Die verlorene Spur

Eine Geschichte aus fernen Tagen 1

Bianka wusste, dass Alexander sie betrog. Wie hätte es ihr auch verborgen bleiben können in einer Umgebung, in der die Männer und Frauen nicht einmal daran dachten, ihre Untreue zu verbergen, in der sie sogar stolz darauf waren. Aber Bianka hatte nie diesen sexuellen Hunger nachempfinden können, dieses Bedürfnis, den Partner zu wechseln, ihn zu verschlingen und bald darauf wieder auszuspeien. Sie liebte Alexander, nichts interessierte sie ausser Alexander und alles an ihm berührte sie, machte sie betroffen. Sie war ein Instrument, das zu jeder Regung befähigt war, aber nur einen Meister kannte.

Alexander hatte Bianka einst glühend umworben, aber als er merkte, dass sie nicht erobert zu werden brauchte, weil sie verschwenderisch alles gab, bald jedes Interesse an ihr verloren. Er hatte sie dennoch geheiratet, besiegt von der ruhigen Kraft, mit der sie an ihm hing, und er hatte, schon mit anderen Frauen beschäftigt, über ihre plötzlich erwachende Liebe zur Malerei gelächelt. Er verstand nicht, dass sie für Bianka der einzige Weg war, der zu ihm führte.

Er konnte sich in jeder Hinsicht auf sie verlassen. Sie bereitete seine Ausstellungen vor, nahm Kontakte mit Galerien, Museen und Kunden auf und hielt ihm alle materiellen Probleme fern. Sie war wie eine Löwin, die über ihre Jungen oder ihre Beute wachte, und ihre Liebe ging so weit, dass sie sich schützend vor seine amourösen Eskapaden stellte, sich nicht davor scheute, Unebenheiten zu glätten und den Rivalinnen ins Gewissen zu reden, wenn Liebeskummer oder unbefriedigte Wünsche ihn leiden machten.

Sie malte aber auch oft in einer Ecke des grossen Ateliers. Nicht regelmässig, wann sie eben Zeit hatte. Er hatte ihr gesagt, dass er sich nicht um sie kümmern könne, er hätte seine Schüler, seine eigene Arbeit, aber das war ihr gleich. Es war ihr sogar lieb. Sobald sie eine Arbeit beendete oder unterbrach, stellte sie die Leinwand mit der bemalten Fläche gegen die Wand, und Alexander war nicht neugierig genug, um sie in Biankas Abwesenheit umzudrehen und zu betrachten.

Eines Tages zeigte sie ihm einige Bilder. Sie hatte damit gewartet, bis sie allein waren und wartete nun auf sein Urteil. Er sah die Bilder lange an, sie konnte sehen, dass er beeindruckt war. Aber er fing sich und sagte nur:" Diese Bilder hätte ich malen können." Er setzte sich, fuhr sich mit der Hand über die Stirn und fragte: "Wo hast du das gelernt?"

"Nirgends", sagte sie. "Ich habe dir zugesehen."

Er war geschmeichelt, empfand aber auch auch ein leichtes Schwindelgefühl. Es waren die Bilder, die er hätte malen wollen! Nur liebte er Bianka nicht genug, um eifersûchtig zu sein auf ihr Talent. "Wir werden sie mit meinen Bildern ausstellen", bestimmte er. "Ich werde sie signieren." War es nicht sein Recht? Waren diese Bilder nicht seinem Geist entsprungen? Der Liebe, die er dieser Frau einflösste?

Biankas Bilder hatten Erfolg, und sie malte weiter. Genau so unauffällig, wie sie es bisher getan hatte. Alexander lobte sie, wie man ein Pferd lobt, das seine Arbeit gut verrichtet hatte. Anders schätzte er Biankas Leistung nicht ein. Und Bianka hatte Freude am Malen, es ging ihr leicht von der Hand, sie spürte nichts von einem komplizierten künstlerischen Schöpfungsakt. Um seine Betroffenheit abzuschütteln, dachte Alexander verächtlich, es sind Kopien meiner Ideen, nichts weiter als eine gute, handwerkliche Leistung. Aber er warf oft ungeduldig seinen Pinsel auf den Tisch, ging wie ein gefangener Tiger im Atelier auf und ab, während Bianka ruhig an ihrer Staffelei stand. Er kam zu ihr herüber, gab ihr Ratschläge, erklärte ihr, was er malen wollte, und sie verstand ihn besser als er selbst es tat. Aber vor den Kunden erklärte er bis in die Einzelheiten den Entstehungsprozess ihrer Bilder, so, als hätte er selbst sie gemalt.

Bianka litt nicht unter ihrem Dasein im Schatten. Sie hatte erreicht, was sie wollte. Alexander brauchte sie, sie war dazu da, seine Gedanken zu verwirklichen. Alexander trennte sich von seinen Schülern, damit Bianka ungestört arbeiten konnte, und je bekannter ihre Bilder wurden, desto weniger malte er selbst, und eine Tages, fast unmerklich, hörte er ganz auf zu arbeiten.

Er hatte auf einmal viel Zeit. Er vertrieb sie sich mit seinen Geliebten, mit Freunden und Alkohol. Er glaubte, glücklich zu sein. Er hatte keine finanziellen Sorgen, er hatte eine Frau, die ihn liebte und seine Bilder malte, die sogar ihr Glück darin fand, und er genoss das Leben. Aber eines Tages sah er sich im Spiegel, und sein verlebtes Gesicht mit den rotgeränderten Augen widerte ihn plötzlich an. Was hatte er getan in den letzten Jahren? Alles war ihm zwischen den Fingern zerronnen. Sollte es so weitergehen bis an sein Lebensende? Er hatte auf einmal ein unbändiges Bedürfnis zu malen, zu schöpfen. Er erklomm kurzatmig die steile Treppe, die zu seinem Atelier führte, stellte, ohne einen Blick für Bianka, eine frische Leinwand auf die Staffelei und begann zu malen. Er malte lange, schwitzte und fluchte, und als er endlich merkte, dass er nichts mehr zustande brachte, sah er hasserfüllt zu Bianka hinüber. Das Bild, an dem sie arbeitete, hätte er jetzt, heute, malen können, wenn sie nicht seinen Platz eingenommen hätte. Dort gehörte er hin, an die Staffelei dieser Frau, vor das Bild, zu dem er keinen Zugang mehr hatte. Er stöhnte auf, nahm das kurze, robuste Messer, das zwischen den Farbtuben auf dem Tisch lag, und durchpflügte seine Leinwand, bis sie in Fetzen herunterhing. Dann liess er sich auf den Stuhl fallen und weinte.

Bianka sah stumm den weinenden Mann an, den sie so gut zu kennen glaubte. Er war ihr fremd, so fremd. Entsetzt begriff sie, dass sie irgendwann begonnen hatte, in der Kunst einen Weg zu gehen, der nicht der seine war, dass sie seine Spur verloren und den Geliebten zerstört hatte ...

ENDE