Kapitel 2

Jackson fand es schon beinahe seltsam, wie leer der Strand an diesem Abend war. Auch wenn es ein Mittwoch war und schon spät, trieben sich doch zumindest Touristen meistens bis in die Nacht hinein am Meer herum. Nun aber strollte er in der Dunkelheit allein durch den Sand und ließ sich das Wasser um die bloßen Füße spülen. Eigentlich sollte er schon längst im Auto sitzen und auf dem 90-minütigen Weg nach Hause sein, aber irgendwie hatte es ihn heute hier her gezogen. Er hatte den Nachmittag mit einem Besuch bei seiner Mutter verbracht. Es war besser gelaufen als beim letzten Mal, wenigstens hatte sie ihn diesmal länger als nur fünf Minuten wahrgenommen.

Während er so darüber nachdachte, was wohl wäre, wenn alles anders gekommen wäre, wenn es nie einen Unfall gegeben hätte, ertappte er sich dabei, wie er gefährlich nahe an die Grenze zum Selbstmitleid heranrutschte. Er hatte sich geschworen, diese Grenze nie zu übertreten, egal wie schlimm es bei ihm zu Hause und in der Schule auch stand. Er bückte sich, um sich ein wenig Wasser ins Gesicht zu spritzen und stieß dabei mit den Fingerknöcheln an etwas, was ein metallenes Klingen ertönen ließ. Jackson nahm das Ding hoch und holte sein Handy heraus, um es in dem Licht genauer betrachten zu können. Es war schwarz und schmutzig und sah aus, wie eines dieser japanischen Duftkännchen. Jackson zuckte die Schultern und steckte es in seinen Rucksack. Er würde das Ding mit nach Hause nehmen und sauber machen, seiner Großmutter würde das gefallen. Nach einem letzten Blick auf den Vollmond, der über dem Wasser schwebte, machte er kehrte und ging zu dem Parkplatz zurück, wo er den Truck geparkt hatte, stieg ein und machte sich auf den Weg nach Hause.

Frage 17: Mit welchem Vorwand rechtfertigte das osmanische Regime 1915 den Völkermord an den christlichen Armeniern?

Osmanen unterstellten der christlichen Minderheit, sie würden mit Russland paktieren

Frage 18: Wie wurde die letzte Offensive der Alliierten an der Westfront genannt?

Hunderttageoffensive

Frage 19: Wer gehörte zur Triple Entente?

Russland, Frankreich, Großbritannien

Frage 20: Welche schriftliche Vereinbarung wurde nach Ende des Ersten Weltkrieges von den Siegermächten unterzeichnet?

Der Vertrag von Versailles

Jackson schnappte sich seinen Rucksack und gab auf dem Weg nach draußen seinen Geschichtstest bei Mrs. Robinson vorne ab. Bevor er die Tür hinter sich schloss warf noch mal einen Blick auf seine Mitschüler, die allesamt noch über ihren Blättern schwitzend. Er schüttelte den Kopf darüber, während er das Klassenzimmer verließ. Der erste und zweite Weltkrieg waren ihnen seit der Grundschule ins Hirn gehämmert worden. Er verstand nicht, wie man da so einfache Fragen nicht beantworten konnte. Naja, immerhin hatte er sich jetzt zwanzig Minuten länger zum Mittagessen ergattert.

Nach einem kurzen Abstecher aufs Klo wollte er zu seinem Spind, um seine Schulbücher zu verstauen und sein Essensgeld zu holen. Nachdem er allerdings die dreistellige Zahlenkombination eingegeben hatte, ließ sich der Spind nicht öffnen. Schulterzuckend versuchte Jackson es erneut.

„21-18-34", murmelte er vor sich hin, während er an dem Rad drehte. Aber auch beim zweiten Mal klemmte das Schloss. Verärgert schlug Jackson dagegen und zerrte an dem Griff, bis die Spindtüre endlich nachgab und aufschwang. Dabei schoss allerdings ein mechanischer Boxhandschuh hervor, an den vorne ein Ballon geklebt worden war, der glücklicherweise nur Jacksons Brust traf. Dabei zerplatzte jedoch der Ballon und eine widerliche Mischung, von der Jackson annahm dass es sich dabei um Billigketchup, -senf und -majonaise aus der Mensa handelte ergoss sich über seine Klamotten. Nach einem Moment des fassungslosen Starrens stieß Jackson ein geknurrtes „Mir reicht's!" hervor, zerrte den Boxhandschuh aus seinem Spind, knallte dessen Türe zu und marschierte schnurstracks aus dem Schulhaus zu seinem Wagen. Blaize hatte Recht, er musste irgendwas machen. Er konnte das nicht bis zum Ende des Schuljahres aushalten. Aber was sollte er nur machen? Er war so sauer, dass er auf der Fahrt beinahe einige Fußgänger und eine rote Ampel übersehen hätte.

Als er zu Hause in die Einfahrt einbog stellte er erleichtert fest, dass der alte Käfer seiner Großmutter nicht da war. Wenigstens hatte er noch Zeit, sich eine Ausrede einfallen zu lassen, bis sie wieder kam, wo auch immer sie sich herumtrieb. Als erstes machte er einen Abstecher in die Dusche und verharrte dort eine gute halbe Stunde lang unter eiskaltem Wasser, was seiner Wut größtenteils abflauen ließ. Nachdem er sich abgetrocknet und wieder angezogen hatte, stellte er sich in seinem Zimmer vor den Spiegel und fragte sich, was ihn so...entbehrlich machte. Was sahen andere in ihm, dass sie ihn gleich als Niete und einfaches Opfer abstempelten. Gut, er war vielleicht nicht besonders kräftig gebaut, trug eine Brille und seine Klamotten waren auch nicht die modernsten, aber machte ihn das gleich zum Loser? Er seufzte. Er sah aus wie der absolute Nerd. Resigniert wandte er sich ab und begann sich eine Ausrede zurechtzulegen, um seine temperamentvolle Großmutter zu beruhigen, wenn sie nach Hause kam. Da fiel ihm plötzlich das Duftkännchen wieder ein. Na klar! Das würde sie wenigstens ein bisschen friedlich stimmen. Sofort kramte er in seinem Rucksack vom Vorabend herum und zog das blecherne Ding hervor. Im hellen Tageslicht sah es noch erbärmlicher aus, als am Abend zuvor. Es war rostig und an diversen Stellen hatten sich Algen und Muscheln festgesetzt. Und es stank! Jackson holte ein altes Messer, einen trockenen Lappen und eine Dose Metallpolitur und machte sich daran, dass Ding sauberzukriegen. Erst schabte er mit dem Messer das Metall ab, so gut es ging, besprühte es dann mit der Politur und rieb mit dem Lappen darüber. Das funktionierte erstaunlich gut und unter dem ganzen Meeresunrat brachte Jackson das Kännchen sogar wieder ein wenig zum Glänzen. So lange bis...es in seinen Händen plötzlich begann zu zittern! Jackson stieß einen Schrei aus, ließ das Ding auf seinen Teppich fallen und rettete sich auf sein Bett. Fassungslos beobachtete er, wie das Duftkännchen auf seinem Boden immer stärker zitterte, bis es schließlich in ein ausgewachsenes Wackeln überging. Von nirgendwoher schien ein Wind zu kommen und brachte die Blätter an seiner Pinnwand und auf seinem Schreibtischt zum Fliegen. Entsetzt wich Jackson weiter zurück, bis er sich gegen die Wand drücken musste, während er beobachtete, wie dunkelblauer Rauch aus dem Duftkännchen hervorstieg, sich wie Nebel in seinem Zimmer ausbreitete und sich schließlich zu einer Gestalt zusammenzog.

„Puh! Na endlich! Das Ding hab ich ja so was von satt."

Sprachlos starrte Jackson das Mädchen an, dass da vor ihm in seinem Zimmer so plötzlich erschienen war. Es wischte sich über die Schultern, von denen dabei kleine blaue Rauchwölkchen aufstiegen, stemmte die Hände in die Hüften und sah sich um.

„Wo bin ich denn hier gelandet?"

Während sie ihre Umgebung musterte, musterte Jackson wiederum sie. Sie trug ein bodenlanges türkisfarbenes Kleid, wie es Frauen Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts wohl getragen hatten. Dazu thronte auf ihrem Kopf ein riesiger geschmückter Hut, unter dem schwarze glänzende Haare hervorlugten. Sie trug zarte weiße Spitzenhandschuhe und um ihren Leib war eine goldene „Votes for Women"-Schärpe geschlungen. Da sie sich immer noch wortlos seine Wände und Möbel besah, brachte Jackson schließlich heraus: „Wer zum Teufel bist du?"

Sie drehte sich zu ihm um und Jackson wich automatisch noch ein Stück weiter zurück, so fern das möglich war.

„Oh, das tut mir Leid. Passiert mir jedes Mal. Aber es gibt auch jedes Mal so viel neues zu sehen." Sehnsüchtig warf sie noch einen Blick im Raum umher, dann wandte sie sich wieder an Jackson.

„Gestatten, dein Freund und Helfer, dein Flaschengeist." Damit überkreuzte sie die Arme vor der Brust und verbeugte sich, wobei sie kicherte: „Oh, das ist immer mein Lieblingsteil."

Jackson riss die Augen auf.

„F-Flaschengeist?" Er kniff sich selbst in den Oberarm, aber nichts passierte. Das musste doch wohl ein Scherz sein. Spielte hier irgendjemand „Versteckte Kamera!" mit ihm? Er war sich ziemlich sicher, dass es gegen seine Privatsohäre verstieß, wenn man ihn ohne Einwilligung bei ihm zu Hause filmte. Aber irgendeine Erklärung musste es dafür geben, dass plötzlich dieses Mädchen in seinem Zimmer aufgetaucht war-und zwar aus einer Rauchwolke! Er war schließlich nicht seine Großmutter, die an Elfen und Feen und das ganze mystische Zeug glaubte und sich für eine Druidin hielt. Nein, Jackson war total rational veranlagt und glaubte nur an das, was sich auch wissenschaftlich beweisen ließ. Und die Existenz von...Flaschengeistern war das sicher nicht. Nachdem er sich einigermaßen gefasst hatte und sich entschlossen hatte, dass ihm das heiße Wasser in der Dusche wohl die Sinne vernebelt hatte, fragte er: „Bist du vielleicht wegen meiner Großmutter hier? Du weißt schon...um einen ihrer Tränke zu kaufen oder sie um Rat zu fragen oder so?"

Sie lachte nur und untersuchte weiter seine Schreibtischschubladen.
„Nein. Ich hab doch gesagt, ich bin dein Flaschengeist. Ich weiß, es ist etwas schwer zu glauben, aber so ist es nun mal. Du hast mich gefunden, meine Flasche gerieben und hier bin ich."

Jackson schluckte.
„Das...das war aber keine Flasche."

Das Mädchen sah neugierig auf.

„Was denn dann?" Er deutete auf das Duftkännchen auf dem Boden. Sie hob es auf und besah es sich von alles Seiten. „Mh. Darin hab ich also gehaust die letzten... Oh, welches Jahr ist eigentlich?", fragte sie an Jackson gewandt.

„2012?", antwortete dieser zögerlich.
„Gute Güte!", rief sie aus. „Dann war ich ja gute hundert Jahre da drin! Mann, muss ich viel verpasst haben! Haben die Frauen denn inzwischen wenigstens das Wahlrecht erhalten?" Sie deutete auf ihre Schärpe und sah Jackson fragend an. Wortlos und mit offenem Mund nickte er, woraufhin das Mädchen die Faust in die Luft stieß und triumphierend „Yeah!" rief.

Nach einigen Momenten, während denen sie durchs Zimmer getanzt war, räusperte Jackson sich.

„Tut mit Leid, aber du...siehst gar nicht aus, wie ein Flaschengeist." Das Mädchen hielt inne und sah an sich hinab.

„Oh, ich sehe, was du meinst. Du denkst ich sollte eher so aussehen." Sie schnippte mit den Fingern und wieder wurde sie in blauen Rauch eingehüllt. Als der sich wieder verzog waren das Kleid und der Hut verschwunden und sie war gekleidet, wie ein Mädchen aus dem Orient. Sie trug Pumphosen, ein bauchfreies Oberteil und Armstulpen, alles aus feinstem Chiffon in einem tiefen Rot mit goldenen Stickereien. Die hüftlangen Haare trug sie nun offen und ein Schleier verdeckte die Hälfte ihres Gesichtes.

„Stimmt's?", fragte das Mädchen. Jackson konnte sie nur anstarren. Bevor er auch nur nicken konnte, blickte sie an sich hinab, stieß ein leises „Oh!" hervor und schnipste nochmal mit den Fingern. Nachdem sich der Rauch ein weiteres Mal größtenteils verzogen hatte, waren ihre Beine nun verschwunden und ihr Unterleib endete in einer Rauchsäule, die in der Öffnung des Duftkännchen verschwand.

„Besser!", entschied sie und sah ihn, die Hände in die Hüften gestemmt, erwartungsvoll an. Jackson konnte noch den Daumen heben, bevor ihm schwarz vor Augen wurde und er rücklings auf sein Bett fiel.