So schön prickeln nur verbotene Gefühle

Corinna hat ihren Mann Thomas verlassen, um in Marbella als Landschaftsgärtnerin zu arbeiten. "Selbstverwirklichungstrip", lästert der erfolgreiche Architekt Thomas, der im Schmollwinkel sitzt. Aber als Ariane, die bezaubernden Freundin ...

Thomas schenkte sich einen Whisky ein und ging damit zum Sessel zurück. Er nahm die Zeitung wieder auf, stellte aber fest, dass er nicht lesen wollte. Er wollte sprechen. Und nicht mit irgend jemandem, sondern mit Corinna. Und Corinna war nicht da! Seine Frau war in Marbella und legte dort einen Garten an, eins der Wunderwerke, wie nur sie sie zu schaffen verstand.

Er wusste, dass er sich wie ein verwöhntes Kind benahm, als er die Zeitung hinwarf, aufsprang und durchs Haus wanderte. Das Haus, das er einst entworfen und gebaut und das Corinna zu einem gemütlichen Heim für sie alle gemacht hatte. Durch die breite Glasschiebetür des Wohnzimmers sah er in den Garten hinaus. Warum genügte er Corinna nicht mehr? Warum kümmerte sie sich um fremde Gärten?

"Warum genügt es dir nicht, als Architekt unser Haus gebaut zu haben?" hatte sie ihm vor zwei Jahren erwidert, "warum musst du auch andere Häuser bauen? Kannst du wirklich nicht verstehen, dass ich wieder arbeiten möchte? Jetzt, wo die Kinder gross sind?"

"Aber ich bin doch noch da!"

"Du füllst leider nicht meine ganzen Tage und Nächte aus, so oft, wie du beruflich fort bist."

"Wenn du jetzt auch noch beruflich oft fort sein wirst, werden wir uns gar nicht mehr sehen!"

Sie hatte den Vorschlag gemacht, ein Team zu werden. Er baute die Häuser, und sie legte, wo es passte, die Gärten und Grünanlagen an. Er hatte abgelehnt. Aus dem egoistischen Verlangen heraus, dass sie ihren Plan aufgab. Traurigkeit und Enttäuschung hatten sich wie ein Schatten über ihr schönes Gesicht gelegt, aber dann hatte sie trotzig das Kinn gereckt: "Ich schaffe es auch ohne dich, Thomas, lass dir das gesagt sein!"

Sie hatte es geschafft, ermutigt von den Kindern. Seit einem Jahr gaben sich die Kunden die Klinke in die Hand. Bis nach Marbella war ihr Ruf als begnadete Landschaftsgärtnerin gedrungen. Einzig durch Mundpropaganda. Und er stand jetzt wie ein Volltrottel da!

Der Glockenschlag ertönte. Er ging an die Sprechanlage: "Wer ist da, bitte?"

"Ariane Aurich, eine Freundin von Vanessa."

"Es tut mir schrecklich leid, Sie so spät noch zu stören", entschuldigte sie sich, als er ihr geöffnet hatte, "aber morgen beginnt ein viertägiges Fachseminar, an dem ich beruflich teilnehme, und im Hotel gab es eine Panne. Das für mich reservierte Zimmer war schon belegt. Es war auch kein anderes Zimmer mehr zu bekommen. Natürlich werde ich es morgen noch einmal versuchen, aber könnte ich diese eine Nacht vielleicht hier schlafen?"

Waren es zwei Jahre oder schon länger her, dass er die Freundin seiner Tochter zuletzt gesehen hatte? Sie war bezaubernd: klein und zierlich, mit dunklem Haar und dunklen Augen, einem schwellenden Mund und einem Teint wie Porzellan. "Natürlich können Sie hier übernachten", erwiderte er herzlich. "In Vanessas Zimmer ist das Bett frisch bezogen. Meine Frau hat es mir vor ihrem Abflug nach Marbella noch gesagt, für den Fall eines Besuchs."

"Oh, Ihre Frau ist nicht da?" zögerte Ariane, aber er nahm ihr schon die Reisetasche ab: "Sie werden doch keine Angst vor einem alten Mann haben?"

Er freute sich, als Ariane kicherte: "Natürlich nicht, selbst wenn Sie überhaupt nicht alt sind und sehr gut aussehen. Ich möchte Ihnen nur keine Umstände bereiten."

"Im Gegenteil, Sie machen mir eine Freude", versicherte er ihr.

In Vanessas anheimelndem Zimmer sah Ariane sich gerührt um: "Hier haben wir so oft zusammen gearbeitet. Ich werde ihr erzählen, dass ich in ihrem Bett geschlafen habe. Es ist eine Schande, wie lange wir uns schon nicht mehr gesehen haben."

Thomas öffnete die Tür, die zum kleinen Bad führte: "Ich werde Handtücher holen." Er musste eine Weile suchen, bis er sie fand, kam dann aber stolz mit ihnen zurück.

"Möchten Sie etwas essen?" erkundigte er sich.

"Nein danke, ich habe schon gegessen und werde mich jetzt zurückziehen. Sie müssen morgen doch sicher auch früh heraus?"

"Stimmt. Dann also, gute Nacht, Ariane."

"Gute Nacht, Herr Haake, und nochmals vielen Dank."

Am nächsten Tag kam Thomas früher als sonst nach Hause. Er hoffte, dass Ariane noch da war.

Sie kam eine Stunde später. Ihr Tag war lang und anstrengend gewesen: "Ich hatte keine Zeit, um nach einem Hotelzimmer zu suchen", gestand sie ihm kleinlaut.

"Wieso auch? Gefällt es Ihnen hier denn nicht?"

"Hm, doch", lächelte sie, "von hier aus komme ich auch bequem mit dem Bus bis zu meinem Seminar."

Er fühlte sich prächtig: "Bitte, machen Sie dem alten Herrn, der ich bin, die Freude, mit ihm essen zu gehen. Ganz in der Nähe gibt es ein ausgezeichnetes japanisches Restaurant."

"Gern, wenn ich Sie einladen darf. Als Dank für Ihre Gastfreundschaft."

"Das dürfen Sie das nächste Mal."

Thomas freute sich an den neidischen Blicken der Männer an den Nachbartischen. Er bemerkte sie auch, wenn er Vanessa ausführte, aber jetzt, bei Ariane, kam etwas anderes hinzu. Ein Prickeln, der Gedanke an eine Möglichkeit, der Hauch eines Abenteuers. Er wollte diese gefährlichen Gedanken abschütteln, begegnete dann aber Arianes Blick. Sie lachte nicht mehr, ihre grossen Augen waren noch dunkler geworden.

Ein scharfer Stich durchfuhr seinen Körper. Grosser Gott, dachte er erschrocken, er begehrte doch nicht etwa die Freundin seiner Tochter? Hastig fragte er: "Haben Sie einen Freund?"

Sie zögerte, ehe sie knapp antwortete: "Ja, aber es klappt nicht so toll zwischen uns im Augenblick. Ich möchte jetzt lieber nicht an ihn denken."

Thomas liess nicht locker, obwohl jedes Wort ihn Überwindung kostete: "Manchmal ist es gut, über seine Probleme zu sprechen."

Ariane seufzte: "Himmel, sind Sie neugierig. Und hartnäckig. Also: Frederik möchte eine Familie gründen, und ich bin noch nicht bereit dazu."

"Lieben Sie ihn nicht genug?"

"Es war die grosse Liebe, aber jetzt streiten wir uns nur noch."

"Macht Ihnen womöglich die feste Bindung Angst?"

"Sehen Sie, das glaubt er auch, aber das ist es nicht. Es ist eher ... Eine Frau muss so viel aufgeben, wenn sie heiratet und Kinder bekommt."

"Das ist doch heute nicht mehr so!"

"O doch", erwiderte sie heftig. "Es ist immer noch die Frau, die am meisten unter der Doppelbelastung von Beruf und Familie zu leiden hat. Und Frederik kann ein solcher Macho sein!"

"Ein Mann kann schliesslich auch dazulernen."

"Ich möchte einen kennenlernen, der es schon gelernt hat!"

Er grinste: "Vielleicht werden Sie einen solchen Mann dann langweilig finden?"

Endlich lächelte sie wieder: "Sehen Sie, ein solches Gespräch könnte ich nicht mit Frederik führen, er wäre mir längst ins Wort gefallen."

Fast wäre ihm vor Stolz die Brust geschwollen, aber Corinnas Lachen, das er plötzlich zu hören glaubte, hinderte ihn daran. Er wusste natürlich, warum sie diesen Heiterkeitsaanfall bekam. Warf sie ihm nicht oft genug halb amüsiert, halb erbost, vor, dass er sie nicht aussprechen liess?

Nach der köstlichen Mahlzeit, zu der sie Sake tranken, gingen sie wieder durch die warme Nacht zum Haus zurück. Als sie vor Julianes Zimmer standen, schlang die junge Frau plötzlich ihre Arme um seinen Hals und presste ihre Lippen kurz und sanft auf die seinen: "Danke für den wunderschönen Abend!"

Er hatte seine ganze Willenskraft aufbieten müssen, um sie nicht festzuhalten und ihren Kuss leidenschaftlich zu erwidern. Ihre Lippen waren warm und weich, und er hatte gefühlt, wie ihr Herz klopfte. Eine solche Aufruhr der Gefühle, ein solch heftiges Begehren hatte er schon lange nicht mehr gespürt, aber er schaffte es, ihr zuzulächeln und mit neutraler Stimme eine gute Nacht zu wünschen. Leise und wie bedauernd schloss sich die Tür hinter der jungen Frau.

Jetzt brauchte er dringend einen Whisky. Mit dem Glas in der Hand ging er in den nächtlichen Garten hinaus, während es fieberhaft in seinem Kopf arbeitete. Er erwog, eine Geschäftsreise zu erfinden, um Ariane allein im Haus zu lassen, fand es dann aber etwas albern, zu flüchten. Es reichte doch, standhaft zu bleiben! Das Schlimmste: Ihm war bewusst, dass er ein Heuchler war, dass er blieb, weil er nicht anders konnte, weil Ariane ihn wie ein Magnet anzog.

Ein kleiner Teufel flüsterte ihm zu, dass es ein Kinderspiel sein würde, für ein paar Tage die Rolle zu spielen, die sie ihm offensichtlich zudachte, die Rolle des Mannes, der Vater und Beschützer, Geliebter und Vertrauter zugleich war; der Märchensprinz, der sie verstand und ihr nie weh tun würde. Es würde sogar relativ gefahrlos für ihn sein. Ariane wusste, dass er verheiratet war. Und Corinna musste nichts davon erfahren. Die Einzige, die es ihr hätte verraten können, war Frau Weber, die Aufwartefrau, und die war für eine Woche zu ihrer Tochter gefahren, die ein Baby bekommen hatte. Er brauchte nur sorgfältig alle Spuren im Haus zu tilgen.

Die Versuchung, in ihr Zimmer zu gehen, wo sie wahrscheinlich sehnsüchtig auf ihn wartete, bereitete ihm solche Qualen, dass er ins Haus zurückging und sich den blutrünstigsten Krimi aus dem Bücherbord fischte, in der Hoffnung, dadurch abgelenkt zu werden.

Beim Frühstück sah Ariane ihn aus ebenso übernächtigten Augen an wie er sie. Und als sie abends fast gleichzeitig wieder zu Hause eintrafen, war ihrer beider Zustand kaum besser geworden.

Er wusste aber jetzt, dass es an ihm war, dem Älteren und Erfahreneren, für beide vernünftig zu sein, ehe das Feuer sie verschlingen würde. Mit dem Gefühl, sich bei lebendigem Leib das Herz aus der Brust zu reissen, begann er: "Ariane, Corinna hat allen Grund, mir genau das vorzuwerfen, was du an deinem Frederik auszusetzen hast."

"Das glaube ich nicht", fuhr sie auf.

"Hör mir bitte zu! Es beginnt bei ihrem Beruf. Sie hat ihn an den Nagel gehängt, als unsere Kinder zur Welt kamen, und ich habe das als viel zu selbstverständlich hingenommen. Dabei war sie damals schon eine ausserordentlich begabte Landschaftsgärtnerin. Ich habe nie darüber nachgedacht, ob sie in all den Jahren glücklich war."

"Sie war es, jedenfalls machte sie immer den Eindruck auf mich."

"Aber vor zwei Jahren, als sie es nicht mehr war und in ihren Beruf zurück wollte, habe ich nur daran gedacht, ihr Steine in den Weg zu legen. Aus purem Egoismus."

"Sie sind kein Egoist", protestierte sie.

Er sah, dass sie darum kämpfte, sich ihre Illusionen zu bewahren und ihren Verstand auch weiterhin auszuschalten. So stark war die Macht der Träume und Wunschvorstellungen!

"Wie wär's, wenn Sie mich jetzt zum Essen einladen würden?" lächelte er ihr zu.

Sie atmete ein paarmal tief durch, dann war ihr Blick wieder klar: "Mit Vergnügen, Herr Haake."

Als Ariane und Thomas fröhlich wieder zurückkamen, stand eine dunkle Gestalt vor der Tür. Ariane zögerte, dann beschleunigte sie ihren Schritt: "Frederik, wie kommst du hierher?"

"Ich störe hoffentlich nicht?" Frederik, ein hochgewachsener, blendend aussehender junger Mann, mass Thomas mit einem derart argwöhnischen Blick, dass dieser sich wider Willen geschmeichelt fühlte.

Er überliess Ariane, deren Augen bei Frederiks Anblick aufgeleuchtet hatten, die Erklärung. Sie blinzelte Thomas kurz zu und sagte: "Herr Haake, das ist Frederik, mein Freund. Frederik, Thomas Haake ist der Vater meiner Freundin Vanessa."

Das schien Frederik nicht zu beruhigen. Er grollte: "Ich wollte dich im Hotel besuchen, und da bekam ich den Bescheid, dass du hier wohntest."

"Im Hotel hatten sie eine Doppelbuchung vorgenommen, und Herr Haake war so nett, mir Vanessas Zimmer zur Verfügung zu stellen."

"Im Hotel ist jetzt ein Doppelzimmer frei, ich habe es für uns reserviert." Er fügte hinzu: "Ich möchte dich um Verzeihung bitten, Ariane, weil ich mich die ganze letzte Zeit so grässlich bekommen habe." Sein Blick drückte so viel Liebe und Verlangen aus, dass Thomas schnell sagte: "Ich geh schon mal hinein."

Als er sich noch einmal umwandte, waren die beiden in einem leidenschaftlichen Kuss versunken. Er würde warten, bis sie Arianes Gepäck geholt hatten und er wieder allein sein würde, um Corinna anzurufen und sie ebenfalls um Verzeihung zu bitten. Der ausserordentlich schmerzliche Gedanke durchzuckte ihn, dass auch sie im fernen Marbella Versuchungen ausgesetzt sein könnte. Ihr Auftraggeber war ein reicher junger Spanier. Zu jung für sie? Plötzlich war er nicht mehr so sicher. Liebe und Sehnsucht nach seiner Frau sprengten beinahe seine Brust. Er hoffte aus ganzem Herzen, dass er nicht zu spät kommen würde, um ihrem Vorschlag, im Team zu arbeiten, zuzustimmen.

Als Ariane und Frederik strahlend fortgegangen waren, änderte er jedoch sein Vorhaben und rief den Flughafen an, um für den nächsten Tag einen Flug nach Marbella zu buchen. Schwere Fälle wie den seinen sollte man besser persönlich plädieren ...

ENDE