ROSA ZUCKERWATTE

Du musst etwas essen.
Nein.
Du hast Hunger.
Ich bin satt.
Iss etwas!
Halt die Klappe!
Die Sterne vor deinen Augen explodieren und das Universum verschluckt dich, wenn du nicht sofort etwas isst!
VERPISS DICH!

„Anna?"

Die Stimme meiner Mutter reißt mich aus meinen Gedanken. Ich blinzele verwirrt und starre sie dann an. Ihr Gesicht ist nur wenige Zentimeter von meinem entfernt und Sorge glänzt in ihren tiefbraunen Augen.
„Ja?"

„Ist alles... okay mit dir?"

„Klar, was soll sein?"
Ich zucke gelassen mit den Schultern, lächele sie an und greife nach ihrem Teller.
„Bist du fertig?"
Sie nickt.
„Wir schreiben heute einen Mathetest. Ich bin die Formeln nochmal durchgegangen, darum war ich wahrscheinlich kurz weg. Du weißt doch, was Mathe für ein Monster ist."
Ich verziehe das Gesicht und sie lächelt.

„Das wird schon. Hast du schon etwas gegessen? Vor einem Test ist ein gutes Frühstück wichtig."

Auf dem Tisch steht noch ein Muffin, im Schrank ist Erdbeermüsli und Obst türmt sich in der Obstschale. Was im Kühlschrank alles steht, will ich gar nicht wissen.
Der Muffin ist lecker, er ist gerade soweit abgekühlt, dass du ihn essen kannst, ohne dass du dir die Zunge verbrennst. Die Schokolade wird in deinem Mund schmilzen und dir ein wohliges, warmes Gefühl schenken. Danach kannst du dir für den Schulweg eine Banane mitnehmen, sie wird deine Muskeln und dein Gehirn stärken und dir helfen den Mathetest zu überleben. Eine Birne bringt dich nicht um, weißt du noch, wie saftig sie schmeckt?
Ich schüttele den Kopf.
„Meine Englischlehrerin hat Geburtstag und weil wir mit dem Stoff für dieses Schuljahr eh fast durch sind, frühstücken wir zusammen in den ersten beiden Stunden."
Ich bin eine gute große Schwester. Ich lasse den Muffin für Lina, sie wird sich freuen. Wer weiß, wie viele Chemikalien in diesem abgepackten Müsli sind? Ich will es gar nicht wissen. Und dieses Obst! Wenn ich die braunen Stellen schon sehe, wird mir schlecht. Igittigitt!

„Oh", sagt meine Mutter, „musst du auch etwas mitbringen? Warum hast du das nicht früher gesagt, ich war doch gestern einkaufen..."

„Schon gut. Ich hab doch letztens freiwillig die Schulbücherei aufgeräumt. Mrs. Peter ist auch für die Bibliothek zuständig, darum hat sie gesagt, ich müsse nichts machen."
Die Bücher waren schrecklich unordentlich. Die meisten Schüler legen sie einfach ab, wenn sie sie gelesen haben – falls sie sie gelesen haben – und der Staub, der auf den Regalen lag, hat die Luft verpestet. Außerdem hab ich dadurch das Abendessen verpasst.

„Das ist nett", findet sie.

„Ja", stimme ich zu. „Willst du noch was essen?"

„Nein, danke. Ich muss los."
Sie haucht mir einen Kuss auf die Lippen, greift nach ihrer Tasche und rauscht aus dem Haus.

Ich seufze, lehne mich an den noch warmen Backofen und schließe kurz die Augen.
Prompt ist diese verdammte Stimme wieder da und ich reiße die Augen so weit auf, dass sie fast herausfallen und auf dem Boden herumrollen. Ich würde mit schwarzen Löchern durch die Gegend laufen und Lina Angst machen. Aber vielleicht würde sie mich auch auslachen und meine Augen in Salzsäure einlegen, während die Nerven noch mit dem Rest meines Körpers verbunden sind.
Ich reiße mich zusammen, stoße mich ab und nehme ein Blatt Papier, einen Stift und Tesafilm. Irgendwo müssen hier auch noch Zahnstocher liegen... Ah, da.
Ich schreibe „Have a great day and good luck!" auf das Papier, weil Lina heute Englisch schreibt und es ihr im Gegensatz zu mir nicht zufliegt, falte es bastele eine Fahne. „Lina" schreibe ich auf die andere Seite und stecke das Fähnchen mit ihrem Namen nach vorne in den Muffin.
Er duftet so köstlich...
Er ist für Lina und sie schreibt heute eine wichtige Englischarbeit und sie hat den Muffin nötig.

Ein Blick auf die Uhr zeigt mir, dass ich genug Zeit mit Basteln verschwendet, nein, verbracht habe, um gerade noch pünktlich in die Schule zu kommen. Ich stehe auf – und lasse mich wieder auf den Stuhl fallen. Mir wird schwarz vor den Augen und mein Magen killt mich. Ich schnappe mir einen kleinen, schrumpeligen Apfel, dessen sechzig Kalorien mich nicht töten werden. Außerdem beschließe ich, die Bahn zu verpassen und zu spät zu kommen und laufe die halbe Stunde zur Schule.

Mrs. Peter wirft mir einen bitterbösen Blick zu, als ich zur Tür hinein husche, aber sie sagt nichts und als ich meine Hausaufgabe vorlese, ist sie voller Lob für mich.
Die Mathearbeit setze ich total in den Sand. Mein seltsamer Lehrer will irgendwas mit Vektoren von mir (hätte ich davon hören sollen?) und ich vertreibe mir die Zeit damit, dass ich die Zahlen bunt ausmale.

Meiner Sportlehrerin sage ich, ich hätte plötzlich meine Tage bekommen und hätte fürchterliche Bauchschmerzen, weshalb ich leider nicht am Unterricht teilhaben könnte. Das ist nur teilweise gelogen – meine Tage bekomme ich zwar schon lange nicht mehr, aber ich habe wirklich Bauchschmerzen. Sie sieht mich nur an, seufzt und sagt, ich soll mir einen Ball nehmen.
Mist.
Ich nehme einen Basketball. Er ist tausend Kilo schwer und die Erdanziehungskraft hat sich auf einmal auf das Doppelte erhöht und ich kann diesen Ball nicht in den Korb werfen. Ich würde höchstens den Kopf dieser verdammten Lehrerin treffen.
„Wie soll ich dir eine Note geben, wenn du nie mitmachst?", will sie streng wissen und deutet auf den Korb. „Los jetzt. Du machst jetzt deine Basketballnote."

Ich schaue sie entgeistert an, aber sie will, dass ich diesen Ball in den Korb werfe und ich will nicht, dass sie was merkt, also hebe ich das Ding hoch, meine Arme zittern und fixiere den Korb und Sterne tanzen vor meinen Augen und werfe und er fliegt in die Luft und umkreist die Erde und kommt zurück und trifft mich mitten ins Gesicht und mein Schädel bricht durch die Wucht entzwei und ich falle, falle, falle und schwarz und Aufschlag und Schmerz und Tod.

„Anna?"
Die Stimme meiner Mutter dringt durch ganz viel Watte, rosa Zuckerwattewölkchen zu mir durch und ich frage mich, warum sie mich das in kürzester Zeit zum zweiten Mal fragt und ich will wissen, ob sie Hunger hat, ich kann ihr was kochen und Lina von der Schule abholen und und und mir tut alles weh und mein Bauch fühlt sich merkwürdig aufgebläht an und ich liege auf etwas unglaublich hartem und meine Wirbelsäule schmerzt und ich will die Augen nicht aufmachen, weil ich weiß, dass ich geblendet werde, wenn ich sie öffne und meine Mutter greift nach meiner Hand und sie ist schrecklich kalt.
Ich zucke zusammen und zwinge meine Augen, sich der Welt zu stellen.

Ich bin in einem Krankenzimmer, in einem Krankenhaus und das erste, was in mein Bewusstsein dringt, ist der große, dunkelbraune Fleck in der Kante zwischen Decke und Wand und ich frage mich, wie man da wohl hinkotzen konnte und ich frage mich, warum ich nicht Kotzen kann, es geht einfach nicht, und ich frage mich, was ich hier mache und warum meine Mutter weint und warum ich an Schläuche angeschlossen bin und warum die Welt sich überhaupt dreht und alles voller Fragen ist und schlafe ein.

Als ich aufwache, ist es dunkel im Zimmer und ich sehe die Silhouette meiner Mutter, die noch immer neben meinem Bett auf einem Stuhl kauert und schläft. Warum ist sie hier? Warum bin ich hier? Was ist mit Lina? Ist sie allein daheim? Ich will nicht, dass meine kleine Schwester allein daheim ist. Ich will nicht, dass meine Mutter so fertig ist. Ich will... gar nichts.
Ich will fliegen, meine Arme ausbreiten und mich leicht und elegant in die Lüfte erheben, frei wie ein Vogel. Ich will lachen, ich will lieben, ich will leben.
Ich will nicht hier sein. Ich will niemandem Sorgen bereiten.

Ich will wissen, warum ich hier bin.
Du bist zusammengebrochen. Du hast nicht auf mich gehört und nicht gegessen., Du bist zu dünn. Du hast keine Kraft. Du bist schwach.

Sei leise. Sei leiseleiseleise, lass mich IN RUHE!
Es ist deine Schuld, dass deine kleine Schwester allein daheim schlafen muss, dass sie Angst hat und deine Mutter ihre Tränen trocknen musste, während sie selbst dem Zusammenbruch nahe war, es ist deine Schuld, dass sie Schuldgefühle hat, du bist Schuld an ihrem Elend, du bist Schuld, Schuld, Schuld, alles ist deine Schuld. Du hast nicht gegessen, du bist schwach, es ist alles deine Schuld!

„Nein", wimmere ich. Was ist passiert? Was ist mit mir passiert? Wie bin ich hier gelandet, wie ist das passiert?
Sieh dich doch an. Sie müssen dir über diese Schläuche Nahrung zuführen, weil du zu dumm zum Essen bist. Wie erbärmlich. Warum hast du nicht auf mich gehört? Du dachtest, du wüsstest alles besser, hm? Wie eingebildet und arrogant von dir. Sieh, wohin dich dein Egoismus gebracht hat.

Ich streiche über die Schläuche, zittere, will nicht mehr und alles ist meine Schuld.

Ich umfasse ein dünnes Kabel, das in meiner Hand hängt und mit einem erstickten Schrei ziehe ich es raus und irgendwo piepst etwas und ich weine und schreie und ziehe und es tut weh und es ist alles meine Schuld und ich habe das nicht verdient und ich befreie mich von meinen Fesseln und bald kann ich fliegen.
Es piepst lauter und die Tür fliegt auf und aufgebrachte Krankenschwester stürmen rein, trampelnd wie eine Herde Elefanten, während das Fett ihnen von den Fingern tropft und meine Mutter reißt die Augen auf und schaut mich an und die Enttäuschung, Verletzung, Verwirrung, der Schmerz auf ihrem Gesicht, es tut so weh und ich will das doch nicht und es tut mir doch alles so leid, so leid...

Sie kommen näher, greifen mit ihren Wurstfingern nach mir und ich weiche zurück und schreie, aber sie kommen näher, wollen mich fangen, fesseln, foltern, sie wollen mich töten und sie drängen mich in die Ecke und plötzlich habe ich die Wand im Rücken.

Ich reiße das Fenster auf, ich zeige ihnen, wie stark ich bin und plötzlich halten sie inne und plötzlich haben sie alle den gleichen Gesichtsausdruck und plötzlich bleibt die Zeit stehen, während es plötzlich kalt ist und ich endlich, endlich fliege, leicht und frei wie ein Vogel.

ENDE