WINTERWUNDERWELT

Kalt, es ist so verdammt kalt. Die Temperatur sinkt immer weiter und ein Schneesturm ist aufgekommen. Unbarmherzig peitscht er mit ins Gesicht, lässt meine Zähne klappern, meine Glieder ganz klamm werden. Ich weiß nicht, wie lange ich schon hier sitze und erfriere, aber es ist mir egal, alles ist egal. Anfangs mochte ich die Kälte, weil sie so geschmerzt hat, doch mittlerweile bin ich so gut wie taub geworden. Eigentlich ist es unnötig, weiterhin hier zu bleiben, aber ich habe die Orientierung verloren. Ich kann kaum die Hand vor meinen Augen erkennen und bezweifle, dass meine Beine mich tragen würden. Es fühlt sich an, als wären sie abgestorben.

Ich will meinen Mantel enger um mich ziehen, aber meine Finger sind dagegen. Mein Körper schreit nach Wärme, nach Erlösung, aber meine Seele ist dagegen. Verzweifelt kämpfen sie, aber ich weiß, wer gewinnen wird. So lange habe ich nur auf meine körperlichen Bedürfnisse geachtet und nicht bemerkt, wie stark all die Wunden mein Innerstes Ich gemacht haben.
Ich seufze.

Die nächste Ewigkeit später werde ich durch eine warme Hand geweckt. Sie liegt auf meiner Wange und ist so unglaublich kuschelig, dass ich sofort sicher bin, dass sie mir nicht gehören kann. Verwirrt schlage ich die Augen auf und muss einige Male blinzeln, um meine Umgebung wahrnehmen zu können. Der Sturm hat sich gelegt und weicher, glitzernder Neuschnee lässt alles wie in der Winterwunderwelt erscheinen.
Es ist schön.

„Schlaf nicht wieder ein", höre ich eine raue Stimme sagen.
Ich zucke zusammen, warum habe ich den Mann nicht bemerkt? Es ist seine Hand auf meiner Wange. Was passiert mit mir? Warum kann ich ihn nur aus zusammengekniffenen Augen anstarren, als hätte ich noch nie einen Menschen gesehen?
„Du musst ins Warme."
Ins… Warme? Warm? Vage erinnere ich mich, kann dem Wort ein Gefühl zuordnen. Gemütlich, angenehm. Schmerzlos. Warm…
„Du wirst erfrieren, wenn du länger hier bleibst. Komm, steh auf."
Aber meine Beine gehorchen mir nicht mehr, will ich sagen. Aber mein Mund hat sich eben jenen Körperteilen wohl angeschlossen. Also schaue ich ihn weiterhin einfach nur an.
„Bitte." Seine Stimme wird leiser. „Du darfst nicht liegen bleiben. Sonst wirst du sterben."
Sterben? Etwas in mir horcht auf. Ja, das war das letzte, woran ich dachte, als mein Kopf noch klar war. Sterben. Das war der Plan. Darum bin ich hierhergekommen. Warum fällt mir das erst jetzt wieder ein?
„Du musst weiterleben!", drängt er mich und ich kann sogar die Sorge aus seiner Stimme heraushören.
Wer ist er, dass er sich Sorgen um mich macht? Er kennt mich doch gar nicht. Und er muss sich auch nicht um mich kümmern. Ich bin ihm dankbar, weil er meinem Gedächtnis auf die Sprünge geholfen hat. Dafür hat er eine Belohnung verdient. Ich ziehe meine Mundwinkel nach links und rechts, lächele ihn an, mit den Lippen einer Todgeweihten. Dann reiße ich meine Lippen auseinander und glockenhelles Lachen kommt aus der klaffenden Hölle.
Hey, will ich sagen, es ist okay. Es ist doch okay. Ich bin die Schneekönigin, ich bin gern hier.
Aber er zuckt erschrocken zurück. Schade. Ich würde ihm gern anbieten, hier zu bleiben. Mit mir, im Winterwunderland.

Noch einmal versucht er es.
„Bitte, lass mich dir helfen. Komm mit!"
Verärgert werde ich wieder ruhig. Ich will hier nicht weg. Ich lebe hier, ich habe noch nie woanders gelebt. Was will er von mir?
Er tritt einen Schritt auf mich zu und ich strecke die Hand aus. Komm, bleib hier. Es ist so schön hier. Wunderbar.
Aber je mehr meine Hand sich ihm nähert, desto weiter geht er wieder zurück, bis er schließlich weggeht.

Ich zucke mit den Achseln, springe auf und tanze durch den Schnee. Ich bin ein Eisengel, endlich in meiner Winterwunderwelt angekommen.

ENDE