Wahrheit

Der Park des Hotels war wirklich schön. Wir gingen unter Pagodien hindurch, um den leuchtenden Pool herum, an einem kleinen, leise plätschernden Bach entlang und setzten uns schließlich an einen Tisch unter einem kleinen Rondell.

"Wenn ich heirate,", begann Raven. "soll es im Freien sein. Im Sommer. Und mein Kleid soll schlicht und trotzdem auffällig sein. Wenn die Zeremonie vorbei ist gibt es den Empfang und das Essen unter einem großen Pavillon und Tische sollen einzeln stehen und rund sein. Und für die Flitterwochen will ich nach Griechenland." Sie schaute mich nicht an sondern blickte verträumt lächelnd ihn die Ferne. Es tat mir weh, wie sie so vor sich hinträumte von einer Zukunft, die wir nie haben würden. Und noch mehr tat es weh, mir vorzustellenm dass sie diese Zukunft mit einem anderen haben könnte. Ich spürte, wie sich meine Augenbrauen bei dem Gedanken zusammenzogen und ein schmerzlicher Ausdruck auf mein Gesicht trat. Es tat mir Leid, so unendlich Leid. Ich wusste, es würde nie so kommen, wie sie es sich wünschte, und doch schob sich ein Hintergedanke in meinen Kopf, eine winzig kleine Hoffnung, dass es vielleicht doch möglich war… Doch diesen Gedanken konnte ich nicht zulassen. Die große Enttäuschung, die Bestätigung, wäre zu erdrückend. Ich entschloss mich, dass zu tun, was ich schon von Anfang an hätte tun sollen: Die Wahrheit. Ich holte tief Luft.

"Raven, ich…" Sie drehte den Kopf zu mir und in ihrem Lächeln, dem noch leicht abwesenden Blick, in diesen wunderschönen Augen lag so viel Liebe, so viel Freude und Frieden, dass es mir beinahe die Tränen in die Augen trieb.

"Ja?"

"Ich…" Ich hielte inne. Sie schaute mich erwartungsvoll an.

"Ich… liebe dich." Ihr Lächeln wurde noch wärmer, noch sinnlicher und ich konnte nicht anders, als zurückzulächeln und den Schmerz aus meinen Gedanken zu vertreiben.

"Ich liebe dich auch.", flüsterte sie. Ich legte meine Hand auf ihre rosige Wange.

Als wir in den Saal zurückkamen war Mary mit Kathleen schon in ihrem Hotelzimmer verschwunden. Es war schon spät und auch mir kroch langsam die Müdigkeit in die Augen. Die Gäste, die wie wir von weiter her gekommen waren würden die Nacht im Hotel verbringen. Wir saßen zusammen noch eine halbe Stunde an unserem Platz bis wir entschieden auch noch oben zu gehen. Natürlich hatten wir getrennte Zimmer. Keiner hatte ein Wort darüber verloren, aber ich ahnte, dass Ravens Dad darauf bestanden hatte. Bei dem Gedanken daran musste ich unwillkürlich lächeln. Ich würde die Nacht mit Michael und Robert verbringen, während Raven nebenan mit ihrer Mom und Kathleen schlief. Vor unserem Zimmer gab ich Raven einen langen Gutenachtkuss, löste mich aber abrupt von ihr, als sich die Tür nebenan öffnete und Mary auf den Flur trat.

"Oh, hallo ihr beiden. Wollt ihr auch schlafen?"

"Ja. Ich bin todmüde.", antwortete Raven und bestätigte das mit einem Gähnen.

"Ich kann mich auch kaum noch auf den Beinen halten.", stimmte ich zu.

"Das trifft sich gut. Habt ihr zufällig Robert unten gesehen? Dein Vater hat mir noch einen Tanz heute versprochen." Sie zwinkerte uns zu.

"Ja, Dad sitzt gerade unten am Tisch mit Onkel James."
"Okay. Raven, Kathleen schläft zwar, aber könntest du ein wenig nach ihr sehen? Dann geh ich jetzt unten nämlich noch ein bisschen feiern."
"Klar, kein Problem."

"Danke, also dann gute Nacht."
"Gute Nacht." Ich hätte gern noch ein paar Minuten für mich gehabt, aber unter diesen Umständen gab ich ihr einen flüchtigen Kuss auf die Stirn.

"Schlaf gut."
"Du auch." Dann öffnete ich die Tür und betrat unser Zimmer. Ich hatte mir das Bett am Fenster ausgesucht auf dem jetzt meine Sporttasche mit meinen Schlafsachen lag. Michael lag schon in seinem Bett, las aber noch in einem Buch.

"Was liest du da?", fragte ich.

"Schwarzer Tod. Es geht um ein junges Mädchen während der Pest… "
"Ist es gut?", fragte ich, während ich mir das Hemd über den Kopf zog, weil ich zu müde war, um es aufzuknöpfen.

"Nicht wirklich." Michael legte seufzend das Buch auf seinen Nachttisch. Es war fast genau in der Mitte aufgeschlagen.

"Dafür bist du aber schon ganz schön weit."
"Es gehört einem Mädchen aus meinem Biologiekurs. Carry heißt sie. Sie hat es mir geliehen und gesagt, es sei gut. Ist aber nicht so mein Ding." Er zögerte kurz, dann grinste er. "Ich glaube, sie steht auf mich." Ich musste lachen.

"Und?"
"Was und?"

"Magst du sie?" Er zuckte mit den Schultern.

"Als Freundin eben, aber sonst nichts besonderes."

"Schade für sie. Wenn ich ein Mädchen wäre, hätte ich mich auf den ersten Blick in dich verknallt, Mickey" Michael schleuderte mir sein Kissen entgegen, dem ich aber geschickt auswich, sodass es an die Wand klatschte. Lachend schlenderte ich zum Bad. Als ich zurückkam hatte Michael sich sein Kissen wiedergeholt und starrte an die Decke. Jetzt brannte nur noch die Lampe an meinem Bett. Ich legte mich hin, sagte gute Nacht und schaltete sie aus. Es war schwarz, bis meine Augen, sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten.

"Du liebst sie wirklich, oder?", fragte Michael, nach ein paar Minuten. Ich zögerte, da ich nicht wusste, worauf er hinauswollte.

"Natürlich." Ich liebe sie sosehr, dass ich jede Sekunde die ich mit ihr verbringe, in einer Schatztruhe aufbewahren will.

"Pass gut auf sie auf, ja?" Ich schwieg und hoffte, er würde es als ein stilles Ja deuten.

"Weißt du, ich finde euch beide erstaunlich.", sagte ich schließlich statt einer Antwort. "Ich wette jedes Mädchen würde sich einen großen, beschützenden Bruder, wie dich wünschen, wie man ihn eigentlich nur im Fernsehen sieht. Und da gibt es tatsächlich einen solchen, der seiner kleinen Schwester hilft, die Suppe auszulöffeln, anstatt bei Mom und Dad zu petzen. Ich bewundere dich."

"Jaja, ich weiß, wir sind das Geschwisterpaar des Jahres. Aber um ehrlich zu sein, verstehe ich nicht, warum man daraus so was Besonderes macht. Sollte es nicht eigentlich normal sein, sich mit den Menschen, mit denen man unter einem Dach lebt, gut zu verstehen? Sollten das nicht eigentlich die Menschen sein, die dir am nächsten sind, weil du deine ganze Zeit mit ihnen verbringst und sie dich dadurch auch am besten kennen?"
"So wie so das sagst, hört sich das offensichtlich und einleuchtend an. Ich kann nichts sagen, da ich keine Geschwister habe, aber natürlich weiß man so was. Und ich stelle es mir ganz schön schwierig vor, immer und andauernd zusammen zu sein und sich dabei nicht gegenseitig auf den Keks zu gehen."
"Wenn das so ist, dann habe ich mit Raven einfach nur Glück gehabt, weil sie meine beste Freundin ist."

"Ich glaube, sie sieht dich genauso."
Eine lange Zeit sagte keiner von uns etwas. Ich war schon in einen Dämmerschlaf übergegangen, als ich Michaels Stimme noch einmal hörte.

"Warum…warst du ihr gegenüber am Anfang so ablehnend? Letztes Jahr, als wir nach Tennessee gezogen sind…sie hat mir immer erzählt, was zwischen euch passiert ist und ich bin zwar kein Psychologe, aber ich habe schon damals gedacht, dass es da etwas gab, was dich zurückhielt. Dieses ewige Hin und Her, mal versucht sie es bei dir, dann du bei ihr, mal ist sie nett, dann du… Und als sie dann von diesem Ausflug nach Florida wieder da war, dachte ich erst, das wäre wieder so eine Phase, aber das hat ja bis jetzt gehalten. Also, was hat dich damals davon abgehalten?"
Ich hatte seiner ganzen Rede mit klopfendem Herzen zugehört. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, wie ich antworten sollte.

"Ich…"

Michael war auch einer meiner besten Freunde geworden und ich wollte ihn nicht anlügen, obwohl es gar nicht anders ging. Aber was für eine Ausrede hatte ich schon?
Mein Schweigen hielt zu lange an. Ich hörte, wie Michael sich aufsetzte.

"Jesse, was ist los?" Seine Stimme war ruhig und kontrolliert und diese Ruhe war es, die mich aus meiner Starre löste. Ich erzählte ihm alles von vorne bis hinten. Die ganze Geschichte. Mindestens zehn Minuten lag ich in meinem Bett, an die Decke starrend und erzählte und er hörte zu, ohne mich einmal zu unterbrechen. Und das war auch gut so, denn hätte er mich unterbrochen, hätte ich es nicht mehr über mich bringen können weiterzureden.

Als ich fertig war, brauchte er einige Augenblicke, um zu verdauen, was er gehört hatte.

"Jess, ich…"

Die Tür öffnete sich und ein schmaler Lichtstrahl fiel auf Michael, der immer noch aufrecht saß und geblendet in Richtung Tür starrte, wo Robert gerade versuchte, sich in das Zimmer zwängen, ohne besonders viel Licht hereinzulassen. Ich drehte mich vorsichtig zur Wand und gab vor zu schlafen.

Am nächsten Morgen fanden Michael und ich keine Gelegenheit uns allein zu unterhalten. Nicht, dass ich zwanghaft nach einer gesucht hätte. Ich vermied es, Michael in die Augen zu sehen und das einzige Mal, dass ich mit ihm richtig kommunizierte war, als er neben Raven am Auto stand und ich ihm aus einigen Metern Entfernung zu verstehen gab, dass er den Mund halten sollte. Ein Teil von mir bereute, dass ich es ihm erzählt hatte, aber tief im Innern wusste ich, dass es an der Zeit war, den Mund aufzumachen. Zumindest ein Stück weit.

Im Gegensatz zur Hinfahrt am vorigen Tag verlief die Rückfahrt eher still. Teilweise, weil alle noch müde und für mich auch die Abneigung im dem Moment viel zu reden selbst. Robert setzte mich nach meinem Wunsch direkt beim Haus meines Großvaters ab. Raven kam für ein paar Minuten mit rein, um Hallo zu sagen, a sie ihn eine Weile nicht gesehen hatte. Allerding dauerte das Gespräch nicht allzu lange, da Robert nach fünf Minuten draußen ungeduldig hupte. Ich konnte ihn verstehen. Es war eine lange Nacht geworden und alle wollten nach Hause. Ich brachte Raven noch zur Tür. Bevor ich sie öffnete zog ich Raven fest an mich und küsste sie. Lange und forderns. Ich wollte so viel, wie möglich von ihr kosten, so viel, wie möglich für mich behalten. Nach einer langen Zeit rückte sie sich von mir.

"Was ist los?", fragte sie un ihre Stimme war besorgt.

"Was soll los sein?", fragte ich sie unschuldig.

"So…hast du mich schon lang nicht mehr geküsst." Ich zwang ein Lächeln auf mein Gesicht.

"Ich…liebe dich einfach." Sie lächelte warmherzig, aber doch nicht ganz überzeugt. Dann seufzte sie.

"Na schön. Bis morgen." Sie drückte mir noch einen kurzen Kuss auf die Lippen bevor sie die Tür öffnete und zum Auto eilte, wo Robert schon ungeduldig durch das Fenster winkte. Sie winkte mir noch einmal zu bevor sie sich an Michael vorbei auf die hintere Rückbank zwängte. Durch das Fenster erhaschte ich Michaels Blick. Ich konnte ihn nicht deuten.

"Ich habe es Michael erzählt." Es war abends und nach einem nicht geglückten Versuch ein wenig Schlaf nachzuholen war ich aufgestanden und lehnte nun am Rahmen der Tür, die von der Küche ins Wohnzimmer führte. Opa, der im Schaukelstuhl saß, blickte von seinem Buch auf.

"Und was hat er gesagt?" Ich schlenderte zum Teppich vor dem Kamin, in dem trotz des aufwärmenden Wetters Flammen loderten und setzte mich mit dem Rücken zum Feuer.

"Nichts. Ich hab es ihm erzählt, als wir schon in den Betten lagen und in dem Moment als ich fertig war kam Robert ins Zimmer."

"Heute Morgen hast du nicht mit ihm geredet?"
"Wir hatten keine Gelegenheit dazu, aber um ehrlich zu sein war ich auch nicht besonders versessen auf eine."

"Was glaubst, was er denkt?"
"Weiß nicht. So richtig habe ich ihm erst in die Augen geguckt, als mit dem Auto davonfuhren, aber ich wusste nicht wirklich, wie ich seinen Blick deuten sollte. Er war nicht zweifelnd, aber auch nicht wirklich mitleidig. Keine Ahnung." Seufzend fuhr ich mir durch das unordentliche Haar.

"Glaubst du, er wird es Raven erzählen?"
"Nein. Da bin ich mir ganz sicher."

"Meinst du nicht, es ist an der Zeit, es ihr selber zu sagen?" Ich seufzte wieder niedergeschlagen.

"Wie könnte ich? Es würde… ihr das Herz brechen." Ich stieß einen Lacher aus, beim Gedanken an diesen altmodischen Ausdruck.

"Aber glaubst du nicht sie hat ein Recht darauf, es zu wissen?", fragte Opa.

"Natürlich hat sie das. Aber… jedes Mal, wenn ich mit ihr zusammen bin hat sie so ein Strahlen in den Augen und ich will nicht, dass es verschwindet. Ich will, dass es so lang wie möglich scheint."
Opa lehnte sich in seinem Schaukkelstuhl zurück.

"Natürlich gibt es auch noch die Möglichkeit, dich vorher selbst davon zu überzeugen und…"
"Opa!" Ich ballte die Fäuste. "Da gibt es nichts, wovon ich mich überzeugen müsste, okay?! Es ist einfach so, akzeptiere es! So wie ich."

"Es reicht, Junge! Du bist ein Feigling und deswegen willst du diesen Test nicht machen! Du hast Angst, schwarz auf weiß zu sehen, dass es stimmt, auch wenn überhaupt die Chance besteht, dass es nicht stimmt! Tu endlich etwas, aber schieb doch nicht immer alles vor dir herum! Irgendwann wirst du sowieso den Mund aufmachen müssen! Du bist doch keine fünf mehr!"
Ich war aufgestanden und zurückgewichen. So hatte ich Opa noch nie erlebt. Noch nicht mal, als ich ihm erzählt hatte, wie Libby sich nach Dads Tod benommen hatte.

Opa stöhnte, als wäre er erschöpft und ließ sich in seinen Stuhl zurücksinken. Ich wirbelte herum und eilte aus dem Zimmer. Ich würde verschwinden. Hier konnte ich nicht bleiben. Bei Libby auch nicht. Ich würde die Nacht mal wieder im Wald verbringen.