Still betrachtete er die Bewegungen des Lichts an der Wand. Das war alles was er den ganzen Tag zu tun hatte. Niemand kam und sprach mit ihm. Er durfte nicht lesen, nicht fernsehen oder Radio hören. Stille und die Einsamkeit mit sich war alles was er hatte. Nicht alles. Seine Erinnerungen waren im geblieben. Sie waren die Schatten die ihn quälten.

Kinderlachen durchdrang seinen Geist und das Quietschen einer rostigen Schaukel. Der Eigentümer hatte vergessen sie zu schmieren. Bei jedem hin und her gab sie einen lauten markanten Ton von sich. Die kleinen Kinderfüße streckten sich hoch in die Luft und das Kind auf der Schaukel versuchte so immer höher zu kommen. Bis hinauf zu den Sternen, so hatte er den Eindruck.

Er beobachtete sie. Ein kleines Mädchen mit braunen Zöpfen. Acht Jahre, älter wohl kaum. Gerade so das sie seine Begierde weckte. Es war ein schöner Tag gewesen. Die Sonne schien vom blauen Himmel und die Vögel sangen um die Wette. Ein Tag den jeder, der es konnte, draußen verbrachte um sich keinen der wärmenden Strahlen entgehen zu lassen. Für ihn bedeutete das zu viele Menschen die ihn sehen konnten und das er sich gedulden musste.

So blieb er verborgen hinter ein paar alten Bäumen und beobachtete sie. Prägte sich jedes Detail von ihr ein. Angefangen von den rosafarbenen Sandalen, über ihre Kniekurze Jeans, hoch zu ihrem rosa T-Shirt auf dem ihm irgendeine Cartoonfigur freundlich zulächelte. Ihre kleinen Hände umklammerten die Seile die die Schaukel hielten. Fröhlich lachte sie und schien ganz und gar in ihrer Welt gefangen zu sein. Sie nahm, außer sich und der Schaukel, nichts wahr. Nicht einmal ihn. Das würde sich ändern.

Die Gerichtsverhandlung war kalt und monoton gewesen. Nichts von dem Gesagten, gegen ihn vorgebrachten Vorwürfen berührte ihn. Nicht einmal die Bilder, die Chronologie eines schrecklichen, unaussprechlichen Verbrechens. Die Geschichte über den Tod eines kleinen Mädchens mit braunen Zöpfen. Er hatte diese Geschichte mit ihrem Blut geschrieben. Nur keiner der Anwesenden hatte sie verstanden.

Kurz regte sich sein Puls und schnellte in die Höhe, als die Erinnerung an jenen Nachmittag ihn durchflutete. Es hatte geregnet. Wenige Leute waren unterwegs. Niemand konnte ihn sehen. Dabei sehen was er vorhatte. Sie hüpfte mit grüngetupften Gummistiefeln von Pfütze zu Pfütze. Auch sie konnte ihn nicht sehen, da sie sich die Kapuze ihres Regenmantels tief ins Gesicht gezogen hatte.

Leise summte eine Melodie eines Kinderliedes vor sich hin. Er kannte es. Hatte es selbst vor unendlichen Jahren gesungen. Unbewusst summte er es mit und folgte ihr. Denn er wusste heute war sein Tag.

Schwer schlug der Hammer des Richters auf das Nussholzpult. Das Urteil war gefällt. Einstimmig. Schuldig in allen Anklagepunkten. Und das waren nicht wenige gewesen. Emotionslos lauschte er dem verlesen des Urteils zu. Es war alles richtig. Er hatte all das getan und noch mehr und es war nicht das erste Mal gewesen. Schon lange Zeit wusste er, dass es tief in ihm eine andere, abnorme Seite gab.

Er war kein Idiot. All das was er getan hatte galt als falsch. Nein, nicht nur als falsch. In seinem Rücken und vor sich hatte er sie gespürt. Die entsetzten Gesichter, als ihnen bewusst gemacht wurde, was er getan hatte. Sie empfanden Furcht und Grauen vor ihm. Weggesperrt sollte er werden und das für immer. Er war was er war. Er war alles was sie fürchteten, aber er hatte nicht darum gebeten so zu sein.

Schweigend stand er da und nahm sein Urteil an. Vielleicht war es besser so, denn dort draußen wäre er gezwungen zu suchen. Tief holte er Luft als ihm die vielen Kindergesichter, die sich ihm bereits eingeprägt hatten, in den Sinn kamen. Es gab so viele da draußen und ein jedes schien nur auf ihn zu warten. Ohne Widerstand ließ er sich in sein neues Zuhause bringen. Dort würde er eine lange Zeit alleine sein, mit sich und seinen Gedanken.

Nicht nur gefangen zwischen den vier Wänden, die von nun an seine Welt sein würden, sondern auch gefangen in seinen Erinnerungen. Erfüllt von warmen Sonnenstrahlen, Kinderlachen, ertrinkenden Tränen und unendlichen Schreien. Dem Rufen nach ihren Müttern und Vätern, die sie nicht hören konnten und niemals kamen. Nur er konnte sie hören. Er schloss die Augen um sich vor den Schatten an der Wand zu verschließen.

Sie alle waren mit ihm eingesperrt. Hier in seiner Zelle waren all seine Opfer bei ihm. Tag und Nacht. Sie erinnerten ihn daran wer er war. Manchmal flüsterten sie mit ihm. Erzählten ihm von ihren Träumen, die er ihnen alle gestohlen hatte. Schwer schluckte er. Solche Träume waren ihm fremd. Er hatte nie welche. Eines Tages, prophezeiten sie ihm, würde er sich, für das was er getan hatte, schuldig fühlen.

Schuldig fühlte er sich schon lange, aber dennoch konnte er nicht ändern was er war. Es war in ihm, ein Teil von ihm, ursprünglicher und stärker, als alles was er gelernt und gesehen hatte. Auch er war geboren und erzogen worden. Man schickte ihn zur Schule und lehrte ihn was richtig und was falsch war. Er hatte schon lange verstanden, dass das was er war falsch war.

Wie wenig diese Erkenntnis ihm doch nutze, wenn er das ausleben konnte, musste, wonach er sich am meisten sehnte. Danach verbrachte er viele Tage in einem Zustand der Euphorie durchbrochen von manischen Schuldgefühlen wohl des Wissens das er es wieder tun würde. Wieder und wieder. Bis er entweder weggesperrt wurde, oder tot war. Obwohl er sich jedes Mal danach schwor es nie wieder zu tun.

Beinahe zwanghaft starrte er wieder auf die Schatten an der Wand. Sie waren ihm geblieben. Er versuchte ihnen zu folgen. Wollte nach ihnen greifen und sie fassen, aber sie verschwammen vor seinen Augen und flohen.

„Wie viele?"

Die Frage des Richters ließ ihn hochschrecken. Er hatte sie nicht beantwortet. Sein Anwalt hatte ihn davor gewarnt.

„Sagen Sie nichts!", hatte er ihm zugezischt. Auch sein Anwalt wusste von seiner Schuld.

„Es bleibt mir nur das Beste für Sie herauszuholen!", hatte er ihm trocken, mit einem zynischen Unterton, erklärt.

In seiner Stimme lag Verachtung. Für ihn und seine begangenen Taten. Verachtung war alles was man ihm, seit man wusste was er getan hatte, entgegenbrachte. Nichts mehr zählte, nur noch seine begangenen Taten. Alles was ihn sonst ausmachte, war unwichtig geworden. Er war weit mehr als nur die Summe seiner verübten Handlungen. Aber sie erkannten es nicht mehr.

Sie sahen nur noch das, was man ihnen über ihn vor Gericht gezeigt hatte. Vorher war er nur ein Mensch, Mann, gewesen. Jetzt war sein Gesicht zu dem eines Monsters geworden. Mit seinem Gesicht konnte man Kinder erschrecken. Frauen und Männer gleichermaßen wandten den Blick von ihm ab. Er war nichts mehr, als nur noch seine Taten.

Seine Augen suchten rastlos die Wand ab. Versuchten einen weiteren Schatten zu fangen und scheiterten wie zuvor kläglich.

„Die kannst du nicht halten!", sagte er zynisch zu sich selbst. Auch die anderen hatte er wieder gehen lassen müssen. Nichts blieb für die Ewigkeit.

„Ich möchte sterben um nicht länger zu sein was ich bin!", antwortete er auf die Frage ob er mit dem Urteil, eine lebenslange Haftstrafe und Sicherheitsverwahrung in einer Anstalt für abnorme Rechtsbrecher, zufrieden sei.

Welch lächerliche, alberne Frage. Sie würden Tests mit ihm machen, ihm tausende Fragen stellen und zwanghaft versuchen ihn zu verstehen, was unmöglich war. Nur jemand wie er verstand was er war.

Wie wurde man zu dem was er war? Immer und immer wieder hörte er diese Frage. Er hatte keine Ahnung. Schlechte Kindheit, schlechtes Karma, vielleicht weil er einfach schlecht war? Er wusste es einfach nicht. Er wusste nur, dass diese eine Sache ein Teil von ihm war und egal wie sehr er es versuchte, dieser Teil würde niemals verschwinden. Und in jenen Stunden, in dem dieser Teil in ihm die Oberhand gewann fühlte er sich vollkommen lebendig.

Losgelöst und frei von allen Zweifeln. Selbst jetzt, wo er hier saß und an die Wand starrte, reichte die bloße Erinnerung daran aus, dass seine Hände leicht zu zittern begannen und er die Luft wie ein Raubtier über die Nase tief in seine Lungen zog.

Nein, nichts und niemand würde ihn ändern können. Würde jenen Teil in ihm zum Verstummen oder gar verschwinden bringen. Nur der Tod. Das war die ganze Wahrheit über ihn und ganz so als könnte er diese Tatsache an der gegenüberliegenden Wand erkennen, blieb sein Blick auf dieser haften. Mit den Augen folgte er weiter den Schatten, denn das war alles was ihm geblieben war.