Ein verflixter zweiter Honigmond

Zwanzig Jahre nach ihrer Hochzeitsreise sind Friedrich und Doris wieder in Paris. Aber diesmal ist alles anders als damals in den Flitterwochen: Friedrich hat eine junge Geliebte, die in der Stadt der Liebe auf ihn wartet, und Doris weiss längst Bescheid …

Friedrich fühlte sich unbehaglich in dem Hotelzimmer, in dem das Doppelbett den ganzen Raum einzunehmen schien. Verlegen wandte er den Blick ab und platzte heraus: "Was für eine blöde Situation! Hättest du den Kindern nicht reinen Wein einschenken können?"

Seine Frau Doris war gerade dabei, ein Kleid auf den Bügel zu hängen. "Warum ich? Du bist es doch, der sich anderweitig verliebt hat."

"Du stehst ihnen aber näher!"

"So ein Unsinn, Friedrich. Der wahre Grund ist, dass es dir unangenehm ist", konterte sie bissig.

"Wie sind sie bloss auf die Idee gekommen, uns dieses Wochenende in Paris zu schenken?" seufzte er irritiert.

"Claudia und Kai wollten, dass wir unseren zwanzigsten Hochzeitstag richtig schön feiern. In Paris, wo wir auch in unseren Flitterwochen waren. Wir haben ihnen doch so oft davon vorgeschwärmt. Sie haben sogar unser kleines Hotel von damals in Montmartre ausfindig gemacht. Das hat mich sehr berührt." Leise fügte sie hinzu: "Ihnen ist vielleicht aufgefallen, dass wir in den letzten Monaten wenig Zeit füreinander hatten."

"Eine schöne Bescherung, ich sag's ja!" Friedrich sah wütend aus.

Doris betrachtete ihn nachdenklich. Seine Schläfen fingen an, grau zu werden, zwei Falten hatten sich in seine Stirn eingegraben. Aber der Mann, in den sie sich vor über zwanzig Jahren verliebt hatte, sah immer noch gut aus.

Schmerz und Bitterkeit schwappten in ihr hoch. Was war aus ihrer wunderbaren Liebe geworden? Vielleicht hatten sie doch zu jung geheiratet? Sie war gerade erst 20 gewesen, er 26. Gemeinsam waren sie durch dick und dünn gegangen, hatten zwei Kinder grossgezogen; sich geliebt und auch gestritten, und es hatte himmlische Versöhnungen im Bett gegeben. Nur in den letzten Jahren hatten sie sich wohl etwas aus den Augen verloren.

Friedrich war ein vielbeschäftigter Anwalt, und sie selbst nahm, seit die Kinder fast erwachsen waren, wieder mehr Arbeiten als Übersetzerin an. Trotzdem hatte sie geglaubt, dass ihre Ehe immer noch glücklich wäre. Bis Friedrich ihr vor zwei Wochen gestanden hatte, dass er eine andere Frau liebte. Sie hiess Nathalie, und altersmässig hätte sie seine Tochter sein können …

"Sieh dir das Zimmer an", murmelte Friedrich. "Diese hässlichen Tapeten. Davon bekommt man ja Alpträume."

Wider Willen musste Doris lachen. "Es hatte schon damals hässliche Tapeten, diese sind neu, aber nicht hübscher. Und das Bett hatte damals eine Kuhle, in der wir uns immer …" Sie hielt inne, als sie sein verdrossenes Gesicht bemerkte. Und plötzlich wurde sie wütend. "Ausserdem kann es dir doch egal sein", ereiferte sie sich. "Du wirst ja doch nicht hier schlafen. Geh doch zu deiner Nathalie. Sie wartet bestimmt schon auf dich!"

Friedrich hatte für sich und Nathalie eine Suite in einem Luxushotel reserviert, es seiner Frau aber nicht erzählt. "Ich möchte dich wenigstens in einem besseren Hotel unterbringen", schlug er schuldbewusst vor.

"Nein danke", erwiderte sie kühl. "Es ist ein Geschenk der Kinder, und mir gefällt es ausgezeichnet hier!"

"Wie du möchtest. Dann hole ich dich also am Montag hier ab, und wir fliegen zusammen zurück?"

"Flieg mit deiner Nathalie zurück, ich komme schon allein zurecht."

"Was machst du die beiden Tage?"

"Das geht dich nichts an. Ich stelle ja auch keine Fragen." Energisch schob sie ihn aus dem Zimmer und schloss hastig die Tür hinter ihm, damit er ihre Tränen nicht sah.

Es war das erste Mal, dass sie ihren Hochzeitstag getrennt verbringen würden. Und schlimmer noch: Friedrich würde mit einer anderen Frau zusammen sein! Doris wusste sogar, wo. Sie hatte unfreiwillig das Telefongespräch mit angehört, als Friedrich die Suite reserviert hatte. Für Herrn und Frau Hilpert! Er gab Nathalie schon als seine Ehefrau aus! Wie würde es bloss weitergehen mit ihnen? Bis jetzt hatte sie es vermieden, über die Zukunft zu sprechen, und Friedrich hatte sie noch nicht um die Scheidung gebeten. Doris hatte deshalb gehofft, dass Nathalie nur eine kurze Affäre wäre, dass alles wieder gut werden würde. Aber dieses Wochenende war er zu weit gegangen, denn er hatte sich mit seiner Geliebten in Paris verabredet. Dieser Mistkerl! Doris dachte allerdings nicht daran, sich mit der Rolle der betrogenen Ehefrau abzufinden. Es wurde höchste Zeit, dass sie etwas unternahm. Sie schlug die Zeitung auf, die sie vorhin gekauft hatte, und war plötzlich hellwach …

Friedrich warf sich unwillkürlich in die Brust, als er mit Nathalie die Hotelbar betrat. Sie sah umwerfend sexy aus in ihren hautengen Leggings und dem stilvollen Longtop. Voller Besitzerstolz stellte er fest, dass sie die Blicke der anwesenden Männer auf sich zog.

"Was möchtest du trinken?" fragte er galant, nachdem sie sich gesetzt hatten.

Aber Nathalie sah sich erstmal beeindruckt um. Kein Mann hatte sie je so verwöhnt wie Friedrich - und ihr Freund Lothar schon gar nicht. Mit dem hatte sie sich zuletzt nur noch gestritten, und immer war's um Geld gegangen. Er hatte ihr Verschwendungssucht vorgeworfen, sie ihm Geiz. Nach dem letzten Streit hatte sie ihn mitten auf der Strasse stehen lassen. An einer Ampel war sie tränenblind bei Rot über die Strasse gelaufen, genau vor ein Auto. Sie hatte das Quietschen der Bremsen noch im Ohr. Der Fahrer - es war Friedrich gewesen - war sofort ausgestiegen und hatte besorgt gefragt: "Sind Sie verletzt?"

"Nein, ich hab nur einen Schreck bekommen." Ihre Stimme hatte hoch und zittrig geklungen. Wie gut es getan hatte, als Friedrich, statt zu schimpfen, sie ins nächste Café geführt, fürsorglich einen Cognac bestellt und ihr sein blütenweissen Taschentuch überreicht hatte, damit sie ihre Tränen trocknen konnte. Später hatte er sie mit seinem tollen Audi bis vor ihre Haustür gebracht. Sie hatte ihn gefragt, wohin sie ihm das Taschentuch zurückbringen dürfte, und er hatte ihr die Adresse seiner Kanzlei gegeben.

Gleich am nächsten Tag hatte sie ihm das frisch gewaschene und gebügelte Taschentuch gebracht und ihm ohne Umschweife erklärt, dass sie ihn gern wiedersehen würde, dass sie ihn bewunderte und sich in ihn verliebt hätte. Er hatte gelacht und ihr gesagt, dass er verheiratet sei.

"Das ist für mich kein Hindernis", hatte sie ihm ernsthaft erklärt.

So hatte ihre Affäre begonnen. Vor einem Monat. Mit Lothar lief jetzt natürlich überhaupt nichts mehr. Im Vergleich zu Friedrich schnitt er in jeder Hinsicht schlecht ab. Friedrich machte ihr Komplimente, schenkte ihr Blumen, führte sie aus, trug sie auf Händen. Selbst im Bett war es mit ihm wunderbar. Er erriet ihre geheimsten Wünsche. Gut, er war 20 Jahre älter als sie und verheiratet. Aber vielleicht würde er sich ja scheiden lassen? Seine Frau war sicher so ein langweiliges, biederes Hausmütterchen …

"Nathalie, was möchtest du trinken?" wiederholte Friedrich lächelnd seine Frage.

"Oh, entschuldige. Einen Martini, bitte."

Friedrich orderte die Drinks und sonnte sich in der Bewunderung, die er in Nathalies Augen las. Endlich konnte er eine Frau mit seinen bescheidenen Französischkenntnissen beeindrucken. Gegen Doris' perfektes Französisch hatte er nie eine Chance gehabt. Und je mehr sie übersetzte, dachte et bitter, desto weniger Zeit hat sie für mich. Für Doris kamen zuerst die Kinder, dann ihr Beruf und zuletzt er. Als er sich einmal beklagt hatte, hatte sie gleich gekontert, dass er selbst kaum einmal vor acht Uhr abends nach Hause käme. Aber da gab es einen gewaltigen Unterschied, fand er. Er musste arbeiten, um für seine Familie zu sorgen, seine Frau nicht. Was Doris jetzt wohl machte? Ob sie den Abend allein im Hotel verbrachte?

Der Barkeeper stellte die Drinks auf die Theke. Friedrich schüttelte die störenden Gedanken ab und wollte Nathalie gerade mit seinem Whisky zuprosten, als eine Frau neben ihm auf den Hocker glitt. Ihre Stimme, die etwas auf flüssigem Französisch sagte, liess Friedrich erstarren. Vorsichtig wandte er den Kopf.

"Oh, guten Abend, Friedrich", strahlte Doris ihn mit gut gespielter Überraschung an. "So ein Zufall aber auch. Darf ich bekannt machen? Cédric Carrier - Friedrich Hilpert."

Es war ein äusserst attraktiver Mann, wie Friedrich unangenehm berührt feststellte, aber auch Doris sah hinreissend aus, wirkte entspannt und selbstsicher. Sie trug ein elegantes Kleid, das er noch nie an ihr gesehen hatte. Das dunkle Haar war modisch geföhnt, und ein raffiniertes Make-up liess ihre grünen Augen geheimnisvoll schimmern. Ihrer Figur war nicht anzusehen, dass sie zwei grosse Kinder hatte.

Ihr Begleiter liess sie zudem nicht aus den Augen. Wo hatte Doris ihn kennengelernt? Und wann? Friedrich fiel ein, dass Doris vor einiger Zeit beruflich in Paris gewesen war.

"Wie ich sehe, bist du ebenfalls in Begleitung", fuhr Doris liebenswürdig fort. "Willst du uns nicht miteinander bekannt machen?"

"Äh …" Friedrich räusperte sich.

"Lass nur. Sie sind Nathalie, nicht wahr? Friedrich hat mir von Ihnen erzählt. Ich bin Doris, seine Frau. Ich hoffe, Sie amüsieren sich gut mit meinem Mann?"

"Doris, wir hatten abgemacht, die beiden Tage getrennt zu verbringen!" Er sah sie scharf an.

"Natürlich. Aber ich konnte doch nicht ahnen, dass ihr hier in diesem Hotel abgestiegen seid? Wir gehen sowieso gleich wieder, nicht wahr, Cédric? Wir wollten hier nur einen Apéritif trinken."

Der Franzose orderte zwei Campari, Doris Lieblingsaperitif. Woher wusste er das? Seine gepflegte Hand lag beschützend auf der ihren. Die beiden unterhielten sich leise miteinander, während Doris genüsslich ihren Campari trank. Sie wirkten so vertraut. Bestimmt kannten sie sich schon länger! Friedrich fühlte sich elend und war erleichtert, als sie sich endlich verabschiedeten. Sie wollten bei einem Japaner zu Abend essen, vertraute Doris Friedrich und Nathalie an.

"Wieso ist denn deine Frau auch hier in Paris?" maulte Nathalie, als sie wieder allein waren.

"Es hat sich so ergeben", wich Friedrich aus. Er konnte Nathalie doch schlecht sagen, dass ihre beiden Kinder ihnen diese verflixte Reise zu ihrem 20. Hochzeitstag geschenkt hatten.

"Du hast ihr also von mir erzählt?"

"Das schien mir ehrlicher zu sein."

"Aber doch nicht, dass wir hier sind?"

"Natürlich nicht!" Um weiteren Fragen vorzubeugen, küsste er sie und sagte: "Jetzt denken wir aber nicht mehr an Doris, okay? Ich wusste nicht, dass sie einen anderen hat, aber letztlich bin ich froh darüber, das macht nämlich alles einfacher."

"Dann hör auch auf, über sie zu reden", verlangte Nathalie frostig.

Friedrich lag schon im Bett, als Nathalie endlich aus dem Bad kam. Sie hatte den Luxus dort genossen. Zärtlich betrachtete er ihren jungen, makellosen Körper, der ihn so erregte. Mit Nathalie war die Liebe berauschend. Wie am Anfang mit Doris … Wie schön Doris ausgesehen hatte, wie verliebt. Ob dieser Cédric Soundso jetzt ihren warmen Körper in den Armen hielt? Ob er ihr kleines Muttermal auf ihrer linken Brust küsste? Er spürte, wie ihm heiss wurde. Hatte sie überhaupt bedacht, dass dieser Schnösel viel zu jung für sie war? Dass sie vielleicht eine Enttäuschung mit ihm erleben würde? Oder wollte sie nur ein Abenteuer für eine Nacht? Aber das passte nicht zu Doris. Oder irrte er sich? Er hatte plötzlich das Gefühl, seine Ehefrau gar nicht richtig zu kennen. Früher hatte er, Friedrich, dieses glückliche Lächeln auf ihre Lippen gezaubert. Es tat auf einmal sehr weh, dass sie es einem anderen schenkte …

Nathalie kam sich allmählich blöde vor, nackt im Bett zu liegen, mit einem Mann, der mit seinen Gedanken woanders war. Bei seiner Frau, könnte sie wetten. Sie musste zugeben, dass Doris viel attraktiver war, als sie angenommen hatte, und dass sie Format hatte. Nathalie war überzeugt davon, dass Doris ihnen eine Kommödie vorgespielt hatte, dass sie Friedrich immer noch liebte. Und Friedrich liebte sie auch noch. Sie, Nathalie, war ja schliesslich nicht blind und taub. Die Liebe war doch komplizierter, als sie je gedacht hatte. Es genügte nicht, nur zu nehmen. Man musste auch geben - und manchmal um die Liebe kämpfen. Nathalie gestand sich insgeheim ein, dass sie Doris bewunderte.

Sie zog das Laken über ihre Brust und verdrehte seufzend die Augen: "Na toll, es ist ihr also gelungen, dich eifersüchtig zu machen."

Ja, er war eifersüchtig. Gleichzeitig aber auch traurig, beschämt und verwirrt. Ihm war jetzt klar, dass er Doris immer noch liebte - und dass er sich feige in dieses Abenteuer mit Nathalie gestürzt hatte, anstatt sich ehrlich mit seiner Frau auseinanderzusetzen.

"Weisst du, in welchem Hotel sie abgestiegen ist?" fragte Nathalie etwas weicher.

Als er nickte, sagte sie: "Dann geh zu ihr. Aber vergiss nicht, unten die Rechnung zu bezahlen, okay? Ich möchte nämlich den Aufenthalt hier noch richtig auskosten."

Wenigstens verlor sie nicht ihren Sinn für's Praktische. Darüber musste Friedrich nun doch lachen. "Keine Bange, ich denke daran", beruhigte er sie und beschloss, ihr zusätzlich ein Geldgeschenk zu hinterlassen, für ihre sonstigen Ausgaben.

Bevor er ging, umarmte er sie noch einmal: "Ich weiss nicht, was ich sagen soll. Du bist wunderbar, Nathalie."

Sie lächelte ihm zu und meinte nachdenklich: "Tja, ich glaube, ich werde jetzt mal bei Lothar anrufen."

"Danke, Cédric", lächelte Doris dem Mann zu, der sie nach dem Essen zum Hotel zurückgebracht hatte. "Es war ein wunderschöner Abend." Sie reichte ihm einige Geldscheine. "Hier ist Ihr Honorar, ist das genug?"

"Das ist viel zu viel, Doris. Sie bekommen etwas zurück."

"Behalten Sie es bitte, Sie waren wirklich fabelhaft!" Sie empfand ein Gefühl des Bedauerns. Cédric, ein arbeitsloser Schauspieler, der sich "ein Vergnügen daraus machen würde, Damen jeden Alters, die nicht allein ausgehen möchten, in allen Ehren und in der gewünschten Garderobe zu begleiten", wie in der Anzeige stand, sah wirklich umwerfend gut aus. Und Charme hatte er auch.

Er hatte sie verabredungsgemäss um sieben Uhr im Hotel abgeholt, und sie hatte ihm erklärt, was sie von ihm erwartete. Vorher hatte sie noch genügend Zeit gehabt, ein neues Kleid zu kaufen, ein entspannendes Bad zu nehmen und sich sorgfältig zurechtzumachen. So wie früher, wenn sie mit Friedrich ausgegangen war. Dabei war ihr klar geworden, dass sie sich schon lange nicht mehr für ihren Mann hübsch gemacht hatte. Und wann hatte sie ihm zuletzt gesagt, dass sie ihn liebte - und bewunderte? Die junge Nathalie bewunderte ihn so offensichtlich. Vielleicht unterschätzte sie die junge Frau als Gegnerin? Aber was jetzt auch geschehen mochte, wenigstens fühlte sie sich nicht mehr als Opfer. Sie waren quitt.

Cédric wünschte, er könnte auf das Geld verzichten, aber er brauchte es dringend.

"Danke, Doris", sagte er, "auch für mich war der Abend wunderschön." Und dann setzte er charmant hinzu: "Darf ich Sie küssen? Aber das ganz privat. Sie haben mich bezaubert. Und beeindruckt."

Er nahm sie in die Arme. Als sich ihre Lippen berührten, bekam Doris weiche Knie. So einen Kuss hatte sie schon lange nicht mehr bekommen … Als sie die Augen wieder öffnete, nachdem er sie vorsichtig losgelassen hatte, stand plötzlich Friedrich wie aus dem Boden gewachsen vor ihr. Ein Taxi fuhr hinter ihm fort.

"Was machst du hier?" fragte Doris mit klopfendem Herzen. Sie registrierte, dass Cédric gegangen war. Die Dunkelheit hatte ihn verschluckt.

"Ich habe mit Nathalie Schluss gemacht", erklärte er dumpf, "oder vielmehr sie mit mir. Doris, ich liebe dich immer noch … aber vielleicht ist es zu spät? Liebst du diesen Cédric? Ihr habt euch geküsst …"

Er sah unglücklich aus. Und eifersüchtig schien er auch zu sein. Herrlich eifersüchtig. Vielleicht würde sie ihm später einmal gestehen, was es mit Cédric auf sich hatte. Vielleicht würde sie es aber auch für sich behalten. "Komm", sagte sie weich, "es wird höchste Zeit, dass wir uns mal aussprechen."

Zwei Stunden lang redeten sie sich alles von der Seele und tranken dabei eine Flasche Sekt aus der Minibar. Die Luft war danach bereinigt, aber die grosse Versöhnung im Bett fand nicht statt. Jeder lag an der äussersten Kante, sorgfältig bedacht, den anderen nicht zu berühren. Sie waren halt älter geworden, dachte Doris traurig. Die Wunden waren zu frisch und zu tief. Sie würden Zeit brauchen, um zu verheilen …

Als Doris irgendwann in der Nacht aufwachte, lagen sie beide in der Mitte des Bettes, und Friedrich hatte die Arme um sie geschlungen. Das schwache Licht einer Strassenlaterne fiel ins Zimmer. Friedrich sah glücklich aus im Schlaf, und auch sie lächelte unwillkürlich. Mit einem wohligen Seufzer kuschelte sie sich wieder in seinen Armen zurecht.

Nun wachte er ebenfalls auf. Der Druck seiner Arme verstärkte sich. Wie von allein fanden sich ihre Lippen, ihre Körper. Die Kuhle, schoss es ihr durch den Kopf, die Kuhle wie auf unserer Hochzeitsreise, in der wir uns immer wiederfanden! Und dann dachte sie nur noch an den geliebten Mann. Es war wie vor zwanzig Jahren - nur viel schöner …

ENDE