Muschelkind

Du kniest im weichen Gras, so konzentriert auf dein Spiel, dass meine stille Versunkenheit in deinen Anblick nicht in deine Welt vordringt. Eine Welt, die du dir erschaffst aus Muscheln, gesammelt in den Schatzkisten der Meeresufer. Weiß und fächrig, glatt oder rau, fingerlang, nachtdunkel, schimmernd oder matt. Salzluftbehaftet. Sie sind Mutter und Vater, Kind und Tier. Sie sind die Angreifer und die Verteidiger, Zuschauer oder einfach nur Freunde.

Gestern waren es Eicheln, für die du kleine Betten bautest im duftigen Gras, mit Blättern als Kissen, Birkenzweigen als Matratze. Oder Steine, in allen Formen und Farben, Größen und Strukturen. Beinahe täglich fische ich ein besonders beeindruckendes Exemplar aus deinen Hosentaschen.

Die Erde ist dein Reich, der Sand zwischen deinen Fingern das Gold einer Herrscherin über Armeen aus Kastanien, Nüssen oder Kernen. Eine Königin auf einem Thron von Gräsern und Moos, mit einem Hofstaat aus Blütenkelchen, einem Zepter aus Weidenkätzchen.

Ist nicht auch dein Zimmer angefüllt mit Gesichtern aus buntem Plastik? Was ist mit den Verlockungen aufregender virtueller Welten? All das kennst du – und doch …

… du spielst mit Muscheln.

Immer wieder neu formierst du die Familien, jede Muschel hat einen Namen, eine eigene Geschichte. Du merkst nicht, wie die Zeit vergeht. Zeit - ein abstrakter Begriff für dich, etwas nicht Fassbares. Kann man daraus Bücher formen? Oder Pferde?

Beinahe habe ich ein schlechtes Gewissen, wenn ich mich auf leisen Sohlen in dein Schloss schleiche oder die Hütte im Schnee, um dich an so etwas so Bedeutungsloses wie Nahrungsaufnahme zu erinnern. „Pst, sie schlafen gerade …" oder „Heute essen sie Löwenzahnauflauf", ist deine Antwort.

Immerhin hast du reagiert und ich gewähre dir noch etwas Zeit, ziehe mich zurück auf meinen Beobachtungsposten und sehe zu, wie der Wind in deinen Haaren spielt und deine Augen das Blau des Himmels reflektieren. Wie schön du bist, wenn ein Schlammbad deine Nägel schmutzverkrustet, Blütenblätter dein Haar verzaubern und deine Jeans sich rasenverfärbt. Ich möchte die Zeit anhalten, genau in diesem Moment! So will ich dich malen, dich festhalten mit Farben und dein Bild mit Worten umschreiben, die ihren Ursprung in der Ewigkeit haben. Dich verankern in meiner Welt. Für immer.

Du wendest den Kopf, der Augenblick ist vorüber. Du lachst mich an und bist so real, wie die dunklen Wolken, die sich am Horizont zusammenbrauen. Ist dein Lachen nicht ein klein wenig ernster? Die Mimik abgeklärter? Du bist eine Sekunde älter als gerade eben. Einen Schritt weiter in deinem Leben. Einen Schritt weiter entfernt von den Muscheln.

Einen Schritt weiter entfernt von mir.