Am Ende eines langen Irrwegs

Marion und Achim stecken in einer schweren Ehekrise. Je höher Achim die Stufen der beruflichen Erfolgsleiter emporklettert, desto mehr enttäuscht ihn Marion, die sich nicht seinem neuen Lebensstil anpassen will. Nun hat er Jill kennengelernt ...

Marion öffnete die Tür zur kleinen Terrasse ihres Ferienappartments. "Oh", rief sie aus, "dieser wundervolle Blick! Achim, Lena, kommt mal schnell!"

Die 5-jährige Lena lief sofort zu ihr, drängte sich an sie. Marion legte den Arm um die schmalen Schultern ihres Töchterchens und streckte den anderen nach Achim aus, aber dieser stiess missmutig hervor: "Du liebes bisschen, Marion, der Blick läuft uns nicht davon! Ich will erstmal unter die Dusche nach der langen Fahrt."

"Entschuldige bitte", sagte sie leise. "Natürlich musst du furchtbar müde sein."

"Wenn du mir bitte die Toilettensachen und ein Handtuch geben würdest?"

Schuldbewusst sprang sie hinzu, öffnete den Koffer und suchte das Gewünschte heraus. Achim verschwand im Bad.

"Mama, gehen wir jetzt auf die Terrasse?"

Marion fühlte, wie Lenas kleine warme Hand sich in die ihre schob. "Ja, Schatz", lächelte sie und hoffte, dass das Kind nicht die Tränen sah, die hinter ihren Augenlidern brannten.

Hand in Hand gingen sie hinaus. Vor ihnen lag die Bucht von Saint Tropez, die sich zum tiefblauen Mittelmeer hin öffnete. Irgendwo am Horizont ging das in der Sonne gleissende Meer in den wolkenlosen Himmel über. Der Anblick war atemberaubend schön.

"Sieh nur, all die Schiffe", krähte Lena entzückt.

"Das sind Segel- und Fischerboote. Hier werden wir schönen, frischen Fisch essen."

"Ohne Gräten?"

"Papa sucht sie dir alle heraus."

Vielleicht hätte sie das nicht so vorschnell versprechen dürfen, denn Achim hatte das schon lange nicht mehr getan. Er war damit beschäftigt, Karriere zu machen, kletterte fast atemberaubend schnell die Stufen der Erfolgsleiter empor. Achim war enorm tüchtig in seinem Beruf als Wirtschaftsinformatiker. Sie gönnte ihm den Erfolg von Herzen, aber manchmal dachte sie mit Sehnsucht an die Zeit zurück, in der sie ärmer, aber viel glücklicher gewesen waren.

Als sie sich vor acht Jahren kennenlernten, arbeitete sie in einem Reisebüro, und Achim war noch Student. Es war Liebe auf den ersten Blick gewesen. Sie konnten über alles miteinander reden, schwammen auf der gleichen Wellenlänge. Damals hatte sie mehr Geld als er, aber das war nie ein Problem gewesen. Sie hatten noch während Achims Studium geheiratet, und ein Jahr später kam Lena zur Welt. Achim war vernarrt gewesen in seine Tochter. In jeder freien Minute beschäftigte er sich mit ihr. Als er sein Studium beendet und eine Stelle in einem kleinen, aber rasch expandierenden Unternehmen gefunden hatte, hörte Marion auf zu arbeiten. Sie wollte ein paar Jahre für ihr Kind da sein. Aber mit steigendem Einkommen veränderte Achim sich auf beunruhigende Weise. Der Schein wurde für ihn immer wichtiger als das Sein. Als letztes hatte er einen flotten Sportwagen gekauft. Einen Sportwagen für eine Familie! Er machte ihr und Lena kostspielige Geschenke, aber auch sie entsprangen mehr seinem neuen Statusdenken als der Überlegung, was seinen "beiden Frauen" wirklich Freude machen würde. Denn beide, Marion und Lena, wünschten sich nichts sehnlicher, als dass er ein bisschen mehr Zeit für sie hätte. Wenn Marion ihm Vorhaltungen wegen seiner Verschwendungssucht machte, ihn bat, doch lieber auf ein eigenes Haus zu sparen, lachte er nur: "Das Haus bekommst du auch, aber das, was mir vorschwebt, kann ich noch nicht bezahlen."

"Es kann doch ruhig etwas Bescheideneres sein. Jetzt bezahlen wir eine hohe Miete. Es beunruhigt mich, wie du das Geld zum Fenster hinauswirfst."

"Bei uns zu Hause fehlte es an allen Ecken und Enden", war seine knappe Antwort gewesen. "In der Schule machten meine Mitschüler sich über mich lustig, weil ich nur abgetragene und ausgebesserte Sachen trug. Das hier, das ist meine Revanche."

"Aber Schatz, du hast es doch gar nicht nötig, Minderwertigkeitskomplexe zu haben!"

Er wischte ihre Bemerkung mit einer ungeduldigen Handbewegung beiseite: "Was weisst du schon davon?"

Er kleidete sich in teuren Geschäften ein und war ärgerlich, dass sie es ihm nicht nachtun wollte. Seine Freunde von früher sah er kaum noch, dafür hatte er neue Bekannte. Sie redeten alle furchtbar schnell und zogen über die Abwesenden her. Unter vier Augen sagte Marion ihm, wie sehr ihr das alles missfiel, und sie stritten sich immer öfter.

Warum blieb sie bei ihm? Nur Lenas wegen? Nein, es gab auch etwas anderes. Denn manchmal kam der alte Achim wieder zum Vorschein, der zärtliche, rücksichtsvolle Mann, in den sie sich verliebt hatte. Dann dachte sie, dass nicht alles verloren war, dass Achim diese Phase vielleicht überwinden würde. Sie hoffte nur, dass er sich damit beeilte, ehe etwas geschah, das vielleicht nicht wieder gutzumachen war.

Die Tür klappte. Achim kam aus dem Bad und trat zu ihnen auf die Terrasse: "Tatsächlich", stellte er zufrieden fest, "der Ausblick ist schön. Das konnte man aber auch verlangen für den Preis."

"Hör auf, immer über Geld zu reden", gab sie leise zurück. "Ich wäre genau so gern in den Harz gefahren, das weisst du. Aber so was ist dir jetzt ja viel zu popelig."

Lenas Augen gingen angstvoll von einem zum anderen. Würden sich ihre Eltern wieder streiten? Sie hörte oft ihre Wortwechsel, wenn sie im Bett lag, und konnte dann nicht einschlafen.

Beide sahen den Blick ihres Töchterchens und nahmen sich zusammen. Marion wandte sich ab, weil ihr wieder die Tränen kamen, und Achim presste fest die Lippen aufeinander.

Still ging Lena in ihr Zimmer zurück und packte ihre kleine Reisetasche aus. Marions Herz zog sich zusammen. Wie einsam das Kind aussah! Sie waren im Augenblick alle drei sehr einsam. Wie würde das alles enden? Sie legte ihre Hand auf Achims Arm und sagte versöhnlich: "Verzeih', ich bin sicher undankbar."

"Du willst mich nicht verstehen", antwortete er bitter.

"Ich bemühe mich, aber es stimmt, manchmal gelingt es mir nicht ganz."

Während sie, Lena in der Mitte, am weissen Strand entlanggingen, der jetzt im Frühjahr nicht so überfüllt war wie im Sommer, schwiegen sie. Manchmal sah Achim seine Frau verstohlen von der Seite an. Sie trug leichte lange Hosen, dazu eine hüftlange Bluse. Beides stand ihr gut, aber das Wissen, dass die Kleidung ganz schlicht aus dem Kaufhaus kam, störte ihn unsagbar.

Jetzt strich sie mit beiden Händen das blonde, halblange Haar zurück, das der Wind ihr ins Gesicht wehte. Marion war hübsch, aber sie könnte so viel mehr aus sich machen. Warum liess sie sich nicht in einem Schönheitsinstitut beraten? Er hatte sie so oft darum gebeten. Wenn sie sich ein bisschen zurechtmachen würde, könnte sie aussehen wie Jill. Sein Herz fing dumpf an zu schlagen, als er an Jill Förster dachte. Er hatte sie junge, attraktive Gattin eines reichen Industriellen vor zwei Monaten auf einer Geschäftsreise kennengelernt. Vor drei Wochen hatten sie sich auf einem Empfang wiedergesehen, und Jill hatte ihn gebeten, sie im Taxi nach Hause zu begleiten. Sie hatte ziemlich viel getrunken.

Sie bewohnte eine teure Villa am Stadtrand: "Mein Mann ist nicht da. Bitte, kommen Sie doch herein", forderte sie ihn mit einem Lächeln auf. Drinnen löste sie seinen Schlips und knöpfte aufreizend langsam sein Hemd auf. Ihre Finger mit den blutroten Fingernägeln strichen zärtlich über seine Brust.

"Komm", stöhnte sie.

Er wich unwillkürlich einen Schritt zurück: "Aber ... Sie sind verheiratet, und ich bin es auch!"

Sie hatte gelacht: "Na und? Die beiden müssen es doch nicht erfahren?"

Es war nichts passiert. Er hatte nicht gekonnt, weil er an Marion dachte. Jill hatte gute Miene zum bösen Spiel gemacht. "Das nächste Mal klappt es bestimmt", hatte sie ihn getröstet. "Im Mai fahre ich für zwei Wochen in meine Ferienwohnung nach Cannes. Besuch mich doch mal dort."

Und nun war er hier. Von Saint Tropez nach Cannes war es nur ein Katzensprung mit seinem Sportwagen. Marion hatte sich diese Familienferien gewünscht, damit sie wieder etwas mehr Zeit füreinander hätten, und er hatte zugestimmt, weil er an Jill dachte. Er fühlte sich von ihr angezogen wie von einem Magneten, hatte sie schon von der Firma aus angerufen. Aber wie sollte er Marion beibringen, dass er morgen für zwei Tage nach Cannes musste?

"Papa, Papa, ich will baden", bettelte Lena.

Achim war so mit seinen Gedanken beschäftigt, dass er sie nicht hörte.

"Das Wasser ist vielleicht noch etwas kalt", überlegte Marion an seiner Stelle, "aber du kannst deine Schuhe ausziehen und etwas im Wasser waten."

Sie ging vor ihrer Tochter in die Hocke, zog ihr die Schuhe aus und krempelte die Jeans auf. Vergnügt lief das Kind zum Meer, liess die Wellen um seine Füsse spielen und bückte sich nach Muscheln.

"Marion", begann Achim und räusperte sich.

"Ja?" fragend sah sie ihn an.

"Ich muss morgen für zwei Tage nach Cannes."

"Nach Cannes? Warum denn das?"

"Wir haben einen Geschäftspartner dort, und es ist eine gute Gelegenheit, einige Probleme persönlich zu besprechen."

"Und ich hatte so gehofft, dass die Geschäfte hier vor der Tür bleiben." Die Enttäuschung stand ihr ins Gesicht geschrieben.

Das schlechte Gewissen liess ihn schroffer antworten, als er wollte: "Ich kann's nicht ändern, Herrgott noch mal! Ich nehme den Wagen, ja? Du kommst doch hier problemlos überall zu Fuss hin?"

Sie nickte resigniert, und er atmete auf. Sie hatte seine Lüge geschluckt. Aber gleichzeitig fühlte er sich zerrissen und elend.

Lena war auf den glatten Felsen ausgerutscht und hingefallen. Sie weinte herzzerreissend.

"Lass mich doch bitte mal sehen, was du dir getan hast", bat Marion, aber das Kind presste durch die Jeans hindurch beide Händchen auf das Knie und schüttelte den Kopf.

"Bonjour", sagte eine Männerstimme. Sie gehörte einem sympathisch aussehenden jungen Mann, der sich jetzt vor Lena niederkniete und ihr zulächelte: "Ich bin Arzt und möchte dir gern helfen. Es wäre ganz schön mutig von dir, wenn du deiner Mama und mir dein Knie zeigen würdest", sagte er auf Französisch.

Marion wollte gerade übersetzen, als Lena von ganz allein die Hände fortnahm und Marion die Jeans vorsichtig hochschieben konnte.

'Das tut weh, gell?" sagte der Mann mitfühlend. "Komm, wir gehen jetzt mit deiner Mama dort drüben zur Apotheke und lassen dir ein schönes Pflaster draufkleben, einverstanden?"

Er richtete sich auf und sah Marion an: "Es ist nicht schlimm, aber es ist besser, wenn die Wunde desinfiziert wird. Ich heisse übrigens Jean-Luc Giraud."

"Und ich Marion Hagemann, und das ist Lena."

"Merci", lächelte Marion, als sie wieder am Strand zurück waren.

"Gern geschehen. Sie ... Sie machen wohl hier Ferien?"

"Ja, im Augenblick bin ich allerdings allein mit Lena, mein Mann musste geschäftlich nach Cannes. Selbst in den Ferien muss er arbeiten, dabei hätte gerade er Erholung so nötig."

"Sie sprechen ein ausgezeichnetes Französisch", meinte er erfreut.

"Ich war nach der Schule ein Jahr als Au-pair-Mädchen in Paris. Meine Sprachkenntnisse konnte ich nachher sehr gut in meinem Beruf brauchen." Im Nu waren sie in ein anregendes Gespräch vertieft.

"Hallo" , sagte Jill erfreut und zog Achim in die Wohnung. "Da bist du ja. Komm, ich stell dich meinen Freunden vor."

Sie lachte, als sie sein Gesicht sah: "Heute Nacht sind wir ganz allein", raunte sie ihm zu. Er roch an ihrem Atem, dass sie getrunken hatte.

Sie führte ihn in den grossen, teuer eingerichteten Wohnraum: "Das ist Achim", stellte sie ihn vor. "Achim, das sind Angela, Markus und Stefan. Markus, ist noch Champagner da?" Es war erst elf Uhr vormittags, aber zwei leere Champagnerflaschen standen schon auf dem niedrigen Tisch vor der Couch.

Der junge Mann ging in die Küche und kam mit einer neuen Flasche zurück, die er geschickt öffnete. Dann schenke er ein.

Jill reichte Achim ein Glas und prostete ihm zu: "Auf schöne Stunden", meinte sie anzüglich. "Hast du deine brave Ehefrau in Saint Tropez gelassen? Hört zu", rief sie in die Runde, "es ist das erste Mal, dass Achim seinem biederen Heimchen am Herd untreu werden wird. Es ist Zeit, findet ihr nicht?"

Sie neigte sich zu ihm hinüber und flüsterte in sein Ohr: "Das heisst, wir wollen hoffen, dass du es diesmal schaffst!"

Achim lachte pflichtschuldigst mit den anderen, aber dann geschah etwas Seltsames. Er sah sich selbst da stehen. Einen Aufsteiger und Möchtegern-Casanova, der servil mitlachte, wenn sich andere über ihn - und was viel, viel schlimmer war über Marion - lustig machten. Wie kam er dazu, Marion der Spottlust dieser Leute auszusetzen? Ja, was war er denn für ein Mensch? Er stellte sein Glas so hart auf den Tisch zurück, dass der Champagner über den Rand spritzte.

"Chéri, sei vorsichtig, diese extra für uns angefertigten Gläser kosten ein kleines Vermögen", tadelte ihn Jill.

"Ich ... es ist besser, ich gehe zu meiner Ehefrau zurück und bitte sie um Verzeihung", sagte er.

"O je, schon bekommt der arme Kerl wieder Gewissensbisse", sagte Jill in kindhaftem Ton, aber Achim sah, dass sie ihren Freunden zublinzelte.

Er stand auf: "Es tut mir leid, mich so unmöglich benommen zu haben. Marion und auch dir gegenüber, Jill. Bitte, verzeih mir", sagte er, ehe er das Zimmer verliess.

In der Diele holte Jill ihn ein: "Darf ich wissen, was mit dir los ist?" fragte sie wütend. "Warum blamierst du mich derart?"

"Ich wollte dich nicht blamieren, Jill, aber seit einiger Zeit mache ich alles falsch. Es wird Zeit, dass ich mich endlich auf die wahren Werte des Lebens besinne." Er merkte selbst, dass es pedantisch klang, aber genau so fühlte er es.

"Ich hätte nicht gedacht, dass du ein solcher Langweiler bist, aber bitte schön ..."

Plötzlich begriff er, dass sie längst nicht so glücklich war, wie sie vorgab, und er sagte noch einmal: "Verzeih mir, Jill."

"Ach, schon gut", sagte sie, zuckte kurz die Schultern und versuchte zu lachen.

Dann fiel die Tür hinter ihm ins Schloss.

Die Wohnung war leer, als er ankam. Er ging zum Strand und sah sie schon von weitem: Marion, Lena und einen fremden Mann. Als er nahe genug war, hörte er, dass der Mann etwas auf Französisch sagte und Marion ihm in derselben Sprache antwortete. Ihr Tonfall war herzlich, und beide lächelten.

Er sah Marion plötzlich so, wie der gutaussehende, dunkelhaarige Franzose sie wahrnehmen musste. Ihr blondes Haar, die weichen Konturen ihres Gesichtes, die klaren blauen Augen, die mal fröhlich, mal nachdenklich dreinschauen konnten - und ganz dunkel wurden vor Liebe, wenn er sie in den Arm nahm. Wann hatte er sie zum letzten Mal in die Arme genommen? Richtig in die Arme genommen? War es zu spät? War sie dabei, sich in diesen Mann zu verlieben?

Er verstand nicht, was sie sagten. Er konnte kein Französisch. Marion beherrschte dagegen bewundernswert diese schwierige Sprache. Wie hatte er nur glauben können, dass sie nicht mit ihm Schritt halten konnte? Das Gegenteil war der Fall. Sie war die Stärkere von beiden. Die Ausgeglichenere, die sich nicht von Geld und Erfolg blenden liess, der die Herzen der Menschen wichtiger waren als alle Kreditkarten der Welt.

Statt auf Marion zu hören, hatte er sie ständig kritisiert. Wie hatte er nur wünschen können, dass Marion Jill ähnelte? War eine Frau wie Jill zu Liebe fähig? Zu wahrer Liebe? Und dieser Franzose, der sie nicht aus den Augen liess!

Auch Lena schien ihn zu mögen. Immer wieder lief sie zu ihm, zeigte ihm die Muscheln oder Seeigel, die sie gefunden hatte. Er sah sie sich genau an, bewunderte sie und sagte ihr die Wörter auf Französisch: Coquillage. Oursin. Lena wiederholte sie eifrig und kugelte sich vor Lachen.

So fröhlich hatte er seine kleine Tochter schon lange nicht mehr erlebt. Aber wann hatte er auch zum letzten Mal mit ihr gespielt? Oder ihr eine Gutenachtgeschichte vorgelesen? Oder ihr auch nur zugehört?

"Marion, Lena!" rief er rauh.

Lena sah kurz hinüber, wandte sich aber rasch wieder dem Fremden zu: "Wie heisst das?" fragte sie eifrig und zeigte ihm einen Kieselstein.

"Caillou", lächelte dieser.

Lenas Gleichgültigkeit schnitt Achim ins Herz.

Auch Marion hatte sich umgewandt. Sie stand auf, ging auf ihn zu und fragte überrascht: "Du bist schon zurück?"

Er holte tief Atem: "Ich habe mich geirrt", sagte er hilflos. "Ich bitte dich um Verzeihung. Es war ... es war gar nicht geschäftlich."

Sie lächelte: "Warst du bei Jill?"

Er glaube, ohnmächtig zu werden. "Woher ... woher weisst du von Jill?"

"Du hast mich neulich aus Versehen Jill genannt, als du schon fast eingeschlafen warst", antwortete sie leise.

"Ja, ich war bei Jill", sagte er niedergeschmettert. "Ich habe sie vor zwei Monaten zum ersten Mal gesehen, und zwischen uns ist nichts passiert. Ich weiss, es ist keine Entschuldigung, denn ich konnte einfach nicht, und jetzt ..."

"Und jetzt?" fragte sie ernst.

"Jetzt auch nicht. Weil ich merkte, dass ich dabei war, mich zu verlieren, und damit auch dich, Marion! Wenn du mir verzeihen kannst, könnten wir dann vielleicht von vorn anfangen?"

"Das ist nicht möglich", sagte sie.

"Du willst ... dich scheiden lassen?"

"Nein", erwiderte sie zärtlich, "aber es ist besser, die Lehre aus dem zu ziehen, was schiefgegangen ist. Ich habe sicher auch etwas falsch gemacht. Ich könnte mir mehr Mühe geben, auf deine Wünsche eingehen."

"Auf welche Wünsche?"

"Du weisst schon, mich besser anziehen und zurechtmachen, damit du stolz sein kannst auf mich."

Er wurde rot. "Bitte, Marion, bleib, wie du bist. Ich war ein Esel, als ich dich ändern wollte."

"Ist das dein Ernst?"

"Mein voller Ernst. Ich war es, der plötzlich überschnappte. Und das ist sehr milde ausgedrückt. Ich werde dir alles noch ausführlicher erzählen. Wer ist dieser Mann?"

"Jean-Luc, ein französischer Arzt. Lena ist vorhin hingefallen, und er hat uns geholfen. Sie hat den kleinen Kratzer schon vergessen. Er ist Witwer. Seine Frau und sein Kind, das heute so alt wäre wie Lena, sind vor einem Jahr bei einem Unfall ums Leben gekommen."

Der Franzose sah jetzt zu ihnen hinüber. Er stupste Lena an und zeigte auf ihre Eltern.

Achim ging in die Hocke, und plötzlich rannte Lena auf ihn zu und warf sich in seine Arme: "Meine kleine Lena, mein Liebling", sagte er erstickt und drückte sie an sich.

Als Marion sich nach dem Franzosen umschaute, schlenderte er schon davon. "Adieu, Jean-Luc", flüsterte sie und sah der einsamen Gestalt nach, die sich entfernte.

"So ist das Leben", hatte er ihr gesagt, als sie ihm von ihrer Ehekrise erzählte. "Und man muss alles mitnehmen, auch das Schwierige. Es ist dazu da, um überwunden zu werden."

"Merci", sagte sie leise, und plötzlich wusste sie, dass alles gut werden würde. Die Ferien hatten gerade erst begonnen ...

ENDE