Zug 2 – Begegnung

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Bei den offiziellen Nachrichten bezüglich des Falles, auf die Martin sie mit so viel Nachdruck hingewiesen hatte, hatte es sich lediglich um einen kurzen Bericht des Fernsehkorrespondenten gehandelt, in welchem dieser über Analènes Geständnis, ein paar oberflächlichen Fakten zu ihrer Person und die Festnahme eines namentlich nicht genannten Verdächtigen in Genoux informierte. Die obligatorische Aussage, dass die Suche nach den verschwundenen Kindern mit Hochdruck fortgesetzt wurde, hatte Anouk geflissentlich ignoriert.

Entsprechend mürrisch war sie als Martin sie am nächsten Morgen vor ihrem Haus abholte, denn sie war weiterhin praktisch ahnungslos bezüglich dem, was sie erwartete. Außerdem war sie vollkommen übermüdet, nachdem sie bis spät in die Nacht erfolglos versucht hatte zumindest im Internet an stichhaltige Informationen zu kommen.

Andererseits freute sie sich darauf, für einen oder auch zwei Tage aus dem Büro herauszukommen und beschloss, ihren Unmut für das Erste hinunterzuschlucken.

So begrüßte sie ihren Kollegen gewohnt freundlich, nachdem er seinen silbernen Sportwagen endlich mit viel Mühe in die kleine Parklücke manövriert hatte. „Guten Morgen. Kann ich meine Tasche in den Kofferraum werfen oder ist er schon voll?"

Martin schüttelte den Kopf: „Keine Chance. Lege sie einfach auf die Rückbank. Alle wichtigen Dinge und die Akten liegen hier vorne und wenn wir Glück haben, dann brauchen wir das Gepäck gar nicht."

Wie sie rasch feststellte lag auf der Rückbank bereits ein Koffer, der fast zwei Drittel des Platzes einnahm. Sie begutachtete das wuchtige, schwarze Gehäuse mit Argwohn als sie ihre, deutlich kleinere, Tasche danebenlegte. Nachdem sie schließlich eingestiegen war fragte sie daher mit einem erneuten Blick auf den Koffer im Rückspiegel: „Wie lange hast du vor dort zu bleiben? Den nächsten Monat?"

Martin folgte ihrem Blick sichtlich verwundert und zog dann eine Grimasse: „Meine Tasche ist im Kofferraum. Dieses Monstrum gehört Silvie. ich sollte es eigentlich diese Woche zur Reparatur bringen…" Er ließ den Satz unvollendet im Raum stehen und Anouk lachte.

Silvie war Martins Ehefrau, die sie bei Betriebsfeiern stets als aufgeweckte, fröhliche Person kennengelernt hatte. So forsch ihr Kollege anderen gegenüber oft auftreten mochte, war er in ihrer Gegenwart jedoch stets nachsichtig und zuvorkommend. Andererseits sah es ihm ähnlich, derartige Dinge über seine Arbeit vollkommen zu vergessen.

„Du solltest dir Erinnerungszettel schreiben… oder endlich ein geräumigeres Auto zulegen", kommentierte sie spöttisch und nahm die Akten vom Armaturenbrett, wo sie sie unerbittlich an den Grund ihrer Fahrt erinnerten. Martin hingegen winkte ihre Worte nur beiläufig ab während er versuchte, sich möglichst rasch wieder in den Verkehr auf der vielbefahrenen Straße einzufädeln.

Indessen hatte Anouk die ersten Seiten, die für ihren Geschmack deutlich zu viel Test enthielten, überblättert und hielt erst beim Steckbrief des Verdächtigen inne. Das Passfoto zeigte einen in jedem Sinne durchschnittlichen jungen Mann mit kurzen, blonden Haaren, blauen Augen und einer schmalen, silbernen Brille, deren eckige Form seine ohnehin etwas strengen Züge eher unvorteilhaft betonte.

„René Héritte, 24, seit zwölf Jahren bei der Kontrollbehörde registriert", las sie laut vor und fragte rundheraus: „Also, was ist das Problem mit dem Typen? Sein Alter…" Sie räusperte sich als sie die Einträge der Akte überflog. „…oder die Anzahl seiner Vorstrafen? In Kombination ist das fast beeindruckend!"

„Vergiss' die Vorstrafen. Der Großteil davon sind Jugendsünden, die nie wirklich verfolgt wurden und die nur einen Eintrag wert waren, weil er ein Hexer ist. Hast du gestern die Nachrichten gesehen?"

„Ja, aber es wurden keine neuen Informationen veröffentlicht. Worauf willst du hinaus?"

„Genau darauf. Es gibt nämlich zwei Probleme mit diesem Fall. Das erste ist relativ einfach: Er hat nicht gestanden."

Ungläubig wandte sie sich von dem Papier in ihrer Hand ab und ihm zu. Obwohl er auf die Straße hinaus sah war seine Miene jedoch so ernst, dass sie seine Worte nicht als Scherz abtun konnte. „Es ist trotzdem sicher, dass er der Richtige ist? Hexen lügen nicht."

„Bis gestern hätte ich dir diese Aussage ohne zu zögern unterschrieben. Das Protokoll des ersten Verhörs steht auf Seite acht. Bei dieser Beweislage kann ich den zuständigen Kommissars verstehen."

Sie blätterte bis zur besagten Seite und fand ein relativ kurzes, zwei Tage altes Protokoll eines gewissen Commissaire Giom Hauban aus Genoux.

Commissaire Hauban (CH): „Monsieur Héritte, Sie wissen, weshalb ich heute hier bin?"

René Héritte (RH). „Sie glauben dass ich etwas mit dem Verschwinden des Kindes am Ersten zu tun habe?"

CH: „Exakt. Möchten Sie mir diesbezüglich vielleicht gleich etwas mitteilen, um die Sache einfacher zu gestalten?"

RH schüttelt den Kopf.

CH: „Was ist, wenn ich Sie darauf hinweise, dass Sie als Hexer unter Überwachung der Kontrollbehörde stehen und sie nicht nur bewiesenermaßen im vergangenen Monat mehrmals nachts die ihre Wohnung verlassen haben, sondern auch an besagtem Monatsersten?"

RH antwortet nicht, sondern sieht zur Seite.

CH: „Ich möchte von Ihnen wissen, ob diese Informationen stimmen, Monsieur."

RH: „Ja, ich habe die Wohnung verlassen. Das ist kein Verbrechen."

CH: „In ihrem Fall aber äußerst verdächtig. Würden Sie mir sagen, wo Sie in diesen Nächten waren?"

RH schüttelt abermals den Kopf.

CH: „Dann will ich es kurz machen. Sind Sie für das Verschwinden des Kindes verantwortlich?"

RH runzelt die Stirn: „Nein."

CH: „Aber die Indizien sprechen gegen Sie."

RH: „Ich habe nichts mit diesem Verschwinden zu tun."

CH: „Sie können es gerne leugnen. Mit der derzeitigen Beweislage kann ich Sie auch ohne Geständnis festnehmen lassen. Sie machen es sich also nicht leichter, wenn Sie schweigen."

RH springt auf und schlägt mit der Faust auf den Tisch: „Welche Beweise? Machen Sie erst Ihre verdammte Arbeit, bevor Sie wahllos Leute beschuldigen!"

Anouk schluckte angesichts der Beleidigungen, die er dem Kommissar ab diesem Zeitpunkt statt des gewünschten Geständnisses an den Kopf geworfen hatte, ehe das Verhör vom Sicherheitsdienst abgebrochen worden war. Es überraschte sie kaum, dass man den Mann daraufhin ohne Umschweife festgenommen hatte und Anzeige wegen Beamtenbeleidigung erstattet worden war. Mehr schon, dass man eben diese am nächsten Tag schon wieder hatte zurückgezogen hatte.

Zögerlich fasste sie ihre Gedanken laut zusammen: „Es spricht also alles für seine Beteiligung an dem Vorfall, bis hin zu der Tatsache und seine Antworten passen zu denen anderer Hexen vor ihm, außer der Tatsache, dass er seine Beteiligung leugnet. Zudem hat er ein Problem mit seinen Aggressionen."

Sie lehnte sich in den Autositz zurück, sah auf die Felder neben der Landstraße hinaus, welche sich mittlerweile erreicht hatten und auf welcher sie die nächsten zwei Stunden stetig Richtung Osten fahren würden. „Was erwarten die Leute in Genoux von uns? Dass wir ein Geständnis erzwingen? Möglicherweise sagt er sogar die Wahrheit und das alles ist ein Zufall."

Ihr Kollege schüttelte bestimmt den Kopf: „Das glaube ich nicht. Ich weiß, dass Hexen normalerweise nicht lügen. Aber normalerweise haben die Hexen auch nicht die Möglichkeit, eine Lüge entgegen der Beweise aufrecht zu erhalten. Dieser hier schon, was uns zu Problem Nummer zwei bringt."

„Das wäre?"

„Seine Beziehungen. Ist dir sein Name aufgefallen?"

Sie vergewisserte sich nochmals, ehe sie mit den Schultern zuckte. „Héritte. Ich wüsste nicht, was mir das sagen sollte. Die einzige Person, die ich mit diesem Namen kenne, ist…"

„Ganz genau", unterbrach Martin düster, doch sie reagierte zunächst gar nicht auf seinen Tonfall, sondern schnaubte ärgerlich: „Lass mich doch ausreden! Die einzige mir bekannte Person dieses Namens ist der Vizeminister der Inneren Sicherheit."

Dieses Mal nickte Martin bloß und erst jetzt wurde ihr klar, worauf er hinausgewollt hatte. Trotzdem überflog sie hektisch den Steckbrief, bis sie über den gesuchten Namen stolperte. Doch selbst als sie es schwarz auf weiß vor sich hatte fiel es ihr schwer, diese Information zu glauben. „Der Sohn von Vizeminister Henri Héritte ist ein Hexer? Das ist unmöglich! Wie konnte er unter diesen Umständen überhaupt stellvertretender Minister werden?"

„Die Informationen sind strikt vertraulich. Henri Héritte war bereits ein wichtiger Mann bei der Behörde, als René Héritte vor zwölf Jahren als Hexer identifiziert wurde. Die Innere Sicherheit wollte offenbar einen Skandal vermeiden und hat alles unter den Teppich gekehrt. Deshalb wurden auch alle Anzeigen stets fallengelassen. Ich kann dir garantieren, dass er ohne ein Geständnis in wenigen Tagen wieder auf freiem Fuß ist, als sei nie etwas geschehen."

Anouk betrachtete abermals das Bild von René und dieses Mal fiel ihr die Ähnlichkeit zum Vizeminister sofort auf. Das änderte allerdings nichts daran, dass diese Neuigkeiten eine beinahe unwirkliche Qualität hatten.

Auf der anderen Seite machten einige Dinge nun mehr Sinn, allem voran die Verabschiedung des neuen Hexenschutzgesetzen, welches vom Vizeminister persönlich unterstützt und vorangetrieben wurde. Scheinbar tat er dies nicht aus Toleranz und Menschenfreundlichkeit, sondern aus persönlichen Gründen. Dementsprechend hatte Martin allen Grund anzunehmen, dass eine Verurteilung seines Sohnes und der dadurch entstehende öffentliche Skandal auch das Gesetz zu Fall bringen würden.

Allerdings passten nicht alle Teile des Puzzles so gut aufeinander. „Wenn er unter Überwachung stand und seine nächtlichen Ausflüge bekannt waren, weshalb hat niemand vorher eingegriffen?"

„Der Zuständige von der Kontrollbehörde scheint nicht nur ein Freund des Vizeministers zu sein, sondern auch ein unverbesserlicher Gutmensch. Er ist selbst von René Hérittes Unschuld überzeugt, schließlich kennt er ihn schon lange und es gab in all den Jahren nicht einen einzigen Vorfall. Erst der Kommissar der örtlichen Polizei hat auf diese Ungereimtheiten aufmerksam gemacht, als nach dem Vorfall die Akten der Hexen überprüft wurden."

Sie hatte schon davon gehört, dass Offiziere der Kontrollbehörde häufig versetzt wurden um zu verhindern, dass sie zu enge Beziehungen zu den überwachten Hexen aufbauten. Bei der Arbeit in der Millionenstadt Tilon hatte sie etwas derartiges noch nie erlebt, in Genoux schien jedoch genau das eingetreten zu sein.

In ungewohnt nüchternem Tonfall folgerte Martin, wobei er die Hände so fest um das Lenkrad geschlossen hatte, dass seine Knöchel weiß hervortraten: „Das ist übrigens der Grund, aus dem ich auf deine Anwesenheit bestanden habe. Officier Purdon will definitiv seine Unschuld beweisen und ich würde lügen wenn ich behauptete, dass ich mir nicht exakt das Gegenteil wünsche. Ich weiß, dass du den Hexen im Allgemeinen sehr neutral gegenüber stehst. Ich denke, dass diese Einstellung und deine Erfahrung abseits des Jobs genau das ist, was wir hier brauchen, um nicht mögliche Hinweise aus unseren Vorurteilen heraus zu übersehen. Halte dich daher nicht zurück, alles was du siehst und hörst so zu interpretieren, wie es dir richtig erscheint. Ich zähle also auf dich!"

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Sie hatten den Großteil der Fahrt in freundschaftlichem Schweigen verbracht, nicht zuletzt, da Anouk die Zeit nutzte um die Akten durchzulesen. Denn es war eine Sache, den Fall mit möglichst geringen Vorurteilen zu bearbeiten; aber eine andere, unvorbereitet zu sein.

Zu Anouks Verwunderung fuhr Martin dann allerdings nicht zum Polizeipräsidium der Stadt, sondern bog noch bevor Sie die das Stadtzentrum erreichten nach Süden in eines der Wohnviertel ab. Ein kurzer Blick auf die adretten, großen Wohnhäuser mit ihren akkurat gepflegten Vorgärten genügte um festzustellen, dass es sich um eine wohlhabende Gegend handelte.

Mit einer gewissen Vorahnung wandte sie sich an ihren Kollegen: „Weshalb fahren wir nicht zum Präsidium? Wenn der Hexer tatsächlich in Untersuchungshaft sitzt, dann sollte er das nicht zu Hause tun."

Martin lächelte grimmig: „Anscheinend handelt es sich um eine besondere Diskretionsmaßnahme. Eine Überführung ins öffentliche Gefängnis hätte seine Identität bekanntmachen können, deshalb hat die Innere Sicherheit einen überwachten Hausarrest vorgezogen. Mitarbeiter der Behörde sind eben etwas Besonderes." Seine Stimme troff bei den letzten Worten geradezu vor Sarkasmus und Anouk lachte leise.

„Tja, wenn es unsere Familie wäre, dann wären wir unverzüglich unseren Job los und stünden auf der Kontrollliste. Irgendetwas müssen wir bei der Berufswahl falsch gemacht haben. Wird der Officier wenigstens dort sein?"

„Ja, er wird die ganze Angelegenheit anscheinend auch koordinieren. Soweit ich von Madame Daune erfahren habe ist er ein zuverlässiger und vernünftiger Mensch. Immerhin hat er unsere Hilfe ja selbst angefordert."

Sie ließen das letzte Reihenhaus hinter sich zurück, woran sich ein großes, mit einer hohen Steinmauer umgebenes Grundstück anschloss. Hinter der Mauer, an deren Oberseite sich dicker Stacheldraht zur Abwehr von Einbrechern befand, erspähte sie die Spitzen einiger großer Tannen sowie die roten Dachziegel eines Gebäudes einige hundert Meter weiter.

Nach weniger als einer Minute erreichten sie schließlich ein großes, in die Mauer eingelassenes Metalltor, bei dem es sich offenbar um den Eingang handelte. Als Martin vorfuhr und vor der aufgestellten Sprechanlage anhielt kommentierte er scherzhaft: „Von außen betrachtet wirkt das Ganze sicherer als jedes Gefängnis. Vielleicht muss ich meine Worte von eben zurücknehmen." Er ließ das Autofenster herunter, um die Klingel erreichen zu können und fuhr fort: „Im Endeffekt ist unser Hauptproblem der Vizeminister. Officier Purdon hat uns seine Unterstützung in allen Belangen zugesagt und die Geheimhaltung des Falls ist auch nicht auf seinem Mist gewachsen. Im Gegensatz zu ihm werde ich es allerdings nicht dulden, falls Héritte sich in irgendetwas einmischen will."

„Passe nur auf, dass du dadurch nicht mehr Ärger hast als vorher."

„Das zu verhindern ist deine Aufgabe. Ich zähle auf dich", erklärte er mit einem Grinsen, doch ihr blieb keine Zeit zu einer empörten Erwiderung, da sich endlich jemand in der Sprechanlage meldete: „Guten Tag. darf ich fragen, was Sie zu uns führt?"

Martin lehnte sich ein Stück aus dem Fenster und antwortete lakonisch: „Officier Bray und Kollegin von der Kontrollbehörde in Tilon. Wir haben eine Verabredung mit Officier Purdon und Monsieur Héritte."

„Sie werden bereits erwartet. Bitte parken Sie Ihren Wagen am Hauptgebäude." Mit einem Klacken wurde die Anlage abgeschaltet und wenige Augenblicke darauf schwang das Tor langsam nach innen auf.

Die Auffahrt war kaum fünfzig Meter lang und kurz bevor sie das Haus erreichten machte sie tatsächlich einen Bogen nach links auf einen kleinen Parkplatz, auf welchem bereits ein Polizeifahrzeug und zwei andere Wagen parkten. Der weitläufige Garten mit den Tannen, welche Anouk von der Straße aus gesehen hatte, war mit einem kleinen Holzzaun von der Auffahrt abgetrennt und ein kurzer, geteerter Weg führte vom Parkplatz aus direkt zum Haupteingang des Gebäudes.

Bevor sie ausstieg vergewisserte Anouk sich noch einmal im Innenspiegel des Wagens, ob ihre helle Bluse richtig saß und steckte sich die langen braunen Haare wieder ordentlich hinter die Ohren zurück, sodass sie ihr nicht ins Gesicht fielen. Auch Martin hatte in der Zwischenzeit Krawatte und Sakko, heute in dezenterem hellblau und schwarz, aus dem Kofferraum geholt. Schließlich stellte ein Treffen mit dem Vizeminister einen gewissen Anspruch an ihre Erscheinung.

Das Haus selbst war weitaus weniger prachtvoll als sie aufgrund der Größe und seines Besitzers erwartet hatte. Zwar war es relativ weitläufig und erstreckte sich über mindestens drei Stockwerke, der nüchterne Baustil mit den glatten, weißen Fronten in Kontrast zu den dunkelgrauen Fenstern und Türen ließ jedoch jegliche Schnörkel und Verzierungen vermissen.

Sie folgte Martin die kurze Treppe zum Eingang nach oben und trat hinter ihm durch die bereits geöffnete Haustür. Der Angestellte an der Sprechanlage hatte nicht gelogen, denn in dem hellen geräumigen Foyer, welches sie nun betraten, saßen schon drei Männer auf den weißen Sofas, die um einen kniehohen Marmortisch in der Mitte des Raumes standen und schienen auf sie zu warten.

Von den dreien erkannte Anouk nur den Mann Mitte fünfzig im schwarzen Anzug, der allein auf dem rechten der beiden Sofas saß. Immerhin hatte sie Henri Hérittes hageres Gesicht mit den strengen, blauen Augen und dem kurzen, zusehends ergrauendem, blonden Haar schon häufiger in den Nachrichten gesehen.

Statt ihm erhob sich aber zuerst ein leicht untersetzter Mann, den sie etwa auf dasselbe Alter wie Héritte schätzte, dessen Halbglatze in Kombination mit den weißen Haaren und tiefen Lachfalten um seine Augen aber vermutlich älter scheinen ließ, als er war. Sichtlich nervös rückte er zunächst seine blaue Krawatte über dem weißen Hemd zurecht, bevor er ihnen gezwungen fröhlich die Hand anbot.

„Vielen Dank, dass Sie beide so kurzfristig hier sein konnten. Ich bin Alain Purdon, der zuständige Officier der Kontrollbehörde von Genoux. Hatten Sie denn eine gute Fahrt hierher."„Alles Bestens, danke. Ich bin Martin Bray, das ist meine Assistentin Anouk Eraille. Freut mich, Sie endlich in Person kennenzulernen. Ich hoffe auf eine gute Zusammenarbeit", antwortete Martin formell und schüttelte dem Purdon die Hand.

„Hoffen wir das nicht alle? Aber ich bin zuversichtlich, dass es diesbezüglich keine Probleme geben wird", versicherte er und schüttelte dann auch Anouk die Hand: „Auch an Sie ein herzliches Willkommen und danke, dass Sie hierher kommen konnten, Mademoiselle Eraille."

„Vielen Dank, Officier. Es freut mich, dass Sie hier sein darf."

Im Gegensatz zu Purdons geschäftiger Begrüßung fiel die Vorstellung der anderen beiden Männer professionell knapp aus. Der zweite Mann, den Anouk nicht kannte – ein hochgewachsener, kräftiger Mann Anfang vierzig mit raspelkurzem schwarzem Haar, dunkler Hautfarbe und entspannten, offenen Zügen – stellte sich ihnen als Giom Hauban, Kommissar der städtischen Polizei, vor, der sich für die vorübergehende Festnahme verantwortlich zeigte. Die beigefarbene Polizeiuniform, die er trug, hatte bereits auf seine Zugehörigkeit zur Polizei schließen lassen. Erst nachdem er aufgestanden war und sich ihnen zugewandt hatte konnten sie jedoch die drei blauen Streifen an seinem linken Oberarm sehen, die seine Stellung bestätigten.

Zuletzt beschränkte Héritte sich darauf, ihnen jeweils mit einem minimalistischen „Guten Tag" kurz die Hand zu schütteln. Dabei verzog er keine Miene und betrachtete sie stattdessen mit dem leicht angespannten Blick, den er schon bei ihrer Ankunft gehabt hatte.

Nach der Vorstellung herrschte für einen Moment peinliches Schweigen, da keiner von Ihnen das Thema direkt anschneiden wollte. Unerwarteter Weise war es Héritte persönlich, der die Stille brach, bevor sie allzu unangenehm werden konnte.

„Sie können Ihre Jacken und Dienstwaffen hier an der Garderobe abgeben. Ich entschuldige mich für etwaige Unannehmlichkeiten, aber Commissaire Hauban und ich haben uns darauf geeinigt, dass lediglich zwei seiner Männer im Haus bewaffnet sind. Da ich annehme, dass Sie die Situation zunächst ohne mein Beisein besprechen wollten, finden Sie mich im Wohnzimmer. Officier Purdon kennt sich inzwischen hier aus, er wird Ihnen behilflich sein können."

„Vielen Dank", meinte Martin erkennbar erleichtert, dass jemand die Initiative ergriffen hatte. Während Héritte durch die Tür im hinteren Teil des Foyers verschwand folgten sie seiner Aufforderung und übergaben alles, was sie nicht unmittelbar benötigten, dem Angestellten im Nebenraum des Foyers, in welchem sich sowohl die Garderobe als auch die Sprechanlage befand.

Martin eröffnete schließlich: „Ehrlich gesagt möchte ich mir gerne zuerst ein Bild von unseren Verdächtigen machen ehe wir weitere Einzelheiten besprechen. Das Protokoll ist zwar sehr ausführlich, letztlich bevorzuge ich es aber, eine persönliche Meinung zu haben, bevor wir über weitere Schritte entscheiden."

Die beiden anderen sahen sich fragend an, ehe der Kommissar gelassen mit den Achseln zuckte: „Ich habe nichts dagegen einzuwenden. Kommen Sie bitte mit."

Sie folgten ihnen durch dieselbe Tür, hinter der Héritte zuvor verschwunden war und die in ein großes Treppenhaus führte. Anstatt nach oben bogen Sie jedoch auf der gleichen Etage in den Flur nach rechts ab. Die Türen zu beiden Seiten, an denen Sie vorbeikamen, waren geschlossen, und außer dem Klacken ihrer Schritte auf dem Parkett war nichts zu hören. Anouk empfand das beinahe als unheimlich und das dumpfe Licht der Deckenlampen trug nicht dazu bei, den Ort heimeliger zu gestalten.

Relativ rasch erreichten Sie jedoch ihr Ziel in Form einer Tür auf der linken Seite, vor der ein weiterer Polizist sichtlich gelangweilt auf einem Stuhl saß und Zeitung las. Als sich ihre Schritte näherten horchte der Mann auf, faltete die Zeitung zusammen und trat mit einem respektvollem Nicken zur Seite.

„Hat unser Hexer irgendetwas verlauten lassen, seit wir weg sind?", fragte Hauban knapp und der Polizist schüttelte den Kopf: „Alles wie immer. Er macht keinen Ärger, aber auch keine Anstalten mehr als nötig zu reden."

Purdon sah sie erwartungsvoll an: „Ich hoffe, Sie können daran etwas ändern."

„Wir werden unser Möglichstes tun", versprach Martin vage.

Der Officier lächelte etwas gequält, klopfte zweimal kräftig gegen die Tür und rief deutlich: „René, die Officiers aus Tilon sind hier und möchten mit dir sprechen." Ohne eine Antwort abzuwarten öffnete er daraufhin die Tür und ging voran, wobei sie direkt hinter ihm eintraten.

Bei dem Raum handelte es sich eindeutig um ein Gästezimmer, denn er war zwar groß, aber mit einem Bett, einem Wandschrank und einem einzigen Tisch mit ein paar Stühlen doch relativ spärlich eingerichtet. Links befand sich noch eine kleine Tür, die halboffen stand und Anouk den Blick in ein ebenso kleines Badezimmer ermöglichte.

Womit sie allerdings nicht gerechnet hatte war, dass sich niemand im Raum befand.

Die Reaktionen von Purdon und dem Kommissar ließen dabei keinen Zweifel daran, dass dem nicht so sein sollte. Denn Ersterer hielt vollkommen verdutzt mitten im Schritt inne, und Hauban fuhr augenblicklich zu seinem Untergebenen herum: „Wann hast du ihn zum letzten Mal gesehen?"

„Vor zwanzig Minuten", stammelte der Polizist und lugte perplex in das verlassene Zimmer. „Ich habe seine Anwesenheit wie nach Vorschrift alle dreißig Minuten überprüft und ich schwöre, dass seitdem niemand hinein- oder hinausgegangen ist!"

„Zumindest nicht durch die Tür", bemerkte Anouk, trat an Purdon vorbei und stieß die Badezimmertür vollends auf. Wie erwartet stand das kleine Fenster dort weit offen und ein Blick nach draußen ergab, dass es nicht zu hoch zum Hinausklettern war, immerhin befanden sie sich im Erdgeschoss. „Wohin führt dieses Fenster?"

Erst jetzt gewann Purdon zumindest den Anschein von Fassung zurück: „In den Innenhof zwischen den beiden Gebäudeflügeln und dem Garten."

„Anouk, kannst du da ebenfalls durchklettern?", fragte Martin unvermittelt.

Sie nickte.

„Gut, dann versuche seinem Weg zu folgen. Wir gehen außen herum und schneiden ihm den Weg ab, falls er versucht zum Haupteingang zu kommen. Purdon, Sie kommen mit mir, ich kenne mich hier nicht aus. Ich hoffe für Sie, es ist nicht so einfach für ihn vom Grundstück zu verschwinden wie aus diesem Zimmer herauszukommen."

Es war tatsächlich ein Leichtes durch das Fenster zu kommen. Dank des Heizkörpers, der direkt unter dem Fenster montiert war, konnte Anouk bequem den Fuß darauf stellen und bekam den oberen Teil des Fensterrahmens zu fassen. Mit einem kurzen, beherzten Schwung landete sie dann auch schon in dem besagten Innenhof.

Im Hof selbst war es still, und nachdem sie sich mit der befremdlichen Situation angefreundet hatte – immerhin war das Verfolgen der Hexen fraglos Aufgabe der Polizei, und nicht die ihre – entschloss sie sich, dem Kieselweg in den Garten zu folgen. Falls René wirklich gedacht zu fliehen, so würde er mit Sicherheit lieber den Weg zwischen den Bäumen wählen als direkt am Haus vorbei. Außerdem würden ihm die anderen im zweiten Fall unweigerlich begegnen.

Der Pfad endete schon nach wenigen Metern an einem großen Fischteich, der auf allen Seiten von hohen Fliederbüschen umgeben war. Zu einer anderen Jahreszeit wäre es sicher ein sehr schöner Ort gewesen, so wirkten die kahlen Äste und das trübe Wasser jedoch alles andere als einladend.

Sie hielt einen Moment inne, als sie glaubt eine Stimme von der anderen Seite des Teichs gehört zu haben und ihr Blick fiel auf einen großen, halboffenen Pavillon, der jedoch eindeutig leer war. Trotzdem ging sie mit vorsichtigen Schritten um den Teich herum, um das Knirschen der Steine unter ihren Schuhen möglichst leise zu halten.

Als sie sich dem Gebäude näherte konnte sie die feminine Stimme deutlicher hören und erkannte nun auch, dass sie von der Rückseite des Pavillons kam.

„…nicht meine Aufgabe. Das hättest du dir überlegen sollen, bevor du Ärger gemacht hast. Yanis ist nicht glücklich darüber und du weißt warum."

Die männliche Stimme, die ihr Antwort gab, klang relativ wütend. „Mir ist egal welche Probleme Yanis hat; ich habe gerade genügend eigene. Entweder du machst dich also nützlich oder du verschwindest dorthin, wo du hergekommen bist!"

Anouk bezweifelte, dass die beiden in ihrem Streit aufmerksam genug waren, um sie zu bemerken, sodass sie sich leise zwischen den Bäumen näher heranwagte. Sobald sie einigermaßen freie Sicht durch das Geäst eines der Fliederbüsche hatte blieb sie stehen und wartete ab.

Nachdem sie sein Bild im Steckbrief gesehen hatte war es einfach, den Mann, der mit dem Rücken an der Wand des Pavillons lehnte und trotzig die Arme vor der Brust verschränkt hatte, als René Héritte zu identifizieren. Ihm gegenüber stand eine kleine, ältere Frau in einem dicken blauen Wintermantel und mit säuberlich hochgestecktem grauen Haar, die jetzt unfreundlich erwiderte: „Ich bin weder hier, um dir zu helfen, noch erwarte ich etwas von dir. Meine Aufgabe ist lediglich dir auszurichten, dass du das Ganze wieder in Ordnung bringen sollst."

„Wie denn?", zischte René und kickte frustriert ein paar Kiesel zur Seite. „Für mich macht das alles ebenso viel Sinn wie für euch!"

Anouk zuckte zusammen, als sie eine Hand auf ihrer Schulter spürte, und fuhr herum. Ihr Schrecken legte sich jedoch sofort, als sie Martin erkannte, der einen Finger an die Lippen legte und mit der anderen Hand auf die gegenüberliegende Seite deutete. Mit etwas Anstrengung erkannte sie dort Haubans helle Uniform hinter den Ästen.

Derweil überging die Frau Renés Einwand geflissentlich: „Dann gib dir mehr Mühe und sitze nicht nur untätig hier herum. Das tust du doch sonst offenbar auch nicht. Außerdem bin ich mir sicher, dass weder du noch ich wollen, dass sich die Voll…" Sie brach hustend mitten im Wort ab, griff an ihre linke Schulter und die Stimmung, die vorher nur angespannt gewesen war, wandelte sich schlagartig.

Sowohl die Frau als auch René waren plötzlich alarmiert, obwohl keiner der Beobachter sich gerührt hatte. Doch bis René sich richtig umgesehen hatte war es bereits zu spät, denn Hauban hatte nicht gezögert aus seinem Versteck hervorzutreten und eine Waffe zu ziehen, die vermutlich von seinem Untergebenen stammte.

Demgegenüber hatte die Frau deutlich schneller reagiert und lief bereits den Weg entlang, der hinter dem Pavillon weiter in den Garten hineinführte.

„Hey, stehenbleiben!", schrie Hauban ihr nach ohne René eine Sekunde aus den Augen zu lassen, was sie selbstverständlich ignorierte, sodass Anouk ihr ohne zu zögern nachlief.

Sie war schneller als ihr Alter hatte erwarten lassen, trotzdem gelang es Anouk rasch zu ihr aufzuschließen. Nicht zuletzt weil sie am Ende des Weges, wo dieser über zwei Stufen vor zahlreichen Gemüsebeeten und einem großen Gewächshaus endete, deutlich langsamer ging.

Anouk wollte kein Risiko eingehen, falls sie entgegen allem Anschein bewaffnet war, weshalb sie die Frau am rechten Handgelenk packte und grob zum Stehen zwang. „Sie sollten sich besser nicht länger widersetzen, Madame!"

Anstatt etwas zu sagen starrte die Frau sie an, als sei sie einem Gespenst begegnet, und für einen Moment fürchtete Anouk, sie könnte einen Herzinfarkt bekommen. Doch zu ihrer Verblüffung fing sie an schallend zu lachen und fragte: „Warum arbeitet jemand wie du für die Polizei? Hältst du es nicht für schlauer, uns beim Sp…" Sie hustete abermals und Anouk nutzte die Zeit, um auch ihr anderes Handgelenk zu ergreifen.

„Ich habe keine Ahnung, wovon sie sprechen. Aber Sie können uns das gerne alles beim Verhör erzählen." Sie sah sich nach Martin um, der nicht weit hinter ihr sein konnte, und erstarrte.

Das Gewächshaus war verschwunden, ebenso die Beete, und lediglich der Kieselweg war geblieben. Die Büsche, die ihn zuvor gesäumt hatten, ähnelten nun mehr verwelkten Hecken und auch die hohen Tannen, die ein wenig abseits standen, waren braun und der Boden bedeckt von toten Nadeln. Vom Pavillon, dem Teich oder gar dem Haus war hingegen nichts zu sehen.

Unvermittelt spürte sie Panik in sich aufsteigen und die kleinen Wölkchen, die bei jedem Atemzug aufstiegen, bewiesen, dass es merklich kälter geworden war.

Erst das Lachen der Frau riss sie aus ihrer Trance und dieses Mal war es an ihr, die andere mit großen Augen anzusehen. Deren Überraschung hatte sich indessen zu einem schadenfrohen, durch und durch bösen, Grinsen gewandelt.

„Armes, dummes Mädchen. Du hast keine Ahnung, wo du hineingeraten bist. Nimm' dir diesen Rat zu Herzen: Spiele nicht mit Dingen, die du nicht verstehst. Das ist Sache eurer Hexen, Kleine."

Unerwartet trat sie ihr so fest gegen das Schienbein, dass sie automatisch ihre Handgelenke losließ und auch nicht schnell genug reagieren konnte, als sie sie mit beiden Händen nach hinten stieß.

In einem erfolglosen Versuch, ihr Gleichgewicht wiederzufinden, trat sie einen Schritt zurück, stieß prompt mit der Ferse gegen die unterste Stufe und landete unsanft auf dem Boden.

Mit einem Fluch ignorierte sie das Pochen in ihrem Steißbein und kam hastig wieder auf die Beine, nur um festzustellen, dass die Frau nirgends zu sehen war, dabei gab es zwischen den Beeten keine Versteckmöglichkeiten.

Zwischen den Beeten und dem Gewächshaus, die vor einigen Sekunden definitiv verschwunden gewesen waren.