HALLO, WER IST AM APPARAT?

Eines Tages klingelte bei Marietta das Telefon. Am anderen Ende ist ein Junge, der sich einsam fühlt und nur irgend jemandes Stimme hören will. Die junge Frau hat Mitleid mit ihm und lässt sich auf ein Gespräch ein, das ungeahnte …

"Oh, verdammt, was ist denn das schon wieder? Ein Spinnennetz!" Marietta legte ihre Einkäufe auf den Tisch, holte den Tritthocker, fing vorsichtig die langbeinige, dürre Spinne ein und brachte sie nach draussen auf den Balkon: "Hier findest du sicher mehr zu essen", meinte sie. Dann riss sie ein Blatt Papier von der Küchenrolle, um das klebrige Gebilde zu beseitigen, und schliesslich verstaute sie die Einkäufe.

"Genug für mindestens drei Tage", murmelte sie dabei befriedigt vor sich hin. Sie wollte sich gerade wieder an ihren Computer setzen, als das Telefon klingelte. Ohne Eile hob sie ab: "Marietta Hübner, ja bitte?" Niemand antwortete.

"Hallo", rief Marietta. "Ist da jemand?" Sie spürte förmlich eine Gegenwart am anderen Ende der Leitung. Falsch verbunden und dazu noch unhöflich? schoss es ihr durch den Kopf. Oder einer von den Lüstlingen, die unanständige Vorschläge machten? Aber warum sagte er dann nichts?

Sie wollte gerade achselzuckend auflegen, als eine verlegene Stimme sagte: "Entschuldigen Sie bitte, aber ich habe einfach eine Nummer gewählt, nur so …" Die Stimme gehörte einem Jungen, der sich hörbar im Stimmbruch befand.

"Warum denn das?" Marietta war von Natur aus neugierig.

Die Antwort kam zögernd: "Naja, es ist so still hier."

Marietta hatte ein feines Gehör. Sie spürte die Not in der Stimme des Jungen. "Wie heisst du denn?" fragte sie spontan. Schweigen. "Du kannst mir doch deinen Vornamen sagen, das wird dich bestimmt nicht verraten."

"Jonas", sagte die Stimme.

"Ich bin also Marietta. Nun schiess los, Jonas!"

"Ich …"

"Ja, du hast doch etwas auf dem Herzen, oder?"

"Ach, hier zu Hause ist alles so ätzend!"

"Ätzend … wie das?" Nicht aufhören zu reden, dachte sie und hatte plötzlich Angst um diesen fremden Jungen.

"Na ja seit … seit Mutti fort ist", brachte er mit Anstrengung hervor. Seine Stimme rutschte hoch, und er räusperte sich.

"Das tut mir leid, Jonas. Wie lange ist deine Mutter denn schon fort?"

"Seit acht Monaten. Wir waren in den Ferien im Gebirge, und eines Morgens ist sie weggegangen und nicht wiedergekommen."

Mariettas Gehirn arbeitete blitzschnell. Ein Unfall? Ein Streit? Verstanden sich Jonas Eltern nicht? Aber der Junge schien nicht mehr sagen zu wollen, und sie mochte ihm diese Frage nicht stellen. So sagte sie nur: "Jonas, du hast doch noch deinen Vater?"

"Ja, aber er ist seitdem nicht mehr ansprechbar. Der denkt nur noch an seine Arbeit."

Er stockte, fuhr hastig fort: "Verzeihen Sie, ich hätte Sie nicht anrufen dürfen. Es ist das erste Mal, dass ich so etwas mache: einfach eine Nummer wählen. Ziemlich dumm, was?"

"Jonas", sagte sie rasch, "wenn du mit mir sprechen möchtest, kannst du gern jederzeit wieder anrufen, ja. Und du kannst auch gern 'du' zu mir sagen."

"Hm … ja, danke Marietta. Könnten Sie … könntest du mir deine Telefonnummer geben?"

"Aber …"

"Ich erinnere mich nicht mehr, welche Nummer ich gewählt habe."

"Ach ja, natürlich!" Sie diktierte ihm die Nummer, fragte noch schnell: "Wie alt bist du, Jonas?"

"Vierzehn. Nochmals vielen Dank." Seine Stimme klang etwas fester als am Anfang.

Marietta blieb lange unbeweglich sitzen, nachdem sie aufgelegt hatte. Jonas war vierzehn. So alt wäre Jan gewesen, wenn er gelebt hätte, aber Jan war vor vier Jahren von einem Auto erfasst worden, als er mit seinem neuen Fahrrad, das er zum Geburtstag bekommen hatte …

Marietta strich sich über die Stirn. Dieter und sie waren jeder auf seine Weise nicht mit dem Tod ihres einziges Kindes fertig geworden. Dieter hatte körperlich die Flucht ergriffen, war kaum noch nach Hause gekommen, während sie selbst sich nicht von Jans Zimmer hatte losreissen können.

Es hatte mit der Scheidung vor zwei Jahren geendet. Dieter hatte wieder geheiratet, und seine neue Frau erwartete ein Baby. Sie, Marietta, war fortgezogen, um sich hier eine neue Existenz aufzubauen. Sie übernahm Schreibarbeiten für Firmen, für Anwaltskanzleien. Früher hatte sie einmal als Sekretärin gearbeitet, aber sie mochte nicht mehr unter Menschen gehen, fühlte sich sicherer in ihren eigenen vier Wänden.

Sie hatten doch nur Jan gehabt. Nach seiner Geburt hatte festgestanden, dass sie keine anderen Kinder würde haben können …

"Ach, hör auf, an all das zu denken", befahl sie sich und fing energisch an zu tippen.

Am nächsten Tag - Marietta bereitete gerade ihr Abendessen zu - rief Jonas sie wieder an.

"Ich störe dich vielleicht?" erkundigte er sich höflich.

Sie hatte den ganzen Tag an ihn gedacht: "Natürlich nicht", erwiderte sie.

"Mein Vater ist noch nicht nach Hause gekommen."

"Oh, es ist aber schon halb acht."

"Manchmal wird's neun oder später."

"Was macht denn dein Vater? Als Beruf, meine ich."

"Er arbeitet als Ingenieur in der Flugzeugindustrie."

"Und du? Du gehst sicher zur Schule?"

"Ja, in die neunte Klasse."

"Du hast doch bestimmt Freunde, Jonas?"

"Im Augenblick nicht so", zögerte er.

"Und warum nicht? Es ist wichtig, Freunde du haben, weisst du?" Sprich für dich, dachte sie dabei. Seit Jans Tod hatte sie ihre Freunde und Bekannten gemieden, hatte einige von ihnen, die ihr helfen wollten, richtig vor den Kopf gestossen …

"Sie reden nicht mehr mit mir, und ich weiss auch nicht, was ich mit ihnen reden soll", gestand er. "Sie wissen doch das mit meiner Mutter. Sie gehen mir aus dem Weg, oder stecken die Köpfe zusammen, wenn sie mich sehen. Und Vati redet auch nicht mit mir. Dabei haben wir uns früher wirklich prima verst …"

Eine tiefe Stimme dröhnte jetzt ins Telefon: "Mit wem spricht Jonas? Was geht hier vor?"

Marietta zuckte erschrocken zusammen. Das musste Jonas Vater sein. Er hatte seinen Sohn beim Telefonieren überrascht.

"Herr …", begann Marietta etwas hilflos.

"Rupert. Hayo Rupert", erwiderte er kurz.

"Ich bin Marietta Hübner. Ich habe mir nur erlaubt …"

"Sind Sie Jonas Lehrerin? Etwa eine Sozialarbeiterin?"

"N …nein …"

Sie hörte Jonas gepeinigte Stimme im Hintergrund: "Vati, gib mir den Hörer zurück!"

Aber Hayo Rupert dachte nicht daran. Grollend fuhr er fort: "Was hat der Junge Ihnen erzählt?"

"Aber Herr Rupert …"

"Ich verbitte mir jede Einmischung in unser Privatleben. Bin ich deutlich genug?"

Marietta hatte früher viel Temperament besessen. Jetzt brach es wieder durch. Was bildete sich dieser Tropf denn ein? Welch ein unangenehmer Zeitgenosse!

"Jetzt hören Sie mir mal gut zu", erwiderte sie scharf. "Ich habe nicht vor, mich in irgend etwas einzumischen, aber hier geht es um einen Menschen, Ihren Sohn. Was fällt Ihnen überhaupt ein, unser Gespräch zu unterbrechen? Geben Sie mir sofort Jonas zurück!"

"Ich habe ihn hinausgeschickt. Und gebe Ihnen zu bedenken, dass er minderjährig ist und ich für ihn verantwortlich bin!"

"Dann kümmern Sie sich gefälligst wieder mehr und besser um ihn. Er braucht Sie", fauchte sie.

Eine kurze Stille entstand, dann schäumte seine Stimme geradezu: "Wie kommen Sie dazu, mir Ratschläge zu erteilen? Was berechtigt Sie überhaupt dazu?"

Der Zorn verliess sie so plötzlich, wie er gekommen war. Kraftlos sank ihre Hand herab, sie legte fast vorsichtig den Hörer auf die Gabel zurück.

Sie verbrachte eine schlaflose Nacht. Hayo Ruperts Stimme, vor Groll, aber auch vor Schmerz entstellt, tönte noch in ihrem Ohr. "Wie kommen Sie dazu, mir Ratschläge zu erteilen …" Tatsächlich, wie kam sie dazu? Was hatten Dieter und sie denn besser gemacht? Ein Kind, das einem entrissen wird, eine Frau, die fortgeht und nicht wiederkommt, und jeder ist mit seinem Leid allein.

Am folgenden Nachmittag, es war kurz nach drei, rief Jonas an. Er entschuldigte sich bei ihr, er hätte seinen Vater nicht kommen hören.

"Du brauchst dich doch nicht zu entschuldigen, Jonas. Ich hoffe, dass du keine Schwierigkeiten bekommen hast?"

"Vati und ich haben uns ganz schön gestritten", gab er zu, "und natürlich hat er mir verboten, dich noch einmal anzurufen und zu belästigen, wie er sich ausdrückte. Aber er hat mir dafür versprochen, wieder früher nach Hause zu kommen. Als Mutti noch da war, ist er doch auch immer so früh wie möglich gekommen. Es ging ihr so oft schlecht. Na, ich hör' jetzt lieber auf. Schade, ich hab' mich gern mit dir unterhalten. Es hat … es hat mir gut getan. Danke, Marietta."

Seine Stimme klang traurig und vernünftig zugleich. Sie schnitt ihr ins Herz, aber sie musste zugeben, dass es keine andere Lösung gab. Ausserdem schien Hayo Rupert ja, was seinen Sohn betraf, gute Vorsätze gefasst zu haben, und war das nicht die Hauptsache?

Marietta gingen die beiden Menschen nicht mehr aus dem Sinn. Sie hatte sich ihr Leben nach Jans Tod und ihrer Scheidung neu eingerichtet. In dieser Zweizimmerwohnung mit der Hälfte der Möbel, mit einer neuen Arbeit. Sie hatte ihre Ruhe wiedergefunden, und ein Tag verging wie der andere. Aber sie begriff plötzlich, wie trügerisch diese Ruhe gewesen war. Seit Jonas zufällig ihre Nummer gewählt hatte, war alles aus den Fugen geraten.

Dann, an einem Sonntag - die Sonntage waren am schlimmsten - läutete wieder das Telefon. Sie nahm den Hörer ab, wollte sich melden und musste sich erst einmal räuspern, ehe sie einen Ton herausbrachte. Sie hatte seit zwei Tagen mit niemandem mehr gesprochen.

"Marietta Hübner, ja bitte?" krächzte sie.

"Hier ist Hayo Rupert. Ich möchte mich bei Ihnen für mein unmögliches Benehmen neulich entschuldigen."

Sie war auf einmal hellwach: "Bitte, ist schon vergessen", log sie. Nach kurzem Zögern fragte sie: "Wie geht es Jonas?"

Er antwortete nicht gleich, sie hörte seinen schweren Atem, als sei er sehr müde. Ein schrecklicher Verdacht durchfuhr sie: "Es ist doch nichts passiert?" Es klang wie ein Aufschrei.

"Nein, nein, es geht ihm gut", beruhigte er sie sofort und etwas erstaunt.

Es war ihr peinlich, sich derart hatte überwältigen zu lassen: "Verzeihen Sie, ich … ich bin ganz durcheinander. Sie müssen wissen, dass mein Sohn jetzt Jonas Alter hätte, wenn …" sie stockte, biss sich verzweifelt auf die Lippen.

"Wenn?" forgerte er sie zum Weitersprechen auf.

"Er ist mit gerade zehn Jahren bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Er fuhr auf seinem neuen Fahhrad, das mein Mann und ich ihm zum Geburtstag geschenkt hatten." Es war das erste Mal, dass sie das jemandem gegenüber aussprechen konnte.

"Das tut mir von ganzem Herzen leid, Marietta. Darf ich Sie Marietta nennen? Wie Jonas? Sie müssen wissen, dass er viel von Ihnen spricht. Und ich Esel habe Ihnen gegenüber diese Bemerkung gemacht … doch, doch, ich erinnere mich sehr gut, was Ihnen das Recht gibt … und so weiter. Sie war sehr grausam. Doppelt grausam unter den gegebenen Umständen."

"Sie hatten auch Sorgen", erwiderte sie. "Ich weiss, wie das ist. Wissen Sie jetzt Näheres über den Verbleib Ihrer Frau?"

"Man hat sie gefunden. Tot. Jonas hat Ihnen gesagt, dass wir Ferien im Gebirge machten, nicht wahr? Es war eine sehr einsame Gegend. Das hatte Elise sich gewünscht. Wir hatten eine Ferienwohnung in einem Bergdorf gemietet. Elise ist eines Morgens, als Jonas und ich noch schliefen, fortgegangen. Wir hatten uns nicht gestritten, gar nichts, sie hat auch keinen Brief hinterlassen. Sie war einfach fort und ist nicht wiedergekommen.

Natürlich haben wir die ganze Umgebung nach ihr abgesucht, nichts, keine Spur. Spaziergänger haben sie jetzt gefunden. Sie ist einen Felsen herabgestürzt, war sofort tot. Es war ein sehr unwegsames Gebiet, ziemlich weit vom Bergdorf entfernt. Wir haben sie nun beerdigen können." Seine Stimme hörte sich elend an, aber er fuhr fort: "Es mag schrecklich klingen, aber es ist fast eine Erlösung. Endlich hat die quälende Warterei ein Ende. Es ist schlimm, weil es so … endgültig ist, aber die Ungewissheit war noch grausamer."

"Jonas erwähnte einmal, dass es Ihrer Frau oft schlecht ging?" fragte Marietta behutsam.

"Elise war depressiv veranlagt. In den letzten Jahren ist es sehr schlimm geworden. Ich habe für sie getan, was ich konnte, ich liebte sie. Aber wenn die Schwermut sie überfiel, dann litt sie unsagbar, und gegen dieses Leid war ich machtlos. Ohnmächtig musste ich zusehen, wie sie sich quälte. Sogar die Ärzte konnten ihr oft nicht helfen. Es könnte sein, dass sie während eines solchen Anfalls den Tod gesucht hat. Wer will das wissen?"

"Ich möchte jetzt die richtigen Worte finden, um Ihnen zu sagen, wie leid mir das tut, auch für Jonas." Sie hielt den Atem an. Wie würde er reagieren? Sie selbst war unfähig gewesen, Trost und Hilfe anzunehmen.

Aber Hayo Rupert antwortete: "Danke, dass Sie mir zugehört haben. Jonas hat recht. Es tut gut, mit Ihnen zu sprechen. Ich wollte Sie eigentlich nur anrufen, um mich für meine Grobheit und Taktlosigkeit zu entschuldigen, aber … wäre es vielleicht möglich, dass wir uns sehen? Ich könnte heute Abend für uns drei einen Tisch in einem Restaurant reservieren. Sind Sie einverstanden?"

Sie war es, und pünktlich um halb acht standen Hayo und Jonas vor ihrer Wohnungstür. Hayo in einem dunklen Auzug, mit Brille und sympathischem Schnauzbart, Jonas in Jeans und einem lässigen Pullover. Er war ein lang aufgeschossener Junge mit Bürstenhaarschnitt und den wachen dunklen Augen seines Vaters.

Und Marietta stand vor ihnen in der Tür, gross und schlank, in einem schlichten, hellen Zweiteiler. An den Jackenaufschlag hatte sie eine Stoffblume gesteckt. Alle drei musterten sich einen Augenblick, dann reichte Marietta erst Hayo und dann Jonas die Hand: "Ich freue mich sehr, euch kennenzulernen", sagte sie warm.

Und dann wurde alles ganz einfach. Schon, als sie zu dritt im Fahrstuhl nach unter fuhren, unterhielten sie sich angeregt miteinander. Über kleine Dinge, Nebensächlichkeiten. Sie mussten ja erst richtig Bekanntschaft miteinander machen. Aber Marietta schien es, als füge sich etwas hier, fast ohne ihr Zutun, wieder zusammen, etwas, das eine Fortsetzung war, aber auch ein neuer Anfang, und dass sie wahrscheinlich nie mehr Selbstgespräche führen würde …

ENDE