Heiraten ohne Liebe?

Auf der Hochzeit ihrer besten Freundin Kirstin verliebt sich Fanny in den weitgereisten Cyrill, Kirstins Lieblingsvetter. Aber sie ist mit Bernd verlobt, der alles für sie tat, als sie ihren schweren Unfall hatte …

Fanny sah Bernd von der Seite an. Sie waren die einzigen, die noch am Tisch sassen. Die Band spielte, Fannys Beine kribbelten, aber sie wusste, dass Bernd nicht gern tanzte.

"Sieh mal", lächelte sie, "da kommt Kirstin."

Ihre Freundin sah bezaubernd aus in ihrem Hochzeitskleid. Ihre Augen blitzten vergnügt: "Warum tanzt ihr nicht, ihr beiden? Warum bleibt ihr hier so weit von den anderen entfernt sitzen?"

"Weil wir das mögen, nicht wahr, Fanny?" gab Bernd ruhig zurück.

"Ich möchte sie dir trotzdem einen Augenblick entführen. Darf ich?"

Bernds Gesicht verschloss sich noch etwas mehr: "Natürlich, Kirstin, ich halte sie nicht gefangen!"

"Ich kann's nicht mit ansehen, wie er dir jedes Vergnügen vermiest", sagte Kirstin empört, als sie ausser Hörweite waren.

"Wenn wir allein sind, ist er anders, da liest er mir jeden Wunsch von den Augen ab", verteidigte Fanny ihren Verlobten. "Und er hat so viel für mich getan. Ohne ihn …"

"Ich weiss, du hast es mir schon hundertmal erzählt. Wie lange willst du ihm noch dankbar sein? Bis er dich mit Haut und Haaren aufgefressen hat?" Die temperamentvolle Kirstin seufzte.

"Bitte, lass uns jetzt nicht von mir reden. Heute ist der schönste Tag deines Lebens, und du siehst rundherum glücklich aus. Ich freue mich so für dich."

Kirstin drückte ihren Arm: "Aus Liebe heiraten, das wünsche ich dir ebenfalls." Sie blieb vor einem hochgewachsenen, blendend aussehenden Mann stehen: "Fanny, das ist mein Lieblingsvetter Cyrill Landeck, der extra zu meiner Hochzeit aus Kenia eingeflogen ist, wo er eine Brücke baut. Man bekommt ihn nur selten zu sehen, denn er schwirrt ständig in der Welt herum. Morgen muss er schon zurück." Dann wandte sie sich an ihren Vetter: "Cyrill, dies ist Fanny Meinhard, meine liebe alte Sandkastenfreundin. Wir hielten zusammen wie Pech und Schwefel, aber nach dem Abitur ist uns das Leben dazwischengekommen. Ich bin ins Ausland gegangen, Fanny ist hiergeblieben, kurz, wir haben uns aus den Augen verloren, bis wir uns vor sechs Monaten plötzlich auf der Mönckebergstrasse gegenüberstanden. Cyrill, Fanny tanzt für ihr Leben gern, und ihr Verlobter ist ein Tanzmuffel."

"Kirstin!" Fanny rollte die Augen, aber schon verbeugte sich Cyrill lächelnd vor ihr: "Gestatten Sie?"

Die Band spielte einen Walzer, und schon nach wenigen Takten gestand Fanny sich ein, dass sie es unsagbar genoss, nach so langer Zeit wieder einmal zu tanzen. Mit einem Mann dazu, der diese Kunst vollendet beherrschte. Mit geradezu traumwandlerischer Sicherheit passten ihre Bewegungen sich einander an.

Auch Cyrill war beeindruckt. Er hatte Fanny schon während der Mahlzeit beobachtet, ohne dass sie es merkte. Ihrer Schönheit wegen war sie schwer zu übersehen, aber sie hielt den Blick gesenkt, wirkte ernst und fast etwas traurig. Jetzt röteten sich ihre Wangen, und ihre grünen, dicht bewimperten Augen strahlten warm und lebendig.

Wieviel Zeit war vergangen? Plötzlich löste sie sich erschrocken aus seinen Armen: "Danke, es war wunderbar, mit Ihnen zu tanzen, aber ich muss jetzt zu meinem Verlobten zurück."

Ehe Cyrill vorschlagen konnte, sie zu begleiten, lief sie schon bis zu ihrem Tisch. Er war leer. Ein Zettel mit ein paar eilig hingekritzelten Worten lag auf seinem Platz: "Ich habe Kopfschmerzen, und ich möchte kein Störenfried sein. Ich nehme ein Taxi nach Hause. Kommst du bald? Ich warte sehnsüchtig auf dich. In Liebe, dein Bernd."

Sie stand noch ratlos da, als Cyrill zu ihr trat. Schuldbewusst sagte Fanny: "Er ist gegangen. Ich werde auch ein Taxi rufen, um nach Hause zu fahren."

"Sie sind mit dem Taxi gekommen?" fragte Cyrill.

"Ja, weil man doch immer ein bisschen trinkt auf einer Hochzeit."

"Ich habe nicht getrunken und hab mir am Flughafen einen Wagen geliehen. Wenn Sie es mir erlauben, fahre ich Sie nach Hause."

Während der Fahrt erzählte ihm Fanny ihre Geschichte. Vor drei Jahren hatte sie einen Unfall gehabt, einen Frontalzusammenstoss mit einem betrunkenen Fahrer. Zwei Monate Krankenhaus, danach Rehabilitations-Klinik. Bernd hatte sich rührend um sie gekümmert. Sie studierten beide Medizin, er brachte ihr die Vorlesungsprotokolle mit, damit sie nichts versäumte, paukte mit ihr, fütterte sie, wusch ihr die Haare. Er war ihr Krankenpfleger, ihr Vater und ihre Mutter zugleich. Sie hatte zwei Jahre zuvor ihre Eltern unter tragischen Umständen verloren und konnte bei dem Studium nur auf sich selbst zählen. Ihr war bewusst, dass sie ohne Bernd ihr Abschlussexamen nicht geschafft hätte, zumindest hätte sie viel Zeit verloren, Zeit, die sich sich nicht leisten konnte. Wie durch ein Wunder hatte der Unfall keine nennenswerten Nachfolgen für sie gehabt. Jetzt arbeitete sie in einem Hamburger Forschungsinstitut, nächsten Monat würde sie ihren Doktor machen. Bernd war seinerseits als Arzt in einem Krankenhaus tätig. Als er ihr einen Heiratsantrag machte, war es für Fanny selbstverständlich, ihn anzunehmen. Sie wusste, dass es keine himmelstürmende Liebe war, nicht auf ihrer Seite jedenfalls, aber sie war überzeugt, keinen besseren Mann finden zu können.

Cyrill hatte ihr aufmerksam zugehört. Er wollte ihr sagen, dass das Leben zu kurz war, zu kostbar, um nur aus ruhiger Zuneigung zu heiraten. Aber durfte er sich ein Urteil anmassen? Nur weil er dabei war, sich in diese Frau zu verlieben? Sie womöglich schon liebte? Er kannte sie kaum, und ihren Verlobten schon gar nicht. Ausserdem musste er morgen nach Kenia zurück, um seine Arbeit dort zuendezuführen. Danach wollte seine Firma ihn nach Thailand schicken. Er liebte sein Abenteuerleben!

Sie hielten jetzt vor dem Mietshaus, und beide sahen die dunkle Silhouette, die sich gegen das erleuchtete Fenster im obersten Stock abzeichnete.

"Das ist Bernd", sagte Fanny und öffnete die Tür, ehe Cyrill ihr helfen konnte. Eilig sagte sie: "Danke für's Bringen, und guten Flug zurück nach Afrika, Herr Landeck."

"Verzeih, dass ich dich allein gelassen habe, und dass es so spät wurde", sagte Fanny oben und bückte sich, um ihre Schuhe abzustreifen. Dann trat sie zu Bernd und schlang die Arme um ihn: "Warum bist du nicht schlafen gegangen, Schatz?"

"Ich hätte doch nicht schlafen können vor deiner Heimkehr. Wer hat dich gebracht? Dein Tänzer?"

"Ja, er heisst Cyrill und ist ein Vetter von Kirstin. Morgen fliegt er nach Kenia zurück, er baut dort eine Brücke. Wie geht es deinem Kopf?"

"Besser, weil du da bist", lächelte er. "Magst du noch ein Glas Wein trinken vor dem Schlafengehen?"

"Nein, ich bin zu müde", erwiderte sie mit schlechtem Gewissen. Immer noch spürte sie Cyrills Arme um sich, seinen Körper, der beim Tanzen so nah war. Er hielt sie so sicher, und seine dunklen Augen hatten so zärtlich geblickt. Sie schloss kurz die ihren, damit Bernd nicht die Sehnsucht in ihnen sah, und war erleichtert, dass es aus war, bevor etwas aus dieser Begegnung, diesem Einklang der Körper und der Herzen hatte entstehen können. Und doch schmerzte es, als hätte sie etwas sehr Kostbaren verloren.

Bernd presste sie fest an sich: "Ich liebe dich, Fanny. Und ich habe einen Plan, der uns beide betrifft. Ich muss noch Einzelheiten mit meinem Onkel besprechen, aber sobald das erledigt ist, werde ich ihn dir unterbreiten. Und jetzt komm, Liebling, lass uns schlafen gehen."

Cyrill sass vor seinem Zelt am Ufer des breit dahinströmenden Flusses. Die fast fertige Brücke hob sich dunkel gegen den sternenübersäten Tropenhimmel ab. Etwas weiter entfernt feierten die schwarzen Arbeiter eines ihrer Feste. Er lauschte den dumpfen Trommelschlägen und merkte, wie auch sein Herz schneller schlug. Mit schmerzlicher Intensität dachte er an Fanny. Wieder einmal. Wie kam es, dass diese Frau, mit der er vor einem halben Jahr nur einen Abend lang zusammen war, ihm nicht aus dem Sinn ging? Sicher hatte sie inzwischen ihren Verlobten geheiratet. Was ihn anging, so würde er in den nächsten Tagen den Vertrag unterzeichnen, der ihn nach Thailand führen sollte. Aber die freudige Erregung, die er sonst vor einer neuen Aufgabe empfand, wollte sich diesmal nicht einstellen …

Bernd kam mit einer Flasche Wein und zwei Gläsern in den Garten. Mit einem wohligen Seufzer setzte er sich zu Fanny auf die Bank unter der alten Linde: "So, ich habe heute einen Tisch im Gasthof für uns und unsere beiden Trauzeugen reserviert. In einer Woche werden wir endlich Mann und Frau sein, Liebste! Ist es nicht wunderschön hier? Diese malerische Umgebung, die frische Landluft, das schöne Haus, der grosse Garten. Genug Platz für mindestens vier Rangen!" Er lachte fröhlich. "Welch ein Glücksfall, dass mein guter alter Onkel mir seine Dorfpraxis und das Haus überlassen hat, weil er mit seiner neuen Frau den Lebensabend im Süden verbringen möchte. Fanny, sag, du bist doch auch glücklich hier?" Er wollte ihre Hand ergreifen, aber Fanny entzog sie ihm. Seit sie vor drei Monaten Bernd hierher gefolgt war, hatte sie das Gefühl, dass sich die Mauern eines Gefängnisses um sie schlossen. Sie hatte versucht, dagegen anzukämpfen und sich Bernds Argumenten anzuschliessen, aber es ging nicht mehr. Der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hatte, war die Hochzeit gewesen. Fanny hatte sie fröhlich mit allen Freunden feiern wollen, aber Bernd hatte sich mit einer kleinen, intimen Feier durchgesetzt. Selbst oder gerade ihre beste Freundin Kirstin mit ihrem Mann hatte er nicht einladen wollen.

"Nein Bernd", sagte sie jetzt, "ich bin nicht glücklich. Mir fehlt die Arbeit. Ich habe doch nicht studiert, um nur noch Hausfrau und Mutter zu sein?"

"Aber kleine Kinder brauchen ihre Mutter. Später wirst du wieder arbeiten können."

Sie fühlte eine grosse Ruhe in sich aufsteigen, jetzt, wo ihr Entschluss gefasst war: "Du weisst genau, dass es hier im Dorf keine Arbeit für mich gibt, nicht in der Forschung, jedenfalls, und Hamburg liegt gute 100 Kilometer von hier entfernt. Bernd, ich habe einen schrecklichen Irrtum begangen, als ich glaubte, dass Dankbarkeit genügt, um jemanden lieben zu können, ich bitte dich um Verzeihung."

Er war ebenfalls aufgesprungen. Unbeherrscht schrie er: "Es ist dieser Mann, dieser Cyrill, mit dem du auf der Hochzeit deiner Freundin getanzt hast. Du hast ihn wiedergesehen!"

"Nein, Bernd, er ist in Afrika. Und Kirstin sagte mir, dass seine nächste Arbeit ihn nach Thailand führen wird." Aber sie merkte plötzlich, wie ihr Herz sich vor Sehnsucht zusammenzog. Leise fuhr sie fort: "Du und ich, wir hätten vielleicht glücklich werden können, aber du willst immer mehr: Du willst mich völlig besitzen, mich in ein Leben drängen, das nicht für mich gemacht ist." Sie hatte jetzt Tränen in den Augen: "Es tut mir leid, Bernd, aber ich kann dich nicht heiraten. Ich danke dir nochmals von ganzem Herzen für alles, was du nach meinem Unfall für mich getan hast, aber als Arzt kannst du nicht wollen, dass ich hier langsam den Verstand verliere?"

Seine Züge spielten den langen heftigen Kampf wider, der sich in ihm abspielte. Endlich sah er sie mit schmerzlichem Ausdruck an: "Du hast recht, ich habe nur an mich gedacht. Ich wusste, dass du nur einen guten Freund in mir sahst. Ich dagegen liebte dich, seit ich dir zum ersten Mal im Hörsaal begegnete. Ich wollte dich, um jeden Preis. Dabei hätte ich wissen müssen, dass es unmöglich ist, Gegenliebe du erzwingen. Als Arzt muss ich wohl noch viel dazulernen. Verzeih mir, Fanny. Natürlich bist du frei."

Bernd hatte ihr geholfen, das Gepäck in den Kofferraum zu laden. Jetzt fuhr sie die Dorfstrasse entlang Richtung Autobahn. Sie wollte zurück nach Hamburg. Vielleicht konnte sie bei Kirstin wohnen, bis sie eine eigene Wohnung fand. Im Institut hatte man ihr gesagt, dass sie jederzeit wieder dort arbeiten könnte, mit der Arbeit würde es also kein Problem geben. Ihr Blick fiel auf einen hochgewachsenen Mann, der ihr zu Fuss entgegenkam. Etwas in seiner Art, sich zu bewegen, kam ihr bekannt vor.

Plötzlich strömte alles Blut zu ihrem Herzen. Kurz vor ihm brachte sie ihren Wagen zum Stehen und stieg mit zitternden Knien aus: "Cyrill, was machen Sie denn hier?"

Sie standen zum Berühren nah voreinander. Cyrill, der den Blick nicht von ihr wenden konnte, sagte rauh: "Ich warte auf ein Zeichen von dir, um dich zu entführen, selbst wenn ich nicht auf einem weissen Ross, sondern mit dem Bus gekommen bin. Kirstins Auto hatte eine Panne. Sie hat mir alles erzählt: dass du Bernd hier in das abgelegene Dorf gefolgt bist und seinetwegen deine Arbeit aufgegeben hast, die dir so viel bedeutete. Und dass ihr in den nächsten Tagen heiraten wollt!" Beschwörend sah er sie an: "Fanny, sag mir, dass du ihn wirklich liebst, dass du wirklich glaubst, mit ihm glücklich zu werden!"

Zwischen Lachen und Weinen antwortete sie: "Ich werde ihn nicht heiraten, Cyrill, wir haben uns gestern ausgesprochen. Ich fahre nach Hamburg zurück."

Er stiess einen tiefen Seufzer der Erleichterung aus und strahlte sie dann zärtlich an: "Und ich werde nicht nach Thailand gehen, ich habe im letzten Moment den Vertrag nicht unterschrieben. Fanny, ich liebe dich. Man hat mir gestern ein gutes Arbeitsangebot in Hamburg gemacht. Soll ich es annehmen? Willst du mich haben?"

"Ja, ich will dich, Cyrill, ich liebe dich ja auch!"

Nie hätte sie gedacht, dass ein Kuss so schön sein könnte. Als sie sich endlich atemlos voneinander lösten, wussten sie beide, dass sie zusammengehörten. Für immer.

ENDE