Marie, Tom und das kleine Monster Callum

Dies ist eine Kindergeschichte, die ich für meine Enkel geschrieben habe ...

Marie steht auf, sie putzt sich die Zähne, wäscht sich und zieht ihr Kleid an, nachdem sie sich vergewissert hat, dass es keine Flecken hat. Sie frühstückt mit ihren Eltern, hat aber Mühe, einen Bissen hinunterzubekommen. Sie denkt an den Schultag, der vor ihr liegt, und ihr Herz zieht sich zusammen. Marie hat keine Freunde. Sie würde so gern welche haben, aber sie weiss nicht, wie man das macht. Marie ist schüchtern, schrecklich schüchtern. Das ist ihre tägliche Qual. Sie geht in ihr Zimmer zurück um zu prüfen, ob nichts in ihrer Schultasche fehlt und ob sie auch wirklich alle Hausaufgaben gemacht hat. Sie nimmt ihre Schultasche, nimmt auch den Bagle und den Apfel für die Pause und gibt ihren Eltern einen Kuss:

"Tschüss, Mutti, Tschüss, Vati."

"Viel Spass in der Schule, kleine Marie."

Spass? Ach, wenn sie nur so fröhlich laufen, spielen und lachen könnte wie die anderen ...

In der Pause geht es lebhaft zu: Die Mädchen vergleichen ihre neuen Jeans, sie unterhalten sich, kichern, werfen verstohlene Blicke zu den Jungen hinüber, die Fussball spielen, herumrennen, schreien und sich gegenseitig schubsen - und ihrerseits verstohlen zu den Mädchen hinübersehen.

Nur Marie ist allein. Wenn ein Mädchen sich ihr nähert um mit ihr zu sprechen, steht sie wie gelähmt da und wird rot. Keinen Laut bringt sie heraus. Enttäuscht wendet das andere Mädchen sich schliesslich ab und hüpft zu ihren Freundinnen zurück.

Im Schulhof befindet sich auch Tom. Er ist ein Jahr älter als Marie. In seiner Klasse ist er der grösste, der tapferste, der stärkste und der frechste. Seine Hausaufgaben sind nie gut gemacht - wenn sie überhaupt gemacht sind. Er heimst Strafen ein, er muss nachsitzen, und dieses Jahr besteht sogar das Risiko, dass er die Klasse wiederholen muss.

Sein blauer, herausfordernder Blick wird nur weicher, wenn er Marie ansieht. Sie ist so klein, so niedlich, so sanft. Er weiss nicht, warum sie ihn derart berührt. Es ist doch nur ein Mädchen, eine Tussi. Im Allgemeinen verachtet und ignoriert er die Mädchen. Wieder einmal steht sie ganz allein da im Schulhof. Aber bei dem blossen Gedanken, sich ihr einfach zu nähern, fühlt er sich wie gelähmt. Ausserdem: etwas Nettes zu einer Tussi zu sagen, das kommt einfach nicht in Frage. Und was sollte er ihr auch sagen?

Um seiner Qual ein Ende zu setzen, stösst er einen wilden Schrei aus, lässt seine Muskeln spielen und stürzt sich in das Gemenge, das um den Fussball herum entstanden ist.

Und wer kommt dort mit dem Fussball heraus? Selbstverständlich Tom!

Die Schule ist zu Ende, die Mädchen und Jungen verlassen den Klassenraum. Plötzlich nähert sich Tom heldenhaft der kleinen Marie - um ihr die Schultasche zu entreissen. Er rennt mit ihr weg und stösst dabei ein wildesTriumphgeheul aus.

Marie steht wie angewurzelt da, mit herunterhängenden Armen. Kein Ton kommt von ihren Lippen, ihre Augen füllen sich mit Tränen.

Schliesslich geht sie zum Ausgang, wo Tom mit der Schultasche auf sie wartet. Ohne einen Blick geht sie an ihm vorbei. Er sieht ihre Tränen. Dabei hat er ihr doch die Schultasche hingehalten und gemurmelt: "Marie, ich hab doch nur Spass gemacht!"

Jetzt sitzt er wirklich in der Patsche.

Marie hat ihren Eltern nicht gesagt, dass Tom ihr die Schultasche weggenommen hat. Sie schämt sich. Aber zum ersten Mal, seit sie zur Schule geht, kann sie nicht ihre Hausaufgaben machen. An diesem Abend fühlt sie sich besonders ratlos und unglücklich, als sie ins Bett geht. Schliesslich knipst sie das Licht aus, aber ihre Augen sind immer noch offen.

Diese Nacht ist Vollmond. DerVorhang ist geöffnet, aber Marie hat nicht den Mut, aufzustehen, um ihn zuzuziehen. Plötzlich sieht sie, wie der Mond ihr eine grässliche Grimasse schneidet. Von panischer Angst erfüllt wendet sie den Blick ab - und entdeckt unter der Zimmerdecke lauter Fledermäuse mit kleinen, spitzen Zähnen, dann in einer Zimmerecke einen bösen Wolf mit leuchtenden Augen, und der Höhepunkt: auf ihrem Bett sitzt ganz dicht neben ihr ganz seelenruhig ein kleines Monster, das sie interessiert mustert.

Dieser Schrei! Wer hat da geschrien?

"Marie, meine Süsse, warum hast du geschrien? Hast du wieder schlecht geträumt?" Maries Mutter hat das Licht angeknipst. Das kleine Mädchen blinzelt.

"Mutti, d... der Mond hat m...mir eine Grimasse geschnitten, hier sind F...fledermäuse, und ein Wolf, und... und... und ein Monster!" Marie stottert vor Schreck.

"Aber ... hier ist nichts. Sieh doch nur selbst!"

Marie sieht sich vorsichtig um. Der Vorhang ist zugezogen, der Mond ist nicht zu sehen. Unter der Decke gibt es keine Fledermäuse mit spitzen Zähnen, der Wolf mit den leuchtenden Augen ist auch verschwunden - aber, sie fährt zusammen: Das kleine Monster sitzt noch auf ihrem Bett!

"Also, hast du genau hingeschaut? Es gibt wirklich nichts Ungewöhnliches hier", wiederholt beruhigend ihre Mutter. "Du hast das alles geträumt. Jetzt schlaf schnell wieder ein und träume diesmal von schönen Dingen, meine kleine Marie."

"Aber ... es ... da sitzt ..."

Das kleine Monster lächelt ihr zu und legt einen Finger auf die Lippen. Maries Mutter hat das Licht auch schon ausgeknipst und gähnt verstohlen, während sie das Zimmer verlässt, um sich wieder schlafen zu legen.

Jetzt rückt das kleine Monster noch ein wenig dichter an Marie heran. "Sieh mir in die Augen", sagt es und fügt freundlich hinzu: "Bitte."

Zu Maries grosser Überraschung ist es gar nicht schwer, dem kleinen Monster in die Augen zu sehen. Es hat braune, sehr sanfte Augen. Lächelnd fragt es: "Soll ich dir eine Geschichte erzählen?"

Marie ist einverstanden : "Oh ja, bitte." Sie hat überhaupt keine Angst mehr, und sie lacht glücklich. Sie hat sogar die Sorgen um ihre Schultasche vergessen.

Das kleine Monster setzt sich bequem hin und fängt an: "Es war einmal ein kleines, schüchternes, aber sehr liebes Mädchen. Oh, Verzeihung, ich habe mich nicht vorgestellt. Ich heisse Callum, und ich bin dein Freund ..."

Den Rest hört Marie nicht, sie ist fest eingeschlafen, und sie träumt von einem blauen Himmel, von Wiesen voller Blumen, von Bächlein mit kristallklaren Wassern, in dem sich silberne Fische tummeln ...

Sie lacht mehrere Male, und es ist ein so schönes, so fröhliches Lachen.

Maries Mutter steht in der offenen Tür und ruft munter: "Zeit zum Aufstehen!"

"Hast du gut geschlafen, mein Liebes?" fragt sie und gibt ihrer Tochter einen zärtlichen Kuss auf die Stirn.

"Danke, Mutti, sehr, sehr gut!"

Als ihre Mutter das Zimmer verlassen hat, merkt sie, dass sie ihre Arme um Callum gelegt hat, der neben ihr schläft. Sie setzen sich beide im Bett auf und lächeln sich zu.

"Guten Morgen, Marie."

"Guten Morgen, Callum. Meine Mutter hat dich nicht gesehen!"

"Natürlich nicht", erwidert er. "Für Erwachsene bin ich unsichtbar."

Plötzlich denkt Marie an die Schule und die Probleme, die sie erwarten, und fühlt Verzweiflung in sich aufsteigen.

"Begleitest du mich zur Schule?" fragt sie schüchtern ihren neuen Freund.

"Aber selbstverständlich, Marie!"

"Tom hat mir meine Schultasche weggenommen, es ist furchtbar", flüstert sie.

"Er tut gut daran, sie dir heute zurückzubringen", erklärt Callum in entschiedenem Ton.

Die Eltern haben gemerkt, dass Marie nicht ihre Schultasche hat. Sie fragen Marie aus, aber das kleine Mädchen bleibt stumm. Die Mutter nimmt sie in den Arm, in der Hoffnung, dass ihr Töchterchen sich ihr anvertraut, aber Marie schüttelt nur verzweifelt den Kopf.

"Wie hast du denn deine Hausaufgaben gemacht?" will ihre Mutter schliesslich wissen.

Marie senkt den Kopf, antwortet aber immer noch nicht.

Ihr Vater sagt schliesslich streng: "Wenn du heute nicht mit deiner Schultasche zurückkommst, werde ich mit dem Schuldirektor sprechen!"

Tom motzt während des ganzen Schulwegs laut vor sich hin, um nicht die Fassung zu verlieren. Er trägt die beiden Schultaschen und fühlt sich einfach lächerlich. Darüber hinaus musste er Maries Schultasche vor seinen Eltern verbergen, und das war eher kompliziert. Er hatte sie hinter der Gartenhecke versteckt, als er von der Schule kam, aber aus Sorge, dass es regnen oder die Schultasche gestohlen werden könnte, ging er, nachdem seine Eltern schlafen gegangen waren, auf Zehenspitzen wieder die Treppe hinunter um sie zu holen und unter sein Bett zu schieben. Und heute Morgen war es umgekehrt. Bevor seine Eltern aufwachten, musste er ganz leise das Haus verlassen, um die verflixte Schultasche erneut hinter der Hecke zu verstecken. Dort hat er sie vorhin wieder herausgeholt.

Und das alles, weil Marie gestern an ihm vorbeigegangen war, ohne ihre Schultasche zurückzunehmen, obwohl er sie ihr doch hingehalten hatte!

Jetzt machen sich auch noch seine Klassenkamaraden über ihn lustig: "Tom ist verliebt, er ist verliehihibt. Er trägt Maries Schultasche!" Sie schlagen sich auf die Schenkel und lachen laut.

Rot vor Zorn und Verlegenheit und ärgerlich, es zu sein, begnügt Tom sich damit, ihnen wütende Blicke zuzuwerfen. Wenn er nicht Angst hätte, Maries hübsche Schultasche zu beschädigen - ein Unterschied wie Tag und Nacht zu seiner eigenen verbeulten und zerkratzten Schultasche - würde er auf sie losgehen und sie verprügeln.

"Marie, endlich! Hier ist deine Schultasche", brummt er und setzt sie zu Füssen des kleinen Mädchens ab. Er bemüht sich, so schlechtgelaunt wie möglich zu wirken, um nicht vor seinen Klassenkamaraden, die lachen und sich mit den Ellbogen anstossen, als Weichei dazustehen.

Aber ehe er sich umdrehen kann, um auf seine Klassenkamaraden loszugehen, lässt sich ein tiefes Brummen hören, das ihn festnagelt. Eine fürchterliche Stimme donnert: "Junger Mann, mir scheint, dass Sie dem Fräulein eine Entschuldigung schulden für die Unannehmlichkeiten, die Sie ihm bereitet haben!"

Tom wird erneut knallrot. Nie in seinem Leben ist er so oft rot geworden! Aber, oh Wunder, nachdem er sich geräuspert hat, verneigt er sich formvollendet und sagt: "Ach ja, Marie, ich bitte dich um Entschuldigung. Ich habe mich wie ein Idiot aufgeführt. Weil ... weil du so schön bist, weil ich deine Aufmerksamkeit auf mich ziehen wollte. Aber ich weiss, dass es nicht der richtige Weg dafür war."

Marie ist ebenfalls rot geworden, aber sie senkt weder den Kopf noch die Augen. Lächelnd antwortet sie: "Ich nehme deine Entschuldigung an, Tom. Und ich finde, dass du auch sehr gut aussiehst." Und sie denkt bedauernd: Wie schade, dass er so brutal ist und nur daran denkt, sich zu prügeln, um die Oberhand zu haben.

Tatsächlich bläht Tom seinen Brustkorb auf, als er jetzt zu seinen Kumpeln geht, ehe er ihnen herausfordernd zuruft: "Na und? Habt ihr nie einen Jungen gesehen, der sich in ein Mädchen verliebt?"

Einige Sekunden lang herrscht völlige Stille. Dann hört man ein Mädchen kichern, worauf alle, Mädchen und Jungen, in ein fröhliches, ansteckendes Lachen ausbrechen. Und der, der am lautesten lacht, ist natürlich Tom, aber es ist ein nettes Lachen, ein Lachen, das bis jetzt noch niemand von ihm gehört hat.

Als wieder Stille eingekehrt ist, sieht Tom Marie an. In seinen gewöhnlich so harten Augen steht jetzt alle Zärtlichkeit der Welt. Dann dreht er sich zu den anderen, den Mädchen und Jungen, um: "Wie wär's, wenn wir ab heute alle zusammen spielen?"

Alle sind einverstanden, alle sprechen zur gleichen Zeit. Aber Marie dreht sich zu ihrem lieben kleinen Monster um: "Warst du das vorhin? Dieses Brummen und das Brüllen?"

"Ich habe nur das herausgelassen, was ihr beide empfunden habt. Du warst wütend wegen der Schultasche, und dass Tom sie dir auf eine derart ungehörige Weise zurückgebracht hat, aber du trautest dich nicht, etwas zu sagen. Und für Tom war es das Gleiche. Er hätte sich gern bei dir entschuldigt, aber er fürchtete, dass das seinem Ruf als Raubein schaden könnte." Und schalkhaft fügt es hinzu: "Weisst du, er ist seit langem verliebt in dich."

Marie beugt sich hinab, um Callum einen Kuss zu geben. Die anderen Kinder kommen neugierig näher und möchten wissen, wer der kleine, drollig aussehende Knirps ist.

"Er heisst Callum und ist mein Freund", erklärt ihnen Marie.

Gleich darauf läutet die Glocke, und die Kinder stellen sich auf.

"Du kommst doch auch?" bittet Marie den zögernden Callum.

"Das heisst ... ich bin nie zur ... zur Schule gegangen", stottert Callum. Ich kann nicht lesen und schr ... schreiben, ich ... ich ..."

Marie traut ihren Augen nicht, als sie ihr liebes kleines Monster erröten sieht.

"Hab keine Angst, ich helfe dir", verspricht sie liebevoll.

"Wir helfen dir alle", erklären die anderen Kinder fröhlich.

"Ja, dann komme ich mit!"

Als sie am Lehrer vorbeikommen, der ein strenges Gesicht macht, bricht Marie in Gelächter aus. Der Lehrer ist derart überrascht, erfreut auch, dass die sonst so schüchterne Marie so vergnügt lacht, dass er nicht anders kann und ihr zulächelt.

Wie sollte er auch wissen, dass Callum ihm eine lustige Grimasse geschnitten und gleich darauf Marie zugeblinzelt hat? Er ist ein Erwachsener und kann das kleine Monster nicht sehen ...

CALLUM SINGT SEIN LIED DER FREUNDSCHAFT

Es tut so gut, Freunde zu haben,

Es tut so gut, zu lachen, zu spielen,

Mit seinen Freunden zusammen zu lernen.

Und auch, seinen Freunden zu helfen,

Und sich von den Freunden helfen zu lassen.

Es ist ganz einfach schön, zusammen zu sein!

Ahhhhhhhh (Seufzer des Wohlbehagens).

ENDE