Nicht nur einen Sommer lang

Janne Groth hat in der Toskana ein altes Steinhaus gemietet, um Bilder für ihre nächste Ausstellung zu malen. Verwundert stellt sie fest, dass es noch einen weiteren Gast gibt: Lothar Remitz ...

Janne Groth freute sich darauf, nach einem Tag im Freien in das alte Steinhaus in den Hügeln der Toskana zurückzukommen, das sie für den ganzen Juli gemietet hatte. Hinten in ihrem Kombi befand sich ihr erstes Bild: ein Weingarten in den Chiantibergen. Sie fuhr auf die untergehende Sonne zu, die wie ein orangenfarbener Feuerball zwischen den Kiefern hing. Ihr Herz wurde weit vor so viel Schönheit. Sie bremste, bog in die Zypressenallee ein, die zum Haus führte - und sah befremdet, dass ein anderer Wagen mit deutschem Kennzeichen auf ihrem gewohnten Platz stand. Ein hochgewachsener Mann im sommerlich hellen Anzug wollte gerade die Tür aufschliessen.

"Halt", protestierte Janne und sprang aus dem Wagen. "Was machen Sie hier?"

Er drehte sich um: "Ich habe das Haus gemietet."

Janne schätzte den Mann mit den leicht angegrauten Schläfen auf Anfang vierzig. Er musterte sie jetzt aufmerksam aus blauen Augen.

"Das ist nicht möglich", erwiderte sie stirnrunzelnd. "Ich war gestern bei Signor Brunelli in Siena, und er hat mir den Schlüssel ausgehändigt. Ich habe für den ganzen Monat bezahlt."

"Ich auch. Ich war gerade eben da, und mir hat er auch einen Schlüssel gegeben." Er zeigte ihn vor.

Sie sahen sich ratlos an, dann überlegte der Mann: "Signor Brunelli ist alt, wahrscheinlich bringt er schon alles durcheinander."

"Er ist alt, aber er war auch schon immer ein Schlitzohr. Jedenfalls vermietet er diese Bruchbude zu Palastpreisen, und jetzt sogar doppelt." Nachdenklich fügte sie hinzu: "Trotzdem kann ich nirgends so gut malen wie hier. Es ist das dritte Mal, dass ich hierher komme."

"Bei mir ist es das vierte Mal. Ich komme immer, wenn ich Ruhe zum Schreiben brauche. Hier gibt es kein Telefon, keinen ungebetenen Besuch ..."

"Keinen Strom, kein fliessendes Wasser", lachte sie.

"Ja, hier schreibe ich mit der Hand, aber das gefällt mir gut. Und vor allem: ich kann nachdenken."

Um Zeit zu gewinnen, schlug sie vor: "Warten Sie, ich hole uns etwas zu trinken."

Als sie mit der Chiantiflasche und zwei Gläsern aus dem Haus kam, nahm er ihr das Tablett ab und stellte es auf den grob gezimmerten Tisch unter dem verwilderten Feigenbaum. Sie setzten sich auf die morsche Bank, und er schenkte ein. "Hier sitze ich immer am liebsten", bemerkte er.

"Ich auch", bestätigte sie.

"Übrigens, ich heisse Lothar Remitz."

"Und ich Janne Groth."

Sie tranken schweigend, dann fragte Lothar: "Ja, Frau Groth, was machen wir jetzt?"

"Ich weiss nicht", zögerte sie. "Sie scheinen genauso Anrecht auf dieses Haus zu haben wie ich, aber ..."

Er unterbrach sie: "Darf ich Ihnen einen Vorschlag machen? Ich ziehe in das kleine Zimmer im oberen Stock. Da kann ich auch mal nachts arbeiten, ohne Sie zu stören. Den unteren Teil des Hauses überlasse ich Ihnen. Sie werden kaum etwas von mir bemerken. Ich werde nicht einmal hier kochen", versprach er. "Das letzte Mal habe ich eine kleine Albergo in der Nähe entdeckt, in der man ausgezeichnet speist."

"Also gut, einverstanden", sagte sie kurz entschlossen. "Natürlich zahlen Sie in diesem Fall weniger als ich, und auf alle Fälle werden wir uns vom guten Signor Brunelli das zuviel bezahlte Geld zurückgeben lassen, okay?"

Sie tranken einen Schluck Chianti darauf.

Lothar Remitz hatte nicht zuviel versprochen. Janne bekam ihn kaum zu Gesicht. Sie stand früher auf als er, frühstückte rasch und bestieg dann ihren mit Malutensilien beladenen Kombi, um sich eine neue Ecke zum Malen auszusuchen. Wenn sie abends zurück kam und ihre Tagesproduktion auslud, war das Haus still. Nicht lange, denn wenn sie für sich auf dem kleinen Gaskocher das Abendessen zubereitete, kam er die wackelige Holztreppe hinunter, grüsste höflich und verschwand durch die offene Tür nach draussen, ohne auch nur einmal Notiz von ihren Bildern zu nehmen, die zum Trocknen an der Wand lehnten.

Einen Augenblick später hörte Janne dann sich entfernendes Motorengeräusch. Er fuhr zum Essen in seine Albergo.

Später sass sie mit ihrer Mahlzeit draussen am Holztisch und ärgerte sich über sich selbst. Statt froh zu sein über die geradezu vorbildliche Diskretion dieses Mannes, stellte sie fest, dass ihre Gedanken sich von Tag zu Tag mehr mit ihm beschäftigten.

Als sie Tage später am Spätnachmittag zurückkam und in die Zypressenallee einbog, sah sie einen zweiten Wagen mit deutschen Kennzeichen vor dem Haus stehen. Besuch für Lothar?

Richtig. Sie hörte eine weibliche Stimme oben. Lothar lachte.

Schritte näherten sich, und sie blickte unwillkürlich zur Treppe. Zuerst sah sie zwei schlanke, wohlgeformte Beine, dann einen frechen kurzen Rock. Das Ganze entpuppte sich als eine bezaubernde junge Frau.

Das Bild, das Janne gemalt hatte, lehnte zum Trocknen an der Wand. Die junge Frau blieb stehen und betrachtete es eingehend.

"Dieses Bild ist wundervoll. Sieh doch nur, Lothar!" sagte sie. Dann wandte sie sich Janne zu und streckte ihr spontan die Hand entgegen: "Hallo, ich bin Larissa."

Janne ergriff die Hand: "Ich heisse Janne", stellte sie sich ebenfalls vor.

"Komm, Larissa", sagte Lothar eilig, und er entschuldigte sich bei Janne: "Lassen Sie sich nicht stören, Frau Groth."

Rasch zog er die junge Frau mit sich fort, und draussen legte er zärtlich den Arm um ihre Schulter. Sie fuhren in seinem Wagen davon.

Jannes Herz zog sich heftiger zusammen, als sie vermutet hätte. Diese Frau schien Lothar viel zu bedeuten.

Wieso hatte sie überhaupt angenommen, dass Lothar allein war? Ein Mann, der so aussah wie er, war nicht allein!

Als sie am nächsten Spätnachmittag von ihrem langen Maltag zurück kam, stand sein Auto wieder da. Allein.

Kurz darauf kam er die Treppe hinunter: "Ich hoffe, Sie haben sich keine Sorgen gemacht, Frau Groth. Larissa und ich haben uns gestern ein Hotelzimmer in Siena genommen, weil wir Sie nicht stören wollten. Sie ist jetzt nach München zurückgefahren." Er sah ihr neues Bild an und meinte zögernd: "Larissa findet Ihre Bilder sehr schön."

"Das freut mich", antwortete sie und fragte dann mutig: "Und Sie?"

"Leider verstehe ich nicht genug von der Malerei, um mir ein Urteil erlauben zu können. Larissa dagegen studiert Kunstgeschichte."

"Ich male doch nicht nur für Fachleute", protestierte sie. "Sie können es mir ruhig sagen, wenn Ihnen meine Bilder nicht gefallen."

"Sie gefallen mir im Gegenteil sehr. Übrigens hat Larissa mich regelrecht nach Ihnen ausgefragt und es unmöglich gefunden, dass ich kaum etwas über Sie weiss."

"Tatsächlich?" erwiderte sie vorsichtig.

Er fuhr fort: "Ich folge jetzt dem dringenden Rat meiner Tochter und lade Sie zum Abendessen in meine Albergo ein." Verlegen fügte er hinzu: "Wenn Sie Lust haben, natürlich."

Larissa war seine Tochter? Janne war im ersten Augenblick unbeschreiblich erleichtert. Aber gleich darauf sagte sie sich, dass zu einer Tochter eine Mutter gehörte. Wie stand Lothar zu Larissas Mutter? Verheiratet? Geschieden?

Er missverstand ihr Schweigen und fügte hinzu: "Es ist natürlich nicht nur Larissas wegen. Auch ich möchte gern mehr über Sie wissen."

Endlich lächelte sie ihm zu und meinte freimütig: "Ich wünsche mir auch schon seit langem, dass wir uns einmal richtig miteinander unterhalten. Ich ziehe mich nur schnell um, und dann fahren wir los."

Sie sassen auf der Terrasse der Albergo. Janne hatte ihr dunkles Haar locker im Nacken zusammengebunden und trug das Sommerkleid, das sie kurz vor ihrer Abreise im Schaufenster einer Boutike bewundert und kurz entschlossen gekauft hatte. Sie war froh, es im letzten Moment mit eingepackt zu haben.

"Wie kommen Sie zu Ihrer bildschönen Tochter?" wollte sie wissen.

"Wie fast alle Menschen war ich verheiratet."

"War?"

"Ja. Weil ich zu viel über meinen historischen Büchern hockte, habe ich meine Frau an einen anderen verloren. Damals tat das sehr weh. Heute verstehe ich das besser. Leider habe ich meine Tochter erst entdeckt, als es fast schon zu spät war. Und das auch nur, weil sie eines Tages zu mir kam und nicht eher ging, als bis wir uns auseinandergesetzt hatten."

"Das war sehr klug von ihr. Sie nennt Sie aber beim Vornamen?"

"Sie sagt, dass ich eher ein Freund als ein Vater bin. Ja, die Gelegenheit, ihr Vater zu sein, habe ich wohl endgültig verpasst." Er sah etwas traurig aus, aber dann ging ein Lächeln über sein Gesicht: "Immerhin sagt sie, dass sie sich keinen besseren Freund wünschen könnte. Sie war in Ravenna und Florenz, und hat mir auf der Rückfahrt einen kleinen Überraschungsbesuch abgestattet. Sie wusste, dass ich hier bin, aber natürlich nichts von der doppelten Vermietung und Ihrer Anwesenheit."

Nach einer kurzen Pause fuhr er fort: "Und Sie, Janne? Gibt es jemanden in Ihrem Leben?"

"Nicht mehr seit drei Jahren. Ich habe mich immer in Taugenichtse verliebt und mir geschworen, dass damit Schluss sein würde. Ich bin jetzt 37. Beruflich habe ich mein Auskommen, meine Bilder verkaufen sich gut, aber ich bin allein."

"Janne", sagte er plötzlich, "ich habe mich vom ersten Tag an in Sie verliebt, aber ich hatte Angst, dass Sie mich zurückweisen könnten. Sie sind so schön."

Ein warmes Glücksgefühl überflutete sie. "Ich habe ja auch längst gemerkt, dass Sie ... dass du mir nicht gleichgültig bist, Lothar. Übrigens mag ich deine Tochter sehr." Fast hätte sie ihm von ihrem Irrtum erzählt, beschloss aber, das für später aufzuheben.

Am nächsten Tag fuhren sie nach Siena und besuchten Signor Brunelli, um das Problem mit dem doppelten Scheck zu lösen. Er kratzte sich den Kopf, betrachtete Lothar und Janne, denen das Glück aus den Augen sprach, und schlug ihnen vor, doch einfach einen Monat länger zu bleiben.

"Ich glaube, nur wir sind so verrückt, um das Haus zu diesen Preisen zu mieten", lachte Janne, als sie auf der Piazza del Campo zu Mittag assen.

"Es ist eben ein Glückshaus", sagte Lothar und gab ihr einen zärtlichen Kuss...

ENDE