

"Diese vier Wochen haben für ihn mehr gezählt als all die Jahre mit mir." Veras Stimme klang nun doch etwas traurig, aber gleich darauf lächelte sie: "Heute will ich mich nur noch an das Schöne erinnern, das ich mit ihm erlebt habe, denn es hat viel Schönes gegeben. Wir haben zwei wundervolle Kinder: Flora studiert Musik und Axel Betriebswissenschaften. Er interessiert sich schon für den Familienbetrieb und hat das gleiche unternehmerische Talent wie sein Grossvater. Gero ist sehr froh darüber. Sie müssen doch wissen, dass Gero eigentlich von einem ganz anderen Leben geträumt hat?"

"Ja, er spielte wunderbar Cello."

"Er tut es heute noch …"

Judith setzte sich gerade hin: "Was erwarten Sie nun von mir?"

Temperamentvoll sagte Vera: "Dass Sie mit Gero glücklich werden. Deswegen wollte ich dieses Interview machen. Um mit Ihnen zu sprechen, um Sie kennenzulernen, um Ihnen zu sagen, dass Gero jetzt frei ist, und dass er nie aufgehört hat, Sie zu lieben. Ich liebe ihn noch genug, um sein Glück zu wollen!"

Judith schüttelte langsam den Kopf: "So einfach ist das nicht. Ich habe ihm damals sehr weh getan. Ich fühle mich nicht berechtigt, noch einmal in sein Leben einzugreifen und ihn vielleicht noch einmal zu enttäuschen. Wir haben uns nur vier Wochen lang gekannt, Vera! Vor sehr langer Zeit. Und wir waren so jung. Wer weiss, ob ein dauerhaftes Glück zwischen uns überhaupt möglich ist?"

"Ich hätte nicht gedacht, dass Sie so feige sind", sagte Vera, und ihre Augen wirkten auf einmal hart. Als Judith nicht anwortete, stand sie auf: "Das Interview wird in zwei Monaten erscheinen. Ich danke Ihnen noch einmal und … leben Sie wohl, Judith."

Leben Sie wohl, das war leicht gesagt, dachte Judith voll Groll. Ihr Leben war aus den Fugen geraten. Natürlich hatte auch sie Gero nicht vergessen, aber sie hatte sich daran gewöhnt, mit dieser Narbe zu leben, diesem Bedauern, dieser Trauer um etwas, was hätte sein können. Nun war die Wunde wieder aufgebrochen und schmerzte.

Gero. Sie hatten sich in Hamburg in einem Konzert kennengelernt. Beide waren mit Freunden dagewesen. Judith war zwanzig, hatte gerade ein Engagement an der Pariser Oper erhalten und fühlte sich, als wären ihr Flügel gewachsen. In einem Monat würde ihr neues Leben beginnen, das Leben überhaupt! Sie war mit ihren Gedanken derart woanders gewesen, dass sie in der Pause heftig mit einem Mann zusammenstiess, der spontan zugriff und sie festhielt, damit sie nicht stürzte. Als sie sich ansahen, war es wie ein Erdbeben gewesen, ein Wiedererkennen, so, als öffnete sich eine Tür zu einem Ort, an dem sie beide zu Hause waren. Er hatte sie zu einem Glas Sekt eingeladen, sie hatten ihre Freunde vergessen und waren nach der Pause nicht in den Konzertsaal zurückgekehrt. Einen Monat lang gab es nur sie beide und ihre Liebe. Gero sah aussergewöhnlich gut aus mit seinen dunklen Haaren und den strahlend blauen Augen. Er war 23 und studierte Volkswirtschaft. Aus Pflichtgefühl hatte er auf seinen Traum, Musiker zu werden, verzichtet, um in das väterliche Unternehmen einzutreten. Mit einer Frau wie sie an seiner Seite, hatte er gesagt, würde sein Leben trotzdem lebenswert sein. Aber Judith hatte sich für den Tanz entschieden. Ihre Berufung war stärker gewesen als ihre Liebe zu Gero. Sie erinnerte sich noch heute an seinen Blick, als er sie zum Nachtzug nach Paris bracht …

Gero wiedersehen, wie Vera es sich wünschte? Nein, es war völlig unvernünftig zu glauben, dass die Fäden wieder dort angeknüpft werden konnten, wo sie zerrissen waren. Wo sie sie damals zerrissen hatte! Sie hatte Gero nur Unglück gebracht. Sie hatte ihn verlassen, hatte ihm ungeheuer weh getan, und jetzt war auch noch seine Ehe ihretwegen gescheitert. Gero, sagte sie sich, wollte jetzt ganz bestimmt nichts anderes, als seine Ruhe haben. Wie sie.

Das Interview war erschienen. Die Zeitschrift lag aufgeschlagen vor Judith. Eine Frage Veras lautete: "Bedauern Sie es nicht, keine Kinder zu haben?"

"Manchmal schon", hatte sie geantwortet, "aber ich hatte keine Wahl. Der Tanz war mein Leben."

"Sie sind eine der schönsten Frauen unserer Zeit. Sie hatten Liebhaber. Keinem von ihnen ist es gelungen, Sie zu halten …"

"Sie zählten nicht."

"Gab es eine grosse Liebe in Ihrem Leben?"

"Ja, aber das geht nur mich und diesen Mann etwas an."

Jetzt wusste sie, dass es auch Vera etwas anging …

Auf einmal geschah etwas Seltsames: Sie hatte das Gefühl, dass Gero über ihre Schulter mitlas. Der Eindruck war so stark, dass sie fast erwartete, das Telefon trillern zu hören, aber alles blieb still. Und plötzlich rannen Tränen über ihre Wangen, Tränen, die sie all die Jahre in sich verschlossen hatte …

In den folgenden beiden Wochen machte Judith lange Spaziergänge, schwamm weit ins Meer hinaus, das sich langsam erwärmte. Aber die wohlige Entspannung, die sie sonst immer nach einer intensiven kôrperlichen Betätigung empfand, blieb aus. Sie verwünschte Vera, das Interview, vor allem aber war sie zornig auf sich selbst, diesen Einbruch in ihr friedliches Leben zugelassen zu haben.

Dann erhielt sie einen Brief. Er war in Hamburg abgestempelt. Ihr Name und ihre Adresse waren mit Schreibmaschine geschrieben, einen Absender gab es nicht. Im Umschlag fand Judith eine Karte für ein Konzert, das in vier Tagen in Hamburg stattfinden sollte. Nur die Karte …

Judith schob sich in der Sitzreihe an den vielen Knien vorbei. Ihr Herz klopfte, ihr war fast übel vor Aufregung. Sie war verrückt gewesen, dieser anonymen Einladung zu folgen! Verrückt, sofort einen Flug gebucht und ein Hotelzimmer reserviert zu haben. Was würde sie tun, was sagen, wenn sie Gero wiederbegegnete? Denn wer anderes als er konnte die Karte geschickt haben? Verzweifelt wünschte sie sich zurück nach Cannes, in ihre ruhige Wohnung …

Es gab nur noch einen einzigen freien Platz in der Reihe. Rechts und links sassen je ein älterer Herr. Wer von ihnen war Gero? Würde sie ihn überhaupt wiedererkennen? Der Herr, der ihr am nächsten war, stand höflich auf, um sie vorbeizulassen. Sein Gesicht war ihr völlig fremd.

Der Herr an der anderen Seite hatte sich ebenfalls erhoben. "Judith", sagte er leise.

Er war es! Mit grauen Haaren, aber immer noch strahlend blauen Augen. Selbst blind hätte sie Gero sofort an seiner Stimme wiedererkannt. "Guten Tag, Gero", lächelte sie. Wie hatte sie nur fürchten können, ihn nicht wiederzuerkennen? Sich überhaupt vor der Begegnung fürchten können? Alle Unruhe, alle Angst fielen schlagartig von ihr ab.

Sie setzten sich. Der Dirigent hob den Taktstock. Stille trat ein. Und dann erklang Brahms. Das Doppelkonzert für Violine und Violoncello. Judith und Gero berührten sich nicht, aber ihre Herzen sprachen zueinander. Plötzlich wusste Judith, wie eng ihr Leben in den letzten Jahren geworden war. Jedes Leben war eng, in dem die Liebe fehlte.

In der Pause tranken sie ein Glas Sekt, wie damals.

"Danke, dass du die Karte geschickt hast", sagte Judith.

"Aber … ich habe sie nicht geschickt. Ich dachte, du hättest die Idee gehabt. Ich habe hingegen das Interview gelesen, Vera hatte mir die Zeitschrift geschickt."

Einen Augenblick schauten sie sich ratlos an, dann spürte Judith einen leichten Arm um ihre Schulter: "Es passierte ja nichts, also musste ich zu dieser List greifen, denn so einfach kommt ihr mir nicht davon. Und jetzt enttäuscht mich bitte, bitte nicht. Ich liebe Happyends! Übrigens: Morgen fliege ich in die Staaten, für eine grosse Reportage. In meinem Alter fange ich noch richtig an zu reisen! Jetzt bin ich an der Reihe, Judith."

"Vera, trink ein Glas Sekt mit uns", bat Gero.

"Ich werde mich hüten! Ich möchte auch Flora nicht allein lassen, sie ist mit mir hier. Ich habe ihr alles erzählt. Sie werden sie später kennenlernen, Judith, genau wie auch Axel. Alles zu seiner Zeit. Macht's gut, ihr beide!" Sie winkte noch einmal, und fort war sie.

Das Schweigen war gebrochen. Sie hatten sich so viel zu erzählen und beschlossen wie damals, nicht in den Konzertsaal zurückzukehren, sondern zusammen zu Abend zu essen.

Im Restaurant orderte Gero als erstes Champagner. Als die gefüllten Gläser vor ihnen standen, hob er das seine und prostete Judith zu.

Sie hob ebenfalls ihr Glas: "Es tut mir leid, dass ich dir damals so weh getan habe, Gero."

"Und mir tut es leid, dass ich Vera nicht so lieben konnte, wie sie es verdiente."

"Ich bewundere sie. Sie hatte recht, ich war feige. Zu feige, um die Initiative eines Wiedersehens zu ergreifen."

"Ich auch. Obwohl Vera mir deine Adresse gegeben hatte. Aber ich bin nicht jünger geworden, meine Haare sind grau und mein Herz ist nicht mehr so stabil …". Er griff über den Tisch hinweg nach Judiths Hand: "Nein, das stimmt nicht. Es ist unversehens wieder jung geworden. Und du? Wie fühlst du dich?"

"Himmlich", lächelte sie. Ein köstliches Gefühl von Glück und Verlangen durchströmte sie. Es war wie Tanzen, als würden ihr wieder Flügel wachsen. Und diesmal, das wussten sie beide, würde es für immer sein …

ENDE